Ein E-Auto fürs Dorf

Dörfer im Hunsrück beweisen: Verkehrswende geht auch auf dem Land

Carsharing funktioniert auch auf dem Land – auch mit Elektroautos. Acht Gemeinden des Rhein-Hunsrück-Kreises machen vor, wie das geht.

„Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht., weder im Hunsrück noch anderswo. Was das nonchalante Sprichwort meint: Unbekanntem gegenüber reagieren viele Menschen meist erstmal skeptisch oder ablehnend. In Deutschland stiegen die Verkaufszahlen von E-Autos trotz starker staatlicher Förderung lange recht langsam. Manche Leute haben Angst, auf der Strecke zu bleiben, weil der Akku schlapp machen könnte: „Reichweitenangst“ wird dieses Phänomen genannt. Wie funktioniert das mit dem Laden? Wie lange fährt das Auto? Wie ist das Fahrgefühl? Wer sein Leben lang nur Benziner oder Diesel gefahren ist, kommt vielleicht gar nicht erst auf die Idee etwas anderes zu kaufen.

Hier setzt das Projekt Dorfauto an. Es will die Praxistauglichkeit der Elektromobilität individuell überprüfbar und erfahrbar machen und gleichzeitig Car-Sharing im ländlichen Raum etablieren. Beide Ziele seien schon nach wenigen Monaten erreicht worden, sagen die Projektleiter.

Ohne eigenes Auto schnell zum Einkaufen, etwas Sperriges transportieren oder mit Freunden einen Ausflug machen: In insgesamt acht Gemeinden des Rhein-Hunsrück-Kreises ist das seit einem Jahr kein Problem mehr. Die Gemeindeverwaltungen verleihen kostenlos Elektroautos. Das Car-Sharing-Angebot ergänzt den Busverkehr und ermöglicht es Menschen, ohne eigenes Auto unterwegs zu sein.

Einfach ausprobieren ist das Motto des Projekts

„Wir wollen insbesondere Leute erreichen, die Vorbehalte gegen elektrisches Fahren haben, und ihnen die Chance geben, das in der Praxis ohne Hürden ganz einfach mal auszuprobieren“, erklärt Axel Bernatzki, Referent für Kommunikation der Energieagentur Rheinland- Pfalz. Die Kosten für die acht elektrischen Renault Kangoo Maxi übernimmt der Landkreis. „Wir haben einen Allrounder fürs Dorf ausgewählt, der über eine zweite Sitzbank verfügt, so dass man auch mal vier Kinder zum Fußballtraining, einen Schützenverein zum Wettbewerb fahren und auch in den Kofferraum ordentlich vollladen kann“, ergänzt der Klimaschutzmanager des Rhein-Hunsrück-Kreises Frank-Michael Uhle.

Die Resonanz war von Beginn an gut. „Wir haben zum Beispiel einen ganz kleinen teilnehmenden Ort, dort sind schon 60 Prozent der Führerschein-Inhaber registriert“, sagt Bernatzki. Die Autos stehen jeweils zwölf Monate lang in einer Gemeinde an einer Ladesäule. Danach kommen sie ins nächste Dorf. Geladen wird mit Ökostrom, der aus den Photovoltaik-Anlagen auf den Gemeindedächern stammt.

Die Dorfbewohner:innen können die Fahrzeuge schnell und flexibel über eine Handy-App buchen. Theoretisch könnten die Autos regelmäßig durchgebucht oder auch für Urlaubsfahrten genutzt werden. Falls jemand das System unverhältnismäßig nutze und anderen so die Chance zum Ausprobieren nimmt, muss einer der so genannter Kümmerer eingreifen. In jedem Dorf gibt es mindestens einen solchen Ansprechpartner, der die Bürger:innen in das Auto einweist, zeigt wie der Ladestecker funktioniert und alle anderen Fragen beantwortet.

Energiewende ohne Proteste

Dass mit den Kümmerern so großen Wert auf die soziale Komponente gelegt wird, ist kein Zufall. Im Hunsrück entstanden im Laufe der Jahre Hunderte Windkraft- und Tausende Solaranlagen, und das – anders als in anderen Teilen des Landes – ohne größere Proteste. „Wir haben das Glück, dass bei uns frühzeitig ein Landrat darauf bestanden hat, die Bürger im Vorfeld von Projekten einzubeziehen“, erzählt Bernatzki.

Von dieser vorausschauenden Eingebung profitieren die Bürger:innen nun mehrfach. Denn der Kreis finanziert die Dorf-E-Autos auch aus Gewerbesteuer-Einnahmen, die die Solar- und Windkraftwerke im Hunsrück abwerfen.

Die ehrenamtlichen E-Auto- Kümmerer tauschen sich auf regelmäßigen Treffen aus: So habe es anfangs zum Beispiel kleinere technische Probleme mit der Buchungssoftware gegeben. Insgesamt, sei die Resonanz bislang aber „sehr, sehr positiv“. „Uns erreichen tolle Feedbacks, wie die Fahrzeuge in das Dorfleben aktiv eingebunden wurden: Tanzgruppen, die damit gemeinsam zum Auftritt fahren, mit ihrem ganzen Equipment, Vereine, die Senioren betreuen, Eltern, die Kinder zum Sport fahren“, sagt Uhle. Bislang gab es über 3.300 Einzelbuchungen für insgesamt fast 170.000 Kilometer ‒ deutlich mehr als von den Projektplanern ursprünglich vermutet. „Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass mal zum Einkaufen oder zum Arzt gefahren wird, also eher kürzere Strecken um die zehn Kilometer. Aber wir liegen jetzt im Schnitt bei Distanzen von über 50 Kilometern“, sagt Klimaschutzmanager Uhle. Falls Reichweitenangst je vorhanden gewesen sein sollte, haben die Hunsrücker sie schnell überwunden. 

Teure Stehzeuge

„In der Stadt mag Auto-Sharing und der Verzicht auf ein eigenes Auto insbesondere bei der jüngeren Generation bereits selbstverständlich sein. Auf dem Land gilt das aber eher nicht. Nicht wenige haben hier zwei oder gar drei Autos daheim stehen, von denen manche weniger als einmal die Woche bewegt werden“, sagt Klimaschutzmanager Uhle. Ein teurer Luxus. Teurer, als den meisten Menschen vermutlich bewusst ist. Laut ADAC kostet ein Fahrzeug mit Abschreibung, TÜV, Reparatur, Versicherung leicht 400 Euro im Monat. „Da wird eine gewaltige Kaufkraft bei den Privathaushalten durch diese Zweit- und Drittwagen gebunden, die in Wirklichkeit ja keine Fahrzeuge, sondern eher Stehzeuge sind“, sagt Uhle.

Uhles Hoffnung ist, dass mit den Dorfautos ein längerfristiger Denkprozess angestoßen wird. Und tatsächlich habe es bereits mehrere Anfragen aus Nachbarschaften gegeben, die überlegen, wie sie privat ein E-Auto teilen können. Auch die Verkäufe von E-Autos in der Region nehmen zu. „Das alles bestätigt unseren Ansatz. Man muss Elektromobilität wortwörtlich „erfahren“ können“, sagt Uhle.

Natürlich sind auch die Rahmenbedingungen gerade günstig. Die Bundesregierung fördert den Kauf eines E-Autos mit bis zu 9000 Euro, Plug-in-Hybride erhalten bis zu 6750 Euro (jeweils bis zu einem Listenpreis von 40.000 Euro). Zudem sind E-Autos bis zum Jahr 2030 von der Kfz-Steuer befreit. So sind Elektroautos kaum noch teurer als vergleichbare Diesel oder Benziner.

Klimabildung, die sich mehrfach auszahlt

Das Leasing für die sieben E-Autos, (ein weiteres war bereits im Bestand) kostet den Rhein-Hunsrück-Kreis einschließlich der Buchungssoftware 70.000 Euro im Jahr. 24 Monate lang zahlt der Landkreis die Kosten alleine. Im dritten Jahr übernehmen das die Gemeinden. Viel Geld. Vielleicht zu viel für eine solche Maßnahme?

Projektsprecher Bernatzki vergleicht die Ausgaben mit Kosten für Informationsflyer „Im Gegensatz dazu schaffen wir mit den Dorfautos einen sehr konkreten Nutzen, bei dem die Leute nicht nur Informationen rausziehen, sondern auch eine Dienstleistung in Anspruch nehmen und selber Geld sparen“, sagt Bernatzki. Daher sei klar, dass eine solches Angebot einfach mehr kosten muss, als etwa eine Veranstaltung zur Elektromobilität. „Uns war wichtig, dass es für die Bürger:innen kein Geld kostet, damit ein echter Anreiz besteht, das mal auszuprobieren“.

Es habe aber durchaus auch Rückmeldungen von Bürger:innen gegeben, die forderten, das Geld doch lieber in bessere Straßen oder den öffentlichen Nahverkehr zu investieren. „Dazu wäre die verwendete Summe aber viel zu gering“, sagt Bernatzki. Ohnehin ist er skeptisch, dass seine Region völlig ohne Autos funktionieren könnte. „Rhein- Hunsrück ist einen Flächenkreis, 75 Prozent der Dörfer haben unter 500 Einwohner, wenn man da einen dichten Bustakt aufziehen will, wird es richtig teuer. Das wir hier kurzfristig vom Individualverkehr wegkommen, ist einfach unrealistisch.“

Bis zum Ende des Projekt 2022 können die Bürger:innen in 24 Gemeinden die E-Autos ausprobieren. Wenn einige der Hunsrücker danach nicht mehr darüber nachdenken, einen fossilen Verbrenner anzuschaffen – oder vielleicht sogar ganz auf ein eigenes Auto verzichten – geht die Fahrt in die richtige Richtung.

Dieser Text erschien zunächst auf Golem.de

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Wir alle wissen genug über den Klimawandel, um darauf zu reagieren und die Gefahren abzuwenden. Warum steuern wir trotzdem sehenden Auges in Klimakrise, die wir gemeinsam bewältigen können? 

Im Projekt KlimaSocial stellen wir Wege vor, wie wir vom Wissen zum Handeln kommen. Wir wissen alle, was gegen die Klimakrise getan werden kann und muss. Aber warum passiert trotzdem so wenig? Zu viele von uns denken immer noch, es käme auf sie nicht an und sie könnten nichts oder zu wenig gegen die Klimakrise tun. Doch das stimmt nicht. Hier finden Sie Beispiele von Menschen, die ihr Leben klimafreundlich umstellen und Konzepte, wie sich unsere Gesellschaft so organisieren kann, dass sie das Klima nicht weiter zerstört. 

Das Team von KlimaSocial ist überzeugt, dass Texte zur Klimakrise allen kostenfrei zugänglich sein müssen. Für unsere Arbeit sind wir angewiesen auf freiwillige finanzielle Unterstützung, die Sie uns über diesen Link einmalig oder dauerhaft zukommen lassen können. Falls Sie dann die RiffReporter-Flatrate wählen, um das Journalismus-Projekt zu fördern, erhalten Sie zudem Zugang zu allen weiteren Texten, die auf RiffReporter erscheinen. Um KlimaSocial dabei zu unterstützen, können Sie uns als erste Präferenz auswählen.

 Wenn Sie unsere Artikel für relevant halten, teilen Sie bitte den Link in Ihren sozialen Netzwerken. Über unser kostenloses, wöchentliches Briefing weisen wir Sie auf neue Texte hin. Bei Fragen oder Anregungen erreichen uns unter info@klimasocial.de. 

Über uns | KlimaSocial fördern | Flatrate | kostenloses Briefing | Twitter | Mastodon


Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
KlimaSocial