Ich verspreche Dir, nicht zu fliegen

Interview mit Jana Heck, der deutschen Initiatorin von "Flight Free 2020"

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

München, den 3. Juni 2019

Obwohl die Klimakrise immer akuter wird, leben die meisten von uns ihr Leben wie gewohnt weiter. Dazu gehört das Fliegen. Im vergangenen Jahr sind insgesamt 244,3 Millionen Passagiere von deutschen Flughäfen aus gestartet, 4,1 Prozent mehr als noch im Vorjahr [Q1]. Die Organisatoren der Kampagne „Flight Free 2020“ sind der Auffassung, das liegt nicht daran, dass den Menschen Klima- und Umweltschutz egal ist, sondern daran, dass wir dazu neigen, uns wie alle anderen zu verhalten.
Der Vorteil davon: Wenn genügend Menschen handeln, kann eine Veränderung schnell eintreten. Jana Heck holt die ursprünglich schwedische Kampagne nun nach Deutschland. Sie will mindestens 100.000 Menschen dazu bringen, sich gegenseitig zu versprechen, im kommenden Jahr nicht zu fliegen.

Daniela Becker: Frau Heck, wann sind Sie zuletzt geflogen?

Jana Heck: Das war im September 2017 für eine Reise in den Iran.

Das ist ja noch nicht so lange her. Jetzt wollen Sie die Kampagne "Flight Free 2020" nach Deutschland holen und Leute dazu bringen, das gesamte nächste Jahr auf Flüge zu verzichten. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Ich war für das Thema Fliegen schon länger sensibel. Ich habe zum Beispiel immer auf Billigflüge verzichtet. Aber dennoch bin ich geflogen und habe mir das immer ein bisschen schön geredet. Ich habe zum Beispiel gesagt: Ok, dann fliege ich nur alle zwei Jahre. Und ich habe auch versucht, andere Reisewege zu suchen und bin beispielsweise nach China mit dem Zug gefahren. Aber der Maßstab wurde immer von mir selber gesetzt und war dehnbar. Das hat sich geändert, als mein Sohn zur Welt kam. Das war der Moment, wo ich dachte, es wird Zeit, dass ich mich wirklich aktiv mit dem Thema Klimaschutz auseinandersetze und mein eigenes Verhalten unter die Lupe nehme. Damit wurde Fliegen dann wieder zum Thema, weil der Verzicht darauf ja zum Wirksamsten gehört, was man persönlich tun kann. Und dann habe ich zur meinem Mann gesagt, ich will nicht mehr fliegen.

Einfach so?

Nein, das war schon ein Prozess, weil ich gerne reise und es natürlich Orte gibt, die ich noch gerne sehen würde. Aber nach längerem Überlegen habe ich festgestellt, dass ich das nicht brauche, um glücklich zu sein.

Was also ist Flight Free 2020?

Das Prinzip der Kampagne ist ganz einfach. Wir suchen 100.000 Menschen, die einander versprechen, dass sie nächstes Jahr nicht fliegen werden. Die Initiative kommt aus Schweden, wo sie bereits 2018 gestartet ist [Q2]. Inzwischen gibt es das auch in Großbritannien, Belgien, Dänemark, Frankreich, Norwegen und Kanada. In Absprache mit den schwedischen Initiatoren werden wir diese Kampagne nun im Juni für Deutschland starten [Q3]. Wir sind derzeit eine Gruppe, die aus fünf Personen besteht.

Dann funktioniert das wie eine Art "WeightWatchers" für Fliegen? Man setzt sich Ziele und die Gruppe sorgt für sozialen Druck?

So ungefähr. Es gibt ja viele, die sagen, wenn ich nicht fliege dann hebt das Flugzeug trotzdem ab. Ich kann alleine gar keinen Unterschied machen. Wir wollen aber zeigen, dass man eben nicht alleine ist, sondern da bleiben noch mindestens 99.999 andere Menschen auf dem Boden. Das sind dann schon ein paar Flugzeuge, die deswegen nicht fliegen.

Jetzt könnte man natürlich schon argumentieren, dass so eine Aktion ein bisschen ein zahnloser Tiger ist. Erstens bleibt nicht einfach ein Flugzeug am Boden, bloß weil ein paar Leute nicht fliegen. Und zweitens kontrollieren Sie ja auch nicht, ob Leute sich tatsächlich an ihr Versprechen halten. Ist das nicht ein bisschen wenig?

Nein. Ich glaube, dass durch solche Aktionen das Thema Raum in der Öffentlichkeit bekommt. Bislang ist Fliegen ein kleines Tabu. Man redet zwar über Klimaschutz und Nachhaltigkeit. Aber es wird erst ganz langsam angefangen, darüber nachzudenken, wie das persönliche Verhalten dazu im Kontrast steht. Flight Free 2020 kann zum einen öffentliche Aufmerksamkeit und Umdenken auslösen. Und diese hunderttausend Menschen, die erzählen natürlich auch ihren Freunden und ihrer Familie davon. Wir wollen eine Sensibilisierung anstoßen, damit Menschen aufhören zu verdrängen und anfangen sich bewusst zu werden, was ihr Handeln da auslöst und welchen Einfluss sie haben. 

Anstatt einzelnen Privatpersonen ihren Flug madig zu machen, wäre es nicht sinnvoller darauf hinzuwirken, dass sich die politischen Rahmenbedingungen verändern, wie durch eine CO2-Abgabe oder bessere Zugverbindungen?

Ja klar, da besteht auf jeden Fall Handlungsbedarf. Ich glaube aber, dass es auch wichtig ist, dass solche Maßnahmen von unten getragen werden. Meiner Meinung nach sollte beides nebeneinander passieren. Die Menschen müssen sensibilisiert werden, damit politische Entscheidungen mehr Unterstützung haben. Sonst kann es zu Proteste und Unverständnis kommen, wie etwa in Frankreich.

Jetzt haben Sie ja selber gesagt, dass Sie es schade finden, dass Reisen nach Übersee nicht mehr drin sind. Auf Flugreisen in den Urlaub verzichten ist das eine. Aber wir leben nun mal in einer globalisierten Welt, in der Menschen Partner und Verwandte in einem anderen Land haben. Sollen die auch auf einen Flug verzichten?

Wir wollen vor allem darauf aufmerksam machen, dass es so selbstverständlich geworden ist zu fliegen. Natürlich gibt es bestimmte Flüge, auf die man schwerer oder gar nicht verzichten kann. Ich habe mir persönlich eine einzige Ausnahme gegönnt. Ich habe Freunde in Burkina Faso, die ohne Flugzeug schwer zu erreichen sind. Das werde ich aber nur einmal in zehn Jahren machen.

Es gibt Studien, die sagen, dass über die Hälfte der Deutschen gerne nachhaltig reisen würde. Aber über die Hälfte der Deutschen nutzt als bevorzugtes Transportmittel das Flugzeug. Das ist schon paradox. Ich glaube, da gibt es eine große Menge Menschen die man erreichen kann, wenn man ihnen ein paar Fakten gibt und ihnen zeigt, dass sie gemeinsam mit anderen etwas erreichen können.

Haben Sie schon konkrete Pläne für die Reise nach Burkina Faso? Soll das im nächsten Jahr stattfinden?

Nein, ich werde die nächsten Jahre definitiv nicht fliegen. Ich freue mich auf meinen Besuch in Burkina, bis dahin werde ich aber noch mindestens vier bis fünf Jahre warten.

Jana Heck (29) lebt mit ihrem Mann und Sohn in Trier und arbeitet als Bloggerin und Umweltpädagogin. Gemeinsam mit fünf Mitstreitern hat sie die Kampagne Flight Free 2020 in Deutschland gestartet.
Jana Heck (29) lebt mit ihrem Mann und Sohn in Trier und arbeitet als Bloggerin und Umweltpädagogin. Gemeinsam mit fünf Mitstreitern hat sie die Kampagne Flight Free 2020 in Deutschland gestartet.
Flight Free 2020

Was sollen denn Leute ihrer Meinung nach machen, die eine Fernbeziehung haben? Viele von denen wissen, dass es schwierig ist. Soll man deren Verhalten missbilligen? Was würden Sie denen sagen?

Ich würde ihnen raten, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Vielleicht gibt es ja Möglichkeiten an einem verlängerten Wochenende auch mal den Nachtzug oder eine Mitfahrgelegenheit zu nehmen anstatt ganz selbstverständlich den Flieger. Viele von diesen so genannten "Love Flights" passieren so selbstverständlich und die Liebenden sehen sich gar nicht mehr nach einer Alternative um. Der Anteil an Flügen, die meiner Meinung nach gut ersetzbar oder überflüssig sind, ist schon sehr sehr hoch. Alleine die Menge der innerdeutschen Flüge ist riesig. Die braucht es eigentlich alle nicht. Natürlich muss da auch die Bahn deutlich attraktiver und günstiger werden.

Wäre es nicht sinnvoller anstatt den einzelnen privaten Bürger zu adressieren, sich erstmal auf Business-Flüge zu konzentrieren?

Auch Business-Flieger sind Bürger. Egal ob wir privat oder beruflich fliegen, die Verantwortung dafür liegt bei jedem Einzelnen von uns. Auch wenn es schwer ist: jeder hat die Möglichkeit seinem Chef zu sagen: „Ich möchte nicht fliegen“, zum Glück gibt es einige Alternativen. So etwas spricht sich ja auch bei den Kollegen herum und bringt diese idealerweise auch zum Nachdenken.

Planen Sie, mit der Kampagne auch an Unternehmen heranzutreten?

Nein, die Kampagne richtet sich an einzelne Menschen, nicht an Firmen. Die Unterzeichner erklären 2020 auf dem Boden zu bleiben und das sowohl privat als auch geschäftlich. Darüber hinaus ist es auch unbedingt nötig, dass Unternehmen sich ihrer Verantwortung stellen. Es gibt auf der Webseite einen Flyer, mit dem Statement "Ich bleibe 2020 gemeinsam mit 100.000 Menschen auf dem Boden". Den kann man runterladen, ein Foto von sich und dem Flyer machen und uns dazu einen kurzen Text schicken, warum man mitmacht. Das verbreiten wir dann auf unseren Social-Media-Kanälen. Da können natürlich auch sehr gerne Unternehmenschefs mit ihrem Kollegium mitmachen, sofern alle 2020 auf dem Boden bleiben.

Was ist, wenn sich jemand verpflichtet und dann doch fliegt? Würden Sie dann eine Kompensation akzeptieren? In welcher Höhe?

Es geht bei Flight Free 2020 nicht um Kontrolle, sondern um ein Versprechen, dass jede/r für sich trifft. Darüber hinaus sollte jeder Flug selbstverständlich kompensiert werden, auch wenn das immer nur die zweitbeste Lösung für das Klima ist.

Was wäre Ihnen lieber: die Leute machen im Zweifel nicht mit, wenn sie den Verzicht nicht garantieren können, oder lieber doch, weil sie dann wenigstens vor jeder Buchung genau überlegen?

Mitmachen sollten nur die, die es auch ernst meinen. Denn wer mitmacht gibt ein klares Statement ab: „Ich bleibe 2020 gemeinsam mit 100.000 Menschen auf dem Boden!“

Was ist jetzt als nächstes geplant?

Wir haben gerade die Webseite gestartet und suchen nach mehr Öffentlichkeit. Wir wünschen uns viele Kooperationen mit anderen Initiativen, um die Kampagne deutschlandweit zu verbreiten. Außerdem planen wir Straßenaktionen mit Infoständen, um Menschen für Flight Free 2020 zu begeistern. Wer Lust hat, sowas bei sich zu organisieren, darf sich gerne bei uns melden!

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Mehr über uns und unser Thema lesen Sie hier

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