Emissionen verpflichten

Ein trotz allem optimistischer Ausblick auf das Klimaschutzjahr 2019 von Alexander Mäder

KlimaSocial - vom Wissen zum Handeln

Die Politik hat zwar die Weichen für mehr Klimaschutz gestellt, doch der Zug nimmt nur langsam Fahrt auf. Für das verspätete Erreichen unserer Ziele werden wir Verantwortung übernehmen müssen. Eine moralische Diskussion ist daher überfällig – und die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht.

Stuttgart, 8. Januar 2019

In den vergangenen Monaten hat der Vermieter meine Dachwohnung neu gedämmt. Außerdem habe ich es dieses Jahr geschafft, beruflich und privat weniger zu reisen. Ich bin bei sechs Flügen angekommen, die laut Atmosfair anderthalb Tonnen CO2 produziert haben, und ich könnte mir vorstellen, dass ich in diesem Jahr ganz darauf verzichte. Dann wäre ich nur mit der Ökostrom-Bahncard unterwegs. Wenn ich dann meinen Plan durchziehe, nur noch einmal in der Woche Fleisch zu essen, könnte 2019 das Jahr meiner persönlichen Klimawende werden: Ich kompensiere meine Emissionen nicht wie bisher durch Spenden an Klimaschutzorganisationen, sondern reduziere sie. Lieber spät als nie.

Der Effekt meiner Verhaltensänderung müsste spürbar sein, denke ich mir, und etwas zu verändern ist ein gutes Gefühl. Das Projekt „Drawdown“ hat die Umstellung auf eine pflanzenbasierte Ernährung auf Platz 4 der effektivsten Klimaschutzmaßnahmen gesetzt. In diesem Projekt tragen Wissenschaftler, Politiker und Aktivisten Erkenntnisse zusammen, um die verschiedenen Instrumente vergleichen zu können. Auf den Plätzen 2 und 3 stehen übrigens Windräder an Land und die Verringerung von Lebensmittelabfällen. Und Platz 1 geht an die Reduktion von Fluorkohlenwasserstoffen (HFCs): ein international verbindliches Abkommen dazu ist Anfang des Jahres in Kraft getreten und könnte den Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert um ein halbes Grad bremsen (KlimaSocial berichtete). Mit den HFCs wurden in den vergangenen Jahrzehnten die ozonschädlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKWs) ersetzt, doch die Substanzen sind starke Treibhausgase, weswegen nun auch sie ersetzt werden sollen.

Der CO2-Rechner des Umweltbundesamts holt mich auf den Boden zurück: Meine Emissionen werden auch 2019 mehr als neun Tonnen betragen. Das liegt zwar ein wenig unter dem deutschen Durchschnitt, ist aber weit von einem klimafreundlichen Lebensstil entfernt. Meine persönliche Klimawende ist also längst nicht so substanziell, wie ich sie mir vorgestellt habe. Die nächste Baustelle ist schnell ausgemacht: Ich achte beim Einkaufen noch zu wenig auf die klimarelevanten Kriterien – Langlebigkeit bei Geräten, Regionalität bei Lebensmitteln – und ich konsumiere insgesamt zu viel. Nun gut, denke ich, das kann ich im Prinzip ab dem nächsten Einkauf ändern. Wohl ist mir bei dem Gedanken trotzdem nicht: Ist es überhaupt vorstellbar, dass wir in den kommenden Jahrzehnten unsere Lebensweise dekarbonisieren, wie es der Weltklimavertrag vorsieht?

Das Ziel des Pariser Abkommens ist schließlich, den Temperaturanstieg möglichst unter 1,5 Grad zu halten. Im jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zeigen die beispielhaften Szenarien zum 1,5-Grad-Ziel einen Knick: Ab 2020 – ein bisschen Zögern haben die Forscher schon eingerechnet – muss es mit den Emissionen steil bergab gehen, sonst ist das Ziel nicht mehr zu erreichen. Und das gilt, obwohl die Szenarien ein vorübergehendes Überschreiten der 1,5-Grad-Marke zulassen und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit negativen Emissionen rechnen, also mit der Entnahme von Treibhausgasen aus der Atmosphäre (der Science Media Center gibt in einen Überblick über die Verfahren und ihre Risiken). Selbst unter diesen optimistischen Annahmen wird es also ziemlich schwierig – um nicht zu sagen: aussichtslos. Denn warum sollte der Staatengemeinschaft in den nächsten Jahren gelingen, woran sie seit langem scheitert?

Ich möchte dieser pessimistischen Sicht zwei hoffnungsvolle Ansätze gegenüberstellen und anschließend einen dritten, ergänzenden empfehlen, weil die beiden Ansätze aus meiner Sicht nicht ausreichen: Ich glaube, dass wir auch über unsere Verantwortung gegenüber den zu erwartenden Opfern des Klimawandels sprechen müssen – weil es sich gehört und weil es uns zusätzlich motivieren wird.

Die drei blauen Linien (als P1, P2 und P3 bezeichnet) zeigen beispielhaft, wie sich die Emissionen ab 2020 entwickeln müssen, um den Temperaturanstieg unter 1,5 Grad zu halten oder die Marke nur kurzzeitig zu überschreiten. Die Grafik stammt aus dem Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel.
Die drei blauen Linien (als P1, P2 und P3 bezeichnet) zeigen beispielhaft, wie sich die Emissionen ab 2020 entwickeln müssen, um den Temperaturanstieg unter 1,5 Grad zu halten oder die Marke nur kurzzeitig zu überschreiten. Die Grafik stammt aus dem Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel.

Obwohl die Zeit drängt, setzt die Mehrheit der Deutschen andere Prioritäten: Vor zwei Jahren gaben in einer Umfrage des Umweltbundesamts nur 39 Prozent an, schon einmal Ökostrom bezogen zu haben. Dieses niedrige Niveau scheint sich zu halten: Im ARD-Deutschlandtrend vom Dezember 2018 sagten nur 42 Prozent, sie hätten ihr Verhalten bei der Wahl des Stromanbieters bereits geändert. Zwar fand das ZDF-Politbarometer heraus, dass 71 Prozent der Befragten von ihren Mitbürgern mehr Engagement für den Klimaschutz fordern. Aber viele scheinen auf ihre eigene Forderung nicht zu hören.

Es gibt jedoch einen pfiffigen Weg, um die Menschen auf die richtige Spur zu bringen. Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut erläutert ihn in seinem Buch „Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“. Er will Menschen von den alltäglichen Entscheidungen zum Klimaschutz entlasten und klimafreundliches Verhalten zur Routine werden lassen. Die Ökodesign-Richtlinie der EU macht es vor: Wenn nur noch effiziente Geräte mit begrenzter Leistung verkauft werden dürfen, müssen die Bürger eine Entscheidung weniger treffen. Für die Industrie wiederum gelten dadurch einheitliche Regeln, so dass der Markt nicht verzerrt wird. Ähnlich könnte man auch die Standards in der Landwirtschaft anheben und nach und nach die Massentierhaltung abschaffen, argumentiert Kopatz. Und um das Wachstum des Flugverkehrs zu bremsen, müsste man einfach keine neuen Startbahnen genehmigen.

Es ist ein langwieriger Prozess, aber am Ende kann eine neue Sicht auf die Welt stehen. So wie beim Rauchen: Erst wurde die Tabaksteuer erhöht, dann kamen Warnhinweise – zunächst in kleiner, später in großer Schrift – und Werbeverbote. Schließlich wurde das Rauchen in Firmen, öffentlichen Einrichtungen und in Restaurants verboten, und heute wundert man sich darüber, dass man früher selbstverständlich nach Zigarette roch, wenn man aus der Kneipe kam. „Gesetzliche Vorgaben und strukturelle Veränderungen beeinflussen unser Verhalten und unser Bewusstsein“, resümiert Kopatz. Warum sollte das beim Klimaschutz nicht auch möglich sein? Der Vorteil aus seiner Sicht: Die Klimawende kommt ohne moralische Appelle an den einzelnen zustande. Doch das bringt aus meiner Sicht einen Nachteil mit sich: Wir erreichen unsere Ziele zu spät.

Windräder gelten heute als notwendige Störfaktoren im Landschaftsbild, doch das kann sich ändern. Vielleicht machen sie uns eines Tages stolz – als Symbole einer erfolgreichen Energiewende? Das Bild entstand in den Fischbacher Alpen.
Windräder gelten heute als notwendige Störfaktoren im Landschaftsbild, doch das kann sich ändern. Vielleicht machen sie uns eines Tages stolz – als Symbole einer erfolgreichen Energiewende? Das Bild entstand in den Fischbacher Alpen.

Auch auf der internationalen Ebene wird die Wende in derart kleinen Schritten eingeleitet, dass man an einen rechtzeitigen Erfolg kaum glauben mag. Aber das Prinzip ist ausgeklügelt: Der Weltklimavertrag von Paris erlaubt den Staaten zwar, ihre Ziele im Klimaschutz selbst festzulegen. Doch er verlangt, dass diese „national festgelegten Beiträge“ regelmäßig angehoben werden. Es gibt also kein Zurück mehr, sondern nur noch den Weg nach vorn:

Article 4.3: Each Party’s successive nationally determined contribution will represent a progression beyond the Party’s then current nationally determined contribution and reflect its highest possible ambition […] Quelle: Weltklimavertrag von Paris (Seite 6)

Auf dem Klimagipfel im polnischen Kattowitz hat die Staatengemeinschaft im Dezember das Regelwerk verabschiedet, das die meisten Lücken des Weltklimavertrags schließt. So ist zum Beispiel nun klar, dass alle Staaten ihre regelmäßigen Klimaschutzberichte nach den Methoden und Kriterien erstellen müssen, die vom Weltklimarat entwickelt worden sind. In diesen Berichten geben sie Auskunft darüber, ob sie ihre selbst gesteckten Ziele erreichen. Und durch die Verpflichtung auf dieselben Methoden und Kriterien sollen die Angaben vergleichbar sein – ein großer Schritt in Richtung Transparenz und Verantwortung. Die Staaten dürfen sich zwar auch für eine „national angemessene Methode“ entscheiden, was manchen Versuch der kreativen CO2-Buchführung befürchten lässt. Doch die eigenwilligen Methoden müssen im Rahmen der IPCC-Kriterien bleiben, so dass der Spielraum für Schönrechnerei begrenzt ist.

20. Each Party shall use the 2006 IPCC Guidelines […] 21. Each Party shall use methods from the IPCC guidelines referred to in paragraph 20 above. […] 22. Each Party may use nationally appropriate methodologies if they better reflect its national circumstances and are consistent with the IPCC guidelines referred to in paragraph 20 above. In these cases, each Party shall transparently explain national methods, data and/or parameters selected. Quelle: Beschluss des Klimagipfels in Kattowitz (Seite 7)

Dieses Verfahren setzt auf das „naming and shaming“: Nachlässige Staaten sollen unter Druck gesetzt werden, wenn sichtbar wird, dass sie weniger tun als andere Länder in vergleichbarer Lage. Ich glaube, dass dieses Prinzip durchaus funktionieren kann und die Staaten ihren Ehrgeiz im Klimaschutz nach und nach hochschrauben werden. Zudem besteht Hoffnung, dass auf dem nächsten Klimagipfel in Chile sogar eine kleine Sanktionsmöglichkeit beschlossen wird: Wer seine Klimaschutzberichte nicht ordnungsgemäß abgibt, darf CO2-Reduktionen, die er in anderen Ländern erreicht, nicht auf sein eigenes Budget anrechnen. Dieser Passus war jedoch Teil eines größeren Regelwerks zum Emissionsrechtehandel, der auf dem Klimagipfel in Kattowitz noch von Brasilien blockiert wurde.

7. Each participating Party shall ensure that: […] (e) It has provided the most recently required national inventory report in accordance with the modalities procedures and guidelines […] Quelle: der nicht angenommene Entwurf der Regeln zu den marktorientierten Klimaschutzmaßnahmen (Seite 33)

Die erste bilanzierende Klimakonferenz wird allerdings noch fünf Jahre auf sich warten lassen und die Entwicklungsländer müssen ihre ersten Klimaschutzberichte bis dahin nicht einmal fertig haben. Diese Runde des „naming and shaming“ wird also erwartbar schwach ausfallen und wir werden auf die zweite Zwischenbilanz im Jahr 2028 hoffen müssen. Das ist für die Ziele des Weltklimavertrags zu spät.

Es sieht also alles danach aus, dass wir trotz der beiden hoffnungsvollen Ansätze die Klimaschutzziele persönlich und global verfehlen werden. Ich finde, dass wir uns deshalb wenigstens darum bemühen sollten, die daraus resultierenden Schäden klein zu halten und den Geschädigten zu helfen. Denn wir werden nicht abstreiten können, dass die Schäden auf unsere Versäumnisse zurückgehen.

Solche moralischen Diskussionen sind unpopulär, weil sie als wirkungslos gelten. Niemand lasse sich gerne ein schlechtes Gewissen einreden, heißt es. Doch ich halte dagegen, dass ein schlechtes Gewissen auch motivieren kann. Vor allem, wenn man Wege sieht, sich zu bessern. Und hier gibt es inzwischen viele Vorbilder und eine beeindruckende zivilgesellschaftliche Bewegung, über die KlimaSocial immer wieder berichtet: Kommunen, Firmen und Stiftungen versprechen, den Klimaschutz voranzubringen, Investoren werten fossile Unternehmen ab und Verbände gegen den Ausbau von Flughäfen vernetzen sich, um nur einige Beispiele zu nennen. Und wenn man die Verantwortung in den Vordergrund stellt, wirken die üblichen Erklärungen für das allgemeine Zögern wie Ausreden:

  1. Erklärung: Manche hoffen darauf, dass der Wissenschaft irgendwann eine neuartige technische Lösung für das Klimaproblem einfallen wird. Doch wer so argumentiert, braucht einen Plan für den Fall, dass diese Lösung ausbleibt. Gibt es einen?
  2. Erklärung: Manche behaupten, dass es Menschen bei Entscheidungen generell schwerfalle zu berücksichtigen, welche Folgen ihr Handeln in ferner Zukunft haben wird. Inzwischen geht es aber nicht mehr um die ferne Zukunft, sondern um die kommenden Jahre, denn unsere Emissionen aus der fernen Vergangenheit machen sich bemerkbar. Manche Hitzewelle lässt sich bereits auf den vom Menschen verursachten Temperaturanstieg zurückführen, auch bei anderen Wetterphänomenen dürfte das bald möglich sein.
  3. Erklärung: Manche halten sich zurück, weil sie damit in guter Gesellschaft sind: Warum zurückstecken, wenn es sich andere gut gehen lassen? Doch wenn jeder mit seinen persönlichen Emissionen zum Klimawandel beiträgt, trägt jeder auch einen Teil der Verantwortung. Es handelt sich im Wesentlichen um eine Verantwortung gegenüber benachteiligten Zeitgenossen und den nachfolgenden Generationen, die nichts für den Klimawandel können.
  4. Erklärung: Manche sehen ihr eigenes Verhalten als bedeutungslos an im globalisierten Weltgeschehen: Das Steak, auf das man heute verzichtet, ist bereits produziert worden, und es müssen viele Menschen kollektiv und dauerhaft verzichten, damit sich die Produktionsabläufe ändern. So argumentieren Menschen, die noch nicht erlebt haben, dass Klimaschutz erfüllend sein und Spaß machen kann. Aber da es um Mitverantwortung geht, ist auch bei ihnen die Frage erlaubt, ob sie es wenigstens versucht haben, Einfluss zu nehmen.

Denn man kann sich auch Gehör verschaffen und auf die Politik einwirken. Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut wirbt sogar dafür, nicht nur die persönliche CO2-Bilanz aufzubessern. In einem WDR-Beitrag wird er mit den Worten zitiert: „Die Rolle des Einzelnen ist nicht allein die, das Richtige zu tun, sondern selber daran mitzuwirken, die Dinge zu verändern.“ Ein Appell an alle, Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben – am besten mit der moralischen Autorität eines Bürgers, der sich selbst in die Pflicht nimmt.

Damit ist zwar noch nicht geklärt, was zu tun wäre. Über die Art und Weise des Klimaschutzes und der Anpassung an den Temperaturanstieg muss sich die Gesellschaft verständigen: Welche Maßnahmen als erste in Angriff genommen werden sollten und welche Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen, kann nur das Ergebnis einer politischen Debatte sein. Meine Kollegen von KlimaSocial und ich wollen für diese Debatten relevantes Wissen aufbereiten. Aber ein Anfang ist gemacht, wenn die Diskussion eröffnet wird. Der Organisationsforscher Otto Scharmer hat im KlimaSocial-Interview eine Abfolge von Gefühlszuständen beschrieben: „in der ersten Phase [ist] die Verdrängung, danach kommt die Depression und danach der Ärger“, sagt er. „Dann kann man langsam anfangen, miteinander zu reden.“ Wir lassen gerade die Ärger-Phase hinter uns…

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Unsere Texte finden Sie hier.

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