„Ich bin kein Asi-Ghetto-Kind“

Regisseurin Sahar Rahimi im Interview zu Klassismus. Teil 3: Geld und Werte.

© Florian Krauss Sahar Rahimi steht in Jeans, weißem Shirt und schwarzer, cooler Jacke frontal vor dem Fotografen und blickt gerade und entschlossen in die Kamera. Im Hintergrund nackte Betonwand mit Rauchverbotszeichen und dunkle Möbel, darauf oben ein schmaler Strauß Blumen in einer hohen Vase. Sie hat ihre dunklen, lockigen Haare aufgetürmt und ist geschminkt mit Rouge, Lippenstift und Nagellack. In ihrer rechten Hand hält sie eine beige Handtasche, auf den ersten Blick sieht das aus wie ein Buch. In ihrer linken Hand hält sie ein Gläschen Hipp-Babynahrung. Auf den ersten Blick denkt man, es sei eine Dose Cola oder ähnliches.

Ein Interview aus der Koralle "Auch für Erwachsene!"

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Sahar Rahimis Eltern sind mit ihr aus dem Iran nach Deutschland gekommen (Teil 1 des Interviews). Sie haben den Bildungsweg ihrer Tochter durch Gymnasium und Theaterstudium begleitet (Teil 2 des Interviews).

Sahar hat inzwischen eine kleine Tochter. Sie kann anfangen zurückzublicken: auf den Berufseinstieg, finanzielle Engpässe, Selbst- und Außenbild und Werte. Was sind Aufgaben und Kämpfe? Wo liegen Gelassenheit und Engagement?

***

Köln, 08.06.2020

Von Christiane Enkeler

Wie war denn dein Einstieg ins Berufsleben? Wenn du Studentin bist, kannst du Bafög beziehen.

Genau, habe ich auch.

Aber wenn du ins Berufsleben einsteigst, dann fällt das plötzlich weg.

Wir hatten einen ziemlich smoothen Einstieg. Ich glaube, ganz viele Probleme werden auch durch so eine Gruppe aufgefangen. Wir waren noch im Studium, da wurden wir schon zum Impulse-Festival eingeladen. Wir hatten erst mal einen total einfachen Einstieg ins Berufsleben, weil unsere Gruppe sich schnell einen Namen gemacht hatte. Und dann gab’s aber, so ein Jahr, zwei Jahre später, einen Einbruch. Da kam plötzlich keine Förderung mehr, dann kam plötzlich nichts mehr. Da haben wir dann alle angefangen, Nebenjobs zu machen, als Garderobiere und so weiter.

Es gab dann die in unserer Gruppe, deren Eltern noch unterstützten, und die, deren Eltern nicht unterstützt haben. Ich habe ein halbes Jahr Hartz IV empfangen. Für mich war das ein sehr schwieriger Moment, weil ich das Gefühl hatte: Was soll das? Ich hab’s doch jetzt schon geschafft. Jetzt falle ich wieder zurück in das, wo ich ja eigentlich nicht hin wollte. Ich wollte nicht den Klischees entsprechen, und dann war ich da wieder. Aber einfach weiterzumachen, hat sich ausgezahlt. Dann ging’s weiter. Wir waren sehr fleißig. Bis wir da angekommen sind, wo wir sind. Jetzt können wir uns gut finanzieren. Wir haben alle Anträge gestellt, die man so stellen kann. Und haben wirklich keine Spielmöglichkeit verpasst. Aber wir hatten auch schon alle Burn-Out-Anzeichen. 2016 oder so, weiß ich noch, da waren wir alle kaputt. Weil das jahrelang so durchgezogen wurde ohne Rücksicht auf Verluste und auf Partnerschaften.

Eine windige Szene am Meer: Im Vordergrund hält eine hellhäutige, blonde Frau im roten Kleid eine afrikanische Maske auf eine Art Kiste. Rechts von ihr ist etwas in ein weißes Tuch eingehüllt und bunt dekoriert. Im Hintergrund, vor dem Ozean, sieht man mehrere dunkelhäutige Menschen am Strand direkt am Wasser und vor einem großen Schiff, dessen Bauch sehr rostig ist und das im Wesentlichen an Land liegt.
Szene aus der Arbeit "Farewell" von Monster Truck. 2016.
© Rolf Arnold

Jetzt hast du auf der einen Seite einen bildungsbürgerlichen Bildungsweg. Auf der anderen Seite sagst du aber auch: Zwischendurch hat das Geld gefehlt, und du hattest das Gefühl, du bist wieder zurückgefallen in die Arbeiterklasse. Woher kommt trotz der Bildung das Gefühl: Sobald kein Geld da ist, gehöre ich nicht mehr dem Bildungsbürgertum an?

Ich glaube, weil es keine Selbstverständlichkeit gibt, dass diese Räume und diese Orte mir gehören. Wenn ich mich plötzlich nicht mehr finanzieren kann, dann gehört mir das auch nicht. Es ist immer noch: Hier darf ich sein. Hier darf ich walten und schalten. Ich komme in ein Theater und habe eine Ehrfurcht vor diesen Räumen. Ich schätze den Wert von diesen Kulturräumen, für die viel Geld locker gemacht wird. Davor, dass da etwas passiert, was sich ökonomischen Notwendigkeiten widersetzt. Ich sehe das immer noch nicht als selbstverständlich an. Und das hat, glaube ich, mit meiner sozialen Herkunft zu tun. Bei uns wurde das Geld für das Allernötigste ausgegeben. Wenn mal ein Blumenstrauß für jemanden gekauft wurde, dann war das schon eine Sonderausgabe.

Hattest du, als du Hartz IV beziehen musstet, das Gefühl, du bist weniger wert?

Ja, auf eine Art schon. Weniger wert, ja. Ich glaube, bei mir geht’s ganz viel um dieses Bild: Ich beantrage Geld und habe dafür nichts geleistet. Wie werde ich da gesehen und wie werde ich da angeguckt? Ganz viel Scham hängt mit diesem Bild von mir zusammen, vielleicht auch mit dem Migrantischen. Ich weiß noch, ich wollte nie diesem Bild entsprechen. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich unbedingt Geige lernen wollte. Das bezahlten meine Eltern auch. Ich lief immer sehr stolz mit diesem Geigenkoffer durch die Stadt, weil ich damit zeigte: Guck mal her, ich spiele ein klassisches Instrument, ich kenne mich aus in klassischer Musik, ich gehöre zu euch. Ich bin kein Asi-Ghetto-Kind. Das war mir total wichtig. Aber viel später dachte ich: Dieses Bild mit so einem kleinen dunkelhaarigen Mädchen kann ja auch so ein Gipsy-Bild sein. Das kann man auch anders lesen. Es geht ganz viel um diese Außenwahrnehmung. Das ist natürlich traurig. Je älter ich werde, um so mehr schaffe ich’s hoffentlich, das abzustreifen und dass es mir egal ist, was andere über mich denken.

Marken zu tragen war zum Beispiel immer total wichtig für mich. Ich erinnere mich sogar, dass ich irgendwann mal in eine Hose eine Levis-Marke hinein nähte. Das war keine Markenhose, aber das sollte nach einer Markenhose aussehen.

Ich habe auch eine Sympathie für die Jungs in Kreuzberg mit ihren dicken Karren, weil ich denke: Ja, wenn die sonst nirgends Anerkennung bekommen, dann halt über ihre scheißdicke Karre. Das ist nicht cool, aber ich kann das total verstehen.

Ich glaube, ich will übererfüllen. Ich höre ganz oft: In deinen Texten, da sind immer so viele Fremdwörter! Dann lache ich und mache sie wieder weg. Es ist immer so ein Sich-Beweisen. Ich bin jetzt schon drin, aber es gibt immer die Angst, wieder rauszufallen. Ich arbeite unglaublich viel, meine Familie beschwert sich auch immer. 

Auf einem Schwarz-Weiß-Fotos sieht man durch eine spiegelnde Scheibe gleichzeitig einen Raum mit Besuchern, die Handys und Papiere in der Hand halten und einigen Performern, die Faultiere spielen, und auch die Straße samt Auto.
"Faultierperformer" und Besucher bei der Arbeit "Stay!" von Monster Truck, August 2011, im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
© Sebastian Bolesch

Mit welchen Werten bist du aufgewachsen?

Mein Vater war Arbeiter, der hat sich so richtig klassisch kommunistisch eingeordnet.

Welche Leitsätze hat er dir denn weitergegeben?

Eigentlich wurde mir eingebläut, dass Geld nicht wichtig ist. Die, die Geld haben, das sind eigentlich auf eine Art die Bösen. Aber manchmal, als ich dann mit meinem wenigen Geld da saß und nicht weiterkam, dachte ich schon: Ich hätte einen anderen Beruf lernen können.

Und Werte deiner Mutter?

Empathie oder Nächstenliebe, aber das kann ich jetzt nicht sagen, ob das jetzt wirklich mit meiner Klasse zusammenhängt. Was auch ein starker Wert ist bei uns: Es geht immer um die Gemeinschaft, nicht so sehr um den Einzelnen. Das ist im Theater natürlich gut und findet in einem Kollektiv auch Platz. Aber um Karriere zu machen, muss man wirklich sehr stark individualistisch vorgehen, glaube ich. Das wurde mir nicht beigebracht, sondern zu gucken: Was brauchen alle, was braucht die Gruppe, und dann sich selber zu sehen.

Zwei in schwarze Kutten gehüllte Gestalten mit stehen sich auf runder, heller Bühne vor dunklem Hintergrund gegenüber. Zwischen ihnen rieselt ein feiner Strahl Sand von oben nach unten, wo ein alter Bildschirm steht. Die rechte Gestalt hebt eine Hand zum Gesicht ihres Gegenübers - aber da ist nichts. Unter den Kapuzen "starren" zwei silberne Kugeln sich gegenseitig an.
Szene aus der Produktion "Prince of Persia" von Monster Truck. 2010.

Wie sehen deine Eltern dich denn jetzt?

Ich glaube, die sind total stolz. Die freuen sich. Als es mit den Schauspielschulen nicht klappte und es einfach immer mehr Geld verschlang, zu diesen Prüfungen zu fahren, da meinte mein Papa irgendwann: Ach, Theater! Das ist doch was für Leute, die Geld haben. Oder: Kunst ist was für Leute, die Geld haben. Aber irgendwann haben die gemerkt: Die bleibt da schon dran, das ist nicht nur eine Laune, und dann war ich hartnäckig. Die sehen ja auch: Das funktioniert, dass ich damit Geld verdiene oder dass ich auch gesehen werde. Das kriegen die alles mit und verfolgen es im Internet, auch wenn die das natürlich nicht alles so durchblicken. Meine Mutter hört Interviews und sagt: Ich versteh immer nur die Hälfte, oder ich verstehe gar nichts, es hört sich so klug an, aber ich bin ganz stolz auf dich! Die sprechen schon gutes Deutsch, aber trotzdem ist es ja immer noch was anderes.

Wie gestaltest du jetzt dein Familienleben? Du hast ein kleines Kind. Willst du irgendwas anders machen als deine Eltern? Oder vielleicht ganz genau so? Was möchtest du deiner Tochter mitgeben und wie gestaltest du das?

Mein Kind ist ja erst zweieinhalb Jahre alt, die quatscht und versteht schon total viel, aber die ist eigentlich noch sehr klein. Mein Freund arbeitet beim Goethe-Institut, ich bin jetzt hier im Theater – die kriegt so viel mit. Es ist alles da, was sie braucht, und ich bin gar nicht so bemüht, dass sie so wahnsinnig gefördert wird und ihr tausend Sachen beizubringen. lch denke: Du bist sowieso in einen ganz anderen Kontext geboren. Du kriegst das alles automatisch mit, ich muss da gar nicht so viel pushen. Ich bin da eigentlich sehr entspannt. Sie hat einen deutschen-französischen Papa, eine iranische Mutter, sie ist eher blond, das wird man ihr zum Beispiel auch nicht ansehen. Das sind ja auch Erfahrungen, die ich als Kind machte. „Scheiß-Ausländer“ kam wirklich oft. Das kriegt die nicht mehr ab. Die wird ganz viel nicht mehr abkriegen, was ich abkriegte, und deswegen denke ich immer: Das wird schon alles passen. Ich mache mir überhaupt nicht so viele Sorgen um sie. 

Sahar Rahimi steht in Jeans, weißem Shirt und schwarzer, cooler Jacke frontal vor dem Fotografen und blickt gerade und entschlossen in die Kamera. Im Hintergrund nackte Betonwand mit Rauchverbotszeichen und dunkle Möbel, darauf oben ein schmaler Strauß Blumen in einer hohen Vase. Sie hat ihre dunklen, lockigen Haare aufgetürmt und ist geschminkt mit Rouge, Lippenstift und Nagellack. In ihrer rechten Hand hält sie eine beige Handtasche, auf den ersten Blick sieht das aus wie ein Buch. In ihrer linken Hand hält sie ein Gläschen Hipp-Babynahrung. Auf den ersten Blick denkt man, es sei eine Dose Cola oder ähnliches.
Regisseurin und Performerin Sahar Rahimi ist Mit-Gründerin der freien Theater-Gruppe "Monster Truck", ausgezeichnet mit dem Preis des Favoriten Festivals und dem Tabori Preis. Sie studierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und lebt zurzeit in München.
© Florian Krauss

Wo siehst du für dich, für die Gesellschaft oder vielleicht auch für die Kritik, das Feuilleton Aufgaben? Oder: Was hast du vor?

Riesenaufgaben sehe erst mal nicht. Ich glaube, es geht wirklich darum, in die Diskussion darüber zu kommen. Dass wir uns auch outen können und sagen: Ja, ich bin’s, und das ist auch okay. Ich habe es vielleicht lange verschwiegen, weil das nicht schick ist im Theater. Ich habe mich dafür lange geschämt, aber lass das mal abstreifen und lass mal selbstbewusst damit umgehen. Für mich steht erst mal der Schritt an zu sagen: Das gibt es. Eine Sichtbarwerdung, das ist für mich das Allerallerwichtigste. Und als zweites fände ich toll, wenn es ein Empowerment oder Selbstbewusstsein damit gibt. Was können wir denn, was ein verwöhntes Bürgerkind nicht kann. Haben wir auch Vorteile? Können wir etwas, was die anderen nicht können, und wie kann man das stark machen. So ein Klassenempowerment fände ich toll im Theater.

Eigentlich fühlst du dich stärker als das Bildungsbürgertum.

Es ist ein Prozess. Es kommt jetzt. Es hat ganz viel damit zu tun, seine eigene Geschichte anzuschauen und die auch wertschätzen zu wissen. Ich werde jetzt 40 Jahre alt, nächstes Jahr im März. Ich habe mich die allermeiste Zeit meines Lebens minderwertig gefühlt. Das ist krass. Das ist so verinnerlicht. Und dagegen kämpfe ich jetzt immer mehr an. Das macht auch Spaß!

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Eigentlich eine Erfolgsgeschichte: Aber um Scham ging es im Gespräch mit Sahar Rahimi recht schnell: die Scham einer Aufsteigerin, die es weiter gebracht hat als ihre Eltern. Was nicht heißt, dass nicht vielleicht auch die Eltern gesellschaftlich schon eine Strecke zurückgelegt hätten. In Teil 1 des Interviews erzählt Sahar von ihrem Aufwachsen.

„Monster Truck“ heißt Sahars erste Theatergruppe. Es gibt sie immer noch. In Teil 2 des Interviews erzählt sie von Show, Publikum und Ungleichheit.

Aussagen und Positionen der Gesprächspartnerin repräsentieren ihre eigenen Auffassungen, die sich die "Auch für Erwachsene!"-Koralle nicht zu eigen macht.

***

Weiterlesen?

Lebensberichte:

Einzelbereiche:

  • Andreas Kemper: Die vergessene Benachteiligung - Warum Klassismus ein eigenständiges Diskriminierungsmerkmal sein sollte (2018)
  • Wulf Hopf/Benjamin Edelstein: Chancengleichheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit (2018)
  • Datenreport 2018. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland", besonders Kap. 3.1.2: "Bildung. Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget. Der soziokonomische Status der Schülerinnen und Schüler."

Adressen:

Die Liste wird voraussichtlich noch ergänzt.

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