„Das ist nicht so diese verkünstelte Kacke“

Regisseurin Sahar Rahimi im Interview zu Klassismus. Teil 2: Bühne.

© Florian Krauss Sahar Rahimi steht in Jeans, weißem Shirt und schwarzer, cooler Jacke frontal vor dem Fotografen und blickt gerade und entschlossen in die Kamera. Im Hintergrund nackte Betonwand mit Rauchverbotszeichen und dunkle Möbel, darauf oben ein schmaler Strauß Blumen in einer hohen Vase. Sie hat ihre dunklen, lockigen Haare aufgetürmt und ist geschminkt mit Rouge, Lippenstift und Nagellack. In ihrer rechten Hand hält sie eine beige Handtasche, auf den ersten Blick sieht das aus wie ein Buch. In ihrer linken Hand hält sie ein Gläschen Hipp-Babynahrung. Auf den ersten Blick denkt man, es sei eine Dose Cola oder ähnliches.

Ein Interview aus der Koralle "Auch für Erwachsene!"

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Das Impulse Theater Festival, bekannt für intensive gesellschaftliche und künstlerische Auseinandersetzungen, nimmt sich dieses Jahr das Thema „Klassismus“ vor. Sahar Rahimi moderiert einen „Working Class Stammtisch“.

Daniela Dröscher leitet den gesamten Schwerpunkt und schreibt über Scham. Auch im Gespräch mit Sahar ist das zu Beginn, in Teil 1 des Interviews, schnell Thema. In Teil 2 erzählt sie von Show, Publikum, Ungleichheit – und ihrer ersten Theatergruppe.

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Köln, 08.06.2020

Von Christiane Enkeler

Jetzt gehörst du zu einer freien Theatergruppe, die nennt sich „Monster Truck“. Monster Trucks sind diese Riesenautos mit den unfassbar großen Autoreifen. Als ich euch vor Jahren das erste Mal im Netz gesucht habe, habe ich euch als Theatergruppe kaum gefunden. Im Internet waren vor allem diese Videos, in denen diese Autos über Hindernisse fahren und sich überschlagen. Ein extrem populäres Vergnügen und das Gegenteil von intellektuell.

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Für mich wirkt das erst mal wie ein Widerspruch zu deiner Faszination für das Bildungsbürgertum. Warum heißt deine erste Gruppe ausgerechnet „Monster Truck“?

Ich kam in Gießen am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft an und ich glaube, ich war die Einzige mit migrantischem Hintergrund. Das fiel mir damals gar nicht auf. Was mir aber gleich auffiel, war: Das sind alles Kinder aus bürgerlichen Kontexten. Lehrerkinder, Anwaltskinder, Ärztekinder und so weiter waren viele dabei. Aber in dieser Gruppe gab’s drei, vier Jungs, die sich schon zusammengetan hatten. Ich kam zwei, drei Monate später hinzu. An denen faszinierte mich: Wir sind hier in Gießen in diesem doch sehr elitären Studiengang, der nur 20 Studenten im Jahr aufnimmt - und dann hatten diese Jungs eine totale Proll-Attitüde. Da habe ich mich natürlich wiedergefunden! Da dachte ich: Da kann ich voll mitmachen und fühlte mich gut. Das wandelte sich irgendwann, aber wir trugen sehr lange auch so ein Image mit uns herum: Wir sind zwar an diesem Ort, wo diese ganzen Strukturalisten und alles gelesen werden, aber wir interessieren uns nicht dafür. Wir machen ein Theater, das ist irritierend, laut und bilderstark und soll teilweise unangenehm sein. Das ist nicht so diese verkünstelte Kacke und dieses Theoretische. Das interessiert uns nicht. Wir haben uns sehr lange dagegen gewehrt, in Worte zu fassen, was wir da machen und dem einen Überbau zu geben. Das kommt später. Das muss dann kommen. Aber sehr lange gab’s so dieses: Nö, das machen wir nicht. Ich weiß noch, dass wir auch immer sehr gern die Pose hatten: Nä, ey, ich bin da wirklich ein Bauer. Ich hab keine Ahnung von diesen ganzen Diskursen. Wir waren stolz darauf, dass wir da nicht so dabei waren. 

Der Schauspieler Addas Ahmad steht im schwarzen Unterhemd auf heller Bühne und streckt dem Publikum den Stinkefinger entgegen.
Addas Ahmad in der Produktion "Zugabe" von Monstertruck und Theater Thikwa. 2019.
© david baltzer/bildbuehne.de

Aber ihr habt die Theorie trotzdem gelesen?

Na klar. Wir haben die trotzdem gelesen, aber die Attitüde war: weg von der E-Kultur und rein in die U-Kultur! Weg von der „ernsten“ in die „Unterhaltungskultur“!

Eine Darstellerin steht in einem Boxring und reckt den rechten Arm in die Höhe. Der Ring ist umringt vom Publikum. Im Ring machen sich einige Hunde an ihrem Kleid zu schaffen. Es besteht aus Fleisch und Wurst. Das Ganze dürfte ein ziemliches Spektakel gewesen sein.
Szene aus der Produktion "Everything is Flux" von Monster Truck. 2009. Foto von 2010.
© Anna Teuwen

Welche Art von Theater ist dir jetzt am liebsten?

Ich möchte ins Theater gehen, um irritiert zu werden. Um das, was ich weiß, erschüttert zu sehen. Oder dass das, was ich weiß, erschüttert wird. Dass ich Bilder sehe, die ich nicht kenne, dass ich das, was Common Sense ist, aufgerüttelt sehe oder mich selbst auch in Frage stellen kann. Das finde ich am interessantesten. Ich finde, zurzeit gibt es sehr oft ein Einverständnis über das, was man macht: vor allem in der freien Szene, wo es wahnsinnig viel um die Diskurse geht: Ja, es ist ein feministisches Stück, wir sind alle Feministen. Das interessiert mich nicht so.

Ich habe gerade total Lust zu reisen, um Theater zu sehen, was ich nicht kenne, wo ich die Systeme nicht kenne, wo ich die Codes nicht kenne. Das geht natürlich gerade nicht, aber das würde mich interessieren. Ich lese auch nicht die Programmhefte oder die Ankündigungstexte, bevor ich ins Theater gehe. Ich will überfallen werden. Ich mag auch die Überwältigung. Ich mag das Staunen. Ich mag auch diese ganz klassischen Kategorien, ich mag zum Beispiel so etwas wie die Freak Show – wir Monster Trucker haben damit ja auch viel gearbeitet. Das sind alles superproblematische Genres, aber für mich ist das immer noch total interessant, mich mit so etwas auseinander zu setzen.

Musstest du Hindernisse überwinden, als du nach Gießen gegangen bist?

Da gab’s zumindest einen dreistufigen Aufnahmetest mit Mappe, den habe ich bestanden. Das war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben (lacht), weil ich da dachte: Ich hab’s geschafft! Interessant ist: Ich bin ein superselbstkritischer Mensch, und ich könnte total stolz auf mich sein. Ich habe viel aus eigener Kraft geschafft - aber das ist nie Thema. Es ist immer: Das ist nicht gut genug, das ist nicht klug genug, das ist nicht kreativ genug. Das steckt wirklich sehr, sehr stark drin. Das ist ganz stark verinnerlicht.

Wer sagt das denn?

Interessante Frage. Weiß ich nicht. Deswegen finde ich diese Kategorie der „Klasse“ so interessant oder die der sozialen Herkunft, weil sie so wahnsinnig subtil wirkt. Also die Frage: Warum haben die Leute, die in Machtpositionen sind, oft einen guten Hintergrund? Das hat ganz viel mit Chancen, mit unserem Bildungssystem zu tun. Das fördert sehr stark Ungleichheit. Aber es hat auch ganz viel mit unsichtbaren Codes zu tun, die man erfüllt oder nicht. Die Art und Weise, wie man einen Raum betritt. Wie viel Redezeit man einnimmt. Oder wie viel Raum man sich selber gibt. Das bin ich einfach nicht gewöhnt. Meine Eltern haben mir nicht vorgelebt, wie ich einen Ort betrete und Raum einnehme, Diskussionszeit oder Platz einnehme. Mir wurde beigebracht: Du musst unauffällig sein und dich den Regeln unterordnen und einfach froh sein, dass man irgendwie da sein kann. Aber auch nicht mehr.

Wie siehst du das Publikum?

Für wen spielen wir da, natürlich ist das die Frage. Das Publikum kommt nicht daher, wo ich herkomme. Eigentlich nie. Das finde ich manchmal schade. Es wird ja immer versucht, neue Publikumsschichten ins Theater zu holen. Das funktioniert nicht so richtig. Das Theater ist doch ein ganz schön komplexes Zeichensystem, in das man nicht einfach so hineinstolpert. Man muss sehr viel wissen, um da reinzukommen. Es ist nicht so offen, auch wenn man sich jetzt sagen könnte: Naja, kann sich ja jeder eine Karte für zehn Euro kaufen. Aber es muss schon immer fünfmal um die Ecke gedacht werden, bevor irgendwas gut genug ist. Das schließt ganz viele Leute aus.

Wenn du sagst, du siehst im Publikum niemanden, der daher kommt, wo du herkommst: Meinst du einen migrantischen Kontext? Oder meinst du eine Arbeiterkultur?

Ich meine eher eine Arbeiterkultur. Meine Fragestellung ist: Wie können wir zu einem Theater kommen, das so etwas wie eine Arbeiterkultur stark machen kann? In dem sie nicht immer ein Makel und mit Scham verbunden ist, sondern mit Stolz-Sein, eine Art von Empowerment-Bewegung. Es gibt die feministischen Bewegungen, es gibt die antirassistischen Bewegungen, die finden im Theater ihren Ort mittlerweile zum Glück, das ist auch wichtig und gut. Aber die Frage nach der Klassenzugehörigkeit, die ist so umfassend, die hat noch nicht ihren Platz. Zumindest im freien Theater, wo ich mitreden kann. Das passiert jetzt so langsam und das finde ich total wichtig.

An was denkst du denn? Du hast doch Beispiele im Kopf. Ich nehme an, du meinst die „Impulse“.

Die Impulse und es gibt immer mehr Initiativen auch jetzt außerhalb des Theaters, auch fast so eine Art von Selbsthilfegruppen. Ich habe auch den Eindruck, im Zuge von Corona wird plötzlich mehr über die Verschärfung von sozialen Problemen gesprochen, und das ist wichtig.

Wenn ich neue Leute im Theater kennengelernt hatte, wollte ich ganz oft fragen: Und was verdient ihr so? Und wie kommt ihr so durch? Und was müsst ihr so nebenbei machen? Das waren für mich zentrale Fragen. Für die anderen war es offenbar nicht so, weil die Leute wahrscheinlich noch immer irgendwie anders mitfinanziert werden.

Für mich bräuchte es viel mehr Sprechen darüber. Das passiert natürlich, wenn es jetzt um Mindestgagen geht, aber ich finde, das muss noch viel mehr passieren. Nicht nur darüber zu sprechen, wie viel wir verdienen und wie wir mehr bekommen können. Sondern: Was bedeutet das auch für unser Arbeiten und inwiefern beeinflusst es unsere Produkte? Wie kommt das in die Inszenierung als Fragestellung? Ich hatte ganz lange den Eindruck, dass man über Geld nicht spricht. Jetzt fängt es an. Das ist gut.

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Ein „smoother“ Einstieg ins Berufsleben – und dann ein Einbruch und eine Durststrecke, bis es wieder weiterging. In Teil 3 erzählt Sahar von Fleiß, Selbst- und Außenbild und von Geld und Werten. Zum Teil eine Reflexion des Aufwachsens und der Scham aus Teil 1.

Aussagen und Positionen der Gesprächspartnerin repräsentieren ihre eigenen Auffassungen, die sich die "Auch für Erwachsene!"-Koralle nicht zu eigen macht.

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