"Wer nicht träumt..." - war noch nie im Theater.

Drei Tipps in einfacher Sprache für gute Kinderstücke um Tod, Familie und Freundschaft

Sebastian Hoffmann Zwei Darsteller und zwei Darstellerinnen spielen auf einer kleinen weißen Bühne, deren Bodenplatten man heben kann. Sie ist umgeben von transparenten Vorhängen. Das Licht ist grün.

Das Festival „Stücke“ in der Stadt Mülheim an der Ruhr zeigt jedes Jahr die neuesten Theaterstücke. Dann kommen auch die Autor:innen, die die Texte geschrieben haben. Wenn das Publikum das Stück gesehen hat, treffen sich alle und reden darüber. Manchmal unterhalten sich die Leute darüber sehr heftig. Ihnen liegt nämlich viel an den Texten. Sie finden, dass es sich lohnt, dafür zu streiten.

Die Stücke für Erwachsene werden dieses Jahr dort nicht gezeigt, weil sich niemand in einem großen Publikum oder auf der Bühne mit dem Covid-19-Virus anstecken möchte. Die Stücke für Kinder sollen unbedingt gezeigt werden – aber erst im Herbst. Das Stück „Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum“ gehört dazu.

Drei Tipps für gute Kinderstücke aus der Auswahl des „Stücke“-Festivals.

"Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum."

Mama, Papa, große Schwester Lucy, kleiner Bruder Finn – eine Familie. Zusammen sitzen sie am Frühstückstisch. Wenn eine:r Angst hat, holt man ihn (oder sie) dazu. Manchmal bleibt jemand nicht. Lucy geht Skifahren und kommt nie wieder. Sie hat einen Unfall. Finn spricht jede Nacht mit dem Skelett von ihr, das jetzt im Schrank in ihrem Zimmer wohnt.

Dann kommt Ahlam. Sie hat vor über einem Jahr ihre Familie verloren. Sie mag nicht im Bett übernachten. Finn und Ahlam übernachten gemeinsam im Schrank. Für Ahlam wird Finn zu einem ihrer Brüder – sie träumt das im Schrank. Für Finn wird Ahlam zu seiner Schwester Lucy. Er träumt es auch. Die Eltern sind immer Eltern. Sie  schmieren Butterbrote, wuscheln ihren Kindern durch die Haare und machen sich Sorgen. 

Zwei Darsteller und zwei Darstellerinnen spielen auf einer kleinen weißen Bühne, deren Bodenplatten man heben kann. Sie ist umgeben von transparenten Vorhängen. Das Licht ist grün.
Ein Beitrag zu den Kinderstücken in Mülheim an der Ruhr: Die Darsteller:innen des Theaters an der Rott spielen das Stück von Jens Raschke: "Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum."
Sebastian Hoffmann

Das ist ein Theaterstück. Geschrieben hat es Jens Raschke. Es ist ein trauriger Text, aber man fühlt sich nie allein gelassen. Jens Raschke kann gut solche Texte schreiben. Er hat schon einmal ein Stück für Kinder geschrieben. Eine Schauspielerin spielt ein Mädchen, das etwa zehn Jahre alt ist. Es erzählt, dass ihr jüngerer Bruder gestorben ist. Der Autor Jens Raschke hat aufgeschrieben, wie die ältere Schwester das erzählt. Er hat es sich ausgedacht. Aber das heißt nicht, dass es nicht stimmt. Die Gefühle sind echt.

Wenn man jemanden vermisst...

Auch in seinem neuen Stück „Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum“ ist viel Phantasie, viel Ausgedachtes. Natürlich kann Lucy nicht gleichzeitig Ahlam sein. Und die Eltern von Finn sind nicht gleichzeitig die Eltern von Ahlam.

Jeder Mensch träumt. Träume gehören zum Mensch-Sein dazu. In dem neuen Stück träumen sich alle gegenseitig. Alle, die in dem Stück vorkommen, sind deswegen Menschen. Sie sind echt. Ihre Gefühle sind echt. Es gibt sie auch außerhalb des Traums. Es gibt sie auch außerhalb des Theaters. Sie heißen dann vielleicht anders. Aber es gibt im echten Leben Menschen wie sie.

Das ist die Kunst an dem Text: Dass man sofort versteht, wie alles zusammenhängt.

Die Verbindung zwischen Bruder und Schwester ist etwas, was von Familie zu Familie sehr ähnlich sein kann. Die Verbindung zwischen Eltern und Kindern ist etwas, was von Familie zu Familie sehr ähnlich sein kann. Wenn man den Text liest, spürt man, wie alle sich lieb haben. Und wie schwer es sein kann, wenn man sich vermisst. 

Einfach eine Familie "bestellen"!

Auf einer Bühne sitzen auf einem provisorischen Podest drei Darstellerinnen und ein Darsteller, umringt von spießig-gemütlichen Lampen, die ein warmes Licht verströmen. Sie tragen alle Blümchenkleider mit Rüschen und halten Kaffeetassen, einen Tisch haben sie nicht.
Ein Beitrag zu den Kinderstücken in Mülheim an der Ruhr: Das Junge Nationaltheater Mannheim spielt "Familie auf Bestellung" von Holger Schober.
(c) Christian Kleiner

Auch in einem anderen neuen Stück wird jemand vermisst, aber es ist schon mehr Zeit vergangen. Lisa und ihr Vater mögen sich sehr. Aber sie reden kaum noch miteinander. Deswegen möchte sie auf eine Schule gehen, wo man auch übernachten kann und wohnt. Das ist ein Internat. Lisa möchte sich an einem ein Internat für besonders begabte Kinder bewerben. Für ihre Bewerbung engagiert sie einen Schauspieler und eine Schauspielerin. Die sollen ihre Eltern spielen. „Familie auf Bestellung“ heißt das Stück.

Lisas Mutter ist tot. Deswegen reden Lisa und ihr Vater nicht miteinander. Lisa glaubt, es ist ihre Schuld. Aber der Autor Holger Schober hat überhaupt kein trauriges Stück geschrieben, sondern sogar ein sehr lustiges. Und deswegen geht auch alles gut aus.

... oder sich einen Freund basteln.

Zwei Roboter in Weiß und Silber wohnen in einer fremden Welt, die aus dem besteht, was die Menschen wegwerfen. Wenn sie sich wieder aufladen, kann man ihre Träume über den Bildschirm flimmern sehen.
Ein Beitrag zu den Kinderstücken in Mülheim an der Ruhr: Das Junge WLB Esslingen spielt "Zonka und Schlurch" von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel.
(c) Björn Klein

Im letzten Stück-Tipp geht es nicht um Familie, sondern um Freundschaft: „Zonka und Schlurch“. Zonka und Schlurch sind zwei Roboter. Zonka ist sogar ein Roboter, der gelernt hat, selbst zu denken. Aber Zonka wäre beinahe von den Menschen einfach wieder auseinander gebaut worden. Sie konnte gerade noch unter die Erde flüchten, in die „Huul“, in der viel Müll landet. Seit sie sich ihren Freund „Schlurch“ gebastelt hat, wohnen sie dort sehr gern zusammen. Sie vertreiben sich die Zeit mit Basteln und sammeln die Dinge, die sie im Müll finden.

„Een Wasnipösnel! Dat ik dat noch ervaren mag!“

Sie sprechen miteinander: eine Phantasiesprache! Zonka hat sie Schlurch beigebracht. Wer weiß, was ein „Wasnipösnel“ ist? Niemand! Jede:r kann sich darunter vorstellen, was er oder sie möchte. Die Phantasiesprache ist nicht so leicht zu lesen. Aber laut ausgesprochen, versteht man sofort, was gemeint ist. Es klingt fremd. Es klingt nach einer anderen Welt – und deswegen ist das ein toller Trick von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel, ein ganzes Publikum in die „Huul“ zu versetzen. Man stellt sich wirklich vor, man sei dort. Aber alles ändert sich, als plötzlich ein Mensch dort landet...

Im Herbst sollen die Stücke in Mülheim an der Ruhr zu sehen sein – dann aber wirklich!

Zum Weiterlesen und -gucken:

  • Alle "Kinderstücke" in Mülheim an der Ruhr findet ihr hier...
  • ... und einen Radiobeitrag zu den "Stücken 2020" für Erwachsene auf Deutschlandfunk Kultur in der Sendung "Rang I" vom 16.05.2020.

Aktualisierung (12.06.2020):

Eine Leserin hat in einer Facebook-Gruppe nach einer näheren Erklärung gefragt. Dabei ging es um das erste Stück "Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum". Die Leserin hat gefragt, was das bedeutet. Deswegen habe ich noch etwas dazu geschrieben. Ich hoffe, dass man es jetzt versteht.

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