Wie Roboter ins Kindertheater kommen und was das mit dem Maler Hieronymus Bosch zu tun hat.

Die Gruppe pulk fiktion hat das Groteske kindgerecht auf die Bühne gebracht. Rezension. Von Christiane Enkeler.

© Therese Schuleit Ein Bild wie aus der Renaissance: Auf dem Rücken von zwei Darsteller:innen hält sich eine weitere Darstellerin einen roten Ball wie eine süße Frucht über ihren geöffneten Mund hält. Im Hintergrund ein weißer Vorhang mit der grünen Projektion eines Kaleidoskops.

Eine Zeichentrickfigur leuchtet als stehendes Bild im Hintergrund der Bühne: ein rennender kleiner Junge mit roter Baseballkappe und Rucksack. Drei Schauspieler sehen sich freundlich entspannt den Jungen an. Dann verkleiden sie sich offen, packen sich einen Rucksack auf den Rücken, ziehen die rote Kapuze über den Kopf – und bringen den Jungen zum Laufen. Die Technik dazu steht auf der Bühne. Es ist ein kleiner röhrenförmiger Projektor, vor dem entlang nun eine Schauspielerin ein immer länger werdendes Band mit vielen Zeichnungen des rennenden Jungen zieht.

 Das Filmprinzip als kontemplative Dia-Schau: Da wir im Theater sind, gleich mit „V-Effekt“, dem Verfremdungseffekt, wie bei Bertolt Brecht. Man sieht, dass das Spiel ein Spiel ist, die Darsteller auf der Bühne nur zum Teil sie selbst sind und das Spiel aus Rollen besteht. Oder hier eben aus einem Band.

Das ist eine künstlerische Setzung: Das Ensemble wird also eine Geschichte erzählen. Aber so, dass man sie mit Abstand betrachten kann. Und weniger mit den Figuren mitfühlen. Um Faszination und Reflexion soll es gehen, weniger um Identifikation.

Verschlungene Leiber und Dämonen

„Hieronymus“ ist die aktuelle Produktion der freien Gruppe pulk fiktion aus Bonn, gedacht für Menschen ab sechs Jahren. Es ist eine Reise in die Welt des Renaissancemalers Hieronymus Bosch. Er ist vor allem für seine Paradies- und Höllenbilder berühmt. Sie sind von ineinander verschlungenen Leibern, gruseligen Dämonen, Mensch-Tier-Wesen und Kopffüßlern, die gar keinen Leib besitzen, bevölkert. Boschs Bilderwelten zeigen seine Vorstellungen der menschlichen Lebensreise bis hin zu Tod und (Alp-)Traum. Gleichzeitig sind es Wimmelbilder, auf denen es unendlich viel Interessantes zu entdecken gibt.

In kindgerechte Wahrnehmung übersetzt hat das alles bereits Thé Tjong-Khing mit seinem Bilderbuch „Hieronymus“, in dem ein kleiner Junge seinem roten Ball hinterherjagt, bis er eine Klippe hinunterfällt und, statt auf dem Boden aufzuprallen, direkt in die Bilder Boschs eintaucht. Hier ist immer noch viel los, aber die Farben sind nicht mehr so düster, die Figuren nicht ganz so verschlungen und es gibt liebevolle Engel, die den Jungen beschützen und am Ende zurückführen. Währenddessen winkt die seltsame, aber etwas weniger gruselige Figurenschar zum Abschied. So sieht man das zumindest, wenn man von der Leseprobe ausgeht, die etwa ein Drittel des Inhalts zeigt. Von diesem Buch ist pulk fiktion ausgegangen.

Düsteres Bühnengeschehen

Das Bühnengeschehen ist düsterer: Halbdunkel-dämmerig bleibt es über die gesamte knappe Stunde, in der das Ensemble zwar eine Geschichte erzählt; aber oft in so genannten „Tableaux vivants“, also wenn die drei Performer*innen sich als „lebende Bilder“ aufstellen. Meistens bewegen sie sich langsam, von einem gestellten Bild ins nächste. Sie spielen aber auch weiter mit dem Projektor, der zu Höhle, Nest, Ausguck und Kaleidoskop wird. Zwischendurch flimmert der kleine Junge im Zeichentrick über den Vorhang, zeitweise als Roboter.

Denn das Besondere dieser Inszenierung sind auch die Roboter von Sebastian Schlemminger. Es sind kleine Maschinchen, die mit Zweigen oder Tentakeln winken und zittern, wie ein scharf schneidender Ventilator vor dem Gesicht eines Darstellers rotierend drohend über die Bühne fegen oder als wuseliger Feder-Hügel kaum zu fangen sind. Die grotesken Figuren arbeiten bei Bosch mit allerhand Geräten: mit Musikinstrumenten, Würfeln, Waffen, Töpfen, Schlüsseln, Schüsseln,  Schnäbeln, Kugeln, Röhren, Höhlen, sowie kleinen Behausungen aller Art mit offenen Türen. Auf der Bühne werden hingegen Trichter, Kochlöffel und Saftpressen, Krankenkrücken, Fächer und verlängerte Fingernägel zweckentfremdet und zum Kostüm – oder gleich zu ganzen Charakteren.

Was das für ein Tier ist, das da zu knackender Musik böse elektrisch über den Boden holpert und die Farbe seines Kopfes wechselt – wer kann das schon sagen. Die kleine helle Box mit den beiden schiefen Flügelchen „Engel“ zu nennen, wäre weit übertrieben.  

Kindervorstellungen von Tod und (Alp-)Traum

Und doch ist alles in Assoziationen da. Das liegt auch an der Tonspur mit der Musik von Conni Trieder, die nicht nur atmosphärisch sehr geschickt ist, sondern auch Kinderstimmen versammelt. Das Ensemble hat vorher Kinder erzählen und beschreiben lassen: Wie stellen sie sich die Bilder und Figuren vor? Wie sehen ihre eigenen (Alp-)Träume aus? Wie stellen sie sich den eigenen Tod und andere Welten vor?

Rudimentär erkennt man eine Handlung: Ein Junge sucht einen Ball. Er begegnet bösen und guten Wesen. Mal schwimmt man mit unter Wasser, mal brennt es, mal geht es um gefangene Kinder. Der Junge wird auf seiner Reise zum Helden und kommt am Ende in der Stille wieder an, unter seinem Shirt glitzert noch das Abenteuer. Dieser Junge wird mal von einer Darstellerin gespielt, mal von allen drei Performer*innen, mal taucht er nur als Trickfilm auf. Jedes Kind wird sich einen sehr eigenen Handlungsbogen vorstellen. 

Die Bühnenwelt ist dadurch alltäglich und gleichzeitig tief geworden, konkret und philosophisch, lustig und gruselig, mit Raum für stillen Humor und die großen Fragen zu Leben und Tod, mit vielen faszinierenden Bildern, auch für Erwachsene.

Im Publikumsgespräch am Ende sitzen die Kinder interessiert, verspielt und gelassen. Richtig gruselig, zum Angst-Haben, fand es keins.

Kurz vor der Kontaktsperre gab es bei einer Veranstaltung in Düsseldorf noch ein kleines Interview mit Sebastian Schlemminger über seine Roboter.

Das nicht nur renommierte, sondern immer auch erlebnisreich gestaltete Westwind-Festival hatte die Produktion eingeladen. Sie sollte im Mai mit vielen anderen Theaterwerken für Kinder und Jugendliche in Nordrhein-Westfalen gezeigt werden. Da das Festival wegen der Corona-Maßnahmen jetzt ausfällt, sucht das ausrichtende Theater in Castrop-Rauxel im Moment nach Alternativen für den Herbst.

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