Datenkrieg gegen die Demokratie

Die Whistleblowerin Brittany Kaiser schildert in ihrem autobiographischen Werk „Die Datendiktatur“ ihre Erlebnisse bei der Skandalfirma „Cambridge Analytica“. Sie fordert, die Macht der Daten zu zügeln.

Dieser Beitrag entstand für die Koralle "K.I. für alle", in der Chrisitian J. Meier Geschichten über Algorithmen erzählt - verständlich, gut recherchiert und mit kritischer Distanz. In den ersten Monaten werden die Texte dieser Koralle kostenfrei sein. Eine freiwillige Einmal- oder Abo-Zahlung ist jedoch möglich und freut den Autor. 

Was veranlasst eine junge Frau, die Wahlkampf für Barack Obama gemacht hat und für Menschenrechte kämpft dazu, öffentlich einen Hut mit dem Logo der amerikanischen Waffenlobby NRA aufzusetzen?

So geschah es der US-Amerikanerin Brittany Kaiser und sie erscheint wie der lebende Beweis für das, was sie in ihrem Buch „Die Datendiktatur“ beschreibt und was mit einer tief ansetzenden Beeinflussung von Menschen zu tun hat. Sie trug den NRA-Hut, als sie 2016 für ihren damaligen Arbeitgeber, die Skandalfirma „Cambridge Analytica“ arbeitete. Die Firma sammelte soviele Daten über jeden amerikanischen Wähler, wie sie konnte, und suchte darin mit Big-Data-Techniken nach Mustern. Diese nutzte sie, um das Wahlverhalten einzelner Wähler gezielt zu manipulieren. Das habe laut Brittany Kaiser entscheidend zum Wahlsieg Donald Trumps im Jahr 2016 beigetragen. Cambridge Analyticas subtile Big-Data-Propagandamaschine habe die Demokratie schwer beschädigt, schreibt die Whistleblowerin nach ihrem Ausstieg aus der Firma im Jahr 2018.

Die Geschichte beginnt vier Jahre zuvor, als Brittany Kaiser auf eine Rutschbahn gerät, die sie in die sumpfigen Tiefen der digitalen Schmutzkampagnen führen wird. In dieser Zeit trifft die Menschenrechtsaktivistin in London Alexander Nix, einen Mann, der Wahlkampf als „psychologische Operation“ bezeichnet, und erliegt seinem Charme. Die gebürtige Amerikanerin hat finanzielle Probleme, die ihren Traum von einer Karriere als Menschenrechtsanwältin überschatten. Nix, damals Geschäftsführer der SCL Group, Mutterfirma von Cambridge Analytica, bietet ihr einen Job. Kaisers Erfahrung als Wahlkämpferin für Barack Obama interessiert ihn. Dessen Kampagne hatte schon 2008 soziale Medien eingesetzt. Nicht nur die dandyhafte Eleganz und der Witz von Nix faszinieren Kaiser. Sie erkennt auch das Potenzial von SCLs Technologie und will lernen. Sie hofft, bei SCL die Macht der Daten für das Gute zu nutzen.

Schnell lernt sie, zu relativieren.

Für SCL gewinnt Kaiser einen nigerianischen Milliardär als Kunden, der den amtierenden Präsidenten des westafrikanischen Landes, Goodluck Johnson, bei den Wahlen im Jahr 2015 stützen will. Kaiser sieht sehr wohl die Schattenseiten des Politikers, etwa dass in seiner Administration die Korruption blüht. Doch gegen die Alternative, den Sharia-befürwortenden ehemaligen Putschisten Muhammadu Buhari, erscheint Goodluck als das kleinere Übel.

Selbst als Nix sie 2015 nach Washington DC schickt, um bei Cambridge Analytica Wahlkampf für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz zu machen, denkt sich das die überzeugte Demokratin zurecht. Die Demokraten hatten beim datengetriebenen Wahlkampf einen klaren Vorsprung vor den Republikanern. Es müsse eben, dachte Kaiser, Waffengleichheit hergestellt werden. Was sie nicht ahnte: Cambridge Analyticas Waffe war viel schärfer als die zuvor verfügbaren – und rücksichtsloser.

Im Marketing ist Cambridge Analyticas Methode an sich nichts Neues. Es geht darum, die Trefferquote von Werbung, Kundenakquise oder Angeboten für Testfahrten zu erhöhen. Geld für Marketing soll möglichst gewinnbringend angelegt werden. Eine Plakatwand-Aktion mit Bierwerbung mag Millionen von Menschen erreichen. Aber wie viele davon mögen gar kein Bier? Das Geld, das die Aktion kostet, ist bei der Mehrzahl ihrer Betrachter fehlinvestiert.

Das Internet bietet die Chance, den einzelnen Kunden direkt ins Visier zu nehmen. Ohne es zu wissen, füllt der Internetnutzer mit seinen Klicks einen Fragebogen aus. Welche Seiten ruft er auf? Wie oft besucht er den Online-Laden? In welcher Preis- oder Produktkategorie sucht er? Daraus lesen Algorithmen einiges heraus: Wie groß die Kaufabsicht oder wie zahlungskräftig der Kunde ist. Werbung und Angebote können dazu passend platziert werden. Der Einzelne rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Verhalten ändern, statt überzeugen

„Das Publikum ist der Schlüssel“, formulierte es Alexander Nix. Cambridge Analytica erweiterte die Kampfzone des digitalen Marketings. Die Firma erschloss sich Politik und Wahlen als Markt. Nicht nur in den US-Präsidentschaftswahlen war es mit seiner Mutter SCL aktiv, sondern auch in Großbritannien (wo es Brexit-Befürworter unterstützte), Mexiko, Brasilien und mehr Ländern. Auch die deutsche CDU wurde von Nix umworben, lehnte aber ab, wie Brittany Kaiser in einem Interview berichtete.

Cambridge Analytica verkaufte Wahlsiege. Der Wähler sollte sein Kreuzchen dort machen, wo es Cambridges Kunden wünschten. „Wir sind auf verhaltensverändernde Kommunikation spezialisiert“, warb Kaiser bei Interessenten. Die Firma biete „die richtige Botschaft für die richtige Zielgruppe, von der richtigen Quelle auf dem richtigen Kanal zur richtigen Zeit“, versprach sie.

Bei den Mitteln zum Erreichen dieser Ziele war Cambridge Analytica nicht wählerisch. Den Chef Alexander Nix beschreibt Kaiser nicht nur als kunstliebend und feierlaunig, sondern auch als kühlen Geschäftsmann, der für Geld bereit ist, seine Seele zu verkaufen. Um die Wähler zu manipulieren, blickte die Firma durch die digitale Brille tief in ihre Psyche.

SCL vermaß deren Innenleben mit Hilfe eines psychologischen Modells, das Menschen anhand von nur fünf Charakterzügen beschreibt: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus. Experten nennen diese Merkmale die „Big Five“. Das psychologische Profil eines Menschen ergibt sich aus den größeren oder kleineren Anteilen, die er am jeweiligen Zug hat.

Den Blick in die Seele nutzte SCL, um Wechselwähler auf die gewünschte Seite zu ziehen. Kaiser erklärt dies anhand einer Abstimmung über Waffenrechte. So erhalten „verschlossene und gewissenhafte“ Wechselwähler eine Anzeige über Waffen mit Bildern und Texten, die Werte wie Tradition und Familie betonten: Die Silhouette eines Manns und eines Jungen bei der Entenjagd bei Sonnenuntergang. Dazu der Text: „Vom Vater zum Sohn … seit der Geburt unserer Nation.“

Extravertierte, die zugleich wenig verträglich sind, hingegen bekommen eine Botschaft, die sie darin bestärkt, ihre Rechte zu behaupten: Eine Frau hantiert grimmig dreinblickend mit einem Gewehr. Dazu der Text: „Hinterfrage nicht mein Recht, eine Waffe zu tragen, und ich werde deine Dummheit nicht infrage stellen, keine zu tragen.“


Brittany Kaiser redet auf dem Web-Summit in Lissabon im Jahr 2019
Brittany Kaiser im Jahr 2019

Individuell zugeschnittene Botschaften: Microtargeting heißt das im Marketing-Sprech.

An wen die jeweiligen Messages gesendet wurden, entschieden Algorithmen. Sie nutzten persönliche Daten, die SCL in großem Stil sammelte und einkaufte. Die Firma brüstete sich, bis zu 5000 Datenpunkte über fast jeden wahlberechtigten Amerikaner zu haben. Vor allem gelangte sie an detaillierte Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern. Diese erlauben ein genaues Psychoprofil jedes Nutzers zu erstellen. Schon anhand einiger Likes könne man eine Person besser einschätzen als deren Freunde; mit wenig Likes mehr genauer als ihr Partner, behauptet Michal Kosinski, Psychologe an der Standford University. Cambridge Analytica nutzte dessen Modell, um die Big-Five jedes Nutzers zu berechnen.

Brittany Kaiser argumentiert in ihrem Buch, wenn auch ohne es zu beweisen, dass diese Technologie den Wahlsieg Donald Trumps herbeigeführt haben könnte.

Dazu trieb Cambridge Analytica das Microtargeting ins Extreme: Zunächst sortierten die Datenwissenschaftler der Firma „überzeugbare“ Wähler heraus, um das Zünglein der Waage in bestimmten „Swing States“ zu Gunsten Trumps anzuschubsen. Dann ordneten sie jeden Einzelnen der Überzeugbaren den ihm psychologisch ähnlichsten Personen zu, schildert Kaiser. Jede dieser Gruppen erhielt ihre eigene Botschaft. Laut Kaiser soll es eine bestimmte Anzeige auf diese Weise in hunderten oder tausenden Versionen gegeben haben. Eine „alternative Realität für jede Person“, nennt Kaiser das. „Der größte Teil der Bevölkerung sah etwas anderes als sein Nachbar“, schreibt sie.

Schon eine private Botschaft für praktisch jeden Bürger ist mit Demokratie schwer vereinbar. Doch CA griff in ihrem unerbittlichen Kampf um Stimmen zu einem noch demokratiefeindlicheren Mittel: Der Demobilisierung von potenziellen Wählern Hillary Clintons.

Die Datenanalysten unterteilten die Wählerschaft der Kandidatin in Segmente. Da gab es die „Kernwählerschaft“ und – interessant für die Beeinflusser – eine Gruppe der „Abschreckbaren“, das sind Wähler, die sich dazu verleiten lassen, ihre Stimme nicht abzugeben.

Dabei griffen sie sogar zur Waffe der Angstmacherei. Zugute halten kann man den Mitarbeitern von Cambridge Analytica, dass sie zuvor getestet hatten, ob es auch ohne geht. Doch Abschreckbare, die laut „Big Five“ gleichzeitig neurotisch waren, reagierten am besten auf Panikmache. Sie erhielten zu Hunderttausenden Emails oder Anzeigen mit Botschaften wie „Hillary wird Amerika zerstören“ oder „Korruption ist ein Familiengeschäft“. Kaiser betont, sie selbst habe von der Angstkampagne erst auf einer Art Nachlese gehört, als das damit befasste Team sie der gesamten Belegschaft vorstellte. Insgesamt hätten die Aktionen Trumps Beliebtheit um drei Prozentpunkte erhöht, schreibt sie. Bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen wäre das entscheidend.

Eine erschreckende Erkenntnis

Als Brittany Kaiser das klar wird, ist sie geschockt. „Die Social-Media-Schlacht gegen Hillary Clinton war von beispiellosem Ausmaß“, stellt sie ernüchtert fest. Nach Trumps Wahl sucht sie den Ausstieg. Ihr wird klar, dass Alexander Nix sie die ganze Zeit mit der Aussicht auf großen Geldsegen und einen Karrieresprung nur hingehalten hat. Außerdem hat Kaiser, in einem gehobenen Viertel Chicagos aufgewachsen, die Welt des Jet-Sets genossen, in die Nix sie geführt hat. Indem sie der Möhre folgte, die Nix ihr vor die Nase hielt, ist sie immer weiter von ihren Überzeugungen abgedriftet. Gekündigte Freundschaften, Zwist mit der Schwester ob ihrer Verwandlung: All das hatte sie nicht bekehrt.

Erst das „Zerstören der Demokratie“ durch die Datensammler rund um Facebook rüttelt sie wach. Kaiser sucht einen Ausweg. Sie engagiert sich neben ihrem Job immer intensiver in der Blockchain-Szene. In dieser Technologie sieht sie die Chance, Besitzer der eigenen Daten zu bleiben, auch wenn die von Dritten genutzt werden. Alexander Nix bekommt das mit und bietet ihr an, als Blockhain-Beraterin weiter für Cambridge Analytica zu arbeiten. Gleichzeitig aber entzieht er ihr die Verantwortung für ein Projekt in Mexiko. Kaiser wirft ihm in Anwesenheit der Kunden ein „Fuck off!“ entgegen. Wenig später erhält sie ihre Kündigung.

Unterdessen nimmt der Skandal um Cambridge Analytica Fahrt auf und nun beginnt Kaisers Wandlung zur Datenaktivistin. Unter dem Motto „Own Your Data“ zieht sie durch die Lande. Es geht ihr indessen nicht darum, Daten eifersüchtig für sich zu behalten. Die Autorin plädiert dafür, sie als Kapital anzusehen. Von dem Wert, den sie für andere oder die Gesellschaft darstellen, solle der Besitzer der Daten selbst mitprofitieren.

Brittany Kaisers Buch liest sich wie ein Politthriller. Mit wenigen Sätzen zeichnet sie die Charaktere ihrer Story so, dass man sie vor sich sieht. Die Autorin nimmt den Leser mit in die gruselig-faszinierende Welt der Datenhaie und des rechts-konservativen Jet-Sets um illustre Gestalten wie die einflussreiche Trump-Unterstützerin Rebekah Mercer oder den späteren Chefstrategen Trumps im Weißen Haus, Steve Bannon.

Inhaltlich ist das Buch sehr dicht. Es öffnet dem Leser den Blick auf die Anatomie der „Datendiktatur“. Allerdings gräbt Kaiser nicht allzu tief. Ihre Einblicke geben das auch nicht her. Sie war bei Cambridge Analytica für Kundenakquise zuständig. Daher jettete sie um die Welt und hat nicht selbst in den Daten gewühlt. Dennoch glaubt man am Ende ihrer These: Daten sind eine Macht, die Zügel braucht.


Das Buch:

Die Datendiktatur - Wie Wahlen manipuliert werden

von Brittany Kaiser

EAN: 9783959679220

HarperCollins

496 Seiten

15,99 €

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