Kein Ort für Frauen?

Das Verborgene Museum Berlin zeigt Fotografien von Kriegsreporterinnen aus den Jahren 1914 bis 1945

Von Carmela Thiele

Imperial War Museum / Das Verborgene Museum e.V.

27. November 2017

Frauen – das hat die International Women's Media Foundation (IWMF) festgestellt – sind im Journalismus weltweit deutlich unterrepräsentiert. Da verwundert es nicht, dass auch Bildreporterinnen in Krisengebieten weiterhin die Ausnahme bleiben. Aber es gibt sie: die 2014 in Afghanistan getötete AP-Mitarbeiterin Anja Niedringhaus, Ursula Meissner, die von den Taliban entführt wurde und mit der Kamera den Kosovo, den Nahen Osten und Afrika bereiste, oder Francesca Borri, die zwei Jahre von Aleppo aus arbeitete, unter anderem für Zeit online, und das Buch Syrian Dust veröffentlichte.

Mut und Entschlossenheit sind also nicht geschlechtsspezifisch, das zeigt auch der Blick in die Vergangenheit. Schon während der Weltkriege fotografierten Frauen nicht nur an der Heimatfront, sondern auch mitten im Gefecht. Daran erinnert die Ausstellung „Kriegsalltag und Abenteuerlust, Kriegsfotografinnen in Europa 1914-1945“ im Verborgenen Museum in Berlin. Frauen gingen oftmals dieselben Risiken ein wie ihre männlichen Kollegen. Aber resultierten aus dem anderen, weiblichen Blick auch andere Bilder?

Vielleicht. In den Gesichtern der deutschen Kriegsgefangenen spiegelt sich Ernst, Resignation und die Frage, was nun mit ihnen geschehen werde? Fotografiert hat die jungen Männer eine Frau, Natalja Bode, im Januar 1943 bei Stalingrad. Sie war Bildreporterin bei der Roten Armee, lieferte Propagandamaterial für die Zeitung der Südwest-front Krasnaja Armija, Rote Armee, sie dokumentierte aber auch das Leben vor und hinter Front. Noch keine dreißig Jahre alt, hatte sich freiwillig gemeldet, ihren zweijährigen Sohn den Großeltern übergeben. Später gab sie an, sie habe das für ihren ersten Mann getan, der gleich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gefallen war. Sicher aber war auch etwas Abenteuerlust dabei, wie bei vielen ihrer Kolleginnen.

Krankenschwestern mit Kamera im Gepäck

Natalja Bode ist nur eine von erstaunlich zahlreichen Kriegsreporterinnen, die vor und hinter den Linien ihren Dienst taten. Dass nun etwas mehr über diese Frauen bekannt wurde, ist das Verdienst von Marion Beckers und Elisabeth Moortgat vom Verborgenen Museum. Die Fotografie-Expertinnen gaben 2014 unter dem Titel „Kriegsfotografinnen“ ein Heft der Zeitschrift Fotogeschichte heraus. Nach Monografien zu Lotte Jacobi oder Frieda Riess ging es Moortgat und Beckers nun darum, neues Terrain zu sondieren. Sie baten spezialisierte Historikerinnen um Beiträge zum Thema, initiierten also neue Recherchen. Wer wusste schon etwas über im Ersten Weltkrieg fotografierende, britische Krankenschwestern oder sowjetische Fotografinnen, die mehr oder weniger gleichberechtigt unter Männern im Zweiten Weltkrieg ihren Dienst taten?

Mann liegt mit Gesicht nach unten auf der Erde
Die Britin Florence Farmborough begeisterte sich für Russland, machte beim Roten Kreuz eine Ausbildung als Krankenschwester und meldete sich im März 1915 freiwillig bei einem mobilen russischen Feldlazarett an der Ostfront.
Imperial War Museum / Das Verborgene Museum e.V.
Soldaten auf einem Gruppenbild
Florence Farmborough: Russische Soldaten im August 1915 in der Nähe von Grodizko, Polen.
Imperial War Museum / Das Verborgene Museum e.V.
Alice Schalek dokumentierte General Böhm-Ermollis Inspektion der Truppe im Juni 1916 in Galizien.
Österreichische Nationalbibliothek / Das Verborgene Museum e.V.

Jedes ihrer Projekte habe eine Geschichte, sagt Moortgat, Kunsthistorikerin und wie Beckers Gründungsmitglied des 1986 ins Leben gerufenen Vereins zur Erforschung der Kunst von Frauen. In diesem Fall habe es erst die Publikation gegeben, der nun etwas verzögert eine um weitere Fotografinnen erweiterte Ausstellung gefolgt sei. Zu sehen sind 70 Fotografien, Grafiken, Zeitschriften und Dokumente europäischer Fotografinnen zwischen 1914 und 1945. Originalabzüge, Vintages, seien es diesmal aber nicht, sagt Moortgat, das hätte die Möglichkeiten des Vereins gesprengt. Denn das Verborgene Museum ist kein Museum im eigentlichen Sinn, mit Sammlung und Dauerausstellung, sondern eine Plattform der feministischen Kunstgeschichte, ein geistiges Museum also, das keine Werke erwirbt, sondern diese erst einmal dem Vergessen entreißt.

Alles begann in den Achtzigern mit einem von den Malerinnen Gisela Breitling und Evelyn Kuwertz initiierten Projekt der NGBK, für das ein (weibliches) Recherche-Team die öffentlichen Sammlungen Berlins nach Kunstwerken von Frauen durchkämmten. Rund 500 Künstlerinnen konnten damals in der Publikation „Das Verborgene Museum“ dokumentiert werden. Das Buch wurde ein Standardwerk, und der Name blieb. Seitdem organisierte der Verein über 100 Ausstellungen, in der Galerie in der Schlüterstraße 70 oder auch in kooperierenden Museen. 2003 etwa regte das Verborgene Museum eine erste Überblicksschau zum Werk der Malerin Lotte Laserstein im Museum Ephraim Palais an, die Bilder aus internationalen Sammlungen zusammenführte und in Deutschland die Wiederentdeckung der Künstlerin in Gang setzte. 2010 ersteigerte die Berliner Nationalgalerie ein Gemälde der neusachlichen Malerin aus den Zwanzigerjahren, und für 2018 kündigt das Frankfurter Städel-Museum eine große Laserstein-Ausstellung an, „die erste außerhalb Berlins“.

Kunst von Frauen wiederentdecken als Programm

„Wir wollen, dass das Staffelholz weitergetragen wird“, sagt Moortgat, Vorstandmitglied des Vereins, über ihre Motivation. Schon vor der Laserstein-Ausstellung, war ihr und Beckers zu Beginn der Neunzigerjahre ein ähnlicher Coup gelungen. Sie hatten für Deutschland das Werk der Fotografin Eva Besnyö wieder sichtbar gemacht. Seit 1930 betrieb die niederländisch-ungarische Fotografin in Berlin ein eigenes Studio und gehörte zum Umkreis des Bauhauslehrers László Moholy-Nagy. Aufgrund des wachsenden Antisemitismus emigrierte sie in die Niederlande, wo sie nach der deutschen Okkupation untertauchte und im Untergrund lebte. Ihre Vorliebe galt der Fotoreportage. So dokumentierte sie etwa in den Siebzigerjahren die neue Frauenbewegung in Holland. Dass sie 1999 den renommierten Dr.-Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie erhielt, sei ihrer Wiederentdeckung durch das Verborgenen Museum zu verdanken, sagt Moortgat.

 Ruinen einer Stadt
Eva Besnyö: Rotterdam im Juli 1940.
Eva Besnyö MAI, Amsterdam / Das Verborgene Museum e.V.

Von Eva Besnyö ist in der Kriegsreporterinnen-Ausstellung eine ganze Serie von außergewöhnlich präzisen Aufnahmen zu sehen. Die damals Dreißigjährige fotografierte 1940 das zerstörte Rotterdam nach der Bombardierung durch die deutsche Luftwaffe. Später soll sie sich von diesen Aufnahmen distanziert haben, sagt Beckers. Zu schön waren ihr die Bilder nun vorgekommen: eine menschenleere Trümmerlandschaft, in der es dennoch Durchblicke auf eine intakte Windmühle oder ein Stadtpalais gab.

Zu den großen Stärken dieser Ausstellung gehört die Vielfalt der Bilder, die mitunter auch – ungeachtet unterschiedlicher politischer Einstellungen – eine Faszination am Kriegsgeschehen offenbaren. Die national gesinnte Österreicherin Alice Schalek etwa folgte den Gebirgsjägern im Tessin mit der Kamera bis an die Front und nahm auf dem Bauch liegende Schützen auf. Und auch Natalja Bode fotografierte vorwärts stürmende Rotarmisten. Nicht jede Fotografin sei auch Pazifistin gewesen, betont Beckers.

An der Heimatfront: Frauen in Männerberufen

Doch brachten die Fotografinnen auch einen anderen Ton und eine andere Perspektive in die Bilder vom Krieg. Im Deutschen Kaiserreich war es Frauen zwar untersagt, als Kriegsreporterinnen zu arbeiten, doch an der Heimatfront wurden sie akzeptiert. Die an der Lette-Schule ausgebildete Käthe Buchler etwa porträtierte Frauen in Männerberufen, als Schaffnerinnen, Briefträgerinnen oder Lasten-Trägerinnen. Ihr gelangen ungezwungene Aufnahmen, doch dienten die Bilder in erster Linie der Stärkung der Kriegsmoral in der Heimat. Auch in England war das nicht anders. Christina Broom sah sich gezwungen, mit ihrer Tochter ein Fotogeschäft aufzubauen, weil ihr Ehemann durch einen Unfall arbeitsunfähig geworden war. Für das Imperial War Museum dokumentierte sie die Irish Guards vor dem Abmarsch an die Front oder Suffragetten, die sich für den Polizeidienst an der Heimatfront gemeldet hatten. Und eine andere britische Profi-Fotografin, Olive Edis, hielt Bilder aus den Versorgungsstationen des britischen Heers fest, wo Frauen Kleidung sortierten und verpackten.

überfüllter Zug, winkende Menschenmenge
"Wir sind aus Berlin": Natalja Bode fotografierte im Sommer 1945 einen Zug mit heimkehrenden Rotarmisten.
© FotoSojus, Moskau / Das Verborgene Museum
Männer mit Gewehren im Anschlag auf dem Bauch liegend
Alice Schalek fotografierte um 1916 österreichisch-ungarische Soldaten auf dem Pardoi-Pass.
Österreichische Nationalbibliothek / Das Verborgene Museum e.V.
Mäann mit Gewehren im Anschlag
Die britische Aktivistin Vera Elkan dokumentierte 1937 den Spanischen Bürgerkrieg hinter den Kampflinien der Internationalen Brigaden.
Digitised by Leanne Rodgers-Gibbs (IWM) / Das Verborgene Museum e.V.

Bizarr waren mitunter die Umstände, unter denen ungeschönte Schnappschüsse von der Front entstanden. So reisten Elsie Knocker und Mairi Chisholm als Krankenschwestern an die belgische Front, wo sie auf eigene Faust im Keller eines zerstörten Hauses die Erstversorgung verletzter Soldaten übernahmen. Zu viele hatten sie während des Transports hinter die Linien sterben sehen. Mit einer Kleinbildkamera hielten sie das Inferno des Bombenkriegs fest. Die beiden Abenteurerinnen hatten sich im Motorradclub kennengelernt und sahen im Kriegseinsatz nicht zuletzt eine Möglichkeit, gesellschaftlich festgelegten Rollenzuweisungen hinter sich zu lassen.

Krieg gehört zu den intensivsten menschlichen Erfahrungen

Ganz vorne an der Front mit dabei war auch Gerda Taro, die Lebensgefährtin von Robert Capa, und natürlich Natalja Bode oder deren Kollegin Olga Lander. Von ihr sind Briefe überliefert, in denen sie an die Entsendung an die Front bat. Sie stammte aus einer jüdischen Fotografenfamilie und brachte es beim sowjetischen Militär bis zum Leutnant. Das Zentrale Museum der Streitkräfte in Moskau bewahrt um die 3000 Negative auf, die Lander meist improvisierend unter widrigen Umständen belichtet hatte - in der Ukraine, in Ungarn, Jugoslawien und in Österreich.

„Krieg gehört zu den intensivsten menschlichen Erfahrungen“, schrieb die britische Fotohistorikerin Hilary Roberts, „er treibt die Beteiligten regelrecht dazu, Zeugnis abzulegen.“ Das gilt sowohl für Frauen wie für Männer, und da der weibliche Blick mitunter ein etwas anderer ist, kann nicht oft genug erwähnt werden, dass auch Frauen diesen schmutzigen, gefährlichen Job machen, und dass das wichtig ist. Für die Axel-Springer-Akademie scheint das allerdings kein Argument zu sein. Sie bewirbt ihr Ausbildungsangebot „Kriegsreporter“ mit einem männlichen Model. „Der Beruf des Kriegsreporters zählt zu den gefährlichsten und anspruchsvollsten journalistischen Tätigkeiten“, heißt es da. Mit Bewerberinnen wird von vornherein nicht gerechnet.

Bis 11.2.2018.- Das Verborgene Museum, Dokumentation der Kunst von Frauen e.V., Schlüterstr. 70, Berlin. - Publikation: Fotogeschichte – Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie, Marion Beckers und Elisabeth Moortgat (Hg.), Kriegsfotografinnen, Heft 134, 2014, Jg. 34, 80 S., 15 Euro (in der Ausstellung). - Öffnungszeiten: Do & Fr 15-19 Uhr, Sa & So 12-16 Uhr.