"Es geht darum, die Leute aus ihren Blasen herauszuholen"

Die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger über soziale Innovationen und die Frage, was ein Online-Videoportal mit den dringend benötigen gesellschaftlichen Markplätzen zu tun hat.

Businessfotografie Inga Haar

Frau Allmendinger, Sie waren dieses Jahr zum ersten Mal Juryvorsitzende beim "Innovationspreis Berlin Brandenburg". Und wie es sich gehört für eine Sozialwissenschaftlerin, haben Sie gleich erstmal einen neuen Preis für Soziale Innovationen durchgedrückt.

Durchgedrückt ist das falsche Wort. Sagen wir mal so: Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir neben den technologischen Innovationen eine weitere Dimension des Fortschritts in den Blick nehmen, die für die Zukunft unserer Gesellschaft mindestens ebenso zentral ist. 

Manche rollen bei dem Begriff eher mit den Augen und sagen: Noch so ein Modewort, das total wichtig daherkommt, bei dem aber jeder was Anderes meint. Was genau ist eine "soziale Innovation"?

Eine soziale Innovation zeichnet sich dadurch aus, dass sie der wachsenden gesellschaftlichen Spaltung entgegenwirkt. Was uns in Deutschland fehlt, sind die sozialen Marktplätze, an denen sich die Menschen aus verschiedenen Schichten, Altersgruppen und Kulturen treffen. Soziale Innovationen fördern also gesellschaftliche Solidarität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Ein wunderbares Ziel. Bleibt die Frage, wieso uns eine Website für Online-Videos dem näherbringen soll. Der Preis, den Sie vergangene Woche verliehen haben, geht an "filmfriend", ein Video-On-Demand (VoD)-Portal.

Moment, da verkürzen Sie aber gewaltig. "filmfriend" ist nicht irgendein kostenpflichtiges VoD-Portal wie Netflix oder Amazon Video, sondern der Gegenentwurf dazu. In "filmfriend", einem Kooperationsprojekt zwischen dem Medienunternehmen „filmwerte“ und dem Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins, können sich Bibliotheksnutzer kostenfrei einloggen. 

Also ein Video-Portal, das nicht gewinnorientiert ist, in Ordnung. Aber ist das wirklich innovativ?

Und ob. Erstens macht es die Bibliotheken wieder für eine junge Zielgruppe relevant. Zweitens beseitigt es die finanziellen Zugangshürden, steht also allen gleichermaßen zur Verfügung. Drittens erhebt das Portal keinerlei benutzerbezogene Daten, ist insofern auch beim Datenschutz vorbildlich. Und viertens, womöglich sogar am wichtigsten, finden Sie dort nicht eine Actionserie neben der anderen, sondern eine gut kuratierte Auswahl hervorragender Spielfilme und Dokumentationen.  

Das "arte" der VoD-Portale? Die Leute wollen aber keinen erhobenen Zeigefinger, sie sind meist weniger auf kulturell wertvolle Seherlebnisse aus, sondern sie wollen unterhalten werden. 

Ich verstehe gar nicht, warum da so oft ein Gegensatz konstruiert wird. Der Übergang zwischen Bildung und Unterhaltung ist fließend. Ich kann mit guten Bildungsangeboten hervorragend unterhalten werden. Nur merken viele Leute das nie, weil sie es gar nicht erst ausprobieren. Hier geht es um Bildung mit einer extrem niedrigen Zugangsschwelle. Und nebenbei führt das Portal auch noch online-ferne Bibliotheknutzer an die neuen technologischen Möglichkeiten heran. 

Am Anfang sprachen Sie von den dringend benötigen sozialen Marktplätzen. Filme schauen die Leute aber eher allein.

Das ist so nicht richtig. Außerdem geht es nicht nur darum, ob die Leute gemeinsam vor dem Bildschirm hocken. Der soziale Zusammenhalt entsteht vor allem durch den Inhalt, über die kulturelle Teilhabe, die Leuten ermöglicht wird, die sonst von den kommerziellen Portalen ausgeschlossen wären. Sie kommen über das, was sie da gesehen haben, ins Gespräch. Und wenn alles gut läuft, kann ein solches Angebot eben auch den öffentlichen Raum Bibliothek wieder attraktiver machen.

Laufen wir denn Gefahr, die Bibliotheken und andere seit Jahrhunderten bestehende öffentliche Räume durch die Digitalisierung zu verlieren?

Wenn wir keine neuen Angebote entwickeln, die Schritt halten mit dem technologischen Fortschritt: auf jeden Fall. Was genau das für Angebote sind, kann sehr unterschiedlich sein. Das Museum für Naturkunde in Berlin zum Beispiel hat es auf fast schon wundersame Weise geschafft, sich als öffentlicher Raum neu zu erfinden. Zu den Ausstellungen dort gehen Jung und Alt, Arm und Jung, Akademiker und Nicht-Akademiker – weil sie alle etwas finden, das sie anspricht. So wie die Digitalisierung den Museen Gelegenheiten bietet, ihre Wissensstände auf ungekannte Weise zu katalogisieren und zu inszenieren, kann ausgerechnet die Technologie auch den Bibliotheken dabei helfen, ihre Nutzer zu sich zurück zu locken. 

Kann ein kleines Projekt wie "filmfriend" da wirklich viel reißen?

So klein ist das nicht. Das Tolle an Stadtteilbibliotheken ist ja eben, dass sie überall zu finden sind. Die Frage ist vielmehr, wie wir die Jugendlichen dazu bekommen, überhaupt mal in eine Bibliothek zu gehen, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, damit sie die neuen Angebote dort entdecken können. Da müssen wir neue Zugänge finden. Wenn die Jugendlichen aber erstmal da sind, da bin ich mir sicher, gehen sie nicht so schnell wieder. Und daran haben Angebote wie "filmfriend" einen entscheidenden Anteil. 

Abgesehen von Bibliotheken und Museen: Welche gesellschaftlichen Orte haben Soziale Innovationen besonders nötig?

Am meisten fehlen sie uns in Schulen und Kindergärten. Dabei wissen wir längst, dass wir Sozialkompetenzen nicht lernen, indem wir nur über sie reden, sondern indem wir sie praktisch vermitteln. Darum sollten wir mit unseren Kindern nicht nur an Krankenhäusern und Altenheimen vorbeigehen. Warum machen wir Vorlesen für eine bettlägerige Person nicht zu einem verpflichtenden Schulprojekt, das über drei oder vier Wochen läuft? Einige Schulen tun so etwas längst mit großer Wirkung. Und wir müssen Wege finden, um der immer stärkeren sozialen Spaltung an unseren Schulen entgegenzuwirken. Im Grunde geht es immer um dasselbe: das gezielte Zusammenführen von Leuten, die sonst in ihren Blasen und Echokammern sitzen würden. Darum fordere ich seit längerem, das soziale Jahr wieder einzuführen, und zwar für alle und verpflichtend. 

Ihre Begeisterung in allen Ehren: Ist Soziale Innovation für die meisten nicht doch noch ein typisches Soft-Thema? Nach dem Motto: Kann man machen, muss man aber nicht? Selbst beim Innovationspreis ist es keine reguläre Sparte geworden, sondern eine Art Sonderpreis. 

Wir machen das zum ersten Mal, und zugegebenermaßen wäre es mir lieber gewesen, wenn wir eine eigene Ausschreibung gemacht hätten, als einfach unter den Einsendungen den Sieger herauszusuchen. Auch die Macher von "filmfriend" haben sich ja als technologische Innovation beworben. In der nächsten Runde würde ich gern die Botschaft senden: Wir suchen sowohl marktreife technologische als auch marktreife soziale Innovationen, und für beide Kategorien können Bewerbungen eingereicht werden. Das wäre mein Wunsch.  

Offenbar ist für viele das Thema eben doch noch zu wenig greifbar. 

Das finde ich nicht. Den meisten Politikern zum Beispiel ist längst klar, dass die soziale Spaltung Ausgangspunkt für einen Großteil unserer gesellschaftlichen Probleme ist. Ich rede von alltäglichen Ängsten, Konflikten und von Ausgrenzung. Am meisten lehnen Menschen ab, was sie nicht kennen, was wir exemplarisch in den neuen Bundesländern sehen können, wo am wenigsten Ausländer leben und sie doch am meisten abgelehnt werden. Nochmal: Soziale Innovationen bestehen im aktiven Heranführen von Menschen an das Unbekannte. Wir tun uns als Gesellschaft ganz allgemein schwer damit, uns für neue Welten und Denkweisen zu öffnen. Gleichzeitig besteht in der Politik trotz allem Problembewusstseins eine unheimliche Trägheit, ja Bräsigkeit, diese besondere Innovationsschwäche, die wir da haben, verantwortungsvoll anzugehen. Bei rein technologischen Innovationen und dem Etablieren neuer Startups ist die Begeisterungsfähigkeit in der Politik um ein Vielfaches höher. Das müssen wir ändern.