“Und sie bewegt sich doch”

Ein Jahresrückblick von Julia Stenzel vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Mainz

Kateryna Kon/ Shutterstock eine bunte Blase zerplatzt

27. Dezember 2016

Die Juniorprofessorin Julia Stenzel vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Mainz ist Sprecherin des Jungen Kolleg.

Welches der vielen Ereignisse im Jahr 2016 hat Sie am meisten bewegt?

Der Tod des letzten Clowns von Aleppo, der bei einem Bombenangriff ums Leben kam. Mit ihm ist ein Symbol gestorben – nicht für Normalität, sondern für aus der Normalität des Terrors und des Krieges ausgekoppelte Inseln, die den Kindern von Aleppo wenigstens für Momente das Lachen und das Spiel zurückgaben.

"Postfaktisch" ist das Wort des Jahres – was denken Sie darüber?

Das Wort ist politisch problematisch und theoretisch eine Herausforderung: Es suggeriert, dass es Fakten und Wahrheiten unabhängig von deren Perspektivierungen gebe. Es unterstellt eine Entwicklungslinie vom prä- oder protofaktischen über das faktische hin zum postfaktischen Zeitalter, macht also eine Beobachtung zu einer Epochensignatur. Und es legt den nostalgischen Gedanken an eine “gute, alte Zeit” nahe, in der die Wahrheit noch Wahrheit und die Vernunft noch mächtig gewesen sei. Damit kann es auch auch für die "Lügenpresse"-Rhetorik zum Argument werden. Und damit ist es gerade auch aus medienhistorischer Perspektive zu überprüfen: Inwiefern ist „im Jahr 18 nach Google“ der Umgang mit den Fakten ein anderer? Wer trifft die Unterscheidung zwischen “Fakt” und “Nicht-Fakt”? 

Julia Stenzel
Julia Stenzel vom Institut für Theaterwissenschaft der Universität Mainz ist Sprecherin des Jungen Kolleg.
privat

Wenn Donald Trump einen Satz von Ihnen lesen würde, wie würde er lauten?

...und sie bewegt sich doch! (Der Ausruf wird Galilei zugeschrieben, aber er hat ihn wohl nie getan)

Wie sollte die Wissenschaft darauf reagieren, dass sich weltweit Nationalismus und Wissenschaftsskepsis breit machen?

Sie sollte Position beziehen – mit ihren eigenen Mitteln. Das wird eine Physikerin anders tun als ein Historiker, ein Linguist anders als eine Theaterwissenschaftlerin. Auf Indifferenz hat Wissenschaft mit Transparenz und Differenzierung zu antworten – was ihre Aussagen, aber auch, was ihre fachspezifische Kompetenz angeht.

Wie möchten Sie 2017 persönlich dazu beitragen?

Ich plane gemeinsam mit einer Studentin und einem Doktoranden an meinem Institut eine Tagung, die die Frage stellt, wie “wir” über Flucht und Migration sprechen möchten, können oder sollten. “Wir” – das sind in diesem Kontext nicht Menschen deutscher Staatsangehörigkeit allein, und auch nicht ausschließlich Wissenschaftler. Wir öffnen eine akademische Bühne auch für Künstler, Wissenschaftler und Journalisten, die erst seit kurzem, unfreiwillig oder übergangsweise in Deutschland leben.