“Das widerstrebt mir als Naturwissenschaftler zutiefst”

Ein Jahresrückblick von Michael Pecka von der Ludwig-Maximilians Universität München

Kateryna Kon/ Shutterstock eine bunte Blase zerplatzt

27. Dezember 2016

Dr. Michael Pecka, 39, arbeitet als Neurobiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Welches der vielen Ereignisse im Jahr 2016 hat Sie am meisten bewegt?

Ich war während der Präsidentschaftswahlen in den USA bei Freunden in Pennsylvania zu Gast. Dabei hat mich zum einen wirklich bewegt, wie unglaublich subjektiv und unseriös die „Berichterstattung“ über die Kandidaten und die politischen Themen war. Eine neutrale Darstellung oder objektive Auseinandersetzung mit Standpunkten oder Zusammenhängen fehlte vollkommen. Insofern hatte ich den Eindruck, dass die ohnehin sehr populistische Ausrichtung des Wahlkampfs durch die Mainstream-Medien noch angeheizt und als reiner Quotenfänger instrumentalisiert wurde. Zum anderen bewegte mich mitanzusehen, wie groß und tiefgehend der Schock war, den meine amerikanischen Freunde erlitten, nachdem sie das Ergebnis der Wahl erfuhren.

"Postfaktisch" ist das Wort des Jahres – was denken Sie darüber?

Die Aussage, die hinter diesem Begriff steht, spiegelt die derzeitige Geisteshaltung vieler Menschen (und Medien) durchaus treffend wieder. Die subjektive Befindlichkeit oder unmittelbare Reaktion auf bestimmte Themen gereicht vielen Menschen als Rechtfertigung oder sogar zur Validierung ihrer Meinung zu diesen Themen, ohne dass objektive Fakten berücksichtigt werden. Die vielzitierten „echo chambers“ der sozialen Medien sind bei diesem Trend sicher nicht völlig unbeteiligt, da zum einen der Eindruck erweckt wird, dass die eigene Meinung durch die Mehrheit der Menschen bestätigt wird, und zum anderen Pseudofakten oder Falschaussagen popularisiert werden können. Als Naturwissenschaftler widerstrebt mir eine solche Geisteshaltung zutiefst.

Ein Portrait des Neurobiologen Michael Pecka
Der Neurobiologe Michael Pecka war während der Präsidentschaftswahl in den USA.
privat

Wenn Donald Trump einen Satz von Ihnen lesen würde, wie würde er lauten?

Ich würde den Astrophysiker Neil deGrasse Tyson zitieren (via Twitter am 27.11.2016): „#IDreamOfAWorld where the Truth is what shapes peoples Politics rather than Politics shaping what people think is true“.

Wie sollte die Wissenschaft darauf reagieren, dass sich weltweit Nationalismus und Wissenschaftsskepsis breit machen?

Es bedarf einer besseren allgemeinen Bildung der Bevölkerung: Ich denke, dass insbesondere ein besseres historisches und philosophisches Verständnis über Völkergruppen, Religionen sowie die Entstehung von Staaten (und Kriegen) die Anfälligkeit der Menschen für nationalistische Propaganda verringern könnte. Außerdem sollte das Verständnis für wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn gefördert werden. Mehr Menschen sollten realisieren, dass sie Entscheidungen im Alltag oft auf Evidenz gründen:„Du sagst Du bist besser? Dann beweis es!“. Das sollte zu der Einsicht führen, dass dies auch in den wichtigen sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen förderlicher und nachhaltiger ist als subjektive und rein emotionale Entscheidungen. Dazu bedarf es seitens der Wissenschaft eine bessere Vermittlung dieser Denkweise, aber die Rolle elterlicher Erziehung darf hier auch nicht vergessen werden.

Wie möchten Sie 2017 persönlich dazu beitragen?

Zum einen versuchen wir im Jungen Kolleg diese Vermittlung durch Artikel und Veranstaltungen voranzutreiben. Zum anderen suche ich in meinem Bekanntenkreis aktiv die Diskussion zu diesen Themen.