“Die Atombombe ist kein Spielzeug”

Ein Jahresrückblick von Alexandra Kirsch vom Fachbereich Informatik der Universität Tübingen

Kateryna Kon/ Shutterstock eine bunte Blase zerplatzt

27. Dezember 2016

Die Juniorprofessorin Alexandra Kirsch erkundet am Fachbereich Informatik der Universität Tübingen, wie Mensch und Computer interagieren und forscht auch im Bereich Künstliche Intelligenz.

Welches der vielen Ereignisse im Jahr 2016 hat Sie am meisten bewegt?

Die Wahl von Donald Trump hat mich schockiert. Das schlimmste fand ich nicht einmal, dass er gewählt wurde, sondern dass alle Amerikaner, mit denen ich gesprochen habe, diese Möglichkeit kategorisch ausgeschlossen haben. Es genügt anscheinend nicht einen Kandidaten als Witzfigur abzutun, um seine Wahl zu verhindern.

"Postfaktisch" ist das Wort des Jahres – was denken Sie darüber?

Als möglicher Grund für den wachsenden Nationalismus wird oft angeführt, dass sich große Teile der Bevölkerung nicht verstanden und in der öffentlichen Debatte unterrepräsentiert fühlen. Ein Wort des Jahres zu wählen, das die wenigsten je gehört, geschweige denn benutzt haben, scheint mir das falsche Signal zu sein.

Alexandra Kirsch vom Fachbereich Informatik der Universität Tübingen erforscht wie schlau Künstliche Intelligenz wirklich ist.
privat

Wenn Donald Trump einen Satz von Ihnen lesen würde, wie würde er lauten?

Die Atombombe ist kein Spielzeug.

Wie sollte die Wissenschaft darauf reagieren, dass sich weltweit Nationalismus und Wissenschaftsskepsis breit machen?

Ich sehe keinen direkten Zusammenhang zwischen Nationalismus und Wissenschaftsskepsis. Die Wissenschaft sollte die Gründe für den verstärkten Nationalismus besser verstehen. Ich finde diese Frage extrem spannend, auch wenn sie nicht in mein Forschungsgebiet fällt. Wissenschaftsskepsis finde ich vollkommen angebracht. Das wissenschaftliche System hat tiefgreifende Probleme, eines davon – die Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses – hat das Junge Kolleg in seinem Sonderheft "Wege durch das Ungewisse" thematisiert. WissenschaftlerInnen sollten der Skepsis durch Ehrlichkeit und offene Kommunikation begegnen, allerdings sind viele Probleme auch politisch und gesellschaftlich begründet – etwa immer stärkere Kontrolle und ständige Evaluation sowie die steigende Abhängigkeit von Drittmitteln.

Wie möchten Sie 2017 persönlich dazu beitragen?

Als Forscherin im Gebiet der künstlichen Intelligenz ist es mir besonders wichtig, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, dass viele technische Fragen zu autonomen Autos, sprachgesteuerten Assistenten oder Haushaltsrobotern nach wie vor ungelöst sind. Im Moment werden diese Themen so dargestellt, als ob es nur noch eine Frage weniger Jahre wäre bis die Technik funktioniert, was zu völlig absurden Diskussionen führt, etwa ob in Zukunft qualifizierte Berufsgruppen wie Juristen und Ingenieure durch Maschinen ersetzt werden könnten. Die Algorithmen für derartige Systeme haben sich in den letzten 30 Jahren kaum verändert und allein eine Erhöhung der Rechengeschwindigkeit, Speicherkapazität und Datenverfügbarkeit kann die grundlegenden Herausforderungen der künstlichen Intelligenz nicht lösen.