Warum sollten Spielzeuge sprechen lernen?

Das Radiogerät haben sie verschenkt, die Zeitung abbestellt. Eltern lesen Nachrichten auf dem Smartphone. Und ihre Kinder?

Jakob Vicari Eine rote Spielzeugfigur Kreativtonie steht auf einem Kochbuch

Journalismus der Dinge– Strategien für den Journalismus 4.0

“Am Morgen, nachdem Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, saß ich an unserem Esstisch und erklärte meinem achtjährigen Sohn die Weltlage anhand von Spielfiguren. Ein wütendes Legomännchen wurde zu Trump. Und versetzte die anderen, einen Starwars-Storm-Trooper, einen Playmobil-Polizisten und einen Schleich-Eisbären, in Aufregung.” So erklärt die Journalistin Astrid Csuraji die Entstehung unseres Startups tactile.news. Die Figuren in ihren Händen ließen die Weltlage auf dem Küchentisch lebendig werden.

Legomännchen Storytelling
Nachrichten zum Anfassen: Ein Legomännchen als Trump
Jakob Vicari

Astrid improvisierte aus Not. Denn kindgerechte journalistische Inhalte, die ihr beim Erklären hätten helfen können, gab es nicht in greifbarer Nähe. Die Tageszeitung mit der Kinderseite auf Papier? Kommt in ihren Haushalt nur noch als reduziertes Abo zwei Mal die Woche. Den Fernseher hat sie verschenkt, das Radio abgeschafft. Klassische Medien sind aus dem Haushalt verschwunden. Geblieben sind Smartphones, Tablets, der Laptop. Die Geräte nutzen Astrid, ihr Mann und die Kinder, inzwischen 7, 7 und 10 Jahre alt. Die Kinder dürfen sie allerdings nur unter Aufsicht benutzen.

Seit der Entsorgung der alten Mediengeräte fehlt ein neuer kindgerechter journalistischer Nachrichtenkanal im Haus. So bleibt die Nachrichtenwelt für Kinder außen vor. Sie sagt: “Statt mich mit einem Erklärungsnotstand zu Trump allein zu lassen, sollte der Journalismus dahin kommen, wo meine Kinder sind. Zum Beispiel auf ihre Spielfiguren.”

In meiner Familie sieht es ähnlich aus. Auch meine Kinder kommen mit Journalismus kaum direkt in Berühung. Wenn wir Medieninhalte entwickeln, setzen wir ein Smartphone in der Hand der Nutzerin voraus. Aber was ist mit Zielgruppen, die kein Smartphone haben?

Gute journalistische Inhalte für Kinder gibt es – in Form von Magazinen und Kinderseiten in Zeitungen, als Radiosendungen und im Fernsehen. Aber diese guten Inhalte werden alle über alte Kanäle verbreitet, es fehlt die Distribution auf neue Plattformen. Und nicht jede neue Plattform gehört dabei ins Kinderzimmer. Wenn Daternschutzfragen unzureichend geklärt sind, wie aus meiner Sicht bei Amazons Alexa, Googles Home oder vernetzten Spielzeugen wie der HelloBarbie, ist der Zutritt ins Zimmer meiner Kinder tabu. Aber wie kann guter kindertauglicher Inhalt meine Kinder dann erreichen?

Wer ein Spielzeuggeschäft betritt, sieht sich einer Armada von sprechenden Spielzeugen gegenüber: Puppen, Plüschfiguren, Roboter, Stifte. Sie erzählen alles Mögliche. Aber keine der Figuren beherrscht das Erzählen der Reporterin, keine zieht in den Bann wie der Live-Kommentator eines Fußballspiels, keine hat eine Meinung oder ist (verwegener Gedanke!) lustig, wenn sie über aktuelle Ereignisse spricht. Hier liegt das große Potential für Journalistinnen: Wir müssen die Kinderzimmer für den Journalismus zurückerobern! Und der Weg dahin ist klar: Wir sollten Tonies, Tip-toi-Figuren und Hatchimals, Booki-Stifte, Babyborns und Edu-Dinosaurier zu Trägern von Journalismus machen.

Speerspitze der Innovation: Eine Armada von vernetzten Spielzeugen wird die Kinderzimmer erreichen
Franciska Nowak

Bei der Suche nach einer vertrauenswürdigen Plattform für Nachrichten im Kinderzimmer sind wir Patric Faßbender begegnet. Patric war die zerkratzten CDs seiner Töchter leid. 2013 erfand er kurzerhand ein neues spielerisches digitales Audiosystem, die Toniebox. Der Kern der Idee: Bekannte Inhalte aus Kinderbüchern werden an Tonie-Figuren geknüpft, die Helden der Bücher werden zu Spielzeugfiguren, die Geschichten so greifbar gemacht. Per Wlan gelangen Daten aus einer geschützten Cloud beim Aufsetzen einer Figur auf die Toniebox. Dann startet die Geschichte. Es ist unfassbar einfach: Das Kind sucht die Audiofigur aus, stellt sie auf die Box und hört zu. Mit den Toniefiguren und der Box verschmilzt die taktile Welt mit der digitalen Welt. Audiocontent wird wieder greifbar, auch in digitalen Zeiten. Dazu braucht es kein aufgerolltes Magnetband oder eine runde Kunststoffscheibe als Format mehr. Drei Jahre lang hat Faßbender mit seinem Technologie-Startup Boxine GmbH an der Entwicklung der Toniebox gearbeitet, im Oktober 2016 kam die Box in Deutschland auf den Markt. Heute, zwei Jahre später, hat Boxine 200.000 Tonieboxen und 1.500.000 Millionen Figuren verkauft (Stand: Juli 2018), über Spielwarenläden, große Händler, Amazon. Die Box hat sich damit zu einer ernstzunehmenden Emerging Platform in Kinderzimmern entwickelt.

Was wäre, so überlegten wir, diese Plattform jetzt für Nachrichten zu öffnen? Mit tactile.news verfolgen wir die Idee, die Figuren des Toniebox-Systems zu Trägern von Nachrichten zu machen. Wir haben erste Reporter-Tonies entwickelt, die einen gegenständlichen Zugang zur Nachrichtenwelt für Kinder zwischen vier bis etwa zwölf Jahren schaffen. Und wir entwickeln eine passende Content-Management-Software dazu. Mit dem tactile.news CMS entsteht ein Redaktionssystem, das es als Prototyp erlaubt, Nachrichten auf einem Tonie auszuspielen. Als ausgereiftes Produkt wird es Redaktionen ermöglichen, ihre Inhalte auf Spielzeuge im Kinderzimmer zu übertragen.

In meinem nächsten Rezept zeige ich, wie Sie Figuren aus Ihrem Repertoire in Zaubertonies verwandeln.

Offenlegung: Wir kooperieren für das Projekt tactile.news mit der Boxine GmbH.

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