Sensoren als Whistleblower

Wie vernetzte Gegenstände Informationen dort sammeln, wo keine Reporterin hingelangt

Dinge umgeben uns unauffällig und wissen alles: Alexa im Wohnzimmer, der vernetzte Mixer in der Küche, der Fitnesstracker am Arm. Was, wenn sie auspacken?

Journalismus der Dinge– Strategien für den Journalismus 4.0

Der Informant trägt Sonnenbrille und übergibt an der Autobahnraststätte oder im abgedunkelten Hotelzimmer einen USB-Stick mit wertvollen Daten. So erzählen es Whistleblower wie Edward Snowden oder Herve Falciani. Whistleblower, das sind Menschen, die Zugang zu einem Geheimnis haben. Und keine Skrupel, es zu teilen. Eine Rolle, die wie gemacht ist für vernetzte Dinge. Sie umgeben uns unauffällig und wissen alles: Alexa im Wohnzimmer, der vernetzte Mixer in der Küche, das Smartphone auf dem Nachttisch. Hoffentlich läuft Ihnen bei diesem Gedanken ein Schauer über den Rücken. Damit Sie beim Lesen dieses Kapitels nicht unruhig werden, ziehen Sie bitte jetzt den Stecker Ihres Sprachassistenten, versetzen Ihr Smartphone in den Flugmodus, und schalten Sie das smarte Licht aus. Sensoren haben kein schlechtes Gewissen. Sie sind die idealen Whistleblower.

Der Journalismus der Dinge lässt sich nicht nur deskriptiv einsetzen. In den Daten steckt auch verborgenes Wissen, etwa über die Bewegung von internationalen Regierungsangehörigen oder über geheime Militärbasen. Hier habe ich den GVA Dictator Alert vorgestellt, der die Landung von Diktatoren-Flugzeugen auf dem Flughafen Genf dokumentiert. In meinem Beitrag zu Sensoren in der Stadt habe ich beschrieben, wie ein Journalistenteam von „Reveal“ die Wasserprinzen von Bel Air mit Satellitenaufnahmen jagt. Im Folgenden möchte ich an vier Recherchen zeigen, wie Sensordaten für investigative Recherchen genutzt werden können: Die „Washington Post“ kam Schießereien auf die Spur, das Team von „Follow the Money“ dem zweiten Leben unseres Elektroschrotts, „De Correspondent“ konnte geheime Militärbasen kartieren und die „Sun Sentinel“ Verkehrsverstöße von Polizisten nachweisen.

Mithilfe der Fitnesstracker Wege ins Sperrgebiet zeigen (Screenshot DeCorrespondent).

Der Feind am eigenen Arm: Fitnesstracker

Schauen Sie auf Ihren Arm. Tragen Sie einen Fitnesstracker? Das ist ein Sensorgerät, das viel über Ihr Leben verraten kann. Allein dadurch, dass es Ihre Position trackt. Einen der beliebtesten Fitnesstracker stellt die finnische Firma Polar her. Auf einer Karte im Netz konnten die Nutzer nicht nur sehen, wo sie selbst trainiert hatten, sondern auch, wo andere Mitglieder unterwegs waren. Was als Service für Läufer auf der Suche nach neuen Strecken gedacht war, entpuppte sich als folgenschwere Sicherheitslücke. Denn nicht alle Nutzer wussten über diese Funktion Bescheid. Mitarbeiter von militärischen Zentren, Soldaten im Auslandseinsatz und Geheimdienstmitarbeiter auf der ganzen Welt trugen die Fitnesstracker beim Joggen, wie Journalisten der niederländischen Rechercheplattform „De Correspondent“ entdeckten. Zusammen mit dem Recherchekollektiv „Bellingcat“ nahmen sie im „Project Polar“ Nutzer unter die Lupe, die um Militärbasen und Geheimdienstzentralen herum unterwegs waren – alles Plätze, die auf Landkarten üblicherweise weiß sind. Die Rechercheure um  Maurits Martijn fanden 6460 Fitnesstracker-Nutzer, deren Laufwege sie sich genauer anschauten.

Viele Läufer starteten von zu Hause aus, sodass sie sich leicht identifizieren ließen. Dann joggten sie problemlos durch die Schranke von Guantanamo Bay in Kuba, durch ein Militärlager in Erbil im Irak oder im malischen Gao, durch Militärbasen in Afghanistan, Saudi-Arabien, Katar, im Tschad und Südkorea. Die Journalisten veröffentlichten die Laufwege der Nutzer – und damit die Lagepläne bisher geheimer Anlagen.

Ich finde es bemerkenswert, wie einfach der Zugang zu solch sensiblen Daten letztlich war. Und vorbildlich, wie die Reporter ihre Methode dargestellt haben. Die Journalisten legen ihren Rechercheweg detailliert offen. Bekannt ist, dass auch andere Tracker ähnliche Sicherheitslücken haben.

Mein Smartphone

Das klassische Beispiel der Vorratsdaten von Malte Spitz zeigt, dass sich allein aus Mobilfunkdaten das Leben eines Menschen rekonstruieren lässt. Mit zweien solcher Profile können geheime Treffen nachgewiesen werden. Einziger Unterschied: Diese Daten sind nicht so einfach zugänglich. Über Kipp- und Beschleunigungssensoren können Sensordaten im Smartphone heute belegen, ob der Besitzer staubsaugte oder auf der Toilette saß. Was, wenn der nächste Whistleblower ein Sprachassistent im Wohnzimmer, ein Fitnessarmband oder eine vernetzte Waschmaschine ist? Was, wenn das nächste Daten-Leak aus einem Smarthome stammt? Gerade testen die ersten Banken Überweisungen per Sprachbefehl.

Der Journalismus der Dinge stellt auch ganz neue ethische und rechtliche Fragen, etwa welche Daten investigative Journalisten überhaupt nutzen dürfen. Zuallererst sind es Fragen zu Datenschutz und Privatsphäre, wenn Daten aus dem Lebensumfeld von Menschen verwendet werden. Aus ethischer Sicht muss die Notwendigkeit und Relevanz den Einsatz von Sensoren rechtfertigen. Der Bereich ist kaum erschlossen, was Freiräume schafft, aber auch Risiken birgt. Redaktionen, die Journalismus mit Gegenständen betreiben, werden oft auf die Expertise von Medien-Ethikern und Medienrechtlern angewiesen sein. So stellen sich der Journalistin etwa Fragen wie: Dürfen Sensoren an fremden Gegenständen angebracht werden? Wer muss informiert werden? Wem gehören die Sensordaten? Dürfen Rohdaten veröffentlicht werden oder müssen sie verarbeitet, möglicherweise anonymisiert werden?

Das Projekt „Speeding Cops“ ist ein Klassiker des Sensorjournalismus. In der Grafik sieht man die Geschwindigkeitsüberschreitungen eines einzelnen Polizisten

Wie man mit Sensorjournalismus den Pulitzer-Preis gewinnt

Die „Sun Sentinel“ zeigt, wie man mit Sensorjournalismus den Pulitzer-Preis gewinnt. Die Annahme der Reporter: Polizisten halten sich in Sachen Geschwindigkeit selbst nicht immer an das Gesetz. Denn wer sollte sie anzeigen? Das Blatt wertete Funkfrequenzen aus, die von Tags an Polizeifahrzeugen ausgestrahlt werden. Diese Tags dienen vor allem dem Maut-System SunPass. Polizeifahrzeuge sind mit einem speziellen Transpondertyp ausgestattet, der es ihnen erlaubt, die Mautstraßen kostenfrei zu nutzen.

„Kein Blaulicht. Keine Sirene. Nur Geschwindigkeit“, sagt im Nieman-Report der Datenjournalist John Maines, der das kritische Fahrverhalten von Polizisten selbst beobachtete. Und weiter: „Wir hätten es ohne Sensorjournalismus nicht machen können.“

„Speeding Cops“, „Rasende Polizisten“, heißt die dreiteilige Artikelserie, die Maines und seinen Kollegen 2013 den Pulitzer-Preis einbrachte. Sie kannten die Zeiten, zu denen die Polizeiautos an den Mautstationen vorbeifuhren. Mit einem GPS-Gerät maßen die Reporter die Distanz zwischen den Mautstationen, um die Geschwindigkeit der Fahrzeuge zu ermitteln. Sie fütterten mit den Daten einen einfachen Algorithmus. Eines von fünf Einsatzfahrzeugen überschritt das Limit von 145 km/h (90 mph). Das waren recht viele Fahrer, die offenbar nicht auf dem Weg zu einem Notfall waren, sondern zu ihrer Dienststelle.

Heraus kam eine Liste mit fast 800 Polizisten, die innerhalb eines Jahres zu schnell gefahren waren: zwischen 145 km/h und 210 km/h (90 und 130 mph). Die Gesetzeslage in Florida erlaubt Polizisten eine Geschwindigkeitsüberschreitung in Notfällen, wenn sie niemanden gefährdet. Die Daten machten das Problem sichtbar. Doch die Reporter begaben sich zusätzlich auf die Suche nach Menschen, die durch rasende Polizeifahrzeuge ums Leben gekommen waren. Außerdem dokumentierten sie, dass die Polizisten für ihre Verkehrsvergehen kaum belangt wurden. Die Seite zu Speeding Cops kann man aus Europa momentan nicht abrufen.

"Speeding cops can kill. Since 2004, Florida officers exceeding the speed limit have caused at least 320 crashes and 19 deaths. Only one officer went to jail — for 60 days."  – John Maines, Sun Sentinel
Sensoren für Schüsse. Jeder Punkt eine Schießerei.

Wo wird geschossen?

Die Washington Post näherte sich der Waffengewalt auf neue Art – mithilfe von 300 Sensoren. In vielen amerikanischen Städten sind solche Sensoren des Unternehmens ShotSpotter installiert. Die Idee basiert auf Forschungen des Akustik-Wissenschaftlers Robert Showen vom Forschungsinstitut Menlo Park, der das System entwickelte. Er suchte nach einer technischen Lösung, um einer Gang in seinem Viertel etwas entgegenzusetzen.

Die Audiosensoren registrieren die Schallwellen abgegebener Schüsse. Aus dem kakofonen Geräuschteppich der Großstadt stechen Schüsse als Spitzen heraus. Durch Kombination mehrerer verteilter Sensoren kann man den Ort der Schussabgabe eingrenzen. Vor allem Polizisten können so schneller zur Stelle sein. Innerhalb von acht Jahren wurden 39.000 Schüsse im Großraum Washington D.C. aufgedeckt – wobei nur ein Drittel des Stadtgebiets überwacht wird und nicht alle Schüsse aufgezeichnet werden. Die Zahl ist deutlich höher als die der offiziell gemeldeten Vorfälle mit Waffen. Sie entspricht im Schnitt 17 Schüssen am Tag. Ein Drittel der abgegebenen Schüsse fielen an Neujahr und am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag in den USA. Aber auch in belebten Wohngegenden mit Schulen fielen zahlreiche Schüsse. Erst die Auswertung von Sensordaten zeigte den Bewohnern, wie nah ihnen die Waffengewalt war. Reporter Todd C. Frankel schreibt, diese Daten könnten der beste Weg sein, um das amerikanische Problem der Waffengewalt zu zeigen.

Diese Schuss-Sensorsysteme sind vielfach im Einsatz. Angeblich wird eines davon sogar im Weißen Haus getestet. Im südafrikanischen Krüger-Nationalpark helfen Schuss-Sensoren bei der Suche nach Wilderern.

Sperrmüll und dann? Die Recherche verfolgt den Schrottfernseher von der Straße bis nach Afrika

Wo landet der Elektroschrott?

Ebenfalls vor der Haustür begann die Recherche zum Nachleben dreier Fernseher, die in deutschen Wohnzimmern ausgemistet wurden. Das Team „Follow the Money“ hatte die Idee, den Spuren des Elektroschrotts zu folgen.

Sie setzten auf GPS-Tracker. Diese ermöglichen es, in Echtzeit Personen, Gegenstände oder Tiere über Satelliten zu orten. GPS-Tracker lassen sich für viele Funktionen verwenden, doch zu journalistischen Zwecken kamen sie bisher nur selten zum Einsatz. Das Projekt mit der größten Reichweite hieß „Die GPS-Jagd – wo landet mein Schrottfernseher?“. Dafür stattete die Medienproduktionsfirma „Follow the Money“ im Jahr 2013 kaputte Fernseher mit GPS-Trackern aus und verfolgte deren Weg zu Entsorgungshöfen, Zwischenhändlern, Häfen bis nach Afrika. Inklusive der Probleme, die sich zeigten: Aus dem Schiffscontainer auf hoher See funktionierte die Ortung nicht. 77 Tage und 2600 Funksignale später konnten die Journalisten eines der Geräte, das sie selbst auf den Weg geschickt hatten, im Norden Ghanas für 100 Dollar erwerben. Auf diese Weise gingen die Reporter der Frage nach, was mit dem Elektroschrott aus Deutschland geschieht – und fanden einen Weg, dies exemplarisch und anschaulich zu illustrieren. Jegliches Recycling und alle Verordnungen zum Umgang mit Elektroschrott sind nutzlos, wenn die deutschen Abfallgeräte ein zweites Leben in Afrika beginnen. Ich liebe an dem Projekt die elegante Einfachheit seiner Idee. Das Projekt wurde mehrfach mit journalistischen Preisen ausgezeichnet. Seine Finanzierung musste allerdings zunächst durch Crowdfunding gesichert werden. Erst im zweiten Schritt nahmen auch andere Medien wie Arte und der Norddeutsche Rundfunk (NDR) das Format auf.

Es ist ein steter Balanceakt, die schutzwürdige Privatsphäre von Einzelnen gegen die journalistischen Erkenntnis abzuwägen. Ob der Fitnesstracker am Arm oder der GPS-Tracker im Schrottfernseher, ob durch ein Netzwerk von Maut- oder Schuss-Sensoren, Objekte als Whistleblower leisten dem Journalismus wertvolle Dienste. Investigative Recherchen sind oft zeitaufwendig und nur etwas für entsprechend geschulte, erfahrene Journalisten. Die Beispiele zeigen: Es lohnt sich, auch Sensor-Experten ins Team zu holen. Die Sensoren sind unbestechlich und vertrauenswürdig. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Sensor eine sensible Information preisgibt.

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Jakob Vicaris Journalismus der Dinge