Warum fragt eigentlich niemand die Bäume?

Drei Ansätze für einen neuen Umweltjournalismus

Die Fridays for Future Bewegung bleibt ein journalistisches Dauerthema. Drei Ideen, wie die Umweltbeobachtung mit dem Journalismus der Dinge gelingen kann.

Erstens: Bäume. Beim großen Waldsterben in den 80er-Jahren war es der saure Regen, der die Bäume krank machte. Heute scheinen es Schädlinge und die zunehmende Trockenheit durch den Klimawandel zu sein, die den Bäumen zusetzt. Umweltschützer, Förster, Klimaforscher werden befragt. Und ich wundere mich: Warum fragt niemand die Bäume? Tut ja jemand. Das Projekt TreeWatch gibt ihnen eine Stimme. „Im Vergleich zu gestern beginnt mein Saftfluss erst jetzt. 90 Minuten später als gestern. #stress?“ twittert ein Ahornbaum aus dem belgischen Gent @TreeWatchFBW. Und eine große niederländische Pappel aus Wageningen berichtet @treeWatchWUR: „Gestern habe ich 31,46l und heute 30,4l transportiert. Meine Spaltöffnungen werden ziemlich gut reguliert.“ Klingt eigentlich überraschend zufrieden die Pappel, oder? Nur der deutsche Wald schweigt – noch. Aus Veitshöchheim soll mit Technologie der Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau bald wieder eine deutsche Eiche twittern.

Zweitens: Wilderei. Für viele Journalisten, gerade in Entwicklungsländern, scheitert die Recherche zu Umweltthemen vor allem daran, dass es an Daten und Informationen mangelt. Für sie bietet der Sensorjournalismus die Möglichkeit, selbst gesicherte Daten zu erheben. In den Gewässern vor Tansania ist es für gewöhnlich eher ruhig. Hier existiert ein eigenes Ökosystem aus Meereslebewesen. Doch das Gebiet wird von der Sprengstofffischerei bedroht. Wenige rücksichtslose Fischer werfen Dynamit ins Wasser und richten großen Schaden an. Dort setzt Sea Sensors an. Die Initiatoren Gill Braulik, Wissenschaftlerin an der University of St. Andrews, die sich seit 15 Jahren mit dem Schutz von Meeressäugetieren beschäftigt, und ihr Forscherkollege Jamie Macaulay versenkten 2018 vier State-of-the-Art- Soundrekorder vor der Nordküste Tansanias. Jede Station verfügt über drei Hydrofone. Johnny Miller, Fotograf und Gründer der NGO African Drone, der die beiden Wissenschaftler dabei begleitet hat, schreibt: „Wir haben eine Reihe von Hydrofonen gebaut, Unterwassersensoren, die triangulieren und verfolgen, wo Explosionen stattfinden. Die lösen eine Drohne aus, die wiederum eine Eilmeldung verschickt, sodass ein Reporterteam schnell vor Ort sein kann, um Nachrichten zu liefern. So basieren die nicht länger nur auf Pressemitteilungen einer Umweltschutzorganisation.“ Die verwendeten Sensoren sind wasserdichte Hydrofone. Die drei Unterwasserstationen sind an jeder Seite eines dreieckigen Stahlrahmens angebracht. Der Rahmen wird nach Norden ausgerichtet, damit die Daten in richtiger Orientierung auf einer Karte er- scheinen. Damit die Netze sich nicht an den Sensorstationen verfangen, wurden diese in 20 Metern Tiefe installiert. Die verwendete Aufnahmeeinheit ist eine Spezialanfertigung für die University St. Andrews: wasserdicht und nur aktiv, wenn es laut wird. In ruhigen Gegenden hält die Stromversorgung so über mehrere Monate.

Eine Hummel mit Sensor
Vikram Iyer

Drittens: Hummeln. Einen eher ungewöhnlichen Ort für Umweltsensoren hat der Wissenschaftler Vikram Iyer von der Universität Washington gefunden (livin- giot.cs.washington.edu). Iyer baut eigentlich an kleinen Drohnen mit, die Sensoren transportieren. In einem Experiment montierte er jedoch Umweltsensoren auf eine ganz andere Plattform. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagt er: „Wir verfolgten einen ganz anderen Ansatz und setzten die Sensoren huckepack auf natürliche Flugmaschinen. Hummeln haben sich über Jahrtausende zu sehr effizienten Fliegern entwickelt. Mit der passenden Nahrung können sie stundenlang fliegen.“ „Living IoT“ nennt Iyer seine Plattform. Die ist nur 100 Milligramm schwer und kleiner als ein Reiskorn. Um Energie zu sparen, werden die Messdaten erst ausgelesen, wenn die Hummeln in ihr Nest zurückkehren. Hummeln mit Sensoren, twitternde Bäume und Unterwassersensoren: Der neue Umweltjournalismus wird ziemlich spannend.

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Eine Version dieses Artikels erschien im medium magazin 4/2019. Es freut mich, dass Sie sich für den Journalismus der Dinge begeistern! Meine Anleitungen und Berichte aus der neuen Welt des Journalismus können Sie einzeln erwerben. Das Buch zur Koralle: Journalismus der Dinge (Halem-Verlag). Und natürlich möchte ich wissen: Was interessiert Sie? Schreiben Sie mir: jot@jakobvicari.de

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Jakob Vicaris Journalismus der Dinge