Innovation ist keine Druckfarbe

Warum wir die Komfortzone der Innovation verlassen sollten

Und warum uns Journalistinnen und Journalisten das so schwer fällt.

Jakob Vicari

Journalismus der Dinge– Strategien für den Journalismus 4.0

Als eine Kollegin vor wenigen Wochen von einem traditionsreichen Medienhaus die Anfrage zu einem Workshop bekam, mit den üblichen Buzzwords “Online” und “Storytelling” und “Multimedia”, da setzten wir uns zusammen. Wir entwickelten einen Workshop, wie es ihn noch nicht gab: Zwei Tage Schnelleinstieg in den  Journalismus der Dinge. Unser Workshop war wunderbar, enthielt alle Basics, um einer Redaktion Lust zu machen auf die digitalen Welten. Die Antwort kam ungewohnt schnell: das sei ”zu ‘fancy’ für uns bzw. für unsere Form des Journalismus.”

Zu fancy. Hm.

Grüne Papierrschnipsel
Innovation häuft sich im tiefgrünen Bereich
Jakob Vicari

Dabei ist Innovation journalistisches Tagesgeschäft. Mit jeder Ausgabe erfindet sich der Journalismus neu. In der Tageszeitungsredaktion entsteht jeden Tag wieder ein Blatt, das wieder das Blatt ist, aber doch einen gänzlich anderen Inhalt hat. Online ist der Rhythmus noch schneller. So ein hoher Rhythmus ist evolutionär betrachtet offen für Neues, da sich jeden Tag Mutationen im Erbgut ereignen können, die weitergegeben werden. Eine neue Kolumne, eine andere Optik für eine Seite. Und doch sind journalistische Medien sehr konstant. Vielleicht liegt es an der eigenen Unsicherheit, die durch die tägliche Selbstreproduktion entsteht, der man so begegnet. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Innovationen im Journalismus kleinschrittig sind. Kim Svendsen, Leiter des Stibo Accelerators in Dänemark, schätzt in seinem Modell der ”Drei Farben der Innovation”, dass sich 95% der Neuerungen im Nahfeld der traditionellen organischen Entwicklung abspielen.



Kim Svendsen

Der rote Bereich der “Was wäre wenn”-Fragen erfordert aber auch von Redakteuren und Autoren einen Blick auf das eigene Medium, der zurückgenommen ist und eben die Routinen für einen Moment vergessen lässt, die eine serielle Medienproduktion +überhaupt erst ermöglichen. Viele der Ideen und Beispiele aus diesem Buch befinden sich zwischen dem gelben und roten Bereich. Sie verlassen die Komfortzone, zielen mitten hinein in die Wildnis. Wir fragen uns nicht, wie eine Zeitung auf der Toilette  oder vor dem offenen Kühlschrank besser konsumiert werden kann. Wir fragen uns, wie der Journalismus aussehen muss, wenn Badezimmerspiegel oder Kühlschranktür ihn transportieren. Allein diese Betrachtungsweise erlaubt es, herkömmliche Annahmen für einen Blick auszuschalten und den Kern des journalistischen Angebots klar zu sehen: Was tun wir da überhaupt?

Papierschnipsel in rot grün und gelb bilden ein Modell für Innovation im Journalismus.
Papier tut sich mit Innovation schwer.
Jakob Vicari

Es sind einfache Versuche, Bestehendes etwas besser zu machen. Wenn zum Beispiel Daten für die Berichterstattung auf eine ungewöhnliche Art aufbereitet werden. Statt der Tabelle zu Mannschaftsaufstellung gibt es eine Grafik, die die Laufwege analysiert. Das sind die Innovationen des grünen Bereichs,   

Dann gibt es die Ausreißer, wenn ein Journalist sagt: “Warum eigentlich nicht…?” Das kann in eine Auskunftsklage gipfeln, in ein Datensammlungsprojekt oder zu einem Projekt wie “Deutschland spricht” führen, in dem Leser mit konträren Ansichten gematcht werden. Und dann gibt es noch den roten Bereich der radikalen Innovation. Ich lehne mich sicher nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass Leser und Zuschauer diese Art der Innovation skeptisch sehen. Sie wollen ihre Medien ja wiedererkennen.

Wenn die Komfortone von heute morgen zum Friedhof wird
Jakob Vicari

Der rote Bereich der “Was wäre wenn”-Fragen erfordert aber auch von Redakteuren und Autoren einen Blick auf das eigene Medium, der die Routinen, die eine serielle Medienproduktion überhaupt erst ermöglichen, für einen Moment vergessen lässt. Viele der Ideen und Beispiele hier im Riff befinden sich zwischen dem gelben und roten Bereich. Sie verlassen die Komfortzone, zielen mitten hinein in die Wildnis. Wir fragen uns nicht, wie eine Zeitung auf der Toilette oder vor dem offenen Kühlschrank besser konsumiert werden kann. Wir fragen uns, wie der Journalismus aussehen muss, wenn Badezimmerspiegel oder Kühlschranktür ihn transportieren. Allein diese Betrachtungsweise erlaubt es, herkömmliche Annahmen auszuschalten und den Kern des journalistischen Angebots klar zu sehen: Was tun wir da überhaupt?

Wir Journalisten schreiben lange Artikel über die disruptive Kraft des Internet der Dinge. Wir Reporter besuchen Start-ups und befragen Konzernchefs dazu. Unseren Lesern erzählen wir, dass DAS das nächste große Ding sei.

Aber das Wissen aus unseren Artikeln auf die eigene Arbeit zu übertragen, das tun wir nicht. Es könnte zu fancy sein. Ökonomisch betrachtet deutet längst viel darauf hin, dass die vermeintliche “Komfortzone der Innovation” aus dem 3-Farben-Modell der Friedhof der klassischen Medien wird. Dass die Zukunft den “Warum nicht?”-Medien und die “Was wäre wenn?”-Medien gehört.

Ändern wir das! Denken Sie bei Ihrer nächsten Idee einfach an das Modell der drei Farben. Und geben Ihrer grünen Idee den Spin, einer gelben oder gar roten Blase. Ich bin überzeugt: Im Raum des “Warum nicht…” und “Was wäre wenn…” erwacht die Leidenschaft für den Journalismus neu. Mein erklärtes Ziel ist es daher “zu fancy” für die Redakteurinnen in der Komfortzone zu bleiben. Denn das ist die Todeszone der alten Medien.

Wir wagen uns weiter hinaus auf unserer Expedition, dorthin, wo keine Wanderwege mehr ausgeschildert sind und die Wege nicht mehr befestigt. Getrieben von der Frage “Was wäre wenn… dort besserer Journalismus liegt?

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Jakob Vicaris Journalismus der Dinge