Abtauchen in unerforschte Tiefen

„Jacques – Entdecker der Ozeane“: Anja Krieger im Kino mit der Bremer Tiefseeforscherin Antje Boetius

Wild Bunch/Coco van Oppens

15. Dezember 2016

Ich erwische Antje Boetius zwischen Funklöchern. Ob sie mit mir ins Kino geht? „Ich sitze grad im Zug,“ sagt sie, „schreiben Sie mir doch eine Mail“. Es ist das erste Mal, dass ich das mache: Eine Wissenschaftlerin, die ich nie getroffen habe, zu einem Filmabend einzuladen. „Witzigerweise bin ich gerade unterwegs nach Berlin,“ kommt prompt die Antwort der Bremer Meeresbiologin zurück. Und ja, sie würde sich gern mit mir den aktuellen Film über Jacques Cousteau – „Jacques – Entdecker der Ozeane“ – ansehen, der am 8.Dezember ins Kino gekommen ist. Am besten gleich morgen – die Frau ist spontan.

Als wir uns, beide etwas aus der Puste und ein bisschen spät, am nächsten Tag im Foyer des “Filmtheaters am Friedrichshain” treffen, bietet sie mir gleich das Du an. Sie wirkt zierlicher als auf den Bildern im Internet und trägt ein schickes schwarzes Outfit. Die Tiefseeforscherin, die für das Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, das Alfred-Wegener-Institut und das Meeresforschungszentrum Marum arbeitet, war vor ein paar Monaten noch auf Expedition am Nordpol, jetzt kommt sie gerade von einem Treffen der Initiative „Wissenschaft im Dialog“.

Portraitfoto von Antja Boetius
Die Tiefseeforscherin Antje Boetius geht regelmäßig auf Expedition in entlegene Meeresgebiete. Hier war sie auf der Expedition SONNE 242-2 im Pazifik.
Manfred Schulz

Der rote Saal 3 des Kinos ist fast leer, wir haben freie Platzwahl. Neben und über uns leuchten runde Lampen wie Bullaugen. Aus dem türkisen Blau schillern weiße Lichtflecken. „Quallen“, sagt Antje. Der Vorhang geht auf und das kleine Mädchen hinter uns rutscht aufgeregt hin und her. Aber erstmal Werbung. Da wir uns für Jacques-Yves Cousteau interessieren, könnte uns doch auch folgendes gefallen: Klimaschutz durch Mülltrennung, Ärzte ohne Grenzen, total günstiger Strom und superbillige Billigflüge. „Ist es jetzt vorbei?“ fragt das kleine Mädchen, und tatsächlich öffnet sich endlich der Vorhang auf volle Breite. Wir tauchen ab.

„Ich frag’ mich, ob sie Lambert Wilson die Nase angeklebt haben,“ flüstert Antje. Der Darsteller von Jacques Cousteau hat tatsächlich einen ziemlichen Zinken. Seine Filmehefrau Audrey Tautou alias Simone macht das mit ihrer Stupsnase aber spielend wett. Der eigentliche Hauptdarsteller ist der wunderbar großäuige Pierre Niney. Er spielt den sanften Sohn von Simone und Jacques, den Kameramann Philippe Cousteau. Niney und die Streicher tragen uns durch das Leben der Cousteaus – einer Familiengeschichte voller Leidenschaft und Liebe, Betrug und Enttäuschung, Erfolg und Verlust.

Ein ganz klein bisschen kitschig ist das schon, und der Plot macht manchmal arge Sprünge. Doch langweilig wird es nie, denn Schnitt, Dramaturgie und Musik sind gekonnt und die Naturschauplätze grandios. Wir treffen wuselige bunte Fische, beobachten einen majestätischen Buckelwal und tauchen mit hakenschlagenden Seehunden durch die Kelpwälder. Wir fliegen über die schönsten Landschaften der Welt, von der Baja California in Mexiko bis in die Antarktis und das tosend graue Südpolarmeer. „So sieht es da wirklich aus,“ flüstert Antje, die diese Weltgegend auf einer ihrer vielen Expeditionen schon erkundet hat.

Nach über zwei Stunden sind wir uns einig: Allein schon wegen dieser Aufnahmen lohnt es sich, den Film zu sehen. Ein richtig tolles Biopic für echte Cineasten ist „Jacques“ hingegen nicht – trotz der französischen Starbesetzung, die wir leider nur in der deutschen Synchronfassung sehen konnten, und den Unkosten, die der Film verschlungen haben soll. Ein paar Meter die Straße runter setzen wir uns ins Café Knorke und bestellen einen Tee. Ich baue das Mikro auf und wir lassen den Film Revue passieren…

Ein Mann filmt im Meer, umgeben von Haien
Szene aus dem Film „Jacques – Entdecker der Ozeane“
Wild Bunch/Coco van Oppens