"Wissenschaft kennt keine absoluten Wahrheiten"

Forschungsministerin Johanna Wanka über Wissenschaftsskepsis, Finanzforderungen der Länder und den Umgang mit Trump und Erdogan.

Von Christian Schwägerl und Jan-Martin Wiarda

David Ausserhofer

Johanna Wanka (CDU) leitet seit Februar 2013 das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Zuvor war die Mathematikerin Landesministerin in Niedersachsen und Brandenburg und Rektorin der Fachhochschule Merseburg.

Frau Ministerin, seit mehr als zehn Jahren hat die Bundesregierung Jahr für Jahr mehr Geld in Bildung und Forschung gesteckt. Aber im Haushaltsentwurf für 2018 steht da erstmals ein Minus von 66 Millionen Euro. Ist das eine Trendwende, weil jetzt andere Themen wie Verteidigung wichtiger sind?

Absolut nicht. Unser Budget ist allein in dieser Legislaturperiode um 27 Prozent gestiegen, 2017 haben wir einen Rekordhaushalt. Als wir den Haushalt 2018 aufgestellt haben, wollten wir einfach keine großen, neuen Vorhaben verankern, die nach September die nächste Bundesregierung binden würden. Vorfestlegungen wären arrogant gegenüber den Wählern gewesen.

Dennoch muss ein Minuszeichen Sie schmerzen.

Sie müssen genau hinschauen. Nächstes Jahr zahlen wir entsprechend der Bund-Länder-Vereinbarung 630 Millionen Euro weniger für den Hochschulpakt als noch in diesem Jahr, weil die Zahl der Studienanfänger den Höhepunkt überschritten hat. Wenn gleichzeitig nur 66 Millionen Euro weniger im Haushalt ausgewiesen sind, bedeutet das faktisch: Wir haben nächstes Jahr schon jetzt mehr als eine halbe Milliarde Euro mehr, es wird in keiner Weise gekürzt.

Wenn es keine Trendwende ist, wie soll es dann in den nächsten Jahren weitergehen?

Die Union tritt zur Bundestagswahl mit dem Ziel an, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von jetzt annähernd drei Prozent des Bruttosozialprodukts bis 2025 auf 3,5 Prozent zu steigern. Das sind Milliarden, zuletzt hat das Forschungsministerium rund 70 Prozent von Steigerungen erhalten. Aber diese Zahlen sind im Entwurf ebensowenig enthalten wie die geplanten Ausgaben für den Digitalpakt.

Sie loben Ihren Rekordhaushalt. Aber gleichzeitig gibt es in der Wissenschaft eine Rekordverunsicherung über die eigene Rolle in der Gesellschaft und große Angst vor Wissenschaftsfeindlichkeit wie in den USA. Wie sehr beunruhigt Sie das?

Natürlich beunruhigt es mich, dass sich vor allem in sozialen Medien Menschen mit emotionalen Botschaften eine eigene Öffentlichkeit aufbauen können, indem sie den Klimawandel leugnen oder das Impfen rundum verteufeln. Gegeben hat es das zwar schon früher, aber nicht in solchen Dimensionen.

Erst vor wenigen Tagen haben führende deutsche Wissenschaftsakademien den sozialen Medien eine Schuld an der Entwicklung gegeben.

Man kann aber auch Chancen in ihnen sehen. Eigentlich ist es ja gut, wenn viel und kontrovers über Wissenschaft gesprochen wird. Das ist besser als Gleichgültigkeit.

Aber wer soll da vermitteln?

Hier ist Wissenschaftsjournalismus gefragt, er hat in unserer Zeit eine nochmals gestiegene Verantwortung. Der einzelne Wissenschaftler ist damit überfordert, auch wenn es begnadete Vermittler gibt. Die Wissenschaft kann und soll da nicht Ihre Funktion als gelernte Journalisten übernehmen. Deshalb ärgere ich mich aber auch so, wenn Medien selbst Gefahren dramatisieren, etwa wenn in der Überschrift steht, die Krebsrate habe sich verdoppelt, ohne darzulegen, dass sie laut Originalveröffentlichung von 0,01 Prozent auf 0,02 Prozent gestiegen ist.

Es gibt aber auch Wissenschaftler, die verheißen, der Krebs sei in wenigen Jahren besiegt.

Die einen gehen mit Katastrophenszenarien hausieren, die anderen mit Verheißungen. Das ist beides falsch und gefährlich.

LESEN SIE WEITER: Warum Ministerin Wanka dagegen ist, die Bevölkerung über Forschungsinhalte abstimmen zu lassen, was sie für die künftige Zusammenarbeit von Bund und Ländern in der Bildungspolitik plant und wie Forschungspolitik auf autoritäre Strömungen reagieren sollte. Unser Bezahldienstleister Stripe gehört zu den sichersten Anbietern. 0,99€ für fundierten Wissenschaftsjournalismus.

Science March am 22. April 2017 in Washington: "Die Relativität von Wissen zu vermitteln ist zentral."
Science March am 22. April 2017 in Washington: "Die Relativität von Wissen zu vermitteln ist zentral."
Christian Schwägerl

Also erlaubt sind nur Fakten, Fakten, Fakten?

So einfach ist es auch wieder nicht. Wissenschaft kennt keine absoluten Wahrheiten, diese Vorstellung ist wider das Prinzip Wissenschaft. Dieser Wunsch, alle Wissenschaftler sagen dasselbe, und das ist dann eine absolute Wahrheit – das führt auch in eine ungute Richtung.

Was sind denn überhaupt Fakten in der Wissenschaft?

Das ist der gegenwärtige Stand des Wissens, der durch Experimente belegt ist, durch Versuchsreihen oder, wie in meinem Fach, der Mathematik, durch Logik. Dieser Stand kann aber immer wieder durch neue Erkenntnisse hinterfragt werden, und das kommt in der Debatte leider zu kurz. Weder die Wissenschaft noch ein Wissenschaftsministerium sollten so tun, als seien sie im Besitz ewiger Wahrheiten. Das ist eine Eigenschaft von Diktaturen. Die Relativität von Wissen zu vermitteln ist deshalb so zentral.

Aber genau diese Relativität nutzen die Klimawandelskeptiker und Impfgegner auch brutal aus.

Ja, und dann kann man sich im Netz auch noch ganz leicht Bestätigungen dafür holen, dass man Recht hat, indem man nur die entsprechenden Seiten anklickt. Dagegen gibt es kein Patentrezept, nötig , ist ein ständiges Bemühen, das zu durchzubrechen.

Leopoldina, Acatech und die Akademienunion haben von der Politik gefordert, die Betreiber sozialer Netzwerke stärker zu regulieren, ja sogar in eine Art Betreiberhaftung für Falschinformationen zu nehmen.

Klar, es wird auch beim Thema Grüne Gentechnik und Glyphosat unglaublich viel Unwahres verbreitet. Aber wo soll man da die Grenzen setzen? Es gibt zum Beispiel durchaus Einzelfälle von Impfschäden. Soll man über die jetzt nicht mehr publizieren? Man kann auch nicht sagen, alle Studien sind die Wahrheit. Denken Sie an manche vermeintlichen Wahrheiten der Ernährungswissenschaft. Wir sollten lieber über die Qualitätssicherung in der Wissenschaft sprechen.

Und nicht über Regulierung von sozialen Netzwerken?

Dieser Vorschlag kommt mir ein bisschen sehr theoretisch vor.

Die Politik nutzt Wissenschaftsjahre und andere Wege zur Wissenschaftskommunikation. Aber bleiben solche Angebote nicht zu sehr an der Oberfläche und erreichen nur Menschen, die ohnehin schon interessiert sind?

Dem würde ich widersprechen. Die großen Forschungsorganisationen und auch wir strengen uns auf vielen Ebenen an. Im BMBF fordern wir jetzt zum Beispiel, dass jedes Forschungsergebnis auch allgemeinverständlich dargestellt werden muss, wir machen weniger Hochglanzbroschüren und mehr vierseitige Kurzdarstellungen. Mir liegen populäre Herangehensweisen sehr am Herz, wir müssen raus aus den kleinen Zirkeln. Es gefällt mir zum Beispiel richtig gut, wenn eine Boulevardzeitung ihre Leser abstimmen lässt, welches Forschungsinstitut interessanter ist, oder wenn wie gerade eine Schwimmstaffel die Elbe hinunterschwimmt, um so auf das Thema Gewässerqualität aufmerksam zu machen, begleitet von einem Forschungsboot, das Proben nimmt.

Bei solchen Aktionen geht es immer darum, die Wissenschaft als gut und toll ins rechte Licht zu rücken.

Toll ist sie ja auch, aber ich weiß schon, was Sie meinen, und das betrifft nicht nur die Forschung. Wir haben als Politik bei vielen Themen den Fehler gemacht, sie eindimensional verheißungsvoll darzustellen, teilweise auch bei der Globalisierung, nach dem Motto: “Nur so können wir unseren Wohlstand erhalten”. Aber der Bürger will schon wirklich ernst genommen werden, er will etwas über Chancen erfahren, aber auch über Risiken.

Wäre es da nicht geboten, die Gesellschaft stärker daran zu beteiligen, welche Schwerpunkte die Forschungspolitik setzt?

Also ich wäre sehr skeptisch, dass wir jetzt per Volksabstimmung regeln, was erforscht werden soll.

Warum nicht, das wäre doch mal weniger elitär?

Für so etwas muss man die Forschungsfelder genau kennen und gewichten können, man muss Prognosefähigkeiten haben und die internationale Lage kennen. Das sind sehr hohe und komplexe Anforderungen. Wenn ich mir vorstelle, dass dann mit Fernseh- und Internetspots Stimmung für oder gegen bestimmte Forschungsschwerpunkte gemacht würde – nein danke. Ich habe kürzlich bei einem Bürgerdialog erlebt, dass dann plötzlich 70 Prozent der Anwesenden überhaupt kein Problem damit hatten, ihre Gehirnleistungen durch Implantate aufbessern zu lassen.

Und?

Das geht in Richtung Selbstoptimierung, da bin ich sehr skeptisch. Wir können doch nicht ernsthaft sagen, die Menschen wünschen sich das, und alle bekommen Implantate zur Verfügung gestellt. Das kostet viel Geld, das uns an anderer Stelle fehlt, wo es vielleicht um die Rettung von Menschenleben geht.

Einweihung des EMIL-Labors für Energieforschung im Oktober 2016: Die deutschen Forschungsorganisationen sollen stetig mehr Mittel zur Verfügung haben.
Einweihung des EMIL-Labors für Energieforschung im Oktober 2016: Die deutschen Forschungsorganisationen sollen stetig mehr Mittel zur Verfügung haben.
David Ausserhofer

Aber wofür braucht man dann in der Wissenschaftspolitik den Bürger?

Bürger können mitdiskutieren, und wir beteiligen ja zum Beispiel auch Umweltverbände daran, wenn wir etwa die Energieforschung neu ausrichten, und wir fragen Start-up-Gründer nach ihrem Input bei der Hightech-Initiative. Bürger können mitforschen, da gibt es viele Möglichkeiten, nehmen Sie nur den Mückenatlas. Und Bürger können bei Wahlen abstimmen, in welche Richtung die Politik geht.

Die Bundestagswahl steht bevor. Wie sieht Ihre Bilanz der vergangenen vier Jahre aus?

Ich habe mir am Anfang drei Hauptziele gesteckt: Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit auszubauen, unser Wissenschaftssystem weiterzuentwickeln und für mehr Bildungsgerechtigkeit einzutreten.

Jetzt dürfen Sie uns gerne sagen, was aus Ihrer Sicht Highlights waren.

Das ist aber nett. Aber im Ernst: Wir haben nun annähernd das Ziel erreicht, drei Prozent des Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben und sind damit die viertgrößte Industrienation weltweit, obwohl wir nur ein Prozent der Weltbevölkerung stellen. Im Wissenschaftssystem haben wir zum Beispiel mit den Kopernikus-Projekten bei der Energiewende die wichtigsten ungelösten Fragen definiert und 10-Jahres-Projekte mit richtig viel Geld initiiert. Bei der Mikroelektronik, einem strategisch zukunftsweisenden Gebiet, geben wir bis 2020 rund 800 Millionen Euro aus, und das setzt sich auch in Arbeitsplätze um.

Sie beziehen sich auf die Ankündigung von Bosch, in Dresden eine Chip-Fabrik zu bauen, die 400 Arbeitsplätze schafft. Ist es eigentlich effektiv, diese Branche in Sachsen so dauerhaft zu subventionieren?

Es ist wichtig, dass wir in Deutschland nicht nur Neues erforschen und entwickeln, sondern auch anwenden und damit Arbeitsplätze schaffen. Die Digitalisierung kommt, so oder so. Sie bietet die Chance, große Herausforderungen wie die Energiewende und die Mobilitätswende zu bewältigen. Wir wollen die Digitalisierung aber nicht nur mitmachen, sondern wir wollen sie mitgestalten. Dafür brauchen wir moderne Mikroelektronik, und zwar die gesamte Innovationskette bei uns im Land, von der Forschung über die Chiphersteller bis hin zu den Anwenderbranchen wie Automobil-, Anlagen- und Maschinenbau. Bosch hat sich für Dresden auch und gerade deswegen entschieden, weil es jetzt schon ein starker Forschungs- und Produktionsstandort ist. Mit den 800 Millionen Euro Mikroelektronik-Forschungsförderung legen wir heute die Grundlage für die Investitionsentscheidungen und Arbeitsplätze von morgen und übermorgen.

Was ist Ihnen bei der Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems am wichtigsten?

Zum einen, dass wir mit dem Tenure-Track-Prinzip jetzt jungen Wissenschaftlern eine verlässliche Karriereperspektive und mehr Planbarkeit geben. Zum anderen, dass mit dem neuen Artikel 91b in der Verfassung Bund und Länder jetzt viel besser und enger zusammenarbeiten können. Davon haben wir bei der neuen Exzellenzstrategie schon Gebrauch gemacht und sollten das in den kommenden Jahren noch intensivieren.

Zum Beispiel?

Wir haben absehbar einen Mangel an Spezialisten, die kompetent mit Big Data umgehen können, ein Feld, das aber für unsere Zukunft enorm wichtig ist. Da könnte ich mir vorstellen, dass Bund und Länder einen solchen Bedarf gemeinsam identifizieren und die Hochschulen dabei unterstützen, dies aufzugreifen.

Zum neuen Verhältnis von Bund und Ländern zählt auch, dass der Bund jetzt das BAföG allein bezahlt. Kostenpunkt: Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr. Hätten Sie das Geld gerne für etwas anderes ausgegeben?

Ich könnte jetzt einfach mit Ja antworten, aber lassen Sie es mich differenzierter sagen: Wirklich alle in Bundesregierung und Bundestag wissen jetzt, dass man bei einer solchen Operation sicherstellen sollte, dass die Länder das eingesparte Geld an anderer Stelle für Bildung oder Wissenschaft ausgeben, statt es allgemein in ihre Haushalte zu stecken.

Auch die Mehrausgaben für die Wissenschaftsorganisationen beim Pakt für Forschung zahlt die Bundesregierung allein. Gerecht?

Nicht gerecht, aber damit bekommen wir eine echte Verlässlichkeit für die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Helmholtz, Leibniz, Fraunhofer. Das ist viel wert.

Schwierig ist das Verhältnis von Bund und Ländern beim fünf Milliarden Euro schweren Digitalpakt, mit dem der Bund die Digitalisierung von Schulen unterstützen will. Ist man sich in den Eckpunkten nun einig oder nicht?

Wichtig ist, dass wir im Ziel einig sind, dass unsere Schulen schnellste Internetanbindung, WLAN, eine eigene Cloud bekommen und die Lehrer weitergebildet werden. Es war misslich, dass weder ich noch meine Staatssekretärin zum geplanten Abschlusstermin kommen konnten. Jetzt ist wichtig, dass wir das gesamte Paket gemeinsam weiterverfolgen.

Lesesaal der Humboldt-Universität in Berlin: Die Länder sollen selbst entscheiden, ob sie von EU-Ausländern Studiengebühren verlangen.
Lesesaal der Humboldt-Universität in Berlin: Die Länder sollen selbst entscheiden, ob sie von EU-Ausländern Studiengebühren verlangen.
Katatonia/Shutterstock

Die nächste Geldforderung der Länder kommt bei den Studiengebühren für ausländische Studierende auf die Bundesregierung zu. Einige Länder wollen Nicht-EU-Ausländer zur Kasse bitten und fordern, der Bund solle auch deren Studienplätze mitfinanzieren.

Ja, wenn es um Forderungen an den Bund geht, stehen schnell 16 gegen einen. Aber ich sage dazu nichts.

Sie lehnen das also ab?

Wenn die Länder solche Studiengebühren einführen wollen, dann können sie das tun.

Eine gute Idee?

Sie entlocken mir dazu nichts, das ist Sache der Länder. Was bekannt ist: Ich war Wissenschaftsministerin in dem Bundesland, das Studiengebühren als letztes wieder abgeschafft hat.

Ihr dritter Schwerpunkt war Bildungsgerechtigkeit. Ein Schwachpunkt?

Nein, aber ich muss als Bundesministerin sagen, dass da in Deutschland noch immer großer Handlungsbedarf besteht. Da gibt es nichts zu beschönigen. In einer so reichen Nation wie der unseren muss jeder unabhängig davon, wie wohlhabend die Eltern sind, maximale Bildungschancen haben.

Die neulich erschienene Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt ja, dass dem nicht so ist.

Da gibt es noch viel zu tun. Natürlich hängt der Bildungserfolg auch davon ab, wie gut Eltern sich um die Bildung kümmern. Aber es kann nicht sein, dass die Erfolgschancen von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern sich so schwach entwickeln, wie es bis heute der Fall ist. Wer heute ein Instrument lernen will und es sich nicht leisten kann, dem wird in Musikschulen geholfen. Solche Ansätze müssen wir auch in anderen Bereichen stärken, wie wir das zum Beispiel mit unserem Programm “Kultur macht stark”machen, in das jetzt fast 300 Millionen Euro fließen.

Aber warum bewegt sich Deutschland bei der Bildungsgerechtigkeit kaum vom Fleck, warum ist das so schwer und zäh?

Das hat auch viel mit Traditionen zu tun. Wir können Elternhäusern nur Angebote machen und sie zu nichts zwingen. Kinder, deren Eltern viel mit ihnen reden und ihnen viel erklären, haben einfach einen Startvorteil. Mit Kita und anderen Maßnahmen kann man viel erreichen, aber alles kompensieren kann man nicht.

Gibt es überhaupt einen Wahlkampf um Wissenschaftspolitik? Bisher haben wir davon nicht viel erlebt.

Wir stehen als Union für Verlässlichkeit in der Finanzierung und dafür, das Geld gezielt einzusetzen und nicht mit der Gießkanne zu verteilen. Wir stehen dafür, Themen wie die Grüne Gentechnik und neue Methoden in der Pflanzenzüchtung nicht zu tabuisieren, sondern offen zu diskutieren. Darin unterscheiden wir uns von allen anderen Parteien, und anderen Parteien sind diese Themen auch nicht so wichtig. Bei uns hat Wissenschaft Priorität.

Leopard 2 auf Übungsplatz: Müssen wegen der unsicheren Weltlage Forschungsinvestionen hinter höheren Verteidigungsausgaben zurückstehen? Nein, sagt Wanka.
Leopard 2 auf Übungsplatz: Müssen wegen der unsicheren Weltlage Forschungsinvestionen hinter höheren Verteidigungsausgaben zurückstehen? Nein, sagt Wanka.
Jörg Hüttenhölscher/Shutterstock

Aber was ist, wenn wir in der nächsten Legislaturperiode 20 Milliarden mehr für Verteidigung brauchen. Ade, Priorität für Wissenschaft?

Nein, absolut nicht. Die Bevölkerung will angesichts der Krisenherde um uns herum sicher sein, dass wir verteidigungsfähig bleiben. Aber ich bin absolut sicher, dass die Priorität für Wissenschaft sich nicht ändert.

Das heißt, es geht beides?

Ja.

Sorgen gibt es in der Wissenschaftsszene aber durchaus.

Sie sind unbegründet. Und das sieht auch die Bundeskanzlerin so. Zwänge kommen eher aus einer anderen Richtung.

Nämlich?

In einer Demokratie, wie wir sie haben, dreht sich viel um Bedenken. Nehmen Sie die Elbvertiefung oder etwas anderes. Das ist normal und soll auch so sein. Die Frage ist nur, ob wir das langfristig durchhalten können, wenn man sich anschaut, wie andere, teilweise autoritär regierte Staaten, handeln.

Wollen Sie die Möglichkeiten einschränken, Bedenken einzubringen?

Natürlich nicht. Aber um die Frage, wie wir wettbewerbsfähig bleiben, kommen wir trotzdem nicht herum.

Wenn man von solchen strategischen Unsicherheiten und vom Kompetenz- und Geldgerangel zwischen Bund und Ländern mal absieht, kann man insgesamt sagen, dass Deutschland massiv darauf setzt, seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft mit Hilfe der Wissenschaft zu gestalten. Der Kontrast zu den USA ist groß, wo die Regierung Trump mit einer regelrecht wissenschaftsfeindlichen Agenda antritt. Wie besorgt sind Sie darüber?

Im Weißen Haus sind die wichtigsten Positionen für die Wissenschaft noch gar nicht besetzt. Und Präsident Trump plant, ab 2018 im Durchschnitt 17 Prozent und in manchen Bereichen bis zu 40 Prozent einzusparen. Wenn es soweit kommt, wäre das sehr traurig und ein Schaden für die Wissenschaft weltweit, denn die USA sind in der globalen Wissenschaft ja weiterhin zentral.

Sie haben den Aufruf des französischen Präsidenten Macron, amerikanische Klimaforscher sollten nach Europa kommen, kritisiert. Sollen wir aus der absehbaren Schwäche der USA wirklich keinen Vorteil ziehen, wenn Trump selbst auf Egoismus setzt?

Ich bin nur gegen so eine Art Kriegsgewinnlermentalität. Grundsätzlich ist das, was in den USA zu passieren droht, ein Schaden für alle. Aber natürlich können und müssen wir dann überlegen, wie wir die überlebenswichtigen Bereiche, in denen gekürzt wird, vor allem in der Klima- und Energieforschung, bei uns in Deutschland und Europa gezielt und strategisch ausbauen. Es kann nicht darum gehen, Leute gezielt abzuwerben und einzukaufen. Aber Europa als Standort zu stärken und attraktive Angebote zu schaffen, das ist jetzt wichtiger denn je.

Sentinel-5-Satellit für Klimadaten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA (Modell): Wenn Trump bei der Klimaforschung spart, soll Europa strategisch investieren.
ESA/ATG medialab CC BY-SA 3.0 IGO

Was treibt Trump eigentlich an? Will er sich das Geld nur dort holen, wo er sowieso keine Freunde hat? Oder steckt echte Wissenschaftsfeindlichkeit dahinter?

Ich kenne Herrn Trump auch nur aus der Presse und es ist wirklich schwer einzuschätzen, wovon er sich beeinflussen lässt.

Es gibt ja nicht nur Trump, es gibt auch Erdogan, aus dessen Türkei Wissenschaftler zu uns fliehen, und andere autokratische Tendenzen. Wie soll das deutsche Wissenschaftssystem darauf reagieren?

Zum einen durch die eigene Priorität für Forschung in unserem toleranten und weltoffenen Land, zum anderen aber, indem wir Wissenschaftler in Ländern unterstützen, wo es darauf ankommt, dass da in fünf, sieben, zehn Jahren noch gute Leute sind, die Wissenschaft und Wirtschaft voranbringen können. Ich warne vor Forderungen, die Kontakte abzubrechen und die Grenzen zwischen den Wissenschaftssystemen zuzumachen. Staatssekretär Schütte war erst vor kurzem an der Deutsch-Türkischen Universität in Ankara. Dass dort ein Professor aus Berlin weiter eine Vorlesung über Menschenrechte hält, ist enorm wichtig. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es heißt, in einer Diktatur zu leben und wie wichtig es ist, dass man Orte hat, in denen man wissenschaftlich arbeiten kann. Wissenschaftspolitik kann Diplomatie nicht ersetzen, aber solche Möglichkeiten schaffen.

Wollen Sie nach der Bundestagswahl wieder an der Spitze des BMBF stehen?

Dazu sage ich nichts.

Sie machen nicht den Eindruck, als seien Sie amtsmüde. Warum sagen Sie nicht einfach, dass Sie weitermachen wollen?

Es freut mich, wenn es diese Erwartung gibt. Aber es ist der falsche Zeitpunkt, sich um etwas zu bewerben, was erst nach der Wahl entschieden wird. Wichtig ist, dass die Grundausrichtung unserer Politik für Bildung, Wissenschaft und Forschung klar ist. Ich mache viel Wahlkampf mit mehr als 60 Terminen. Nach der Wahl sehen wir weiter.



Das Interview haben Jan-Martin Wiarda und Christian Schwägerl geführt.