Von zehn Informatikstudenten schmeißen vier hin

Während an Universitäten weniger junge Menschen ihr Studium abbrechen, werden es an Fachhochschulen mehr. Von BildungsForscher Jan-Martin Wiarda

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05. Dezember 2016

Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) ermittelt alle zwei Jahre die aktuellen Abbrecherquoten, Anfang 2014 haben die Forscher im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Stiftung Mercator zusätzlich ein umfangreiches Projekt namens „Studienabbruch – Umfang und Motiv“ gestartet. Schon vor Monaten sickerten erste Zahlen durch, das Geraune begann. Irgendwann im Herbst hielt ich dann eine Version der Studie in der Hand.

Der wichtigste Befund: Die Fachhochschulen haben ein Qualitätsproblem. Die Bachelor-Abbrecherquote, die bei der Erhebung vor vier Jahren bei 19 Prozent lag, ist seither um fast die Hälfte gestiegen, auf aktuell 27 Prozent. Gleichzeitig haben die Universitäten, die vor vier Jahren auf 35 Prozent kamen, den Anteil leicht, aber stetig über 33 auf jetzt 32 Prozent senken können. Diesmal hat sich das DZHW den Studienanfänger-Jahrgang 2010/11 und seinen Verbleib angeschaut.

Das BMBF tut sich offenbar schwer mit den Ergebnissen. Einen Termin, wann denn die Studie offiziell veröffentlicht werden soll, kann das Ministerium nicht nennen. Dabei haben die Zahlen eine besondere Relevanz, eine Woche nachdem das Statistische Bundesamt einen neuen Studentenrekord bekanntgegeben hat: 2,8 Millionen.

DZHW-Projektleiter Ulrich Heublein teilt auf Anfrage mit, die Arbeit an der Studie sei „noch nicht ganz abgeschlossen. Aus diesen Gründen kann eine abschließende Bewertung der Befunde noch nicht stattfinden.“ Und aus dem BMBF kommt die fast gleichlautende Antwort: Die Studie sei noch nicht fertiggestellt, „weshalb wir auch noch keine Ergebnisse kommentieren.“

Das Problem der Fachhochschulen offenbart sich auch im Master. Von allen FH-Studenten, die im Jahr 2012 ein Masterstudium begonnen haben, erreichten 19 Prozent ihr Ziel nicht – verglichen mit lediglich 7 Prozent zwei Jahrgänge zuvor. Damit sind die Fachhochschulen sogar über die Universitäten hinausgeschossen, wo die Quote zwar auch anstieg, aber weniger stark von 11 auf 15 Prozent.

Was ist da los an den Fachhochschulen?

Die Suche nach Gründen gestaltet sich schwierig, da das DZHW sich nicht äußert und das BMBF darauf besteht, die Studie sei nicht abgeschlossen. In der mir gleichwohl vorliegenden Version der Studie kann man dagegen stichhaltige Überlegungen nachlesen, die sich auf Befragungen von Exmatrikulierten stützen. Offenbar, so die Forscher, schlage die erhöhte Studierneigung durch. Sprich: Die zusätzlichen Erstsemester sind überproportional von den Fachhochschulen aufgenommen worden. Mittlerweile starten 40 Prozent der Erstsemester an einer FH – gegenüber weniger als 30 Prozent vor 15 Jahren. Doch auch die Fachhochschulen tun sich schwer mit einer Klientel, die häufiger als früher aus Nicht-Akademikerhaushalten stammt. Die Folge: erhöhte Abbrecherquoten.

Als einziges Bundesland hat Baden-Württemberg die DZHW-Forscher beauftragt, eine Extra-Auswertung in Sachen Abbruchgründen nur für das Bundesland im Südwesten vorzunehmen. Die Abschlusswahrscheinlichkeit macht demzufolge einen Sprung, wenn mindestens ein Elternteil ebenfalls studiert hat. In der Hauptstudie konstatieren die Forscher zudem, dass die Abbrecherquote nochmals drastisch sinkt, wenn beide Eltern einen Studienabschluss haben. Eine spannende Differenzierung, weil sie den Begriff der "Akademikerhaushalte" neu definiert – was künftige Förderprogramme beachten sollten. Denn erfolgreiche Studenten sind schon bei Studienbeginn besser informiert über die Studienanforderungen und eher in der Lage, von Anfang an eigenaktiv zu studieren – was natürlich wiederum auch mit der Vorbereitung im Elternhaus zusammenhängt.

Die meisten Studenten brechen in den ersten beiden Fachsemestern ab, was eine gute Nachricht ist, und laut Baden-Württemberg-Studie bleiben die Studienanfänger eher dabei, wenn sie ihr in ihren Wunsch-Studiengang studieren können anstatt mangels ausreichender Abinote ein Verlegenheitsfach. Überhaupt die Noten: Dass Studienabbrecher im Schnitt schon aus der Schule die schlechteren Noten mitbringen, überrascht wenig. Dass besonders die Abschlussnote in Mathematik als „Prädikator des Studienerfolgs“, wie die Forscher das formulieren, geeignet ist, dann in der Eindeutigkeit schon.

Die zunehmende Vielfalt der Studenten spiegelt sich auch in der Form ihres Zugangs zu den Hochschulen. Dabei zeigt sich, dass Studienanfänger mit klassischem Abitur an Gymnasien oder Gesamtschulen weitaus häufiger zu Ende studieren als ihre Kommilitonen, die über den Besuch von Abendgymnasien, Kollegs, Fachgymnasien oder Berufsoberschulen den Weg an die Hochschulen finden.

Die Fachhochschulen müssen umdenken – und tun es bereits

Im Rahmen des von Bund und Ländern finanzierten Qualitätspakts Lehre haben allein bis 2016 78 Fachhochschulen erfolgreich Projektmittel beantragt, wobei Maßnahmen gegen den Studienabbruch im Fokus standen. Da die Gelder jedoch erst seit 2011 fließen und das DZHW sich jetzt den Anfängerjahr 2010/11 angeschaut hat, können die guten Ideen noch nicht durchschlagen. Was der von der Politik gehypte Qualitätspakt tatsächlich bringt, wird sich also frühestens in zwei Jahren erweisen.

Dass die Hochschulen in der Zwischenzeit gut daran tun, die neue Vielfalt der Studienanfänger nicht als Ausrede zu missbrauchen, zeigen ausgerechnet die Fortschritte in einer Fächergruppe, die noch vor wenigen Jahren am meisten gescholten wurde: die Ingenieurwissenschaften. Vor vier Jahren ermittelte das DZHW für den Uni-Bachelor eine Abbrecherquote von indiskutablen 48 Prozent, in einigen Fächern wie Maschinenbau lag der Wert sogar jenseits der 50 Prozent. Ob politischer Druck oder tiefere Einsicht: Die Ingenieure haben umgedacht, gerade die Studieneingangsphase neu gestaltet und die Abbruchrate auf 32 Prozent gedrückt. Zumindest die Ingenieure an den Unis. An den Fachhochschulen das umgekehrte Bild: Vor vier Jahren gaben 30 Prozent der Studenten auf, jetzt sind es 33.

Dramatisch schlecht ist die Situation mittlerweile in der FH-Informatik: Hier schnellte die Abbrecherquote von 27 über 34 auf jetzt 41 Prozent hoch. Die Uni-Informatiker haben den Anteil zumindest bei 45 Prozent nahezu stabil halten können. Für beide Hochschularten: beschämende Werte. Welcher politische Druck sich in den kommenden Jahren auf die Informatiker entladen wird, ist absehbar angesichts der allgegenwärtigen Digitalisierungsrhetorik. Was für die künftigen Studenten nur gut sein kann.

Glaubt man den Berichten vieler Hochschulen, hat die stark gestiegene, aber immer noch verhältnismäßig niedrige Abbrecherquote bei den Masterstudenten übrigens einen eher undramatischen Grund und zeigt eine neue Gewohnheit vieler Bachelorabsolventen: erstmal einen Master-Studienplatz besorgen, dann einen Job suchen. Und wenn man was findet, abbrechen.

Fest steht: Die Ergebnisse der DZHW-Abbrecherstudie werden Debatten auslösen. Wobei es hilfreich wäre, wenn sie offiziell veröffentlicht würde und die Forscher ihre Ergebnisse frei kommentieren könnten. 

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