Das Gewitter kann kommen

Regenvorhersage per SMS für afrikanische Bauern

Ignitia Per SMS erfahren die Bauern, wie das Wetter in den nächsten 48 Stunden wird.

In Ghana werden nur 0,2 Prozent der Ackerflächen bewässert. Die Bauern setzen also auf den Regen – und sie schauen in den Himmel, um zu sehen, ob es demnächst regnen könnte. Nur jeder vierte Landwirt, den Rebeka Ramangamihanta von der University of California at Berkeley im vergangenen Jahr fragte, nutzte die Wetternachrichten aus dem Radio oder Fernsehen. Doch seit einigen Jahren gibt es in Westafrika eine Alternative: eine SMS aufs Handy, in der die Regenwahrscheinlichkeit für die nächsten 48 Stunden vorhergesagt wird – an dem Ort, an dem sich der Handynutzer aufhält.

Das schwedische Unternehmen Ignitia verlangt für eine Einzelabfrage umgerechnet einige Euro-Cent, die vom Prepaid-Guthaben des Kunden abgebucht werden. Die Netzbetreiber teilen der Firma zu diesem Zweck mit, über welchen Mobilfunkmasten sich das Handy ins Netz eingeklinkt hat. Das System soll möglichst einfach zu handhaben sein. Es ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden und wurde unter anderem von Ashoka unterstützt, einer Organisation, die soziales Unternehmertum fördert. Gewinne erwirtschaftet es noch nicht.

Die knapp 60 Bauern, die Ramangamihanta interviewte, zeigten sich durchweg zufrieden mit dem SMS-Dienst. Er helfe ihnen in erster Linie, den Tag zu planen, schreibt die Forscherin in einem noch unveröffentlichten Bericht. Wenn es morgen regnen soll, können sie zum Beispiel heute säen. Die Samen liegen dann nicht lange auf dem trockenen Boden, wo sie von Vögeln gepickt werden. Wenn es morgen regnen soll, können sie sich außerdem die Helfer und den Truck für die Ernte sparen und stattdessen etwas anderes tun. Schließlich hat gut die Hälfte der Landwirte noch einen zweiten Job. Über ihr Einkommen und ihre landwirtschaftlichen Erträge wollten aber nur wenige sprechen – sie fanden die Frage danach aufdringlich, berichtet Ramangamihanta.

Das Ziel sind eine Million Kunden – noch in diesem Jahr

Das internationale Forschungsprogramm Climate Change, Agriculture and Food Security (CCAFS) empfiehlt solche Computer-basierten Vorhersagen als Möglichkeit, sich an den Klimawandel anzupassen und die Ernährung langfristig zu sichern. Für Westafrika werden, wenn auch noch mit erheblichen Unsicherheiten, mehr Hitzewellen und Wolkenbrüche erwartet. In einem Arbeitspapier aus dem vergangenen Jahr schreiben die Forscher, dass die digitalen Kanäle zusammen mit einer guten Datenanalyse neue Möglichkeiten bereitstellen, mit Risiken umzugehen: Die vorhandenen Ressourcen werden effizienter genutzt, die Erträge steigen – und der Anreiz sinkt, zusätzliche Flächen landwirtschaftlich zu nutzen. Das würde nämlich zu neuen Emissionen führen, wenn Wald- oder Naturflächen gerodet und urbar gemacht werden. Der Weltklimavertrag von Paris gibt in seiner Präambel der Gewährleistung der Ernährungssicherheit „grundsätzlichen Vorrang“ vor allen anderen Maßnahmen, hält aber auch fest, dass die Ernährungssicherheit gerade durch die klimatischen Änderungen bedroht ist.

Fast alle der Landwirte sagten der kalifornischen Forscherin Ramangamihanta, sie würden den Dienst der Firma Ignitia weiter nutzen, und sie waren im Durchschnitt sogar bereit, den fünffachen Preis für eine SMS zu zahlen, weil ihnen die Informationen im Alltag helfen. Das bestätigt die Erfahrungen von Ignitia: „Nur drei Prozent der Kunden steigen nach dem ersten Jahr aus“, sagt die Geschäftsführerin Liisa Smits, eine studierte Physikerin und Meteorologin, die vor acht Jahren mit einigen Kollegen nach Ghana ging, um den Dienst zu entwickeln. Mehr als 300 000 Menschen will die Firma inzwischen erreicht haben und peilt bis Ende 2018 sogar eine Million an – vor allem durch Werbemaßnahmen in Nigeria, aber auch in anderen westafrikanischen Staaten. Smits und ihr Team haben dazu Farmerverbände und Hilfsorganisationen angesprochen, schalten Werbung im Radio und in den Mobilfunknetzen und sie schicken Vertreter in die Dörfer. Doch diese Strategie hat offenbar auch Grenzen: Die Forscher des CCAFS-Programms heben hervor, dass Frauen nur selten über ein Handy verfügen, aber einen großen Teil der landwirtschaftlichen Arbeit stemmen.

Stolz auf die bisher erreichte Trefferquote

Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniere gut, weil die Bauern eher auf den Rat von Menschen hören, die sie kennen und denen sie vertrauen, erläutert Andreas Vallgren, der Forschungschef der Firma. „Es dauert länger, eine Nutzerbasis aufzubauen, als wir es aus Europa kennen, dafür ist sie dann sehr treu.“ In den Städten wolle Ignitia in diesem Jahr zudem Kunden in den ärmeren Schichten gewinnen, um sie rechtzeitig vor Unwettern zu warnen.

Gelegentlich äußern die Kunden aber auch Kritik. Der häufigste Wunsch der Nutzer ist, die Genauigkeit der Vorhersagen zu verbessern. „Gestern kam die Nachricht, dass es in der Nacht wahrscheinlich regnen werde“, erzählte zum Beispiel ein Farmer. Also habe er keine Insektizide gesprüht, weil sie gleich wieder von den Pflanzen heruntergewaschen worden wären. „Doch der Regen kam erst am Morgen und ich hätte doch sprühen können“, beschwert er sich.

Die Meteorologen von Ignitia sind dennoch stolz auf die Prognosen, die sie machen können. Denn für die Tropen sind die Vorhersageverfahren längst nicht so ausgereift wie für mittlere Breitengrade. Vor allem die häufigen Gewitterwolken lassen sich am Computer nur schlecht simulieren, weil sie zu klein sind für die Raster der virtuellen Welt des Klimamodells. Typischerweise werden die Wetterdaten nur für Punkte auf der Landkarte berechnet, die mindestens zehn Kilometer auseinanderliegen; die Sturmzellen schlüpfen schnell durch dieses Gitter – übrigens nicht nur in den Tropen, sondern auch in den Industrieländern. Ignitia nutzt für Westafrika daher ein besser aufgelöstes und frei verfügbares Regionalmodell namens WRF, in das die Firma – mangels Wetterstationen in Afrika – vor allem Daten aus Satellitenaufnahmen einspeist. An den Rändern der simulierten Region werden Parameter aus einem gröberen Modell eingesetzt, das die ganze Welt abbildet. Die Firma hat außerdem Algorithmen entwickelt, um den Zug von Gewitterwolken vorherzusagen.

Sich in einer fremden Kultur verständlich machen

Detlev Majewski vom Deutschen Wetterdienst bezeichnet das Vorgehen als „Stand der Technik“ und „eine clevere Idee“. Er hegt aber Zweifel an der außergewöhnlich hohen Trefferquote, die Ignitia ihren Vorhersagen zuschreibt: Die sogenannte Heidke Skill Score soll für Ghana bei 86 Prozent liegen. Die Firma verweist auf Anfrage darauf, dass sich diese Erfolgsmeldung nur auf bestimmte Vorhersagen beziehe, die mit hoher Zuverlässigkeit gemacht werden können: Wenn per SMS gemeldet wird, dass es morgen ziemlich sicher trocken bleibt oder dass es mit mehr als 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit regnet, dann würden diese Vorhersagen ziemlich häufig stimmen. „Würden wir die Kategorien ‚wahrscheinlich trocken‘ und ‚wahrscheinlich Regen‘ miteinbeziehen, würde die Erfolgsquote natürlich sinken“, sagt Andreas Vallgren. Eine unabhängige Studie zur Wetterprognose von Ignitia sei aber in Arbeit.

Ein wichtiger Teil der Entwicklung ist, die Nachrichten für die Bauern verständlich zu machen. In ihrer Umfrage fand Rebeka Ramangamihanta, dass ein Viertel der SMS-Empfänger jemanden brauchte, um sie vorzulesen, obwohl sie knapp und standardisiert sind – mit den immer wieder gleichen Worten. Dort heißt es zum Beispiel lapidar: „Heute wahrscheinlich trocken. Morgen wahrscheinlich Regen.“ Ignitia experimentiert daher auch mit Audionachrichten. Und man habe lernen müssen, dass sogar Piktogramme in Afrika anders verstanden werden als in Europa, berichtet Smits. „Die Bauern haben zum Beispiel unser Symbol für Sonne als Spinne interpretiert.“

Detlev Majewski lobt diese Arbeit: „Eine Vorhersage ist erst wertvoll, wenn ein Kunde auf dieser Basis gute Entscheidungen treffen kann.“ Er selbst und der DWD arbeiten seit einigen Jahren jedoch an einem anderen Ansatz: in Afrika meteorologisches Know-how aufzubauen. Der Wetterdienst stellt afrikanischen Wetterbehörden zu diesem Zweck ein Regionalmodell zur Verfügung, das COSMO heißt und das er mit Partnern entwickelt hat. Zwei Wochen lang werden die Meteorologen aus Afrika in Deutschland darin geschult. „Bei manchen macht es Klick im Kopf und sie arbeiten sich selbständig in das Thema ein“, erzählt Majewski. „Andere sind nur an dem Zertifikat interessiert, weil sie hoffen, damit in ihrem Land eine Führungsposition zu ergattern.“

13 afrikanische Länder nehmen bisher daran teil. Aus Westafrika, dem Gebiet von Ignitia, sind Burkina Faso und Nigeria dabei. Die Länder müssen jemanden finden, der ihnen einen guten Rechner finanziert, auf denen das rechenintensive Wettermodell laufen kann, und sie müssen ihre Reisekosten tragen. Das Ausbildungsprogramm und der anschließende Online-Support sind jedoch kostenlos. Wie sie die Computermodelle interpretieren und die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren, liegt dann in der Hand der afrikanischen Wetterdienste. „Sie kennen die Bedingungen in ihrem Land natürlich besser als wir“, sagt Majewski. Aber es sei schwer, einen nachhaltigen Effekt zu erzeugen: „Die Kollegen werden oft nach zwei oder drei Jahren von Banken oder Versicherungen abgeworben. Der staatliche Wetterdienst kann mit den Gehaltsangeboten aus der freien Wirtschaft nicht mithalten.“

Hinweis: Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Mehr über uns und unser Thema finden Sie hier. Wenn Sie Fragen haben oder einen wöchentlichen Newsletter abonnieren möchten, schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de.