Heimat ist da, wo ich sammle

Kulturelles Erbe in der deutschen Provinz: Ein Beispiel – Viehstrichmuseum in Schaidt

Von Sven Scherz-Schrade

Thomas Kirschenmann

4. Dezember 2017

Heimat erfährt eine neue Wertschätzung. Das hat natürlich mit Globalisierung und mit den großen Flucht-bewegungen der letzten Jahre zu tun. Die gesellschaftliche Selbstverortung, was und wo ‚unsere‘ Heimat ist, zieht dabei so viel Aufmerksamkeit auf sich wie schon lange nicht mehr. Gut zu sehen war das – fürs süddeutsche Publikum – am Zulauf der Heimattage Baden-Württemberg 2017 in Karlsruhe. Sie finden seit nunmehr 40 Jahren statt. Nicht zuletzt durch Themen zu Ankunft, Integration und kultureller Identität waren diese Heimattage weitaus sinnstiftender als viele Male zuvor.

Fernab des „Event“-Charakters mit massenpublikumswirksamer Botschaft liefern die Heimatmuseen der Museums-Szene Deutschland den Humusboden fürs kulturelle Erbe. Merklich still wird dort gesammelt und gesammelt. Merklich still fallen manche Globalisierungsthemen dort hinten ab. Die Einwanderung der sogenannten „Gastarbeiter“ zum Beispiel hat als Thema nicht in alle Heimatsammlungen Einzug gefunden. Und das obwohl der Zuzug ausländischer Arbeitskräfte ab den 1980ern allgegenwärtig war. Auch auf dem Land mit Spargelstechern und Erntehelfern. 2010 lud zu dieser „Gedächtnislücke“ eine Fachtagung in Ludwigshafen ein unter dem Thema „heimat MUSEUM. migration&erinnerung“. Der Tenor damals: Es muss sich was ändern. Aber mehr als den guten Willen zu stimulieren, geht nicht. Die Verhältnisse in punkto Heimatmuseum sind ehrenamtlich, personell begrenzt, finanziell eng bemessen. Das zeigt ein Blick ins Detail, etwa des Viehstrichmuseums in Schaidt. Der Ortsbezirk von Wörth am Rhein zählt etwa 2000 Einwohner, liegt linksrheinisch hinter der Landesgrenze in Rheinland-Pfalz. Tourismus gibt es hier nur ganz vereinzelt. Das Viehstrichmuseum gibt es, weil es die Tradition so verlangt. Es ist der Gemeinde hoch anzurechnen, dass sie sich ein solches Heimatmuseum hält.

Ohne Ehrenamt geht hier gar nichts. Thomas Kirschenmann ist Vorsitzender des Heimatvereins Schaidt und leitet qua Amt dort das Viehstrichmuseum, denn die Region in der Südpfalz wird Viehstrich genannt. Der selbständige IT-Fachmann würde die Sammlung am liebsten online zugänglich machen. Denn wie die meisten anderen Heimatmuseen der Region kann das Viehstrichmuseum für Besucher nur auf Anfrage öffnen.

Eine Puppe mit alten Kleidern vor einem alten Spiegel
Wieviele Objekte im Schaidter Viehstrichmuseum lagern, kann Thomas Kirschenmann nicht sagen. Ein Inventar existiert nicht.
Thomas Kirschenmann

Handlich und praktisch ist der alte „Siemens Rapid“, auch wenn sich das Stromkabel nur etwas sperrig auf- und abwickeln lässt. Thomas Kirschenmann mag dieses Ausstellungsstück sehr. Als er Kind war, hatte auch seine Mutter einen solchen Staubsauger, der in den westdeutschen Familien der späten Wirtschaftswunderjahre für einen sauberen Haushalt sorgte. „Wir geben hier Alltagsgeschichte wieder, wie das Leben früher so war“, sagt Kirschenmann, hinter ihm ein mit Tellern, Tassen, Töpfen vollgestellter Küchenschrank von 1930, eine Nudelmaschine, jede Menge Steingut, Porzellan, Bestecke, Kellen... Im Obergeschoss und unterm Dach des ehemaligen Schaidter Schul- und Reithauses aus dem 18. Jahrhundert sind mehrere tausend Artefakte untergebracht. „Die genaue Zahl kann ich Ihnen gar nicht benennen“, sagt Kirschenmann: „Es ist auch nicht alles inventarisiert.“

Die Sammlung des Viehstrichmuseums erzählt unter anderem vom alten Korbflechthandwerk aus dem Bienwald, sie erklärt die Tierhaltung, die dem Viehstrich seinen Namen gab. Sie zeigt mit Gerätschaften wie Pflug oder Sense, wie mühsam es früher in der Landwirtschaft zuging. Es lohnt sich, die alten, abgenutzten Gegenstände aufzubewahren. So lässt sich Vergangenheit gut begreifen. Man lernt dabei auch, die eigene Gegenwart mehr wertzuschätzen. Genau das ist das Prinzip Heimatmuseum. Doch mit der Zukunft dieses Museumstyps ist es nicht mehr gut bestellt.

Kultur gilt als freiwillige Leistung der Kommune

Heimatmuseen basieren in der Regel auf ehrenamtlicher Leistung. Der demografische Wandel hat hier aber zu einer negativen Entwicklung geführt, die man auch beim Museumsverband Rheinland-Pfalz, der die Heimatvereine und -museen berät, beobachtet. Geschäftsführerin Bettina Scheele: „Menschen wollen sich nicht mehr längerfristig an Vereinsaufgaben binden.“ Scheele betont, dass das auch für die Leute jenseits des Rentenalters gelte. Auch finanziell sind Heimatmuseen meist nicht üppig ausgestattet. Oftmals stellt – so wie in Schaidt – die Kommune die Räumlichkeiten zur Verfügung, sie trägt auch die Betriebskosten. Aber darüber hinaus gibt es keine öffentlichen Fördergelder. Weil Kultur als freiwillige Leistung der Kommune gilt, wird sich in Zukunft wohl auch kaum etwas verbessern. Der Museumsverband stellt auch kulturpolitisch keine entsprechenden Forderungen an die Kommunen. Scheele: „Da ist nichts zu erwarten.“

Werkzeug auf einem Tisch
Geräte aus der Landwirtschaft, Werkzeug der Korbhandwerker und des Holzschumachers zeigen wie das Leben früher war.
Thomas Kirschenmann

Man muss keinen Hehl daraus machen. Aber als vor knapp zwei Jahren Kirschenmann Vorsitzender des 85 Mitglieder zählenden Heimatvereins wurde, rissen sich nicht gerade Unmengen an Bewerbern um das Amt. Kirschenmann stammt aus Karlsruhe, lebt seit 1995 in Schaidt, ist berufstätig. Er würde gern mehr Zeit reinstecken in die Heimatpflege, stößt aber an Grenzen. Auf die etwa 15 bis 20 aktiven Vereinsmitglieder ist er stolz. Sie helfen, wenn das Museum zur Kerwe oder zum Aktionstag „Radel ins Museum“ geöffnet hat. Aber geregelte Öffnungszeiten gibt es nicht. Aufgemacht wird auf Nachfrage.

Derzeit scannt Kirschenmann historische Fotos ein, die er auf der Online-Plattform Schaidt.Topothek.de einstellt. Sein Wunsch ist, das bis unters Dach vollgestellte Viehstrichmuseum online gehen zu lassen. Ein gigantisches Projekt, das er momentan aus Zeitgründen und wegen des schmalen Vereinsbudgets nicht im gewünschten Tempo stemmen kann. „Das würde aber auch jüngere Leute interessieren und man wäre unabhängig von Öffnungszeiten“, so Kirschenmann.

Beim Museumsverband wiederum weiß man, dass solche Ideen überlebensnotwendig werden. Die meisten Heimatmuseen müssten aktiver werden, um wahrgenommen zu werden. Vor allem die Kontakte zu den Schulen seien wichtig, sagt Scheele: „Damit erreicht man die Generation von morgen.“ Das sagt sich so leicht, muss aber ehrenamtlich mit willigen und interessierten Lehrkräften organisiert werden. Das Viehstrichmuseum hat schon oft Führungen für Schulklassen gemacht. „Aber das ist alles noch ausbaufähig“, sagt Kirschenmann. Zum Museum gehört auch ein Eiskeller, der in früheren Jahrhunderten als Kühllager diente. Auch hier plant das Viehstrichmuseum extra Führungen zur Dorfgeschichte. Allein braucht es hierfür auch wieder ehrenamtliche Mitstreiter, so wie das ganze Museum ehrenamtlich geputzt und gereinigt wird, zwei bis drei Mal im Jahr. Das Entstauben ist mühselig. Apropos: Der „Siemens Rapid“ kommt dabei nicht zum Einsatz. Kirschenmann: „Da bringt jeder seinen eigenen Staubsauger mit, Ehrensache!“


Der Autor

Dr. Sven Scherz-Schade lebt und arbeitet als freier Journalist in Karlsruhe. Ein Schwerpunkt seiner publizistischen Tätigkeit für Print und Hörfunk liegt auf den Themen zur Kulturpolitik und Kulturwirtschaft, insbesondere der Musiktheater und der Klassik-Szene. Er redigiert das INTHEGA Kultur Journal für die Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e.V.

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