Politik im zweiten Rang, Erdgas im flachen Grund und ein großer Schreiber auf dem Dorf

In Niedersachsens Provinz werden deutsche Eigenheiten greifbarer als in den Metropolen. Radreport Deutschland Kapitel 4.

Die Provinz macht unser Land aus: Nur ein Drittel der Bevölkerung lebt in Großstädten. Jenseits der Metropolen bin ich per Rad durch Deutschland getourt, 2451 Kilometer durch alle Bundesländer. "Zwei Räder, ein Land" heißt mein Buch, aus dem im Projekt RadelnderReporter, bereits vorliegen:

Kapitel 1 Milch und Miseren in Holstein

Kapitel 2 Blüten der Ostalgie in Mecklenburg

Kapitel 3 Das Apfelvermächtnis in Hamburg.

16 Länder per Rad, Kapitel 4

Zwischen Hamburg und Bremen

In Handeloh habe ich die vogel- und waldreiche Gegend hinter mir gelassen. ›Niedersächsisch normal‹ würde ich sagen, fragte mich jemand, wie ich die Gegend empfinde. Eben erstreckt sich das Land, Platt steht auf einigen Schildern. Das Dorf Welle zum Beispiel heißt niederdeutsch Will. Platt bin ich einige Kilometer weiter angesichts eines Straßenschilds. Es gehört zum Landkreis Rotenburg und benennt die Patenschaften, hübsch mit Wappen: ›Angerburg, Ostpreußen‹ und ›Stuhm, Westpreußen‹.

Auf weißem Schild am Straßenschild ist zu lesen: "Patenkreise: Angerburg (Ostpreußen), Stuhm (Westpreußen)", jeweils mit Wappen.
Warum wird Preußen hier noch hochgehalten? Der Landkreis Rotenburg an der Wümme benennt lediglich die alten deutschen Namen.

Im ersten Rotenburger Dorf, Tiste, frage ich an seinem alten Fachwerkgehöft den Bauer, wie die revanchistischen Namen zu verstehen seien. Hartmut Löhmann misst den preußischen Bezeichnungen keine Bedeutung zu, schiebt alle Schilderschuld auf die Kreisverwaltung. Nein, meint er auf meine Nachfrage, Parteien am rechten Rand seien in der Gegend unbedeutend, allen damaligen Trends im Osten zum Trotz.

A1 statt AfD: Lokales Staubarometer wichtiger als politische Großwetterlage

Was politisch in den Neuen Ländern passiert, interessiere hier kaum. »Die Leute sind fixiert auf ihre Arbeit und die Verkehrsanbindung« sagt Löhmann. »Viele pendeln nach Bremen oder Hamburg und brauchen manchmal zwei Stunden, einfache Strecke.« A1 statt AfD. Das lokale Staubarometer ist in Tiste wichtiger als die politische Großwetterlage.

Nach dem Gesprächsmitschnitt will ich das Smartphone neu laden. Dem geht im Strudel von Navigation, Nachschlagen und Notizen meist schon nach zwei Stunden der Saft aus. Doch hier, in Tiste, endet jäh das Gemächliche dieses glücklichen Morgens. Der Schreck fährt mir doppelt in die Glieder. Ladestecker und -kabel fehlen, sind wohl in Thelstorf geblieben - meinem letzten Etappen-Stützpunkt nahe Jesteburg.

Deutschlandkarte mit 24 markierten Übernachtungsstätten.
24 Etappen für 2451 Kilometer: Beginnend in Holstein durchmaß ich als RadelnderReporter alle 16 Bundesländer, im kleinen Gepäck die große Recherche-Frage: Wie geht's Deutschland? - Antworten gibt mein Buch "Zwei Räder, ein Land", ISBN 978-3-7497-9757-8.
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Schwarz-Weiß-Aufnahme der Bäuerin, vor dem Melkhus-Symbol im Hintergrund im Hofgiebel.
Das Flachland zwischen Wümme und Oste ist Hochburg deutscher Milchproduktion, sagt Martina Eckhof vom Melkhus in Ehestorf.
Zu sehen ist ein Ausschnitt des Buchcovers.
"Der Autor berichtet spannend, detailreich und sehr persönlich von seiner weitgreifenden Recherche-Reise (...) und ist kein ultrafitter Supersportler, sondern einer dem die Muskeln brennen, der von Selbstzweifeln gequält wird. Das unterscheidet 'Zwei Räder, ein Land' auf sehr sympathische Weise von anderen Reiseberichten." Auszug aus der Rezension im Magazin NordSpitze, erschienen am 1.10.2020.

Ich fahre über Deutschlands größtem Erdgas-Förderfeld

15.30 Uhr, zurück auf der Route. Bis zum Ziel im nördlichen Bremen fehlen noch vierzig Kilometer. Hinter Nartum ödet mich die Gegend an, viele Großfelder, immergleiche Gehöfte. Vielleicht wären Wolfsafaris ein belebender Wirtschaftszweig? Obwohl die Gegend so arm nicht sein kann: Großkonzerne zahlen hier Tribut, um in den Eingeweiden der Erdkruste zu bohren. Nach Erdgas. Gefördert wird es seit Jahrzehnten in Deutschland: zu 97 Prozent in Niedersachsen, dabei größtenteils in Kempowski-Land.

Auch wenn die gesamte deutsche Erdgasförderung nur 7 Prozent des Deutschlandbedarfs deckt, sind hier die ganz Großen vertreten, wie Exxon-Mobil und RWE Dea. Rund elf Milliarden Kubikmeter Erdgas fördern sie jährlich. Es ist genug, um umgerechnet 55000 Einfamilienhäuser ein Jahr lang zu beheizen. Das reichte fürs komplette Rotenburg. Die Stadt an der Wümme ist ungekrönte Hauptstadt des größten Erdgas-Fördergebiets, um die ich mit dem Rad radial meinen Bogen ziehe. Aber von Industrieanlagen oder Fördertürmen keine Spur.

Rohrleitungen treten aus dem Boden und sind hinter einem Zaun, auf dem technische Infos bereitgehalten werden, abgeschirmt
Nördlich von Rotenburg/Wümme konzentriert sich die deutsche Erdgasförderung.

Hinter Narthausen lasse ich den Rotenburger ›Erdgas-Felderkomplex‹ vollends hinter mir. Nicht nur deswegen fühle ich mich erleichtert. Bis zur Landesgrenze von Bremen trennen mich nur fünfzehn Kilometer. Bei Fischerhude begebe ich mich in die Niederungen der Wümme, die mich ins fünfte Bundesland geleitet.

Bremen - mein fünftes Land und Endpunkt von Rad-Etappe 3

Mein Plan besteht darin, in den Kern traditionellen Kommerzes einzudringen, eine alte Kaffeerösterei zu besuchen und einen Kolonialwarenladen. Doch als ich die Wümmewiesen Bremens erreiche, ist es viel zu spät dafür. Der Ladekabel halber und wegen des langen Halts in Nartum bin ich seit fast zehn Stunden unterwegs. Bis zur heutigen Unterkunft im Norden fehlen auf direkter Route nur 14 Kilometer. Ein Umweg über Stadtzentrum und Holzhafen bedeutete fast das Doppelte.

Ich zögere, lehne das Rad an einen bemoosten Holzrahmen am Straßenrand. Im Rahmen hängt ein Schild, ›Binneboom-Museum‹. Das reizt meine Neugier mehr als Kaffee und Koloniales. Ich biege zum Museum ab und lerne Klaus Krentzel kennen.

Krentzel und das Binneboom-Museum gibt's exklusiv im Buch "Zwei Räder, ein Land". I

Das nächste Kapitel des Buchs (Nummer 5), Ende November:

Düste, DeepHolz, Dümmer

Von Nordbremen durch den Rest Niedersachsens

  1. Geschichte
  2. Gesellschaft
  3. Reise

Von einem, der auszog, das Positive zu suchen

...und auf der Radreise durch Deutschland überraschend im Westen mehr negative Stimmen einfing.

Der RadelndeReporter vor der Statue des Dibbermann in Bad Kreuznach.
  1. Reise
  2. Selbstversuch
  3. Wirtschaft

Nur eine hört zu

Warum gibt's in Uelzen nur Eulen- und keine Buch-Käufer!? Eindrücke von drei Tagen Buch-Verkaufstour, gut 550 Kilometer mit Rad und Bahn.

Rennrad mit Lenkertasche und Radhelm lehnt an der Holzeule, geschaffen zum 750. Stadtjubiläum von Uelzen vom Motorsägenkünstler Andrée Löbnitz.
  1. Radverkehr
  2. Radwege
  3. Reise

"Das ist pflichtgemäßes Ermessen"

So nennt es der Wachtmeister in Melle, wenn er ein Auge zudrückt, sollte ich mich wegen schlechter Radwege wieder mal nicht an die "Benutzungspflicht" halten.

Das Vehikel des RadelndenReporters lehnt an einem Warnschild mit der Aufschrift "Radweg-Schäden".
  1. Gesellschaft
  2. Politik
  3. Reise

Mauerfall: Von geschichtlichen Monstern und anderen Lebewesen

"Grenz-Erfahrung" und Interview mit dem Vater des Mauerwegs – Rad-Report zu 30 Jahren "Einheit".

Im Hintergrund lehnt das Rad des RadelndenReporters an einem Überbleibsel der Berliner Mauer.
  1. Deutschland
  2. Radfahren
  3. Reise

Die schönsten Radreiseländer

Neue Umfragen ergeben für Deutschland ein ähnliches Bild wie die erstmalige ADFC-Analyse vom März.

Das Vehikel des RadelndenReporters lehnt an einer in Deutschlandfarben gestrichenen Riesenkuh vor einem Holzschuppen, in dem Rohmilch ausgegeben wird.
  1. Radfahren
  2. Reise
  3. Reportagen

Per Rad durch Deutschland: Von Milch und Miseren in Holstein

Als ich mit dem Fahrrad durch alle Bundesländer fuhr - Leseprobe aus dem Buch über unser Land, Kapitel 1 von 16.

Das Rennrad lehn am Ortsschild von Berlin/Schleswig-Holstein.
  1. Corona
  2. Reise
  3. Spanien

Spanien muss warten

Nachdem das Auswärtige Amt die Corona-bedingte Reisewarnung auf alle Landesteile ausgedehnt hat, ist auch im Herbst mit Einschränkungen zu rechnen.

Verwitterte Kalkberge, aus denen ein Kirchturm herausragt.
  1. Australien
  2. Reise
  3. Tiwi-Island

Rugby & Kunst: Die Aboriginal-Kultur der Tiwi-Islands

Eine Reise in die Timorsee, zur nördlichsten Inselgruppe Australiens – und in die deutsche Missionarsgeschichte

A Aboriginal dancer ahead of the Tiwi Islands Grand Final and Art Sale.<br /><br />Head to Bathurst Island for the epic AFL grand final match for the Tiwi football league, as well as the annual art sale. Footy fans and art goers make the pilgrimage from all over Australia to experience this must-do event.<br /><br />Tiwi Design, located on Bathurst Island, started from a small Catholic Presbytery in 1969. Today, Tiwi Design artists provide diverse works across many mediums, including fine art sculptures and paintings. The ceramic studio produces sculptural pieces that combine traditional
  1. Architektur
  2. Geschichte
  3. Reise

NRWs „Lange Riege“ – auf Biegen und Brechen

Radelnder Reporter, Etappe 6: Denkmalschutz und bezahlbarer Wohnraum im Widerstreit in Westfalens ältester Arbeitersiedlung. Etappe 6 Radreport Deutschland.

Altes Fachwerkgebäude.
  1. Flüsse
  2. Reise

Entdeckungsreisen an Flüsse in Friaul-Julisch Venetien

Lust auf Entdeckungsreisen an die Flüsse in Friaul-Julisch Venetien? Jetzt gibt es den Reiseführer dazu.

Stausee des Flusses Meduna, dahinter schroffe Berge mit Wald, vorne eine alte Steinbrücke
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