Zwei Deutschsprachler für Katalonien

Am Beispiel von Karl Jacobi und Dr. Monika Diethelm-Knöpfel sieht man, wie unterschiedlich die Meinungen zum Thema Katalonien sein können.

Björn Göttlicher Die Schweizerin Dr. Monika Diethelm-Knöpfel mit dem Präsidenten Kataloniens, Quim Torra, auf einem gemeinsamen Foto.

Zwei Deutschsprachler für Katalonien

Ein Kommentar von Björn Göttlicher.

Eine Schweizer Kinderpsychologin und ein Unternehmer aus Köln vertreten jeder auf ihre Art einen Standpunkt im Konflikt zwischen Spanien und Katalonien. Am Beispiel von Karl Jacobi und Dr. Monika Diethelm-Knöpfel sieht man, wie unterschiedlich die Meinungen zum Thema sein können.

Seit Jahren bilde ich mir meine Meinung zum Thema Katalonien. Um selbst zu einem besseren Verständnis der Situation in diesem Land zu gelangen, befrage ich oft Menschen. In diesem Artikel versuche ich eine Annäherung durch Pro- und Kontra-Positionen. Für die Unabhängigkeit Kataloniens äußert sich eine promovierte Medizinerin und dagegen ein Kölner Unternehmer, der in Barcelona Bürgermeister werden möchte.

Teil 1 - Der Blick aus der Distanz – Monika Diethelm-Knöpfel, Aktivistin

Hier geht es zu Teil 2: Karl Jacobi

Während einer Gesprächsrunde im Circulo d’Equestre in Barcelona, im Winter des Jahres 2018, in der der katalanische Parlamentspräsident Roger Torrent vor deutschen Unternehmern sprach, stand der aus Köln stammende Karl Jacobi auf. Er intervenierte mit dem Einwurf, die Separatisten gehörten alle ins Gefängnis. Dadurch erreichte er eine spanienweite Bekanntheit, die ihn dazu bewegte, für das Amt des Bürgermeisters in Barcelona zu kandidieren. 

Die Schweizerin Monika Diethelm-Knöpfel kennt das Video von Jacobi und Torrent. Die in Utzwil lebende Medizinerin, die fast ständig eine gelbe Schleife als Zeichen der Unterstützung für die in Katalonien verhafteten Politiker an ihrer Kleidung trägt, ist über das Auftreten, das Unternehmer Jacobi ins Rampenlicht befördert hat, erzürnt.

„Ich musste dann aber lachen über die Antwort von Präsident Torrent, der gesagt hat, seine Erziehung habe ihn gelehrt, auch Leuten zuzuhören, die ihn ins Gefängnis wünschen. Das war schon sehr überlegen geantwortet“, fügt sie lächelnd hinzu. In einer lokalen Schweizer Zeitung wurde Diethelm-Knöpfel als Aktivistin pro Katalonien bezeichnet. Anfang der 1990er Jahre kannte Diethelm-Knöpfel Flüchtlinge der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, die am Umbruch des Ostblocks im Jahr 1989 beteiligt und in die Schweiz geflüchtet waren. Diese Erfahrung hat ihre Aufmerksamkeit geschärft. „Als ich dann mitbekam, dass in Katalonien Menschen verhaftet wurden, wusste ich, ich muss mich da engagieren.“ Alles begann für sie im Urlaub in Andalusien, wo sie in den Medien von polizeilichen Übergriffen gegen Wähler erfuhr. Bis dato hatte sie zwar von einem Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens gehört, es aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht als realistisch angesehen. Sie begann, sich mit dem Thema eingehender zu beschäftigen, schrieb Tweets und Briefe als Unterstützung an die in Katalonien inhaftierten Politiker und Aktivsten. 

Zur Erinnerung: Am 1.Oktober des Jahres 2017 fand in Katalonien das von der spanischen Zentralregierung als illegal eingestufte Referendum um die Unabhängigkeit statt. Dabei nahmen nach Medienberichten zwischen 4.000 und 10.000 Polizisten an der sogenannten „Operation Kopernikus“ teil, die das Ziel hatte, die Menschen vom Wählen abzuhalten. Wie das katalanische Portal Vilaweb informiert, wisse bis heute niemand genau, wie viele Sicherheitskräfte im Einsatz gewesen seien oder was diese Operation den spanischen Staat gekostet habe.

 Im Sommer 2018 wollte Monika Diethelm-Knöpfel ursprünglich den Jakobsweg nach Santiago de Compostela bereisen, änderte dann aufgrund der Situation in Katalonien aber ihre Meinung. „In einem Land, das politische Gefangene hat, will ich keinen Urlaub machen. Ich bin stattdessen nach Katalonien gefahren, wo ich mit den Menschen viele Gespräche geführt habe. Das war genau in der Woche, als der spanische Richter Llarena de Euro-Haftbefehl zurückgezogen hat und Puigdemont nach Brüssel zurückkehren konnte“, sagt die Schweizerin. Sie erzählt, sie hätte in dieser Zeit viele neue Freunde hinzugewonnen. 

Die Schweizerin hat Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit Spaniens und sieht in der Unabhängigkeit Kataloniens als einzigen Weg zur Lösung dieses Konflikts.

Durch ihre aktive Anteilnahme am Leben der Menschen und dem politischen Prozess in Katalonien, hat sich ihre Sicht auf das Land Spanien verändert, obgleich sie hinzufügt, dass zwischen den Menschen und den Politikern zu differenzieren sei. Am 12. Februar 2019 beginnt der international beobachtete Prozess gegen die 12 Inhaftierten (Oriol Junqueras, früherer Vizeregierungschef von Katalonien; Joaquim Forn, früherer Innenminister; Raul Romeva, früherer Aussenminister; Jordi Turull, früherer Präsidialamtsminister; Josep Rull, früherer Umweltminister; Jordi Sanchez, früherer Präsident der Organisation Katalanischer Nationalkongress (ANC). Carles Mundo, abgesetzter Justizminister; Carme Forcadell, abgesetzte Regierungssprecherin; Meritxell Borras, frühere Ministerin für Administration; Dolors Bassa, frühere Arbeitsministerin; Santiago Vila, früherer Wirtschaftsminister; Jordi Cuixart, früherer Präsident der Organisation Omnium Cultural), die kürzlich von Katalonien nach Madrid verlegt worden sind, wie ein zynisches Video der spanischen Polizei belegt. Das hat in ihr die Sorge verstärkt, dass es mit der Rechtsstaatlichkeit in Spanien nicht weit her ist. 

„Die Regierung, egal ob PP (Partido Popular) oder PSOE (Partido Socialist Obrero Español), will mit allen Mitteln die Einheit Spaniens durchsetzen. Ein Minister von Rajoy hat doch tatsächlich einmal gesagt: Wir haben uns entschieden, den Rechtsstaat zu opfern, um die Einheit des Landes zu erhalten. Diese Politiker kennen nur die Mittel von Drohung und Zwang. Ich bin in Sorge, dass es nur darum geht, die Leute zu bestrafen.“

Monika Diethelm-Knoepfel erklärt die Unabhängigkeit für die nordspanische Region zu ihrem eigenen Wunsch: „Auch wünsche ich mir, dass die Gefangenen frei kommen und zu ihren Familien zurückkehren können. Die Exilierten müssen zurückkehren dürfen. Nur so kann man ein Land aufbauen.“ 

Und sie hat sich schon ihre eigenen Gedanken gemacht, wie eine Demokratie in Katalonien am besten funktionieren könnte, nämlich nach dem konkreten Vorbild der Schweiz: „Für die Organisation des Landes würde ich mir wünschen, dass man das, was für die Schweiz besonders ist, der Föderalismus und die Direkte Demokratie, übernehmen würde. Mit Abstimmungen nach Sachvorlagen. Das hilft auch gegen die Unzufriedenheit der Wähler, die sagen, wir wählen eine Regierung für vier Jahre und die macht dann doch, was sie will. Wir Schweizer gehen etwa vier Mal im Jahr abstimmen, manchmal häufiger,“ erzählt sie. Ob der Transfer von einem in ein anderes politischen System so vonstattengehen kann, ist eine schwer zu beantwortende Frage.

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Die Gegenwart in Spanien sieht im Moment eher so aus, dass eine aus der spanischen Hauptstadt Madrid angeordnete ministeriale Entscheidung vorsieht, den Namen des Flughafens im katalanischen Barcelona zu ändern. Aus Barcelona El Prat wird Barcelona Josep Tarradellas. Eine Maßnahme, die bei der Schweizerin auf komplettes Unverständnis stößt. Diethelm-Köpfel zieht wieder den direkten Vergleich zur Schweiz: „Bei uns gibt es das nicht, dass der Bundesrat plötzlich daherkäme und den Namen von Zürich-Klothen umbenennt. Es wäre auch nicht denkbar, dass ein Richter, der in Genf arbeitet, kein französisch kann. Dass die Sprache nicht respektiert wird. Es wäre undenkbar, dass Bern entscheidet, der soundso geht als Richter nach Sankt Gallen. Bei uns sind die Richter von hier, und die Entscheidungen trifft das Volk.“ 

Würde jemand, wie unlängst in Katalonien geschehen, eine Autobahn blockieren oder eine Zugstrecke, fügt sie hinzu, wäre dafür eine lokale Untersuchungskommission verantwortlich. In Spanien bezeichnet man derartige Taten von Seiten der Regierung als Terrorismus. Und niemand würde einfach so eingesperrt werden, erklärt die Psychologin, wie es kürzlich in der Provinz Girona der Fall war.

Besatzung der Schnellzug-Trasse auf dem Bahnhof in Girona durch katalanische Bürger.
Besatzung der Schnellzug-Trasse auf dem Bahnhof in Girona durch katalanische Bürger im Februar 2018.
Björn Göttlicher

"Wenn bei uns eine Polizei so etwas machen würde, wie bei den Verhaftungen in Girona im Januar 2019, das gäbe einen riesigen Ärger, angefangen von den Zeitungen, bis zu den Aufsichtsbehörden. Dem Bürgermeister des kleinen katalanischen Ortes Verges hat die Polizei sogar die Hand verletzt. Und dass sie gegen einen Neffen von Quim Torra (amtierender Präsident Kataloniens) vorgegangen sind, ist doch eher als Warnung zu verstehen: Wir (gemeint ist der spanische Staat) haben vor niemandem Respekt.“ Monika Diethelm-Knoepfel wird die Ereignisse in der Region in Zukunft gespannt verfolgen, weiterhin ihre Meinung auf Twitter kundtun und Briefe an Inhaftierte schreiben, um ihnen ihr Schicksal ein Stück weit zu erleichtern. 

Die Schweizer Kinderpsychologin Dr. Monika Diethelm-Knöpfel
Die Schweizer Kinderpsychologin Dr. Monika Diethelm-Knöpfel
Bjoern Goettlicher

Teil 2 - Der Wunsch nach Veränderung von innen – Karl Jacobi, Unternehmer

Unternehmer Karl Jacobi neigt schon durch sein Äußeres zur Provokation: Er verdeutlicht durch seine Kleidung sein „Nein“ zur Unabhängigkeit Kataloniens. Eine rotweiße Krawatte und ein Anstecker in Form und Farbe Spaniens dienen ihm als Symbol gegen den ausufernden Separatismus. Jacobi sticht inmitten dieser großen Anzahl deutscher Unternehmer, die im Club d’Equestre in Barcelona beim Cocktail versammelt stehen, hervor. Er schert sich nicht sonderlich um die geltenden Vorschriften im Club, da ist er Ur-Kölner. Als wir in den Innenräumen keine Porträts fotografieren dürfen, gehen wir nach draußen. Dabei antwortet er mir geduldig auf meine Fragen.

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  1. Barcelona
  2. Katalonien
  3. Korruption

Karl Jacobi - Ein Kölner mischt Barcelona auf

Ein deutscher Unternehmer möchte den Katalanen die Flausen des Separatismus austreiben.

Der Kölner Unternehmer Karl Jacobi
  1. Katalonien
  2. Spanien

Katalonien - Fragment eines Staates

Interview mit dem spanischen Historiker Ramón Cotarelo zu den Verhaftungen der letzten Tage in Katalonien, sowie den Spannungen zwischen Katalonien und Spaniern aus Sicht der Geschichte.

Der spanische Autor Ramón Cotarelo.
  1. Demokratie
  2. Katalonien

Torquemada wäre stolz auf Spanien

Schlimme Fälle von Rechtsbeugung gefährden die Demokratie in Spanien. Ein Kommentar von Björn Göttlicher.

Einer steinernen Statue eines Priesters werden die Füsse geküsst. Eine Tradition im südspanischen Caceres
  1. Faschismus
  2. Katalonien
  3. Spanien

„Die Demokratie in Spanien ist krank.“

Der Autor mehrer Bücher über die extreme Rechte Jordi Borràs erläutert im Video-Interview die Unterschiede rechtsgerichteter Parteien in Spanien und Deutschland, sowie deren Einfluss auf die Gesellschaft.

Extreme Rechte bei einer Demo
  1. Alzheimer
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Alzheimer in Katalonien: Die vergessene Generation

Gebetsmühlenartig wiederholt die spanische Regierung unter Ministerpräsident Rajoy seit Jahren, dass es dem Land nach der Krise wieder besser geht. Bei den Menschen ist von einem Aufschwung aber wenig zu spüren. Viele sind komplett auf sich alleine gestellt.

Der Spanier Amadeu pflegt zuhause seine Mutter, die an Alzheimer leidet.
  1. Katalonien
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Die Zweite Wirklichkeit und ihr Platzen

Über Puigdemont, juristische Monster und andere Verfassungnews der Woche von Max Steinbeis.

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Kalter Krieg in Spanien

Unterdessen prüft der oberste spanische Gerichtshof nun das weitere Vorgehen im Fall Puigdemont. Nach dem Richterspruch der deutschen Justiz sind die Möglichkeiten der spanischen Richter, Puigdemont wegen Rebellion für 30 Jahre hinter Gitter zu bringen, kleiner geworden. Soweit in der Presse verlautbart, gibt es für die Richter aber noch andere Möglichkeiten, die in Betracht gezogen werden. Eine Möglichkeit sei das Zurückziehen des internationalen Haftbefehls, so wie die Spanier das schon im Falle der belgischen Justiz getan haben, die auch nicht auf die Auslieferung reagiert hatte. Eine andere Möglichkeit sei die Umformulierung der Anklage. Ein neu infrage kommender Anklagepunkt könnte nun auf Volksverhetzung lauten. Ein Kommentar von Björn Göttlicher.

Demonstration in Girona am Tag der Festnahme von Puigdemont in Schleswig-Holstein.
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Spanien am Scheideweg

Warum in Katalonien jetzt wieder Bilder verbrannt werden dürfen

Nach der Urteil des Tribunals für Menschenrechte in Straßburg ist es nicht illegal, Bilder des Königs zu verbrennen.
Berichte aus Spanien