Bewegende Erinnerung

In der Erde Spaniens liegen bis heute an die 120.000 Menschen in Massengräbern aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges.

Interview mit dem Fotografen Miquel Gonzalez, der in Spanien Orte von Gräueltaten fotografiert hat.

In den Massengräbern aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges (1936-39) und den Jahren der Diktatur unter Franco liegen die Leichen von Männern, Frauen, Kindern und Alten. Spanien ist nach Kambodscha das Land mit den meisten Verschwundenen. Der Fotograf Miquel Gonzalez hat für das Buch „Memoria Perdida“ einen Großteil dieser Orte aufgesucht. Björn Göttlicher hat mit dem Fotografen über seine bewegenden Erfahrungen gesprochen.

Ausstellung "Memoria Perdida" im Montjuic Castle in Barcelona
Ausstellung "Memoria Perdida" im Montjuic Castle in Barcelona

Wie lange hast du für dieses Projekt gebraucht?

Ich habe im Herbst 2015 angefangen zu recherchieren. Damals für eine Geschichte über Atrocity Sites, Landschaften, an denen Gräueltaten stattgefunden hatten während des spanischen Bürgerkriegs. Ich wusste, dass es Leute gab, die verschwunden waren, Frederico Garcia Lorca zum Beispiel. Das sind Leute, die bis heute nicht gefunden sind. Ich bin in der Recherche auf Artikel gestoßen, wo mir klar wurde, dass Frederico Garcia Lorca kein Einzelfall war, sondern dass es Tausende von Lorcas gab, die noch immer in Massengräbern liegen. Diese sind teilweise nicht einmal markiert. An manchen Orten hat man vielleicht eine Plakette angebracht, von politischen Parteien oder Organisationen. Aber die Leute wurden nie ausgegraben, geschweige denn identifiziert. Im Ganzen habe ich an dem Projekt drei Jahre gearbeitet. Ich bin durch ganz Spanien gefahren, denn ich wollte alle Regionen abdecken. Und so makaber es klingt, ich wollte auch alle Facetten des Mordens mit der Arbeit abdecken. Zum Teil sind Leute lebend in Säcken mit einem Stein beschwert ins Meer gekippt worden. Andere wurden an Friedhofsmauern standrechtlich erschossen, wieder andere wurden erst gefoltert, dann ermordet. Andere wurden zu Zwangsarbeit verpflichtet und sind dann gestorben, wenn sie sich weigerten, diese auszuführen. Dieses Spektrum wollte ich abdecken.


Wie hast du es finanziert? Hattest du Unterstützung?

Ich hatte keine Unterstützung. Ich habe an verschiedenen Stellen versucht, etwas zu bekommen. Für die einen war das Thema nicht nah genug an der Kunst, für die anderen war es nicht journalistisch genug. Dann ist es natürlich auch politisch ein schwieriges Thema. Institutionen, die mit Spanien in Verbindung stehen, habe sich entweder gar nicht gemeldet oder abgewunken. Ich wollte das halt machen. Deswegen habe ich die Produktion selbst finanziert und habe dann über Kickstarter das Buch per Crowdfunding finanziert bekommen. Das ist zu einem großen Teil gelungen. Insgesamt kam fast zwei Drittel des Geldes rein. Den Rest versuche ich nun über Ausstellungshonorare und Buchverkäufe wieder reinzubekommen. 

Ausstellung "Memoria Perdida" im Montjuic Castle in Barcelona
Ausstellung "Memoria Perdida" im Montjuic Castle in Barcelona
Barranco del Carrizal. Órgiva, Granada.
Barranco del Carrizal. Órgiva, Granada. In dieser Schlucht in Andalusien wurden etwa 4000 Menschen erschossen.

Wie hast du dich dokumentiert, was die Orte der Massengräber aus dem spanischen Bürgerkrieg anging?

Ich habe mich anfangs über die Presse dokumentiert. Das war schwierig, denn teilweise widersprachen sich Artikel. Besonders hinsichtlich Zahlen und Daten. Wann sind die Gräuelltaten passiert? Wie viele Menschen sind dort ums Leben gekommen? Ich musste sehr viele Quellen abgleichen und habe sehr früh Kontakt gesucht zu den Associaciones para la memoria historica. Das sind Stiftungen von Freiwilligen, die Daten sammeln und mit Familienangehörigen in Kontakt treten. Die sind alle privat finanziert, denn der spanische Staat hat unter der Regierung Rajoy aufgehört, Gelder dafür bereit zu stellen. Da wurden alle Subventionen gestrichen. Die Organisationen sind regional unterschiedlich aktiv. In Kastillien sind sie sehr aktiv, ebenso in Gallizien und im Baskenland. Dort habe ich Informationen bekommen, wo nach Menschen gesucht wird, mit GPS Angaben. Oft gibt es nur die Annahme, dass jemand an einem bestimmten Ort begraben liegt, dann findet man bei Ausgrabungen andere Opfer. Oft gibt es nur Augenzeugen, die die Erschießungen gesehen haben oder die die Menschen damals selbst begraben haben. Das waren oft Kinder und die leben auch heute noch. Aber es ist sehr schwierig, denn die Landschaft hat sich in der Zeit verändert und so sind manche Stellen nicht leicht aufzuspüren. Mir als Fotograf war es aber wichtig, die Stimmung in der Landschaft einzufangen, ich suchte keine Leichenreste. Und ich habe dann auch für mich Grenzen gesetzt. Ich habe nur Orte fotografiert, die noch nicht ausgegraben wurden, wo noch eine Rechnung mit der Geschichte offen steht. Das schloss dann zum großen Teil aus, dass Orte, an denen unter Franco Denkmäler errichtet wurden, mit ins Buch kamen. 

Allerdings habe ich sehr wohl die Orte mit reingenommen, die für eine bestimmte Polemik stehen. So zum Beispiel Valle de los Caidos, wo die Sache einfach noch nicht geklärt ist. Dort liegen über 12.000 Leichen, die einfach entführt wurden, um für das Fernsehen damals volle Lastwagen mit Leichenresten in der Basilika begraben zu können. Aktuell sind einige Familien jetzt soweit, dass sie mithilfe eines richterlichen Beschlusses ihre Familienangehörigen da rausholen können. Ob das allerdings wirklich geschehen wird, ist die Frage. Das betrifft sowohl Republikaner, als auch Nationale, die dort ungefragt umgebettet wurden. Für die Republikaner ist es natürlich ganz schlimm, denn die liegen in ihrem Massengrab zusammen mit Franco, ihrem Henker.

Ich wollte einfach bestimmte Orte finden, über die ich schon vor Jahren in Büchern gelesen habe. Denn wird in Spanien mal eine neue Autobahn gebaut, so kann es schon passieren, dass sie über einem Massengrab gebaut wird.


Ist die Zeit des spanischen Bürgerkrieges in Spanien aufgearbeitet worden?

Nein, gar nicht. Ich vergleiche es gerne mit dem, was nach dem zweiten Weltkrieg in Deutschland geschehen ist und in den Niederlanden. In den Niederlanden hatten die einen Tag später schon ihre Leute aus den Dünen geholt, die dort in Massengräbern lagen. Und in Deutschland ist es so, dass man miteinander spricht. Man weiß dann zwar, der Opa war Nazi, oder der Vater. Und das wird verurteilt. Aber man geht auch ins Gespräch mit den Opfern. Das ist in Spanien einfach gar nicht der Fall. Man wird sofort in eine Ecke gesteckt. Würde ich z.B. das Massengrab bei Wisnat bei Granada ansprechen, würde man mich aus einer bestimmten spanischen Ecke sofort als Kommunist bezeichnen, als „Rojo“. Dann käme sofort der Konter, „aber die anderen haben auch“. Ein Argument, das in Spanien sicher nicht falsch ist, es steht oft aber in keinem Verhältnis, denn etwa Dreiviertel der Opfer waren Republikaner. Und man muss dazu sagen, das waren keine Opfer, die an der Front gekämpft haben, sondern die meisten Leute wurden in Gegenden verschleppt und ermordet, wo gar kein Krieg war. Meistens handelt es sich um zivile Opfer. Intellektuelle, Lehrer, Menschen, die von einer besseren Welt geträumt haben.

Was wird aus einer Gesellschaft, wenn so wichtige Dinge nicht aufgearbeitet werden? Das ist es auch, was mich am meisten schockiert hat: Dass diese Leute nach wie vor in diesen Gräbern liegen, dass sie bis heute nicht anständig begaben sind und dass den Familienangehörigen noch immer kein Recht widerfahren ist. Es gibt heute noch Fälle, wo Familienangehörige Blumen an der Autobahn ablegen oder in einer Schlucht auf einer Müllhalde.

Was das angeht, ist das Land total gespalten. Ein normales Gespräch ist gar nicht möglich. Die Regierung und die Behörden tun wenig, um das zu lösen. 


Was wird aus einer Gesellschaft, in der so wichtige Dinge nicht aufgearbeitet werden?

 Das sieht man zum Teil jetzt in Katalonien. Die Gesellschaft zerfällt, bröckelt ab. Man will sich davon losmachen. Aber auch dort waren nicht alle sauber. Auch in Katalonien waren sehr viele, die mit Franco kollaboriert haben. Ich denke, in der Zukunft wird es schwierig sein, als Land zusammenzubleiben und eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln, wenn man seine Geschichte nicht aufgearbeitet hat. Die Generationen, die jetzt nachkommen, lernen auch nicht in der Schule über dieses Thema, die lernen das von ihren Eltern und Großeltern. Das macht es nicht einfacher. Ich merke jetzt selbst, wie schwierig es ist, eine Ausstellung platziert zu bekommen oder Unterstützung für ein Buch zu bekommen. Es traut sich einfach niemand, das zu machen. In Madrid ist es schwierig. Da gibt es eine Kommission für die Erinnerung, aber die ist total zerstritten. Da komme ich nicht weiter als bis zur Sekretärin. 


Was hast du erlebt beim Fotografieren vor Ort?

Ich bin es als künstlerische Arbeit angegangen. Ich wollte so neutral wie möglich fotografieren und dem Ort Zeit geben, auf mich zu wirken. Ich habe versucht, die Orte in den Jahreszeiten zu fotografieren, in denen die Dinge geschehen sind und habe versucht, auch zur selben Tageszeit die Aufnahmen zu machen. Meistens wurden die Leute früh morgens oder in der Dämmerung abgeholt und ermordet. Wenn jemand zum Beispiel in die Berge geflüchtet war, machte ich das Foto im November. Dann schneit es und es wird einem bewusst, was die Menschen mitgemacht haben. Das wollte ich auf mich wirken lassen. Wie ist diese Stille um vier Uhr morgens? Ich wollte also hören, was in etwa das Letzte war, das die Verurteilten zu hören und zu sehen bekommen hatten. Ich habe gehofft, dass dieses unsichtbare Element mit in die Fotos einfließt.


Hast du Menschen getroffen, dir noch nach ihren Angehörigen suchen?

Auf der anderen Seite habe ich immer probiert, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Ich habe immer gefragt: Wie war das? Kennt ihr den Ort? Wisst ihr, was passiert ist? Da ist mir schon aufgefallen, dass Leute immer noch Angst haben zu reden. Vielleicht nicht selbst Angst, aber Angst, etwas loszutreten in diesen Orten, die zum Teil sehr klein sind. Auch leben die Mörder an manchen Orten noch und die Familien der Opfer. Das ist schließlich eine Sache, die sich über Generationen zieht. Zum Teil waren die Menschen mir gegenüber recht spröde. Ich wollte ja auch zu jedem Foto eine Geschichte erzählen. Manchmal wurde auch geschimpft. Man ging davon aus, dass ich zu einer Organisation gehöre und auf die Ausgrabungen aus bin. Ich habe dann gesagt, dass ich finde, dass diese Menschen es verdienen, dass man ihrer gedenkt. Manchmal hat sich auch eine Diskussion entwickelt. Ein Ziel wäre es natürlich, die Ausstellung an all diese Orte zurückzubringen. ich denke, dass das nötig ist.

Die Leute melden sich bei mir über Social Media und sagen: „Mein Opa hat in Spanien gekämpft.“ 

Es ist schön, dass sich die Leute melden.


Wird deine Arbeit in ganz Spanien zu sehen sein?

Ich arbeite daran. Die Ausstellung ist gerade in Barcelona zu sehen. Der nächsten Stop ist La Coruña in Galizien. Madrid ist sehr schwierig. 


Was bedeutet es für dich ganz persönlich, dieses Thema fotografiert zu haben? Welche Kritiken bekommst du?

Das Thema hat mir sehr zu schaffen gemacht. Ich denke, ich habe es jetzt erst einmal verarbeitet. Es ist gut, dass ich es abgeschlossen habe. Sonst ist die Beschäftigung mit jedem Menschen und jeder einzelnen Geschichte einfach endlos. Es beschäftigt mich die ganze Zeit. Das Buch ist jetzt fertig. Ich habe versucht, den Menschen, die dort liegen ein wenig zu gedenken. Hoffentlich habe ich etwas in Bewegung gebracht und hoffentlich werden so viele wie möglich ausgegraben und kriegen ihre Würde zurück.

Kritiken aus der rechten Ecke nehme ich gerne auf im Prinzip. Es kommt dann aber keine Rückmeldung mehr, wenn ich versuche, in einen Dialog zu treten. Das sind dann nur irgendwelche Trolls.


Die Ausstellung "Memoria Perdida" ist bis zum 10.September in Barcelona zu sehen. Hier der link zum Buch.

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