Fake News. Geldfluss. Algorithmen

Ein neues Projekt setzt sich für die Verteidigung der digitalen Rechte und der freien Kultur ein.

Bjoern Goettlicher Fotomontage Fake News

Was sind Fake News, warum sind sie ein Problem? Was können wir dagegen tun? Ein neues Projekt in Barcelona setzt sich für die Verteidigung der digitalen Rechte und der freien Kultur ein.

Donald Trump gilt als der Erfinder der Fake News. Zwar hat es die Manipulation von Fakten und Meinung schon immer gegeben, allerdings macht das Internet mit den sozialen Medien es allen Menschen leicht, Falschmeldungen zu verbreiten.

Dagegen will nun Xnet vorgehen. Unter dem Hashtag #FAKEYOU setzen sich die Macher der neuen Online-Plattform für die Meinungsfreiheit und gegen die Verbreitung von Falschmeldungen ein. Die Politik geht momentan genau in die andere Richtung. Sie verschärft die Gesetze und schränkt die Meinungsfreiheit der Bürger ein. Dass will die Bewegung #FAKEYOU aus Barcelona verändern.

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Der spanische Politiker der Partido Popular (Partei des ehem. Ministerpräsidenten Mariano Rajoy) und Vizepräsident Ramón Luís Valcárcel haben bereits im Februar im Büro des Europäischen Parlaments in Barcelona verkündet: „Zu ihrem Schutze, um der neuen Gefahr der Desinformation und der Fake News besser zu begegnen, ist es das Beste, die Meinungsfreiheit zu regulieren. Natürlich einvernehmlich, das versteht sich.“ Ähnlich äußerte sich kürzlich Kanzlerkandidatin Kramp-Karrenbauer gegenüber youtubern. In Deutschland löste das einen heftigen Shitstorm aus. In Spanien dagegen ist die Situation eine andere.

Kiosk in Madrid. Viele Zeitungsstände haben in den letzten Jahren in Spanien schließen müssen.
Kiosk in Madrid. Viele Zeitungsstände haben in den letzten Jahren in Spanien schließen müssen.
Bjoern Goettlicher

In Spanien ist die Einmischung der Politik in die Medien in Form von Werbung Alltag. Mit dem Beginn der digitalen Ära sind die Medien im Land in finanzielle Abhängigkeit von Geldgebern, z.B. Banken, geraten. Große Teile der Medienlandschaft sind in die Hände von wenigen gelangt, die auf die Redaktionen von Radio, Fernsehen und Tageszeitungen Druck ausüben, indem sie redaktionelle Vorgaben für deren Inhalte und Tabu-Themen machen, sagt der Professor für Journalismus, Álvarez Peralta y Yanna. In seiner im Jahr 2018 veröffentlichten Studie „Independencia periodística y fondos públicos“ zeigt er den Zusammenhang von Geldfluss und unterwürfiger redaktioneller Linie der Medien auf. 

Seinen Recherchen zufolge hat sich ein neues Geschäftsmodell entwickelt, welches lokale Verwaltung und Parteien, sowie lokale Medien zu einem Klüngel zusammenschweißt. Laut Peralta y Yanna erhalten die Medienhäuser Geld von den Stadtverwaltungen, den Regionalregierungen und dem Staat. „Je unkritischer berichtet wird und je mehr Falschmeldungen verbreitet werden, desto mehr Geld fließt in die Säckel der Besitzer“, sagt der Autor. 

Ähnlich argumentieren die Macher der Doku „Die Kloaken des Journalismus“, in der aufgezeigt wird, wie anfällig auch einflussreiche Journalisten sind für die Zuwendungen der Wirtschaft. Ein hier genanntes Beispiel ist der Zusammenbruch der Bank Banco Popular, der viele Anleger in den Ruin trieb. Diese wurde über Jahre hinweg in der Presse als ein Musterbeispiel an Seriosität gepriesen. Es stellte sich heraus, dass Journalisten für ihre positive Artikel Kredite zu Vorzugskonditionen erhalten hatten.

Laut Peralta y Yanna werden die von den Parteien herausgegebenen Informationen ohne weitere Überprüfung reproduziert. Die Macher von #FakeYou fordern, dass diese Praktiken eingestellt werden und die Einmischung von Fraktionen in Redaktionen und Verlage gestoppt werden muss.

Kritik an Firmen, Banken oder politischen Entscheidungsträgern ist in der Presse in dieser Form kaum noch möglich. Die Abhängigkeiten von den Geldgebern verhindern das. Diese Zensur führt dazu, dass in Spanien, die Menschen am Morgen im Café, in allen Tageszeitung dieselben Nachrichten mit derselben politischen Tendenz und der gleichen unkritischen Haltung lesen. Das passiert ihn ähnlicher Form auch bei den Fernsehsendern. Diesen Prozeß zeigt die #FAKEYOU -Bewegung in ihrem gleichnamigen Bericht auf.

Was im Print-, Radio und Fernsehjournalismus inzwischen Alltag ist, setzt sich im Netz fort. 

Das Aufkommen des Internets hat auch in Spanien zu einem Bedeutungsverlust der klassischen Medien geführt. Im positiven Sinne hat das Netz zu einer Demokratisierung des Zugangs zur Information beigetragen. Im negativen Sinne sprechen wir heute von einer Neukonfigurierung der Vermittlung und den Möglichkeiten, Informationsblasen voller Falschmeldungen zu erzeugen, die gezielt auf die User losgelassen werden. 

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Auch im Netz steuert Geld das Weltgeschehen. “Große Unternehmen haben Millionen von Dollar investiert, um Nachrichten für Jair Bolsonaro zu produzieren", erklärt Gemma Palau von Xnet. Eine Flut aus Tweets, Falschnachrichten und Fotomontagen verhalfen dem ultrakonservativen Politiker zum Wahlsieg. "Kein Mensch allein kann eine Lüge global viralisieren, sie ist das Ergebnis einer Investition von Ressourcen,“ sagt Simona Levi, Koordinatorin von Xnet. „Der Bedeutungsverlust der Medien als Vermittler von Inhalten im Wirtschaftssystem des Internets bedeutet nicht, dass der Journalismus nicht mehr funktioniert, sondern dass er einfach kein Monopol mehr hat.“

Das Problem von Facebook, Twitter und Google hat der britische Journalist Nick Davies in seinem Buch Flat Earth News so beschrieben: "Die Algorithmen sortieren Informationen für uns, aber ohne Rücksprache mit uns. Sie sind in der Lage, Vorurteile vorhersehbar zu produzieren."

Laut Levi fördern die bei sozialen Netzwerken verwendeten Technologien die Verhaltenssucht der Kunden. Der User ist ein echter Konsument und er wird von einer mysteriösen dritten Kraft, dem Algoritmus, in seiner (Kauf-) Entscheidung manipuliert. Das passierte schon bei den klassischen Medien, aber „als die Algorithmen ihre Reichweite verbessert hatten, konnte man es nicht mehr Werbung im klassischen Sinne nennen. Die sozialen Netzwerke haben sich in Imperien verwandelt, die in der Lage sind, Verhaltensweisen zu verändern.“

Die Macher von #FakeYou wollen, dass der Aufbau der Algorithmen transparent wird. Der Zugang auf die Algorithmen und ihre Veränderung durch die User muss gewährleistet bleiben, damit der freie Draht zu Ideen und Perspektiven erhalten bleibt. Ohne derartige Gesetzesänderungen bleibt den Menschen nur die Eigeninitiative. Víctor Sampedro, Professor für politische Kommunikation an der URJC in Madrid, setzt sich bereits dafür ein.

In seinem Buch Dietética Digital schlägt er Lösungen vor, die den gegenteiligen Effekt des Twitter-Algorithmus hervorrufen. Ein Beispiel ist die für den Browser Chrome erhältliche News-App „FlipFeed“. Die Anwendung dieser App sieht so aus: Dem Nutzer werden keine weiteren Themen mehr angezeigt, die er geliked oder retweeted hat, sondern Artikel aus einem anderen ideologischen Kontext.

"Wir wollen in Katalonien eine wegweisenden Initiative entwickeln, um Falschnachrichten zu bekämpfen, ohne die Grundrechte anzugreifen", sagt Simona Levi. „Wir wollen die Richtung ändern, die in Europa eingeschlagen wird und hier ein Pionierprojekt errichten, um dieses Problem anzugehen.“ Technologie sei weder gut, noch schlecht, entscheidend sei, wie man sie anwende.

 „Man muss ein Überprüfungsprotokoll erstellen, das obligatorisch werde“, fügt Gemma Palau hinzu. Die Grundsätze des Fact-Checking spielten dabei eine übergeordnete Rolle. Die folgenden Punkte beziehen sich klar auf die von Journalisten zu leistende Arbeit. Vermieden werden soll:

• Das Cherry-Picking, das Herauspicken der Daten, die eine These unterstreichen

• Das Arbeiten mit Statistiken oder aufgeblasenen Daten

• Daten oder Informationen, die nichts mit dem Thema zu tun haben

• Unsichere Quellen, die als wahr eingestuft werden

• Das Verwenden einzelner Fälle, die als beispielhaft dargestellt werden

• Politische oder moralische Stellungnahmen, die als selbstverständlich eingestuft werden

• Das Verbinden mehrerer einzelner Fälle, die sich zeitlich und räumlich unabhängig voneinander ereignet haben, um einen Kausalzusammenhang herzustellen.

Bei riffreporter.de, der leserfinanzierten Plattform für journalistische Projekte, auf der dieser Artikel veröffentlicht ist, stehen ethisch moralische Grundsätze im Kodex. So eine kritische Auswahl der Mitglieder, eine Sorgfaltspflicht für AutorInnen, das Vier-Augen-Prinzip, eine transparente Korrekturpflicht bei Sachfehlern, eine Nennung der Mitwirkenden und Sanktionen bei schwerwiegenden Verstößen. Ein Ethikausschuss wacht über deren Einhaltung. Entscheidend ist dabei die Sorgfalt der Autorinnen und das kritische Gegenlesen.

Work in Progress. Open Source. Schwarmintelligenz.

Über das Projekt "Fotograf mit Zweifeln"

„Für eine einmalige Zahlung von 8€ bekommen Sie Zugang zu allen bisherigen und künftigen Beiträgen des Projekts „Fotograf mit Zweifeln”.

Die hier behandelten Fragestellungen werden nicht (oder nur selten) durch den Autor beantwortet und haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Im Gegenteil. Durch die Vielzahl von Antworten unterschiedlicher Menschen entsteht eine Bandbreite von Wissen, aus dem Sie, verehrter Leser, ziehen mögen, was Sie wollen. Jede neue Meinung und Frage, die das Gesamtspektrum erweitert, ist willkommen: [email protected] 

Bisher erschienen: "So finden Fotojournalisten ihre Themen", "Meeri Koutaniemi über ihre Erfahrungen mit FGM", Olmo Calvo über Seenotrettung, Matthias Bruggmann über Kriegsfotografie, Die Ambivalenz des Leidens. Alle Artikel finden Sie hier.

Seien Sie so frei, sich ihre eigenen Fragestellungen zu formulieren, auf dass Ihre Reise ebenso aufregend werde wie meine. Wenn Sie mehr über das Projekt und die Personen erfahren wollen, die daran teilnehmen, dann klicken Sie hier.

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Mein Name ist Björn Göttlicher. Ich arbeite seit 20 Jahren als Fotoreporter und habe in meinem Beruf einiges gesehen. Viele schöne Dinge, aber auch die Ungerechtigkeit in der Welt und das Leiden vieler Menschen. Das hat mich nachdenklich gemacht, und ich habe angefangen, Fragen zu stellen. Ich bin der Fotograf mit Zweifeln.

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