Wildes Wasser – heiß umkämpft

Wie die Rettung natürlicher Gewässer die Entstehung der Nationalparks in Österreich ermöglicht hat.

Sonja Bettel Gletscherbach mit großen Steinen und wild tosendem Wasser.

 An einem Dienstag Mitte Juni fahren wir – eine kleine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten samt fachlicher Begleitung – in zwei kleinen Bussen des Nationalparks Hohe Tauern über eine steile Almstraße ins Obersulzbachtal in Salzburg. Plötzlich bremst Ferdinand Lainer, stellt den Motor ab und steigt aus. Hier geht es nicht mehr weiter, eine dicke Schicht Steine und Schlamm hat die Straße verlegt. Ausgelöst durch ein heftiges Gewitter am Vorabend hat sich vom Hang eine Mure gelöst und sich ihren Weg in Richtung des tiefer gelegenen Obersulzbaches gebahnt. Am oberen Ende der Mure steht das Geländeauto des Betreibers der Postalm, der seine Gäste abholen wollte; am unteren Ende stehen wir gemeinsam mit ein paar Wanderern und Mountainbikern und staunen über die Naturgewalten.

Steine und Schlamm bedecken eine Almstraße
Eine Mure hat die Almstraße im Obersulzbachtal verschüttet.
Sonja Bettel

Ferdinand Lainer, stellvertretender Direktor des Nationalpark Hohe Tauern Salzburg und zuständig für Naturraummanagement, kann uns nun nicht die Schönheiten des Obersulzbachtales zeigen. Trotzdem scheint die Mure wie bestellt, denn sie macht deutlich, vor welchen Herausforderungen man hier in Zukunft steht: Wie können die wilden Flüsse und Landschaften im Nationalpark Hohe Tauern erhalten und gleichzeitig Tourismus, Almwirtschaft und Forstwirtschaft geschützt werden?

Vor der Entstehung des Nationalparks Hohe Tauern habe man dafür gekämpft, dass die Gletscherbäche frei fließen können und nicht in ein Kraftwerk münden, "jetzt ist die große Herausforderung, zu verhindern, dass die Bäche nach Katastrophen in ein enges Korsett gezwängt werden", resümiert Ferdinand Lainer, der seit 1987 für den Salzburger Teil des Nationalparks tätig ist. Es bestehe auch die Gefahr, dass dabei Flächen für die Landwirtschaft abgezwackt werden und der Lebensraum Gletscherbach beeinträchtigt wird. Denn immer wieder stehen die Ansprüche des Naturschutzes dem Bedürfnis nach Sicherheit vor Lawinen, Hochwässern und Muren und wirtschaftlichen Interessen gegenüber.

Das war schon vor der Gründung des Nationalparks so.

Mann mit Baseballkappe spricht, Reporterin mit Mikrofon.
Ferdinand Lainer erklärt im Obersulzbachtal die aktuellen Herausforderungen des Nationalparks.
Sonja Bettel

Nationalpark-Idee vor hundert Jahren

Erste Bestrebungen, einen Teil der Region Hohe Tauern zum Nationalpark zu erklären, gab es schon Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Salzburger Landtagsabgeordnete August Prinzinger und der Kärntner Holzindustrielle Albert Wirth kannten die Bewegung für ausgedehnte Schutzgebiete, genannt "national parks", aus den USA. 1864 war auf Betreiben des Naturschützers John Muir in der Sierra Nevada in Kalifornien das erste Schutzgebiet definiert worden, 1872 wurde der Yellowstone National Park in Wyoming als erster Nationalpark der Welt eröffnet.

August Prinzinger überzeugte 1913 den in Stuttgart ansässigen Verein Naturschutzpark, rund 1.100 Hektar Grund im Stubachtal und im Amertal in Salzburg zu kaufen, um dort ein Schutzgebiet zu schaffen. 1918 schenkte Albert Wirth 41 Quadratkilometer rund um den Kärntner Teil des Großglockners, dem höchsten Berg Österreichs, dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DÖAV), um das Grundstück "der spekulativen alpinen Fremdenindustrie zu entziehen". (Quelle: Patrick Kupper, Anna-Katharina Wöbse: Geschichte des Nationalparks Hohe Tauern. Hg. von der Nationalparkverwaltung Hohe Tauern Salzburg, Tyrolia-Verlag, Innsbruck 2013, S. 45)

1914 waren Gerüchte aufgekommen, dass oberhalb der Franz-Josefs-Höhe ein Hotel gebaut und von der Pasterze, dem größten Gletscher Österreichs, eine Drahtseilbahn auf die Glocknerspitze geführt werden sollte. Der Blick auf den Großglockner sei dann nur mehr gegen Eintrittsgeld möglich, hieß es.

Felswand mit kleinem Wasserfall, Wiese.
Die wilde Natur der Hohen Tauern wollten Pioniere schon vor 100 Jahren schützen.
Sonja Bettel

Vorrang für die Elektrizitätswirtschaft

In den 1920er Jahren wurde der Ausbau der Wasserkraft in Österreich für die Industrie und für die Elektrifizierung der Bahn seitens der Bundesregierung und der Landesregierungen als prioritär eingestuft. Es gab Pläne für eine großräumige Erschließung und Nutzung der Gletscherbäche, von denen einzelne Teile auch umgesetzt wurden. Die Nationalsozialisten setzten ab 1938 auf die "Sicherung deutscher Naturschönheit", unter anderem in den Hohen Tauern, errichteten aber gleichzeitig Staudämme und Kraftwerke in Kaprun und im Stubachtal. Der Verein Naturschutzpark konnte das nicht verhindern und kaufte 1940 als Ersatz für die Fläche im Stubachtal etwa 34 Quadratkilometer Grund in den Sulzbachtälern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Bemühungen für die Einrichtung eines "Alpen-Nationalpark Hohe Tauern" nach den Überlegungen des Österreichischen Naturbunds in Kärnten weiter, die Bundesländer Salzburg und Tirol lehnten das aber ab. Private Jagd-, Weide- und Schlägerungsrechte und die Nutzung der Wasserkraft stünden einem Nationalpark im Wege.

1949 plante die Tiroler Wasserkraftwerke AG (TIWAG), die Krimmler Ache in Salzburg zur Stromerzeugung zu nutzen und damit die berühmten Krimmler Wasserfälle, bis heute ein Anziehungspunkt für Touristen aus aller Welt, zu zerstören. Der Naturschutzbund startete deshalb den "Kampf um Krimml" – unterstützt von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Tourismusvertretern. Mehr als 122.000 Menschen aus ganz Österreich haben gegen die energetische Nutzung der Krimmler Ache unterschrieben. Angesichts des Widerstandes der Bevölkerung sowie der Salzburger Landesregierung verkleinerte die TIWAG ihr Projekt und zog es schließlich im September 1953 zurück. 1958 stellte das Land Salzburg die Krimmler Ache unter Landschaftsschutz, 1961 wurden die Krimmler Wasserfälle zum Naturdenkmal erklärt.

Interaktives Panorama der Krimmler Wasserfälle von Thomas Bredenfeld:

Nationalpark ja! Oder doch nicht?

Am 21. Oktober 1971 schließlich unterzeichneten die Landeshauptleute von Kärnten, Salzburg und Tirol in Heiligenblut eine Vereinbarung zur Errichtung eines gemeinsamen Nationalparks. Eine Kommission zu dessen Realisierung wurde gegründet.

Trotzdem wurde ein Projekt, das bereits 1968 von der "Studiengesellschaft Osttirol" (Träger waren das Land Tirol und die Kraftwerksgesellschaft Verbund AG der Republik Österreich) vorgelegt worden war, weiter entwickelt: Die Errichtung eines Großkraftwerkes in Osttirol mit einem Großspeicher im Dorfertal in Kals am Großglockner.

Steiles Gebirgstal mit einem schäumenden Bach. Rechts eine Forststraße, hinten verschneite Berge.
Das Dorftal in Kals am Großglockner in Osttirol. Hier sollte ein riesiger Stausee alles überfluten.
Sonja Bettel

Im März 1973 erfuhr die Öffentlichkeit, dass für das Großkraftwerk Dorfertal–Matrei alle Gletscherbäche Osttirols in rund 1900 Meter Seehöhe in Stollen abgeleitet und das Wasser im Dorfertal hinter einer 220 Meter hohen Staumauer gesammelt werden sollte. Das Kraftwerk sollte in Matrei gebaut werden. Ein jahrelanger Kampf gegen dieses Projekt, das den Nationalpark auf Tiroler Seite obsolet gemacht hätte, begann.

Kärnten prescht vor

1980 wurde das Land Kärnten angesichts der ständigen Verzögerungen der Realisierung des Nationalparks Hohe Tauern ungeduldig und erklärte mit Oktober 1981 ein 220 Quadratkilometer großes Gebiet um Großglockner, Schobergruppe Nord und Heiligenblut zum Nationalpark.

In Salzburg stellte sich zur gleichen Zeit Landeshauptmann Wilfried Hauslauer senior gegen die Tauernkraftwerke, die ihre Pläne für ein Kraftwerk Oberpinzgau durchsetzen wollten – gegen den Regierungsbeschluss von 1970, der eine energiewirtschaftliche Nutzung im Hollersbachtal und in den benachbarten Tauerntälern untersagte. Anfang 1982 wurden 500 Quadratkilometer streng geschützte "Kernzone" und 360 Quadratkilometer "Außenzone" mit geregelter wirtschaftlicher Nutzung für die Salzburger Hohen Tauern definiert.

Am 30. März 1989 erklärte der damalige ÖVP-Wirtschaftsminister Robert Graf, dass die Republik nicht weiter an der Verwirklichung des Kraftwerks Matrei–Dorfertal festhalten werde. Im Oktober 1991 wurde folglich auch in Tirol ein Nationalparkgesetz beschlossen.

Da der Naturschutz in Österreich Landessache ist, ist es nach geltendem Recht nicht möglich, einen echten Nationalpark mit einer Verwaltung auf Bundesebene einzurichten. Deshalb gibt es im Nationalpark Hohe Tauern drei Verwaltungen mit drei Sitzen, aber mit einer gemeinsamen Strategie.

Massives Tor mit Schild  mit Aufschrift: Nationalpark Hohe Tauern Aussenzone.
Das Tor zur Außenzone des Nationalparks Hohe Tauern im Obersulzbachtal.
Sonja Bettel

Ein Nationalpark der Superlative

Der Nationalpark Hohe Tauern ist mit einer Fläche von 1856 Quadratkilometern das größte Schutzgebiet in den Alpen. Er reicht von 1000 Meter Seehöhe in den Tälern bis zum 3798 Meter hohen Gipfel des Großglockners. Er umfasst aber nicht nur eine Vielzahl an imposanten Berggipfeln, sondern auch 279 Bäche, von denen 57 von Gletschern gespeist werden, drei eindrucksvolle Wasserfälle (Krimmler, Umbal und Gößnitz) und 500 Bergseen.

Die speziellen klimatischen, geologischen, hydrologischen und topografischen Verhältnisse machen den Nationalpark Hohe Tauern zu einer abwechslungsreichen Landschaft und bedingen eine große Vielfalt an Ökosystemen und Lebensgemeinschaften mit zahlreichen Endemiten, die nur in den Ostalpen vorkommen. Mehr als ein Drittel aller in Österreich nachgewiesenen Pflanzenarten und etwa die Hälfte der Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien sind im Nationalpark Hohe Tauern zu finden.

Mittlerweile sind alle drei Teile des Nationalparks Hohe Tauern auch von der IUCN, der International Union for Conservation of Nature, als solche anerkannt (Kategorie II der IUCN). Teile der Sulzbachtäler erhalten 2019 sogar die Anerkennung als Kategorie Ib, also als Wildnisgebiet.

Genau dorthin wollten wir, die Gruppe von Journalistinnen und Journalisten mit Vertretern des Nationalparks und des Vereins Nationalparks Austria, Mitte Juni auch hin. Weil der Weg ins Obersulzbachtal durch Steine und Schlamm versperrt ist, kehren wir um und fahren direkt ins parallel verlaufende Untersulzbachtal. Unterwegs kommt uns ein Bagger entgegen, der die vermurte Almstraße wieder freischaufeln soll.

Gletscherbach rechts, Forststraße links, im Hintergrund ein dreieckiger Berg mit Schnee.
Straße ins Untersulzbachtal, im Hintergrund der Kleinvenediger.
Sonja Bettel

Wildnis im Untersulzbachtal

Im Untersulzbachtal kann man über eine Forststraße bis zu einer ehemaligen Alm fahren, die jetzt als Ferienhaus dient. Dann geht es nur mehr zu Fuß über einen Trampelpfad weiter in die Nationalpark-Kernzone und das Wildnisgebiet.

Das Untersulzbachtal ist ein vom Gletscher geformtes Trogtal mit steilen Flanken, eng und stark beschattet. Eine Dauersiedelung war in diesem unwirtlichen Tal nie möglich, weshalb sich hier ein urtümlicher, frei fließender Gletscherbach und eine natürliche alpine Rasen- und Zwergstrauchgesellschaft erhalten konnten. Auch Wanderer und Schitourengeher trifft man im Untersulzbachtal selten. Diese gehen lieber über die markierten Wege des Obersulzbachtals zur Kürsingerhütte und eventuell weiter auf den Kleinvenediger oder den 3657 Meter hohen Großvenediger. Dieser verbindet das 6728 Hektar große Wildnisgebiet Sulzbachtäler. Ein kleines Kraftwerk gibt es nur am Talausgang, außerhalb des Nationalparkgebietes.

Früher habe es Pläne gegeben, den Ober- und Untersulzbach für ein Kraftwerk ins benachbarte Hollersbachtal auszuleiten, erzählt Ferdinand Lainer. In der Venedigergruppe wollte man Heli-Skiing betreiben. Heute ist jeglicher Flugbetrieb, selbst mit Paraglidern, in der Sonderschutzzone der Sulzbachtäler verboten, weil Wildtiere dadurch gestört werden könnten.

Trogtal mit Bewuchs ohne Weg, ein Wanderer, im Hintergrund Berge.
Das Untersulzbachtal ist wild und im Wildnisgebiet weglos. Blick talauswärts.
Sonja Bettel

Wegen der globalen Erwärmung gehen die Gletscher zurück und legen in den Sulzbachtälern sukzessive Flächen frei, die über Jahrtausende unter Gletschereis verborgen lagen. Dort können sich nun Pflanzen und Tiere frei von direkter anthropogener Einflussnahme entwickeln, was für die Forschung extrem spannend ist.

Gletscher, davor Gletschervorfeld mit Steinen, Wanderer.
Wo sich das Untersulzbachkees zurückzieht, entsteht neuer Lebensraum. Aufnahme vom Oktober 2014.
Sonja Bettel

Schutz des wilden Wassers immer noch wichtig

Doch die Zeit bleibt nicht stehen, auch nicht im Nationalpark Hohe Tauern. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat auch die auf den ersten Blick lieblichen Almen erreicht. Im Zuge eines Projekts mit Schülerinnen und Schülern der landwirtschaftlichen Schule Ursprung, Salzburg, sei der Satz gefallen: "Dieses Grün schaut nicht aus wie auf einer Alm, sondern wie auf einem Golfplatz," erzählt Ferdinand Lainer. Den Nachwuchsbauern und -bäuerinnen sei es wie Schuppen von den Augen gefallen, dass hier etwas falsch laufe. "Wenn man das Gelände korrigiert, falsches Saatgut ausbringt, sodass man ein Einheitsgrün vom Salzburger Flachgau bis in die hintersten Tauerntäler hat, dann haben wir Handlungsbedarf", sagt der stellvertretende Nationalparkdirektor.

Mehrere unabhängig voneinander durchgeführte Studien aus dem Jahr 2015 haben festgestellt, dass in einigen Tälern des Nationalparks Revitalisierungen und Renaturierungen im Bereich der Bäche notwendig sind. Dabei sollen die Schutz- und Nutzungsanliegen der betroffenen Grundeigentümer berücksichtigt werden, doch die "Nationalparkstrategie Österreich 2020+" nennt als ein wichtiges Ziel, den Schutz von Arten und Lebensräumen an Fließgewässern zu optimieren und Gefährdungen zu reduzieren. Was wie ein Widerspruch klingt, kann Synergieeffekte haben, denn Verbauungen und Hochwasserschutz aus der Vergangenheit sind unter Umständen gar nicht erforderlich oder sogar hinderlich. Viel besser ist es oft, wenn Bäche und Flüsse aufgeweitet werden, damit Hochwasser und Geschiebe ausweichen können.

Wir müssen schauen, dass Bäche wieder mäandrieren können, dass sie wieder Platz haben. (Ferdinand Lainer, stellvertretender Direktor des Nationalpark Hohe Tauern Salzburg und zuständig für Naturraummanagement)

Dies wird angesichts des Klimawandels umso wichtiger, als mit dem Rückzug der Gletscher und dem Auftauen des Permafrostes vermehrt Felsen gelockert werden und die verstärkt auftretenden Starkniederschläge mehr Wasser und Material in die Bäche spülen. In den vergangenen Jahren wurden zum Beispiel vor allem aus dem Sattelkar im Obersulzbachtal zahlreiche Murgänge dokumentiert. – Die Mure, vor der unsere Fahrt abrupt endete, war also keine Seltenheit.

All diese Umstände haben dazu geführt, dass der Salzburger Nationalparkfonds nun ein Gewässerentwicklungskonzept für die Sulzbachtäler in der Gemeinde Neukirchen am Großvenediger erstellen lassen will. Für das Projekt wurde im Rahmen der "Ländlichen Entwicklung" eine Förderung der Europäischen Union beantragt. Im Managementplan 2016 – 2024 des Nationalparks Hohe Tauern Salzburg ist die Ausarbeitung eines gewässerspezifischen Entwicklungskonzeptes für die Hauptbäche aller Nationalpark-Täler vorgesehen. Ziel ist die Wiederherstellung des natürlichen Zustandes (wo dieser nicht vorliegt) und die Sicherung der natürlichen Dynamik und Entwicklung der Bäche – entsprechend der EU-Wasserrahmenrichtlinie und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Das Gewässerentwicklungskonzept für die Sulzbachtäler ist das Pilotprojekt.

Wasser das über Steine fließt
Wildes Wasser des Gletscherbaches im Untersulzbachtal.
Sonja Bettel

Bereits von 2009 bis 2017 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Innsbruck die Gewässer im Nationalpark kartiert. An einigen Bächen wurden sogenannte "Monitope" eingerichtet, also Flächen, an denen die Gewässergüte, das Makrozoobenthos (das sind die mit freiem Auge erkennbaren Lebewesen im Gewässer) und die Wasserchemie untersucht wurden.

Das Gewässermonitoring an 18 Probestellen im Nationalpark zeigte, dass besonders in den Sommermonaten seit dem Jahr 2010 die Temperaturen der Gewässer gestiegen sind. Bachlebewesen der höheren Regionen sind an den extremen Lebensraum angepasst und können deshalb nur dort überleben. Sie reagieren sehr empfindlich auf veränderte Umweltfaktoren, wie zum Beispiel die Erhöhung der Wassertemperatur. Beim Monitoring wurde tatsächlich eine Veränderung der Artenzusammensetzung in den Gewässern des Nationalparks festgestellt. Die Anzahl an Zuckmücken, die an die extremen Bedingungen eines kalten Gletscherbaches perfekt angepasst sind, geht beispielsweise zurück, die der Arten, die einen gemäßigteren Lebensraum brauchen, steigt.

Seit 2016 läuft in den vier Nationalparktälern Seebachtal in Kärnten, Ober- und Untersulzbachtal in Salzburg und Innergschlöß in Osttirol auch ein Pilotprojekt für ein Langzeitmonitoring unter dem Leitthema "Leben an Existenzgrenzen im Hochgebirge". Das Langzeitmonitoring soll die Auswirkungen von Umweltveränderungen wie einer Erhöhung der Temperaturen, des Anstiegs des Kohlendioxids und den Eintrag von Stickstoff auf die alpinen Ökosysteme dokumentieren. Teil dieses Projektes ist die Erhebung hydrologischer, chemischer und biologischer Signale in Mikro-Catchments (also kleinen Wassereinzugsgebieten).  

Wilder Gletscherbach
Der Untersulzbach ist ein naturbelassener wilder Gletscherbach mit Seltenheitswert.
Sonja Bettel

Einer der Kernfaktoren des Gewässerentwicklungskonzepts für die beiden Sulzbachtäler sei die Hydromorphologie, sagt Ferdinand Lainer: "Wie schaut die Uferdynamik aus, wie die Sohldynamik, wie schaut es aus mit Unterbrechungen. Da haben wir große Herausforderungen in einzelnen Tälern."

Der zweite Aspekt seien biologische Qualitätskriterien: Fische, Makrozoobenthos, der chemisch-physikalische Zustand. Weiters sollen die Lebensräume am Bach untersucht werden, "weil wir in einigen Tälern feststellen mussten, dass der Bach begradigt wurde. Grauerlenwälder wurden entfernt und landwirtschaftliche Flächen bis zum Bach ausgeweitet", erklärt Lainer. Auch die Vogelwelt und Amphibien, der Abfluss der Bäche und das Geschiebe sollen erhoben und analysiert werden. Daraus soll eine interdisziplinäre Zusammenschau entstehen, die die Bäche aus einem gesamtheitlichen ökologischen Gesichtspunkt betrachtet. Unter Einbeziehung aller Stakeholder, also Gewässerökologen, Vertreter der Wildbach- und Lawinenverbauung, des Fischereiverbands, der Bezirkshauptmannschaft, des Nationalparks, der Bundesforste sowie des Tourismus und der Almwirtschaft, sollen dann Leitbilder für die Gletscherbäche entwickelt werden.

Es ist sehr dringend, dass wir das angehen. Einst hat man die Gletscherbäche davor gerettet, dass sie in Turbinen verschwinden. Jetzt müssen wir aufpassen, dass wir die Bäche in den Tälern erhalten und nicht dafür gesorgt wird, dass das Wasser möglichst schnell rauskommt aus dem Tal. (Ferdinand Lainer)

Denn auch, wenn die Kämpfe um das Wasser in den Hohen Tauern lange her sind – vorbei sind sie noch lange nicht. Immer noch werden Pläne für Wasserkraftwerke gewälzt und Forderungen nach einer "Regulierung" der Bäche und Flüsse zum Schutz von landwirtschaftlichen Flächen, Infrastruktur und Siedlungen laut.

Sie sind verständlich, wenn man sich die Situation außerhalb des Nationalparks ansieht: Nur fünf Tage vor unserer Exkursion in die Sulzbachtäler hat die starke Schneeschmelze dafür gesorgt, dass die Salzach bei Mittersill die Pegelwarngrenze überschritten hat. Ende Juli 2014 sorgten heftige Regenfälle im Oberpinzgau zwischen Mittersill und Krimml für Hochwässer. Die Pinzgauer Lokalbahn musste längere Zeit stillstehen, weil das Gleisbett unterspült worden war und repariert werden musste.

Hochwässer, Geschiebe und Dynamik sind für einen natürlichen Fluss und seine Lebenswelten jedoch lebensnotwendig. Nationalparks und andere Schutzgebiete sollen deshalb dafür sorgen, dass wenigstens einige Referenzflüsse und -landschaften erhalten werden können.

Aubesetzung und Baustellen-Blockade schufen auch an der Donau und in den Kalkalpen die Grundlage für die Nationalpark-Gründungen.

Das Ringen um das frei fließende Wasser stand auch bei anderen Nationalparks in Österreich am Beginn ihrer Geschichte, wie Carl Manzano erzählt, der die kleine Exkursion in die Sulzbachtäler begleitet. Carl Manzano ist in Salzburg aufgewachsen, lernte die frei fließende Donau im Osten Österreichs beim Paddeln kennen und kämpfte 1984 gegen das Donaukraftwerk bei Hainburg. Die Besetzung der Stopfenreuther Au im Dezember 1984 war ein Schlüsselerlebnis für die Umweltbewegung und die Demokratie in Österreich. Die Au konnte gerettet werden, die Aktion "Natur freikaufen" des WWF sicherte 411 Hektar der Regelsbrunner Au für den Naturschutz. Im Oktober 1996 vereinbarten der Bund und die Länder Niederösterreich und Wien die Errichtung des 9600 Hektar großen Nationalparks Donau-Auen, dessen Direktor Carl Manzano von 1997 bis Jänner 2019 war. Jetzt, in seiner Pension, ist er Ehrenmitglied des Vereins Nationalparks Austria.

Auwald im Winter mit Zelten.
Die Besetzung der Stopfenreuther Au im Dezember 1984 durch Gegner des Donau-Kraftwerkes Hainburg.

Auch die Gründung des Nationalparks Kalkalpen in Oberösterreich wurde möglich, weil ein Speicherkraftwerk im Reichraminger Hintergebirge, das die Ennskraftwerke AG bauen wollte, durch den Widerstand einer Bürgerinitiative verhindert werden konnte. Im Sommer 1984 besetzten Kraftwerksgegner die Baustelle am Reichramingbac und wurden dafür wegen Besitzstörung geklagt und verurteilt. 1985 zogen die Ennskraftwerke dennoch ihre Kraftwerkspläne zurück und auf Initiative der Jungen ÖVP und der ÖVP im Bezirk Steyr verkündete der damalige Landeshauptmann Josef Ratzenböck 1987 die Gründung des Nationalparks Kalkalpen.

Welche Bedeutung naturbelassene Bäche und Flüsse haben, können jene, die damals noch lange nicht geboren waren, im Besucherzentrum des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten in Mallnitz erfahren. Dort gibt es in der neu gestalteten Ausstellung "Univerzoom Nationalpark" das "Rangerlab wertvolles Wasser". An verschiedenen Stationen können Kinder und Jugendliche (und natürlich auch Erwachsene) mit Wasser experimentieren, Wasserflöhe beobachten und vieles mehr, ergänzt durch eine Expedition an ein Gewässer im Nationalpark.

In Mittersill in Salzburg gibt es auch ein Science Center mit zwei Laborräumen speziell für junge Menschen mit Modulen über das Thema Wasser. In St. Jakob im Osttiroler Defereggental steht das "Haus des Wassers", das ebenfalls der theoretischen und praktischen Vermittlung dient.

Auf Anregung des Nordtiroler Unternehmens Swarovski wurde 1999 die "Swarovski Wasserschule Nationalpark Hohe Tauern" gegründet, bei der Ranger des Nationalparks in Schulen das Thema Wasser vermitteln und mit Schulklassen erkunden. Die "Swarovski Waterschool International" vermittelt Wissen über das Wasser an Kinder und Jugendliche in China, Indien, Uganda, Brasilien, den USA und Thailand.

Die Reise in den Nationalpark Hohe Tauern im Juni 2019 erfolgte auf Einladung des Vereins Nationalparks Austria, der Dachorganisation der österreichischen Nationalparks.

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