Ein gezähmter Fluss wird wieder wild

Am Tiroler Lech kann man erleben, wie Renaturierung gelingt. Reportage von Sonja Bettel, 360°-Panorama-Tour von Thomas Bredenfeld.

Im Herbst 1985 wurde Peter Hanisch, damals junger Mitarbeiter des Wiener Zivilingenieurbüros Zottl & Erber, an den Tiroler Lech geschickt. Er sollte dort im Auftrag der Wasserbau-Verwaltung Vermessungsarbeiten durchführen, die klären sollten, ob und wie der Fluss weiter reguliert, also mit Uferbefestigungen und Querstufen an der Sohle verbaut werden sollte.

Etwa ein dreiviertel Jahr davor hatte Peter Hanisch sein Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien abgeschlossen. Viel hatte er während des Studiums gelernt. Doch was er im Außerfern, dem nordwestlichsten Teil des österreichischen Bundeslandes Tirol sah, war ihm in all den Jahren an der Uni nicht untergekommen: Ein hochdynamischer Fluss, der große Schotterbänke anlagert und wieder abträgt und bei Hochwasser stellenweise fast das ganze Tal ausfüllt.

Drei Wochen lang sprang Peter Hanisch auf mächtigen Schotterbänken hin und her, zwischen denen bei trockenem Wetter türkisblaues, nach starkem Regen graubraunes Wasser in sich verzweigenden Armen floss, streifte durch die Aue und erfuhr dabei sehr viel über den Lech. "Man muss einem Fluss zuschauen und zuhören, damit man versteht, was passiert", ist sein Credo, das er damals gelernt hat.  

Fluss Tiroler Lech mit türkisfarbenem Wasser und Schotter mit Bergen im Hintergrund.
Das Bett des Tiroler Lech ist an manchen Stellen fast so breit wie das Tal.
Sonja Bettel

Sein damaliger Chef, Hermann Zottl, war nach dem Stopp des Kraftwerksbaus bei Hainburg an der Donau Mitglied der Ökologie-Kommission der Bundesregierung und setzte sich mit dem Geschiebetrieb der Donau auseinander. Zottl zeigte auf, dass sich die Donau unterhalb von Wien pro Jahr um zwei bis drei Zentimeter eintiefte. Grund dafür waren die bestehenden Kraftwerke flussaufwärts in Oberösterreich und Niederösterreich, die das Geschiebe, also den Schotter, den der Fluss transportierte, zurückhielten. Würde man dem tatenlos zusehen, warnte Hermann Zottl damals, würde die Hainburger Au in drei Jahrzehnten austrocknen, weil mit der Eintiefung des Flusses der begleitende Grundwasserstrom sank. Im Gegensatz zur damals vorherrschenden Meinung von Ingenieuren vertrat er die Ansicht, dass der Eintiefung auch mit anderen Mitteln als dem Bau eines weiteren Kraftwerkes Einhalt geboten werden könne.

Ein "entarteter" Zustand

Auch am Tiroler Lech sank die Flusssohle sukzessive ab. Dort waren es nicht Kraftwerke, die zur Eintiefung des Flusses führten, sondern das Fehlen des „Nährstoffs“ für einen ausgeglichenen Geschiebehaushalt: An den Zuflüssen aus den steilen Seitentälern hielten Geschiebesperren das Gestein zurück und bei Weißenbach hatte ein Kieswerk jahrzehntelang bis 1980 pro Jahr 70.000 bis 80.000 Kubikmeter Schotter aus dem Flussbett gebaggert.

Damals war es gewünscht, dass das Geschiebe reduziert wird, erzählt Wolfgang Klien, Fachbereichsleiter Wasserwirtschaft des Baubezirksamt Reutte. Denn vor allem bei der Schneeschmelze und gleichzeitigem Regen im Frühjahr schwoll der Lech auf eine Breite von bis zu 400 Metern an und führte große Mengen Gestein mit sich. Er riss Uferbereiche weg, lagerte an anderer Stelle Material ab und überflutete bei extremen Hochwässern Felder und Dörfer mit Wasser und Schlamm. Der Name "Lech" kommt vermutlich aus dem alt-indogermanischen "lik", das "der schnell Fließende" oder "der Steinreiche" bedeuten soll – beides ist passend.

Links Bäume und Schotterbank, rechts Fluss, hinten ein Berg.
Der Tiroler Lech, hier auf der Strecke zwischen Holzgau und Häselgehr, führt aus den Bergen viel Schotter mit.
Sonja Bettel

Zum Schutz der Siedlungen wurden schon Ende des 19. Jahrhunderts kleinräumige Schutzbauten an den Ufern errichtet, die aber meist nur bis zum nächsten Hochwasser hielten. 1896 wurde der Lech erstmals mit einem Längsbauwerk zwischen Höfen und Ehenbichl reguliert. Die lokalen Maßnahmen brachten aber immer nur Teilerfolge, weshalb 1907 mit der Planung eines Generalprojektes begonnen wurde.

Philipp Krapf, Landesoberbaurat von Tirol und Vorarlberg und zuständig für den Flussbau, schrieb 1910 in seinem Werk über den Wasserbau in Tirol über den Lech:

Wer eine Wanderung ins österreichische Lechtal unternimmt, wird beim ersten Schritte bereits einen trostlosen Eindruck empfangen, der sich beim weiteren Vordringen noch vertieft (...) beherrscht das wilde Wasser des Lechs (...) in fast schrankenloser Willkür den Talboden (...) Verursacht ist dieser entartete Zustand durch die vielen geschiebereichen Wildbäche ...
Gebirgsbach mit steiler Schlucht, Felsen und Wald.
Der Streimbach ist einer der Zuflüsse des Lech, die viel Geschiebe liefern und deshalb in den 1960er Jahren mit einer Geschiebesperre verbaut wurden.
Sonja Bettel

Die Wildbäche der Seitentäler des Lechtals waren deshalb so geschiebereich, weil sie steil sind und die Bäche teils durch Schluchten führen. Aber auch, so merkte Krapf an, weil sie zum Triften von Holz verwendet wurden. Gefällte Baumstämme wurden ins Wasser geworfen, schwammen mit dem Bach in den Lech und mit dem Lech bis nach Augsburg. Die Stämme schlugen in den Schluchten Steine und Erde los. Im Lech selbst, so wurde bereits im 16. Jahrhundert kritisiert, beschädigten und zerstörten sie Brücken, Ufer und Fischbruten. Die massive Abholzung der Wälder in den Seitentälern verstärkte das Aufkommen von Geschiebe noch, weil der Boden dadurch schneller erodierte und bei Regen abgeschwemmt wurde. Der Schotter lagerte sich zum Teil auf der Flusssohle ab und erhöhte damit den Wasserspiegel, was bei Hochwasser schneller zu Überflutungen führte.

Der "entartete Zustand" sollte also beendet werden. Der Lech sollte gezähmt, der störende Schotter durch eine Einengung des Flusses und die daraus resultierende Beschleunigung des Wassers abtransportiert werden.

In Bayern begann die "Flusskorrektion" des Lech schon 1852. Aus einem breiten Fluss mit vielen Verzweigungen, Schotterflächen und Auen wurde ein Kanal. 1898 wurden dann die ersten Staukraftwerke gebaut. Bis zum Jahr 1978 wurden 23 Staustufen errichtet. Zwei weitere im Bereich Augsburger Stadtwald wurden durch landesweiten Widerstand verhindert.

In Tirol gibt es seit 1952 ein Wasserkraftwerk beim Kniepass. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Reutte Wasser in Kanäle ausgeleitet, um Antriebskraft und Strom für Gewerbe und Textilindustrie zu liefern. Die ersten querliegenden Buhnen (rechtwinklig zum Ufer gebaute Dämme) und Längsverbauungen wurden 1909 bei Elmen, Martinau, Forchach, Stanzach und Ehenbichl angelegt. 1927 plante die Bundeswasserverwaltung im "III. Bauprogramm" eine Regulierung des Lech bis Stanzach, die aber – wohl kriegsbedingt – nur teilweise ausgeführt wurde. Ab 1962 wurden an den in den Lech mündenden Wildbächen Hornbach, Namlosbach, Streimbach und Schwarzwasserbach Geschieberückhaltesperren gebaut.

Wie gewünscht reduzierte sich der Schotter durch all diese Maßnahmen. Doch weil weniger Geschiebe nachkam, riss der Fluss immer mehr Material von seiner Sohle weg und der Wasserspiegel sank. Das war bei Hochwasser positiv für die Siedlungen. Gleichzeitig sank jedoch der Grundwasserspiegel, Auen wurden seltener oder gar nicht mehr überflutet, konnten sich nicht mehr verjüngen und veränderten ihre Artenzusammensetzung.

Brücke vom Flussufer aus gesehen mit Schotterbank.
Bei der Johannesbrücke hatte sich der Lech schon fast unter die Gründung gegraben. Die alte Brücke hatte nur die Breite von zwei Pfeilern und wurde für die Aufweitung des Lech (im Vordergrund) verlängert.
Sonja Bettel

Der Fluss grub immer weiter und weiter. Bei der Johannesbrücke bei Weißenbach, die 1936 gebaut worden war, grub sich das Flussbett innerhalb von 60 Jahren um dreieinhalb Meter ein. Der Lech war 1996 schon fast unterhalb der Gründung der Brückenpfeiler angelangt, erzählt Wolfgang Klien. Es wurde klar, dass man ihn stoppen musste. Ein Glück war, dass die Geschiebesperren an den Seitenbächen in der Zwischenzeit großteils mit Schotter vollgefüllt waren, deshalb Schotter überlief und den Lech versorgte.  

 Lebensraum für Spezialisten

Der Lech war früher bedrohlich für die Bauern und Handwerker, die in seinem Tal lebten, doch für Tiere und Pflanzen war er ein Paradies. Vor seiner Verbauung durch den Menschen wirkte er als Biotopbrücke zwischen den Alpen und der Alb, schreibt Eberhard Pfeuffer, früherer Vorsitzender des Naturwissenschaftlichen Vereins Schwaben, in seinem Buch "Der Lech". Das bedeutet, Pflanzen und Tiere konnten flussab und flussauf wandern und sich so neue Lebensräume erschließen.

Ein dynamischer Alpenfluss wie der Lech hat sehr unterschiedliche Bereiche und extreme Bedingungen, was für eine große Artenvielfalt und die Entwicklung von Spezialisten sorgt.

In den Flussrinnen, also den Armen des fließenden Wassers, das auch im Sommer kalt ist, schwimmen Bachforelle, Äsche, Koppe und Schmerle, am Grund gibt es Steinkrebse, Steinfliegen, Schlammfliegen, Köcherfliegen und Eintagsfliegen.  

Ein Fisch der Art Koppe mit offenem Maul im Fluss auf Kiesgrund.
Die Koppe lebt vorwiegend auf steinigem Grund und benötigt eine hohe Sauerstoffkonzentration und niedrige Wassertemperaturen.
Werner Gamerith

Die Schotterbänke werden im Sommer sehr heiß und im Winter sehr kalt. Dort leben Insekten, die sich an diese Extreme angepasst haben und bei Hochwasser wegfliegen, schwimmen oder mithilfe einer Luftblase am Körper unter Wasser überleben können. Im Stillwasser der trocken gefallenen Flussrinnen und Mulden findet man Amphibien, Libellen und den sehr seltenen Zwergrohrkolben. Die Brunnwässer, die sich aus dem Grundwasser speisen, sind Kinderstube und Zufluchtsort vieler Arten bei Hochwasser. Auf der kiesigen und sandigen Schwemmlingsflur mit wenig Vegetation wachsen Pionierpflanzen wie der Knorpelsalat. Angeschwemmte Baumstämme und Äste sind Lebensraum für Käfer und Spinnen, der Flussregenpfeifer und der Flussuferläufer legen auf dem Kies ihre Eier ab.

Uferbereich des Tiroler Lech mit Weidenbüschen und der Pflanze Deutsche Tamariske.
Auf Bereichen mit angeschwemmtem Kies und Sand, die länger trocken bleiben, wachsen Weiden und die Deutsche Tamariske (im Vordergrund).
Sonja Bettel

Wo es länger trocken bleibt, gedeihen Weiden und die stark gefährdete Deutsche Tamariske, die Silberwurz, der Steinbrech, Mehlprimeln oder das Alpen-Leinkraut. Auch die Schlingnatter und die sehr seltene Gefleckte Schnarrschrecke fühlen sich hier wohl. Noch weiter weg vom Wasser folgen Grauerlen-Gebüsche und Schneeheide-Kiefernwälder mit Orchideen wie dem Frauenschuh, die Weiße Waldhyazinte und viele Insekten.

Gelbe Blumen im Wald.
Der Frauenschuh ist eine besonders gefährdete Orchideenart.
Werner Gamerith

Dort, wo der Tiroler Lech noch naturbelassen oder naturnahe ist, findet man die größte Artenvielfalt in Mitteleuropa. Auf einer Fläche von 40 Quadratkilometern wurden 1116 Pflanzenarten (das ist ein Drittel aller in Österreich vorkommenden Pflanzen) nachgewiesen, wovon 392 vom Aussterben bedroht sind. Mit 110 Brutvogelarten ist es auch das wichtigste Brutgebiet für flussbewohnende Vögel in Österreich.

Ringen um den Naturschutz

Die große ökologische Bedeutung des Lech war lange Zeit nur wenigen Naturkundlern bekannt. Mit dem wachsenden ökologischen Bewusstsein in den 1970er und 1980er Jahren begann jedoch eine Auseinandersetzung mit dem naturräumlichen Potenzial des Lechtals. 1987 wurde der Lech von der Abteilung Umweltschutz beim Amt der Tiroler Landesregierung als international bedeutend eingestuft. Der Lech gilt heute als der letzte große Wildfluss der Nordalpen – zumindest in Teilen.  

Seitenarm des Flusses mit Schotterbank, Totholz, Gräsern und Sträuchern.
Vielfältige Strukturen und große Dynamik machen den Lech zu einem wertvollen Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten.
Sonja Bettel

Auch in der Bevölkerung wuchs das Interesse an Fauna und Flora und den Besonderheiten des Lech. Und es regte sich Widerstand gegen seine weitere Verbauung und zwölf geplante Stauwerke, wie zum Beispiel am Streimbach, der bei Elmen in den Lech fließt.

Zu den Widerständigen gehörten auch die beiden Lechtaler Toni Knittel und Peter Kaufmann. Um den Bewohnern die Schönheiten des Tals nahe zu bringen, wurde im Juni 1990 eine Diaschau über den "Lebensraum Lechtal" mit Fotos des Naturfotografen und Autors Werner Gamerith veranstaltet. Toni Knittel und Peter Kaufmann schrieben dafür zwei Lieder im Lechtaler Dialekt – ein Novum. Eines davon nützte die Sage vom bösen "Bluatschink", die früher dazu gedient hatte, Kinder vom gefährlichen Fluss fernzuhalten. Nun wurde sie auf die Erwachsenen umgemünzt, die die Finger vom Fluss lassen sollten, wie Toni Knittel gemeinsam mit seiner Frau und Band-Partnerin Margit Knittel im Interview erzählt:

Das Lied über den "Bluatschink" wurde ein Hit und zum Namen der Musikgruppe. Toni Knittel und seine Frau Margit Knittel treten auch heute noch auf, um auf die Schönheit des Lech und Probleme im Lechtal aufmerksam zu machen. Aber hören Sie selbst:

Die Bürgerinitiative im Lechtal erhielt später Unterstützung durch den WWF Tirol sowie von 20 weiteren Umweltverbänden und Fachleuten aus dem In- und Ausland. Im Dezember 1992 wurde bei einem Treffen in Häselgehr eine Resolution zum Schutz des Lech als Ramsar-Schutzgebiet verabschiedet, die dem zuständigen Naturschutzlandesrat übergeben werden sollte. (Die Ramsar-Konvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag über Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung) Die Frage, ob der Lech zum Naturschutzgebiet werden soll oder nicht, spaltete jedoch die Bevölkerung. Ein Teil fürchtete Einschränkungen bei der Bewirtschaftung der Wiesen und Felder oder der Entwicklung der Gemeinden. Nach langem, zähem Ringen einigten sich der WWF und die Tiroler Landesregierung darauf, das gesamte Flusssystem des Lech in Tirol unter Schutz zu stellen. Im Jahr 2000 wurde der Tiroler Lech zum Europaschutzgebiet Natura 2000 erklärt, 2004 wurde das Prädikat Naturpark verordnet und der Lech als Naturschutzgebiet ausgezeichnet.

Im Jahr 2010 kam es zu neuerlichen Protesten, weil die Österreichischen Bundesbahnen drei Quellbäche des Lech in Vorarlberg in den seit 1925 aufgestauten Spullersee ableiten wollten, um damit mehr Strom für die Bahn zu erzeugen. Dem Lech wären damit pro Jahr ca. 25 Millionen Kubikmeter Wasser entzogen worden. Das Projekt war 2009 von der Tiroler Landesregierung trotz Bedenken von Fachleuten und internationalem Protest genehmigt worden. Der WWF Österreich, die Arbeitsgemeinschaft Tiroler Lechtal, die Bürgerinitiative "Ob-Acht Lechtal" und weitere in- und ausländische Umwelt- und Naturschutzverbände legten bei der EU Beschwerde dagegen ein und Greenpeace "enteignete" 2010 in einer großangelegten Aktion die ÖBB-Zentrale in Wien. Die ÖBB gaben die Pläne später aufgrund von Problemen mit Gemeinden und Grundeigentümern im Quellgebiet des Lech auf.

Stausee in schöner Alpenlandschaft.
Der Spullersee in Vorarlberg ist ein Stausee der ÖBB, der zur Erzeugung von Bahnstrom dient. Hier im Quellgebiet des Lech sollte noch mehr Wasser gestaut werden, das dann aber dem Lech gefehlt hätte.
Sonja Bettel

Was tun gegen die Eintiefung?

Ab dem Jahr 2000 war der Lech also geschützt, doch die Probleme des fehlenden Geschiebes und der Eintiefung der Flusssohle blieben bestehen.

Ein 1978 vorgestelltes Projekt des Zivilingenieurbüros Zottl & Erber hatte die Bekämpfung der Sohleeintiefung und die verbesserte Regelung des Hochwasserabflusses mit dem Einbau von Sohlstufen zur Verringerung des Gefälles vorgesehen. Dadurch erhoffte man sich die Reduktion des Transportvermögens des Flusses und damit eine Verbesserung des Geschiebehaushaltes im Flussbett. Zusätzlich wurde eine Reduzierung der gewerblichen Schotterentnahme gefordert, die 1980 auch erfolgt ist. Die Sohlstufen wurden, bis auf eine einzige bei der Ulrichsbrücke, nicht gebaut, weil man erkannte, dass damit die Verzweigungen des Lech eingeschränkt würden.

Zu Beginn der 1990er Jahre hatte die Bundeswasserbauverwaltung eine wissenschaftliche Überprüfung aller für das Lechtal und den Lech relevanten Teilbereiche in Auftrag gegeben – das "Pilotprojekt Lech-Außerfern" – um all die aufgekommenen Fragen des Naturschutzes und des Hochwasserschutzes zu klären. Die Studie dauerte etwa fünf Jahre und kostete 30 Millionen Schilling (umgerechnet 2,2 Millionen Euro). Sie konnte aus Kostengründen nicht weitergeführt werden, lieferte jedoch wesentliche Grundlagen für alle weiteren Arbeiten. Erstmals wurde eine digitale Orthofoto-Karte samt Geländemodell im Maßstab 1:1000 erstellt. Weiters wurde der Bestand der hydraulischen, hydrologischen, flussmorphologischen und wasserbaulichen Situation am Lech erhoben. Daraus konnte eine Karte der Gefahren aus Erosions- und Anlandungsprozessen für den Siedlungsraum erstellt werden.  

Schotter in verschiedenen Farben und Größen im Flussbett.
Der bunte Schotter im Lech zeigt die Vielfalt des Einzugsgebietes des Lech.
Sonja Bettel

1996 gab die Wasserbauverwaltung noch eine Untersuchung des Feststoffhaushalts des gesamten Tiroler Lech in Auftrag, für die 40 Materialproben des Geschiebes genommen und nach Größe, Zusammensetzung und Herkunft untersucht wurden. Die Studie hat klar herausgearbeitet, dass man das in der Vergangenheit nachhaltig gestörte Feststoffregime nur durch eine gesamträumliche Lösung in den Griff bekommen kann.

LIFE für den Lech

Nachdem der Lech im Jahr 2000 unter Schutz gestellt worden war, konnte auf Basis all dieser Daten und Erfahrungen ein LIFE-Projekt bei der EU beantragt werden. Es trug den Namen "Wildflusslandschaft Tiroler Lech", kostete 7,82 Millionen Euro, wurde etwa zur Hälfte von der EU gefördert und lief von 2001 bis 2007.

Ziele des LIFE-Projekts "Wildflusslandschaft Tiroler Lech" waren: 

  • Die Erhaltung und Wiederherstellung der relativ natürlichen, dynamischen fluvialen Lebensräume
  • Der Stopp der Eintiefung der Flusssohle und des Grundwasserspiegels
  • Die Verbesserung des Hochwasserschutzes im Einklang mit Umweltschutzzielen
  • Die Erhaltung von Tieren und Pflanzen, die von der EU als wichtig oder gefährdet bewertet werden
  • Die Verbesserung des ökologischen Bewusstseins der lokalen Bevölkerung
  • Die Durchführung eines gemeinsamen Projektes mit Organisationen aus verschiedenen Interessensgebieten
Plan des Tiroler Lech mit eingezeichneten Bauwerken.
Plan der Aufweitung des Lech an der Johannesbrücke bei Weißenbach. Gelb eingezeichnet sind Buhnen und Leitwerke, die abgebrochen wurden, rote wurden neu gebaut, rot umrandet ist Bestand. Rechts rot sind zwei Inseln für bestehende Strommasten.

Im Rahmen des Projektes wurden zahlreiche Längs- und Querverbauungen entfernt und einige zur Sicherung der Siedlungen landeinwärts verlegt, damit der Fluss sich wieder ausbreiten kann. Die Johannesbrücke bei Weißenbach, an der es früher eine künstliche Engstelle des Flusses gab, wurde um einen Bogen verlängert, damit der Lech mehr Platz bekommt.  

Große Schotterfläche mit Totholz, dahinter die Brücke.
Durch die Aufweitung des Tiroler Lech an der Johannesbrücke kann Totholz ungehindert abfließen und bleibt beim Sinken des Durchflusses auf den Schotterbänken liegen.
Sonja Bettel

Der Vorteil ist deutlich sichtbar: Totholz, das der Fluss bei Hochwasser mitführt, bleibt nun nicht mehr an der Brücke hängen, sondern fließt ruhig ab und kann beim Sinken des Durchflusses auf einer Schotterinsel liegenbleiben und als Keimzelle neuen Lebens dienen. Durch die Aufweitung des Flussbettes haben Hochwässer auch mehr Platz, in die Breite zu gehen, statt über die Ufer. Am Schwarzwasserbach wurde die Geschiebesperre komplett entfernt, am Hornbach wurde sie abgesenkt.

Zwei Strommasten flussabwärts der Johannesbrücke, die früher hinter der Längsverbauung am künstlich angelegten Land standen, wurden aus Kostengründen belassen und stehen jetzt auf kleinen Inseln, die mit großen Steinen gegen Erosion gesichert wurden.

In dieser interaktiven 360 Grad Panorama-Tour können Sie sich rund um die Johannesbrücke am Tiroler Lech umschauen, die Geräusche von dort hören und viele Informationen über den Lech und seine Lebenswelten sowie die Renaturierung des wilden Alpenflusses erhalten.

Die umfangreichen baulichen Maßnahmen wurden von der Firma DonauConsult geplant, das ist das Nachfolgeunternehmen des Zivilingenieurbüros Zottl & Erber. Peter Hanisch, seit 1995 einer der Geschäftsführer, sagt über die Situation des Tiroler Lech im Jahr 2001: "Wenn die Folgen einer Maßnahme schon so weit fortgeschritten sind, dass der Fluss aus seinem selbstgegrabenen Bett nicht mehr selber herauskommt, muss ich einen Initialeingriff setzen, um wieder in die Dynamik zu kommen." Es habe damals viele Diskussionen mit der Naturschutzabteilung des Landes und Sachverständigen gegeben, wie man dem Lech am besten helfen könne, ohne ökologisch noch mehr Schaden anzurichten. Rückblickend gesehen sei es ein gutes Beispiel, wie man einen Fluss revitalisieren kann. Geholfen hat dabei das große Hochwasser im Jahr 2005. Die Renaturierungsmaßnahmen, die dem Lech seit bald 20 Jahren seine Wildheit zurückgeben, wurden dadurch erleichtert, dass die benötigten Grundstücke großteils der Republik Österreich gehören.

Allerdings konnten nicht alle Probleme mit dem Geschiebe beseitigt werden. Im Siedlungsraum von Reutte, in dem 70 Prozent der Bevölkerung des Bezirkes leben, gab es Probleme, weil drei Kilometer oberhalb von Reutte ein streng regulierter Flussabschnitt liegt und das Gefälle abnimmt, erzählt Peter Hanisch. Der Lech lagerte deshalb bei Reutte eine Menge Schotter ab, was bei Hochwasser Überflutungsgefahr bedeutete. Die Planer von DonauConsult hatten eine geniale, von der Wasserbauverwaltung erkannte und aufgegriffene Idee, wie man das Problem lösen könnte: Mit einer Geschiebedosieranlage.

Fluss mit gewundenem Umgehungsarm aus der Luft.
Die Geschiebedosieranlage am Tiroler Lech. Der rechte, gewundene Teil ist der neue Flussarm, im linken geraden Teil bleibt bei Hochwasser das Geschiebe liegen und kann später herausgebaggert werden.
Charly Winkler

Dafür wurde auf einem freien Grundstück rechts des bestehenden Flussbettes ein neuer, naturnah strukturierter Flussarm angelegt, durch den das Wasser bei normaler Wasserführung fließt. Am Eingang der neuen Umgehungsstrecke gibt es einen betonierten Durchlass, der die Wassermenge reguliert und nur einen Teil des Geschiebes durchlässt. Für Fische oder andere Lebewesen ist er in beide Richtungen durchgängig.

Betonierter Durchlass am Fluss, der Wasser und Schotter-Zufluss reguliert.
Der Durchlass der Geschiebedosieranlage am Tiroler Lech bei Höfen.
Charly Winkler

Bei Hochwasser strömt der Fluss zusätzlich in das alte, regulierte Flussbett, das auf 300 Metern Länge deutlich verbreitert wurde, sodass das Geschiebe liegen bleibt. Geht die Wassermenge zurück, fällt dieses Bett nahezu trocken und der Schotter kann herausgebaggert werden. Er dient entweder als Ausgleich für Stellen, an denen die Flusssohle zu tief liegt, oder er wird gewerblich verwendet.

Für diese "Geschiebefalle", wie die Anlage meist vereinfacht genannt wird, wurde auch ein 20 Meter langes 1:80 Modell gebaut, über einen längeren Zeitraum detailliert gemessen und mit Zeitrafferaufnahmen beobachtet, wie sich das Geschiebe bei unterschiedlicher Wasserführung verhält.

Im Zuge des LIFE-Projektes 2001–2007 wurden auch zahlreiche Maßnahmen für besonders gefährdete Arten gesetzt, wie zum Beispiel für das Frauenschuh-Vorkommen bei Martinsau, die Libellenart Bileks Azurjungfer oder kleine Fische wie die Koppe. Damit diese Arten sich in Ruhe wieder ansiedeln oder entwickeln können, wurden auch Einrichtungen zur Information und Lenkung der Besucher des Naturparks geschaffen und Projekte mit Kindern durchgeführt.

LIFE II für mehr Dynamik

Seit September 2016 bis Ende des Jahres 2021 läuft nun ein zweites LIFE-Projekt für den Lech mit dem Titel "Dynamic River System Lech". Das Budget von mehr als 6 Millionen Euro wird dafür eingesetzt, die natürliche Dynamik des Flusses und seiner angrenzenden Auwälder mit ihren typischen Pflanzen- und Tierarten zu erhalten. Dafür werden weitere Flussverbauungen entfernt. Oberhalb der Johannesbrücke kann sich der Lech dadurch bis zu 900 Meter in der Breite Platz nehmen. Für 20 ausgewählte Arten sollen neue Möglichkeiten entwickelt werden, diese zu fördern oder wieder anzusiedeln, sagt Leopold Füreder, Limnologe an der Universität Innsbruck, der am Projekt beteiligt ist. (Limnologie ist die Wissenschaft von den Binnengewässern als Ökosysteme) So soll zum Beispiel der Steinkrebs wieder angesiedelt werden, von dem es am Lech in Bayern noch intakte Bestände gibt.

Steinkrebse sollen am Lech in Tirol wieder angesiedelt werden. Sie werden von Beständen am Lech in Bayern stammen und an der Universität Innsbruck gezüchtet.
Werner Gamerith

Um Brutgebiete von störungsempfindlichen Vogelarten wie dem Flussuferläufer und dem Flussregenpfeifer zu schützen, wird die Besucherlenkung verbessert. Der Lech und seine Schotterbänke und Auen sollen weiterhin zugänglich sein, während der Brutzeit könnte man aber eventuell Schotterbänke, die von den Vögeln zur Eiablage genutzt werden, sperren.

Schotterbank mit braun-weißem Vogel.
Der Flussregenpfeifer braucht ungestörte Schotterbänke für die Eiablage.
Charly Winkler

Das Projekt Lech LIFE II wird auch dem Lech auf bayerischem Gebiet nützen. Am 13. Dezember 2018 fand der Spatenstich der Flussbaumaßahme C.11 „Revitalisierung des Lech von der Staatsgrenze bis zur Lechschlucht“ statt. Kernstück der Maßnahme ist ein Sporn am Auslauf des Kraftwerkes Weißhaus, der die Strömung des Lech in Richtung des linken Ufers drängen soll. Dadurch wird der Lech gezwungen, die verfestigte Kiesfläche aufzubrechen und umzulagern. Oberhalb der Einmündung des Kraftwerkskanals werden am rechten Ufer sechs Buhnen errichtet, die wieder Anlandungen in diesem Bereich ermöglich sollen. Die flussbaulichen Maßnahmen werden in Österreich gesetzt und werden sich wesentlich auf der deutschen Seite des Lech auswirken.

Ausführliche Details zum Projekt, verständlich erklärt, sind auf der Website von LIFE Lech zu finden.

Wanderweg am Fluss, Wald, Berg
Der 125 Kilometer lange Lechweg ist ein beliebter Wanderweg, an dem man den wilden Alpenfluss und das Tal hautnah erleben kann.
Sonja Bettel

Die Bevölkerung des Lechtales ist mittlerweile eher positiv gegenüber dem Schutz des Lech und seiner Fauna und Flora eingestellt. Dazu beigetragen hat, das gleichzeitig mit der Unterschutzstellung ein Regionalförderprogramm gestartet wurde. Im Jahr 2006 haben 24 Lech-Gemeinden einen Naturparkverein gegründet. Der Naturpark Tiroler Lech informiert die Besucher und hat ein Naturparkhaus, das passenderweise über dem Fluss gebaut wurde. Es wurde ein 125 Kilometer langer Wanderweg entlang des Lech angelegt – von der Quelle bis zum Lechfall – der jährlich von etwa 7000 Wanderern begangen wird. Das bringt ein positives Image und Geld in die zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch vergleichsweise arme Region. Einst mussten die Bauern und Bäuerinnen des Lechtals dem Fluss und dem Wald einen kargen Ertrag abringen, heute sorgt die Natur dafür, dass viele von ihnen ein besseres Auskommen haben.

Literatur zum Lech in Tirol und Bayern:

Werner Gamerith: Lechtal: Eine Landschaft erzählt ihre Geschichte. Tyrolia Verlag 1997

Marita Krauss, Stefan Lindl, Jens Soentgen (Hrsg.): Der gezähmte Lech. Ein Fluss der Extreme. Volk Verlag 2014

Peter Nasemann: Der Lech im Gebirge. Lechkiesel erzählen eine geologische Heimatgeschichte. Bauer Verlag 2015

Eberhard Pfeuffer: Der Lech. Verlag Wißner 2010

Hinweise:

Wir danken Werner Gamerith und Charly Winkler für die Fotos, die sie uns zur Verfügung gestellt haben, und Peter Hanisch und Wolfgang Klien für ihre Geduld bei der Beantwortung fachlicher Fragen.

Die Recherche vor Ort und das Interview mit Toni Knittel und Margit Knittel erfolgte im Rahmen der Wissenschaftskonferenz "Forum Alpinum" in Reutte Anfang Juni 2018. Das Lied "D'r Bluatschink" durften wir mit freundlicher Genehmigung der Gruppe "Bluatschink" verlinken.

Dank auch an Thomas Bredenfeld, der die interaktive 360 Grad Panorama-Tour des Tiroler Lech mit großem Einsatz fotografiert, programmiert und gestaltet hat.

Dieser multimediale Beitrag wurde durch eine Förderung der Alfred-Toepfer-Stiftung F. V. S. unterstützt.

Fotograf mit Stativ steht auf Schotterbank und fotografiert.
Thomas Bredenfeld bei der Aufnahme der 360 Grad Panoramen am Tiroler Lech.
Sonja Bettel

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Flussreporter