Expedition am Mississippi: Jeder Paddelschlag eine Erkenntnis

Der längste Fluss der USA ist ein Paradebeispiel für das Anthropozän. Studierende haben ihn bei einem „River-Semester“ des Haus der Kulturen der Welt erkundet. Flussreporterin Ilse Huber war dabei.

Ilse Huber

Ein Beitrag von Flussreporter, dem Online-Magazin über das Leben in, auf, an und mit Flüssen

Junge Menschen erfuhren paddelnd die Geschichte des längsten Flusses der USA. Sie erlebten den Mississippi als Zeugen, Archiv, Opfer und Gestalter. Eine menschliche, geografische und historische Nachverfolgung von Ilse Huber.

Der Mississippi ist mit seinen 3.774 Flusskilometern um rund tausend Kilometer länger als Europas zweitgrößter Fluss, die Donau. Doch verglichen mit ihr, ist der amerikanische Nationalfluss geradezu träge. Sein Höhenunterschied beträgt auf der gesamten Strecke nur 450 Meter, während die Donau von der Quelle bis zur Mündung 1.080 Höhenmeter überwindet.

In Europa haben sich viele aufgemacht, die Donau stromabwärts zu erfahren. Auf dem Frachtkahn, in der Koje eines Kreuzfahrtschiffes, im Schlauchboot und sogar als Stand-up Paddler, wie die Flussreporter berichtet haben.

Im August 2019 haben sich eine Reihe ambitionierter Menschen auf den Weg gemacht, den Mississippi im Kanu zu erleben. Vor allem junge Studierende der Privat-Universität Augsburg in Minneapolis paddelten 80 Tage lang von Headwaters im US-Bundesstaat Minnesota bis nach Louisiana im Süden. Eine Kerngruppe von sieben Personen folgte dem Flusslauf vom Anfang bis zum Ende, darunter die 21-jährige Audrey und der 24-jährige Steven.

Ich bin Audrey und komme von Malacca im Bundesstaat Minnesota. Das ist eine kleine Stadt zirka 15 Minuten nördlich der Hauptstadt von Minnesota. Ich bin 21 Jahre alt und bin wegen des River-Semesters auf dem Mississippi gepaddelt.
Mein Name ist Steven, ich komme aus Minneapolis, Minnesota, und bin 24 Jahre alt. Ich bin am Oberlauf des Mississippi zuhause.

Die beiden waren gemeinsam mit vielen anderen mehr als zwei Monate auf Amerikas geschichtsträchtigstem, wasserreichstem und am stärksten überformten Fluss unterwegs.

Mächtig, verzweigt und weitläufig, das Gewässernetz in den USA
Fast über ganz Nordamerika erstreckt sich das Wassereinzugsgebiet des Mississippi
Ilse Huber

Das Wassereinzugsgebiet des Mississippi erstreckt sich über 40 Prozent der gesamten Landesfläche der Vereinigten Staaten. Mehr als 60 Prozent des Wassers stammen aus den USA und Teilen Kanadas. 18 Millionen Menschen erhalten ihr Trinkwasser durch den Mississippi. Der Fluss fließt durch acht Bundesstaaten von Minnesota im Norden bis ins Delta, südlich von New Orleans, Louisiana. Den Namen „Großer Fluss“ gaben ihm die Native Americans: Misi-ziibi. Das Volk der Anishinaabe und die verwandten Stämme der Algonkin und Ojibwe nannten den großen Fluss einfach so wie er eben ist: groß. Die Franzosen übernahmen ihren Ausdruck und adaptierten ihn zu „Messipi“.

Dass sich die Studierenden der Privatuniversität Augsburg, Minnesota, in mehreren Kanus zusammenfanden, hatte einen Grund: die deutsch-amerikanische Freundschaft. Mehr dazu am Schluss des Beitrags.

Joseph Underhill arbeitet an der Universität Augsburg als Professor im Menschenrechts-Forum und ist der Programm-Direktor des River-Semesters.

+Wir begannen das River-Semester vor einigen Jahren. Doch dieses Jahr stand unter einem besonderen Anlass. Wir arbeiteten mit dem HKW (Anm. Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin) und der Initiative ‚wunderbar2gether‘ (von der Abteilung Außenwissenschafts-, Bildungs- und Forschungspolitik und der Auswärtigen Kulturpolitik Deutschland) an dem Anthropocene River Project zusammen. Inhalt dieser Kooperation waren Bildungs-, Forschungs- und Kunstprojekte.

Die Mississippi-River-Journey war Teil des Anthropocene River Projects, welches im November 2019 in den Anthropocene River Campus mündete. Und der fand seinen Abschluss an der Tulane University in New Orleans.

Seit Jahren macht Deutschland das Anthropozän zum Mittelpunkt verschiedenster Forschungen. Im Jahr 2019 konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf den Mississippi. Alle Beteiligten, egal ob aus Deutschland, den Vereinigten Staaten von Amerika oder von sonstwo konnten aus dem Vollen schöpfen.

Zeugen des jüngsten Hochwassers: junge Wurzeln an den Stämmen der Uferweiden
Die Wurzeln an den Stämmen der Uferweiden erzählen: hier war bis vor kurzem noch der Wasserspiegel
ILse Huber

Für die 27-jährige Amelie war das River-Semester sehr beeindruckend. Sie ist am Lake Almond, Minnesota zuhause.

Wir hatten bei jedem Flussabschnitt besondere Gäste. Zum Beispiel aus dem HKW oder aus anderen Institutionen. Ich paddelte das erste Mal acht Stunden am Tag. Einmal war es windig mit vielen Wellen. Das machte uns alle sehr müde. Im Lauf der Zeit war das Paddeln so etwas wie Meditation. Allmählich gewöhnten wir uns an die Bewegung und der Fluss gab uns mehr Energie als eine Stadt. Wenn du lange auf dem Fluss unterwegs bist, findest du das dann nicht mehr anstrengend.

Bernd Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin, ist Philosoph und leitet seit dem Jahr 2012 das Anthropozän Projekt. Er stieg am Lake Itasca, dem Ursprung des Mississippi, in das enge Kanu. Eine außergewöhnliche Erfahrung, wie er sagt.

Joseph Underhill von der Augsburg University war im August 2019 auch schon mit dabei. Er erinnert sich wie unauffällig und klein dieser „große Fluss“ seine Reise beginnt.

Wir waren rund 80 Tage unterwegs. Wir starteten Ende August in Headwaters, in Nordminnesota. Dort ist der Fluss ein kleines Rinnsal, das man leicht überqueren kann. Das Wasser ist klar und wir hatten noch keine Ahnung wie stark sich dieser Eindruck noch verändern würde.

Die Studentengruppe war nicht nur sportlich unterwegs. Schließlich heißt die Veranstaltung „River-Semester“. Lernen, Forschen und Verarbeiten füllten den Rest des Tages.

Der Mississippi als Bibliothek

Eine scheinbare Idylle: der Mississippi in New Orleans
Scheinbar ruhig und unaufgeregt fließt der Mississippi in Richtung Golf von Mexiko
Ilse Huber

Der Mississippi ist nicht nur geografisch, biologisch und ökologisch komplex. Der Mississippi ist Zeuge, Archiv, Opfer und Gestalter. Das klingt recht widersprüchlich, ist aber in seiner Vielschichtigkeit gerechtfertigt. Der Mississippi diente im 18. und 19. Jahrhundert als Transportweg. Mehr als 14 Millionen afrikanische Sklaven landeten im Hafen von New Orleans. Viele von ihnen wurden Richtung Norden in die Zuckerrohr-Plantagen verteilt. Auch in die Whitney-Plantage, die vom Deutschen Ambroise Heidel gegründet worden war.

German-Coast nannte man die Region am Mississippi westlich von New Orleans deshalb auch.

Der Mississippi war im amerikanischen Bürgerkrieg in den 1860er Jahren Kriegsschauplatz. Und er war stummer Zeuge bei der Dezimierung der Native Americans, bei ihrer Verdrängung in Reservate und ihrer Unterdrückung. Bis heute. Denn die Fossilindustrie beansprucht das Land verschiedenster American Indians für die Errichtung von Öl-Pipelines. Der Kampf um das Land setzt sich fort.  

Die Studierenden im River-Semester besuchten auf ihrer Paddeltour fünf Feldstationen entlang des Mississippi:

  1. Meskonsing-Kansan: Der Kampf um das Land der Native Americans
  2. Shaped by Rivers: Fruchtbare Böden, Nahrung und Wohlstand
  3. Amongst relatives: Überleben aller Arten
  4. Beyond property: Kolonisation und ökologische Transformation der Landschaft
  5. After extraction: Über die materielle Gewinnung hinaus

Mitbringsel und Rückgaben

Die beiden an der Augsburg-University studierenden Audrey und Steven brachten von ihrer Reise zwei besondere Andenken mit. Audrey:

Ich habe eine Orangensaft-Flasche, deren Etikett wir heruntergeribbelt haben, mit Wasser von Headwaters befüllt, mit einer kleinen Schnecke drin. Ich habe sie den ganzen Weg bis hierher mitgenommen und werde sie im Golf von Mexiko freilassen.

Steven erzählt:

Ich habe einen Kupfertopf mitgenommen, den uns eine Einheimische namens Sandy aus St. Louis gegeben hat. Sie segnete damit das Wasser. Jeden Sonntag um 9 Uhr in der Früh findet diese Zeremonie am Mississippi statt. Menschen kommen zusammen, singen und danken dem Wasser. Sie sprechen von Heilung und hoffen auf eine gute Zukunft für den Fluss.

Im Vortragssaal der Tulane University in New Orleans stimmen die jungen Paddlerinnen und Paddler ihren Song ‚Heveo‘ an. Beim Anthropocene River Campus passt die Kanon-Harmonie im Publikum noch nicht so wie bei den eingeschworenen Kanuten, die diesen Song schon aus Gründen der Motivation gut beherrschen.

Audrey erklärt, warum:

Der Blues hat uns begleitet, den ganzen Weg von St. Louis, Memphis und nun in New Orleans. Wir waren hier im French-Quarter bei Live-Musik und Jazz. Und es war unglaublich. Immer wenn wir gepaddelt sind, haben wir gesungen. Das hat uns im Rhythmus gehalten, die Moral gestärkt. Am Abend sind wir mit der Gitarre am Lagerfeuer gesessen und haben gesungen.   

Die Studentin Nell war von der Bootstour beeindruckt, nicht nur landschaftlich, sondern auch menschlich.

Am Ende des Tages war ich erfüllt vom Fluss, vom Sonnenuntergang. Dieses wunderbare Licht auf dem Wasser, den Booten, unseren Gesichtern. Ich erinnere mich an Stevens Gesicht, das richtiggehend glühte. Seine Wangen waren rosa und er hatte umwerfend blaue Augen. Wir waren alle wunderschön und das Wasser strahlte richtig. Das war einer der schönsten Momente in meinem Leben.

Die 18-jährige Zoe, eine der jüngsten Kanutinnen, will neben all den vielen Eindrücken auch Eines nicht missen: die Stille.

Zusammen schweigen am Ufer des Mississippi in New Orleans
Zeit für Zweisamkeit: am Ufer des Mississippi in New Orleans
Ilse Huber
Selbst wenn es ruhig war während der Fahrt und 30 Minuten niemand gesprochen hat, hörten wir dem Fluss zu. Wir haben aufgepasst, was rund um uns war. Es hat eine Zeit gegeben, in der wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Beobachtung und auf das Zuhören gelegt haben. Am Ende haben wir viel gelernt, ohne miteinander gesprochen zu haben, aber umso mehr haben wir auf die Umgebung zu horchen gelernt.

Die jungen Menschen waren auf ihrer Anthropocene-River-Journey auf dem Mississippi 80 Tage auf sich selbst gestellt: Keine Selbstbedienung beim Buffet, kein WLAN, wie Steven erzählt, nur der Fluss und seine Veränderung standen im Mittelpunkt. Mit jedem Flusskilometer stromab nahmen die menschlichen Einflüsse zu.

Sei es durch die Schifffahrt, die industrielle Landwirtschaft, die Düngemittelherstellung und das Fracking (unter hohem Druck wird eine Flüssigkeit in die geologischen Schichten eingebracht, um Erdöl bzw. Erdgas zu gewinnen).

Je näher es zum Golf von Mexiko geht, desto markanter werden die Zeugen der Fossilindustrie, die sich just auf jenen Flächen ansiedeln, die einst Baumwoll- und Zuckerrohr-Plantagen waren – und auf denen zigtausende Sklaven umkamen.

Das Aquarium von New Orleans und seine Spender
Im Aquarium von New Orleans
Ilse Huber

Die Fossilindustrie sponsert auch das Aquarium in New Orleans. Um sich von der Umweltverschmutzung, die sie anrichten, reinzuwaschen? Kurze Erinnerung an das Unglück der Ölbohr-Plattform Deepwater-Horizon vor zehn Jahren, bei dem fast 800 Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko flossen…

Doch zurück zum Anthropocene River Campus. Wie Joseph Underhill von der Universität Augsburg in Minnesota schon anklingen hat lassen: dieses Projekt wurde durch das Jubiläumsjahr der deutsch-amerikanischen Freundschaft ermöglicht: 2019 wurde an 70 Jahre Luftbrücke zwischen den USA und Deutschland erinnert, sowie an 30 Jahre Mauerfall.

Vito Cecere ist Beauftragter des deutschen Außenministeriums. Er erklärt, warum der Mississippi ein Synonym für geschichtliches Bewusstsein ist.

Für das Projekt „wunderbar2gether“ wurden insgesamt 22 Millionen Euro zu Verfügung gestellt. Im Zuge dessen fanden im ganzen Jahr 2.500 Veranstaltungen in allen 50 US-Bundesstaaten statt. Mehr als eine Million Teilnehmer waren dabei.

Verglichen dazu ist das Budget des Anthropocene-River-Projects deutlich kleiner, sagen Vito Cecere und Maria Wilke vom Auswärtigen Amt.

Bisherige Artikel, die im Zuge der Reise an den Mississippi erschienen sind, sind dankenswerterweise durch die einladenden Stellen 'Haus der Kulturen der Welt und Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte' ermöglicht worden.

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Flussreporter