Expedition am Mississippi: Alligatorensuche in einer einmaligen Landschaft

Flussreporterin unterwegs: Einst wurden die Reptilien erbarmungslos gejagt. Jetzt sind sie zwar vor dem Aussterben gerettet, aber auf den Menschen angewiesen

Ilse Huber Das Bild stellt einen Abschnitt des Mississippi-Flusses dar. Im Zentrum Wasser, rechts und links Galeriewälder, die einen tristen Eindruck machen. Das Bild zeigt das Gebiet, in dem die Expeditionsteilnehmer nach Eiern von Alligatoren gesucht haben.

Ein Beitrag von Flussreporter, dem Online-Magazin über das Leben in, auf, an und mit Flüssen

Dort, wo der längste Fluss der Vereinigten Staaten von Nordamerika, der Mississippi in den Golf von Mexiko mündet, zerfranst die Landschaft beinahe. Noch reicht eine sumpfige Landzunge weit in das Meer hinaus. Aber dieses Stück Land verliert kontinuierlich an Masse- nicht nur wegen des stetig steigenden Meeresspiegels. Für den Musiker Paul Simon erscheint das Mississippi Delta wie eine Gitarre. Zumindest lautet so die erste Zeile seiner Single „Graceland“.

The Mississippi Delta
Was shining like a National guitar
I am following the river down the Highway
Through the cradle of the civil war
– Paul Simon "Graceland"

Dazu braucht man inzwischen eine gute Vorstellungskraft, denn der vermeintliche Klangkörper ist seit der Veröffentlichung des Albums vor mehr als 30 Jahren deutlich abgemagert. Die geografischen Veränderungen haben auch das Leben im Sumpf geprägt. Die Fossilindustrie hat den Landstrich fest im Griff, die Natur kämpft.

Lesen Sie weiter: Wie sich die Mississippi-Mündung durch Wind und Klima verändert und welchen Anteil der Mensch dabei hat, dass Alligatoren überleben. Dieser Artikel steht gratis zur Verfügung. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Förderung oder einer Riffreporter-​Flatrate (Buttons unten), damit wir weiter über das Leben in, an, auf und mit Flüssen und Flusslandschaften berichten können.

Ausflug ins Plaquemines Parish

Manchmal nass, manchmal feucht, manchmal scheinbar fest: der Boden unter den Füßen ist schwammig
Wasserflächen, Sumpfpflanzen und manchmal ein Baum
Ilse Huber

Der Tag ist sonnig, windig und kühl. Aber das Licht ist gleißend und grell. Solche Bedingungen vermutet man nicht im November. Zumindest nicht in Europa. Und hier an der nordamerikanischen Südküste ist doch Einiges anders. Zum Beispiel der Kampf um Landmassen gegen das Wasser. Hurrikans (Katrina anno 2004), Sturmfluten und Hochwässer knabbern an den Uferrändern. Mitten im Plaquemines Parish, dem Gemeindebezirk südöstlich der Stadt New Orleans, steht Brian Clark auf seinem Stück Land und erzählt, wie er hier lebt. Im Sumpf. Neben den Raffinerien, den Pipelines und dem naheliegenden Hafen für Rohöl.

„Plaquemine“ bedeutet in der Sprache der Chitimacha Native Americans soviel wie Kakifrucht. Die Franzosen übernahmen im 18. Jahrhundert den Ausdruck „plaqueminier“ für die gelbe Baumfrucht, von der heute in diesem Gebiet aber wenig zu sehen ist.

Mein Name ist Brian, eine kurze Beschreibung zu mir: Ich bin ein Bootsführer. Seit 25 Jahren arbeite ich für die Behörde für Wildtiere und Fischerei und für das Büro des Sheriffs. Ich führe alle marinen Kontrollfahrten durch. Ich erzähle jetzt etwas über die Air-Boats. Das ist eine lustige Erfahrung: wenn man auf diesem sehr starken Boot sitzt, fühlt sich das richtig cool an.

Wenige Meter von der Hauptverbindungsstraße entfernt, führt nach einem Gatter ein kurzer Schotterweg in den Sumpf. Brian Clark steht unter der Krone einer stattlichen Eiche, der Boden ist fest, von schwammig keine Spur. Auch von dem angesprochenen Air-Boat, einem flachen, Propeller-betriebenen Sumpf-Boot ist nichts zu sehen. Nur der Wind rauscht durch die Blätter.

Eine abgestorbene Aussichtswarte für Jäger, die nach Beute suchen
Leben und Tod sind nah beieinander im Sumpf des Mississippi-Deltas
Ilse Huber

Brian Clark liebt dieses Ambiente: außergewöhnlich nennt er es, in der freien Natur arbeiten zu können.

Der Landbesitzer beobachtet wie schnell sich das Land ändert. Zuerst drang Salzwasser ein, das setzte den Pflanzen zu. Dann kam das Süßwasser durch die kulturtechnischen Maßnahmen. Das veränderte wieder die Landschaft. Und zuletzt spielen auch noch Hurrikans und Hochwässer eine Rolle, sie fördern die Erosion.

Für ihn als Landbesitzer sei es schwer, Einkommen aus dem sumpfigen Grundstück zu generieren - wie für all die anderen auch. Unweigerlich wechselt Brian Clark sprachlich vom „Wir“ zum „Sie“.

Die müssen das Land nützen, um zu Geld zu kommen. Sie machen Jagd auf Alligatoren, sammeln ihre Eier, stellen Fallen für Pelztiere auf. Wenn eine Öl- oder Gaspipeline über das Grundstück führt, erhält man Geld dafür. Auf diese Weise kommt ein bisschen Einkommen zusammen.

Kaum hat er den letzten Satz gesprochen, ist es mit der Ruhe vorbei. Von weit her tönt ein ratterndes Geräusch, das sich wie ein riesengroßer, überdimensionierter Ventilator anhört.

Wir nehmen am Alligatoren-Programm teil. Die Behörde bestimmt, wieviele Eier gesammelt werden dürfen, sagt Brian Clark. Er lobt dieses Modell der Arterhaltung, das es seit den 1980er Jahren gibt. Doch seine Worte gehen nun endgültig im Lärm des ankommenden Sumpf-Bootes unter. Unter viel Getöse strandet das flache Boot am Ufer, fährt über jegliche Hindernisse hinweg und bleibt abrupt stehen.

Deutlich größer als ein Erwachsener ist der Propellerantrieb des Sumpfbootes
Vorne flach, hinten mächtig: der riesige Propeller treibt das Boot über Stock und Wasser
Ilse Huber

Diese akustische Höllenmaschine unterstützt den Landbesitzer bei der Suche nach Eiern des Mississippi-Alligators. Brian Clark sammelt sie auf, um sie an Farmen zu liefern, die sie künstlich ausbrüten.

Alligator mississippiensis - was ist das für ein Tier?

Die Riesenechse wird auch Hecht-Alligator genannt. Kennzeichnend ist die breite Schnauze, die flach und stumpf abgerundet ist.

Die breite, stumpfe Schnauze ist typisch für den Mississippi-Alligator
An der Schnauze wirst du sie erkennen
Ilse Huber

Bis zu sechs Meter lang kann das erwachsene Tier werden, wobei die durchschnittliche Länge bei drei bis vier Metern liegt. Alligator-Weibchen legen bis zu 50 Eier in ihre Nester, die aus Schlamm, Ästen und Blättern gebaut werden. Die modernde Vegetation hält die Eier während der 65 tägigen Brutzeit warm. Die kleinen Schlüpflinge sind gelb-gebändert und ein Jahr lang auf ihre Mutter angewiesen. Nur eines von fünf Baby-Alligatoren erreicht das Erwachsenenalter, weil sie von Vögeln, Säugetieren und anderen Alligatoren gefressen werden.

Doch nicht die natürlichen Feinde bereiteten dem El Lagarto, dem spanischen Wort für „große Echse“, beinahe sein Ende, sondern die menschliche Gier. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die Tiere in großer Menge gejagt und aus ihren Häuten Stiefel, Schuhe und Sattel gemacht. Das ausgelassene Fett schmierte Dampfmaschinen und Maschinen in den Baumwoll-Fabriken.

Die Menschen aßen das Fleisch, nutzten die Zähne als Schmuck. Im Gegensatz zu den Native Americans kümmerten sich die Kolonialisten aber nicht um den Erhalt der Populationen. Ähnlich wie beim Büffel jagten sie unerbittlich. Das Volk der Coushatta lebte hingegen von und mit dem Alligator. Es nutzte sein Fleisch und erzeugte Schmuck. Der „Gar“ wie der Mississippi Alligator auch heißt, symbolisiert für die Coushatta Mut, Weisheit, Stärke und Disziplin.

Das Volk der Choctaws nannte den Hecht-Alligator „Hachunchuba“: das Tier ohne Haare.

Auf Fahnen und Stempeln: der Alligator ist das Wappentier von Louisiana
Der Bundesstaat Louisiana hat den Alligator als Wappentier
Ilse Huber

Der Bundesstaat Louisiana ist ein Meltingpot. Neben den Spaniern kamen auch die Franzosen. Und die bezeichneten das Tier als „Krokodil“, eine Verballhornung des spanischen Ausdrucks „cocodrile“! Im Terrebonne Parish gibt es auch heute noch die Siedlung namens „Cocodrie“.

Fast 100 Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, für den ebenfalls viele Alligatoren für Soldatenstiefel und Reitsättel ihr Leben lassen mussten, waren die Mississippi Alligatoren beinahe ausgestorben. Aber erst 1980 startete das Artenschutzprogramm der Regierung, schildert Brian Clark.

Da sitzt er gern und oft: Brian Clark als Air-Boatführer
Brian Clark in seinem Element: auf seinem Air-Boat
Ilse Huber
Das Programm wurde in den 1980er Jahren ins Leben gerufen und wird von der Behörde für Wildtiere und Fischerei gemanagt. Mit den Sumpf-Booten sammeln wir die Eier sehr vorsichtig auf und bringen sie bestens geschützt zu den Farmen. Dort wachsen sie bei angenehmen Temperaturen heran, das kann man sehen. Viele von den ausgebrüteten Echsen werden in die Natur zurückgebracht, es sind genau zehn Prozent. Wenn die Jungtiere 36 Inches (knapp unter einem Meter) Körperlänge aufweisen. Für den Landbesitzer kommt zugute, dass dies auch ein kommerzielles Programm ist. Er erhält ein Einkommen, wenn er die Eier sammelt. Das ist ein staatliches Instrument, für alle gut.
Auf in den Sumpf - per rasantem und lautem Düsen-Boot
Hoch zu Boot, der Ausblick vom Propeller-betriebenen Sumpfboot
Ilse Huber

90 Prozent der aufgezogenen Tiere landen in der Industrie, ihre Häute werden exportiert, nach Italien zum Beispiel, wo sie zu Stiefeln verarbeitet werden. Von 1000 gesammelten Eiern, kommen 100 Jungtiere mit rund einem Meter Körpergröße wieder zurück in die Natur. Die Mütter ziehen also die Jungtiere nicht selbst groß, ihre Gelege wird künstlich ausgebrütet. Diese technische Nanny-Aufzucht bewirkte, dass sich der Bestand der Tiere seit den 1970er Jahren wieder erholte. Inzwischen zählt man zwei Millionen Tiere in ganz Louisiana.

Eine Besonderheit: Der leuzistische Alligator

Der Albino ist reinweiß mit roten Augen, der leuzistische Alligator ist scheckig mit blauen Augen
Auf der Tafel im Aquarium von New Orleans ist der Unterschied zwischen Albino und leuzistischem Alligator zu sehen
Ilse Huber

Albinos besitzen eine gänzlich weiße Haut und rote Augen. Leuzistische Gatoren haben blaue Augen und keine gänzlich weiße, sondern eine gefleckte Haut, da die Haut keine Melanozyten (farbstoffbildende Zellen) enthält. Im Gegensatz dazu sind beim Albinismus die Zellen zwar vorhanden, aber unfähig, den Farbstoff Melanin zu bilden.

Wie ein Museums-Ausstellungsstück liegt der leuzistische Mississippi Alligator in seinem Aquariumsquartier von New Orleans. Das Aquarium befindet sich direkt am Ufer des breiten Mississippi. Erst nach längerem Beobachten fällt auf, dass seine Augen zwinkern und das Reptil wirklich lebt. Seine weiße Haut und die blauen Augen der Audobon’s Weißen Gatoren kommen wegen des Leuzismus zustande. Leuzismus leitet sich vom altgriechischen leukós, weiß, ab und beruht auf einer genetischen Abnormalität - ähnlich wie Albinos, nur sehr viel seltener.

Nur rund 20 leuzistische Alligatoren wurden bis jetzt entdeckt, alle nur in Süd-Louisiana. Ihre hellen Flecken machen sie zu schneller Beute. Nur jene Tiere, die aus der Wildnis entnommen worden sind, schafften es ins Erwachsenenalter. Das führt zu der Frage: wie selten sind leuzistische Alligatoren wirklich? Und warum kommen sie nur in Süd-Louisiana vor?

Das kann auch Brian Clark nicht beantworten. Täglich steigt er in sein Propeller-betriebenes Sumpfboot ein, allzeit bereit für fette Beute. Wer weiß, ob nicht im nächsten entnommenen Mississippi-Alligatoren-Ei ein leuzistischer Alligator heranwächst?

Die Reise zum Mississippi wurde auf Einladung vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin und dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ermöglicht.

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