Massive Kritik an Kleinkraftwerk am Lesachbach

"Öffentliches Interesse" wichtiger als Naturschutz

Der Lesachbach in Osttirol ist ein natürlicher Gebirgsbach von hoher Bedeutung. Jetzt wird dort ein Kleinkraftwerk für die Alpe gebaut.

Sonja Bettel Kleiner Gebirgsbach mit Schotterbänken und Büschen.

Der Lesachbach ist ein etwa acht Kilometer langer Gebirgsbach in Kals am Großglockner in Osttirol, der laut Naturschutzplan der Fließgewässerräume Tirols in Abschnitten als „sehr erhaltenswürdig/sehr hohe Bedeutung“ bewertet wird. Von diesem Gewässertyp gibt es nur noch drei in ganz Tirol und nur diesen einen in Osttirol, warnt die Umwelt- und Naturschutzorganisation WWF. Trotzdem wurde am 10. Juli 2018 die naturschutzrechtliche Bewilligung für ein Kleinwasserkraftwerk am Lesachbach erteilt – „im übergeordneten langfristigen öffentlichen Interesse“. Das „Netzwerk Wasser Osttirol“ hat im Jahr 2015 kritisiert, dass „mehr als die Hälfte aller Wasserkraftprojekte in Österreich nach dieser Ausnahmeregelung bewilligt“ wird. Die Ausnahme werde zur Regel.

Lesachbachtal mit hohe Bergen im Hintergrund
Das Lesachbachtal Richtung Osten. Links der Rote Knopf, wo der Lesachbach entspringt.
Thomas Bredenfeld

Der Lesachbach in Kals entspringt in der Schobergruppe auf etwa 2500 Metern Seehöhe in den steilen Hängen westlich des Roten Knopf und damit in der streng geschützten Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern. Nach etwa dreieinhalb Kilometern fließt der sprudelnde Gebirgsbach an den Hütten der Lesachalm, die außerhalb der Nationalpark-Außenzone auf etwa 1850 Metern Seehöhe liegt, vorbei und dann durch ein enges, bewaldetes Kerbtal Richtung Westen. Kurz vor seiner Mündung in den Kalser Bach, der seinerseits in die Isel fließt, passiert der Lesachbach den bäuerlich geprägten Ortsteil Lesach. Dort wohnt auch Anton Huter, Obmann der Agrargemeinschaft Lesacher Alpe.

Anton Huter ist ein umtriebiger Mensch. Er leitet die „Großglocknerkapelle Kals“ und war im Februar bei der „Jodlermesse" im Vatikan. Im Dezember wird die Großglocknerkapelle dort bei der Feier zu „200 Jahre Stille Nacht" musizieren. Neben der Musik verbringt er derzeit viel Zeit auf der Lesachalm und am Bach, um seine Baustellen zu beaufsichtigen. Sein „Glödis Refugium“, eine neue Schutzhütte auf der Alpe, ist ihm offenbar ein besonderes Anliegen, denn Mitte August hing vor der dortigen Baustelle ein Plakat, das sinngemäß darauf hinwies, dass das Refugium ohne öffentliche Förderungen gebaut würde, aber allerlei Steuern leisten werde. Ein paar Tage später war das Plakat überdeckt. Dazwischen sorgten Zeitungsberichte für ungewollte Öffentlichkeit: Der WWF erhebe Einspruch gegen das Kleinkraftwerk am Lesachbach, titelten die Tiroler Tageszeitung, die Kleine Zeitung, der Osttiroler Bote und das Magazin Dolomitenstadt.

Anton Huter versteht das nicht. Das Kraftwerk, das die Lesacher Alpe mit Strom versorgen soll, werde doch uneinsehbar in einer Klamm gebaut, wo sich gegenüber bereits das Gebäude für die Wasserfassung des Kraftwerks Kals befindet, das am Unterlauf des Lesachbachs liegt. Wanderer, die am Bach entlang gehen, hätten sich noch nie beschwert, dass im Bach zu wenig Wasser fließen würde, sagt Huter.

Gebirgsbach, Gebäude, Wasserfassung für Kraftwerk
Wasserfassung für das Kraftwerk Kals. Gegenüber wird das Krafthaus der Agrargemeinschaft Lesacher Alpe gebaut.
Sonja Bettel

Die Lesacher Alpe wird seit mindestens 500 Jahren bewirtschaftet, die gleichnamige Agrargemeinschaft hat aktuell 17 Mitglieder. Weil der Wolf in das Gebiet zurückkehre, müsse man in Zukunft die rund 300 Schafe und 35 Kühe über Nacht einsperren, erklärt der Obmann, dafür soll ein Gemeinschaftsstall gebaut werden.

Seit es eine Forststraße auf die Alm gibt, sind die bestehenden Almhütten nicht mehr dauernd für die Bewirtschaftung nötig und werden teils an Urlauber vermietet. Die Lesachalm und die umliegenden Berge sind bei Wanderern und Schitourengehern beliebt. Die Lesachalmhütte, in der man einkehren und übernachten konnte, hat jedoch vor sieben Jahren zugesperrt. Die Betreiberin ging in Pension und Nachfolger hätten zu viel investieren müssen, um heutigen Anforderungen an die Gastronomie zu entsprechen.

Anton Huter möchte deshalb die Lesacher Alpe insgesamt modernisieren. Er selbst baut eine Schutzhütte mit 30 Übernachtungsplätzen und 40 Bewirtungsplätzen, etwa 80 Meter davon entfernt soll ein Gemeinschaftsstall der Alp-Gemeinschaft entstehen. Für die Stromversorgung dieser neuen Gebäude sowie der bestehenden Almhütten wird ein Kleinwasserkraftwerk am Lesachbach gebaut. Der Überschuss des Kraftwerks soll ins Netz eingespeist werden. „Wir können dann die ganze Alm mit Strom versorgen und damit die Dieselaggregate und das Gas ersetzen, das ist ein Beitrag zum Klimaschutz“, streicht Anton Huter die positiven Seiten des Projekts hervor.

Hermann Stotter, Direktor des Tiroler Teils des Nationalpark Hohe Tauern (NPHT), bewertete die Einrichtung eines alpinen Stützpunktes mit Verpflegung und Nächtigungsmöglichkeit im Februar 2016 „als „zentrale Voraussetzung für eine nationalparkgerechte, touristische Weiterentwicklung des Kalser Lesachtales“, weil das Tal ein wichtiger Zugang zum Nationalpark sei, mehrere Hütten im Umfeld aber nicht mehr bewirtschaftet werden.

Der Tourismusverband Osttirol begrüßt das Projekt auf der Lesachalm ebenfalls. Franz Theurl, Obmann des Verbands, schickte im Juli 2017 sogar einen Brief an den Tiroler Landeshauptmann Günther Platter, in dem er schreibt: „Da uns auch die Planungsunterlagen des Kleinkraftwerkes vorliegen und wir den Standort der Wasserfassung und des Krafthauses kennen, sehen wir darin keine negative Beeinträchtigung des Landschaftsbildes bzw. Gästeerlebnisses. (…) Dem Tourismusverband Osttirol ist der Naturschutz und der behutsame Umgang mit unseren Naturressourcen sehr wichtig. Dennoch können wir uns mit gutem Gewissen für die Realisierung dieses Projektes aussprechen und ersuchen Dich daher um Deine entsprechende Unterstützung.“

Die zuständigen Fachabteilungen der Tiroler Landesregierung sahen das anders. Am 18.2.2015 schickte Landesamtsdirektorstellvertreter Dietmar Schennach eine Beurteilung nach dem Kriterienkatalog an die Agrargemeinschaft Lesacher Alpe mit dem Ergebnis: „Das ggstl. Projekt kann grundsätzlich nicht zur Weiterverfolgung bzw. allfälligen Bewilligung empfohlen werden.“ Zwar würden die Fachbereiche Energiewirtschaft, Wasserwirtschaft, Raumordnung und Gewässerökologie in ihrer Beurteilung „teilweise sogar sehr nahe an der gelb-grünen Grenze im ‚bedingt attraktiven‘ bzw. nur ‚kritischen‘ Bereich“ liegen und keine unüberwindbaren Hürden aufzeigen. „Die Beurteilung im Fachbereich Naturschutz ist allerdings knapp, aber doch ‚sehr kritisch‘ ausgefallen und liegt damit im roten Bereich! Die Beurteilungen in den restlichen Fachbereichen scheinen nicht geeignet, dieses Defizit zu relativieren.“

Der Fachbereich Gewässerökologie hatte vor allem die Morphologie des Lesachbaches als „sehr sensibel“ eingestuft, weil er auf einer Länge von mindestens einem Kilometer Strukturgüte 1 aufweist. Für den Fachbereich Naturschutz lag das Projekt damals „im sehr kritischen (roten) Bereich“.

Die Bewertung eines Kraftwerkvorhabens nach dem Kriterienkatalog findet außerhalb eines Verwaltungsverfahrens statt und hat rein informellen Charakter. Sie dient nur als Orientierungshilfe für die Sinnhaftigkeit eines noch zu konkretisierenden Projektes.

Anton Huter bzw. die Agrargemeinschaft Lesacher Alpe verfolgten das Projekt trotzdem weiter. Laut Anton Huter war die Vorbeurteilung falsch, weil „eine Sachverständige den Lesachbach als abschnittsweise verzweigten Gebirgsbach dargestellt hat. Das ist falsch, wir mussten das widerlegen.“ Ein großer Hemmschuh für das Projekt sei die (von der Tiroler Landesregierung lange hinausgezögerte) Nominierung der Isel als Natura 2000-Gebiet gewesen, sagt Huter. Weil der Lesachbach in den Kalserbach fließt und dieser in die Isel, war auch entscheidend, ob ein Kraftwerk am Lesachbach mittelbar die Isel beeinträchtigt, z.B. wenn Geschiebe zurückgehalten würde. Im Auszug aus dem naturschutzrechtlichen Bescheid, den uns Anton Huter zukommen ließ, heißt es dazu, dass durch die „Grobprüfung negative Auswirkungen auf die Erhaltungsziele der Natura 2000-Gebiete ‚Nationalpark Hohe Tauern‘ und ‚Osttiroler Gletscherflüsse Isel, Schwarzach und Kalserbach‘ ausgeschlossen werden konnten.“

Baustelle des "Glödis Refugiums" auf der Lesachalm in Kals.
Sonja Bettel

Gerhard Egger, Gewässerökologe und Leiter der Gewässerschutzabteilung der Naturschutzorganisation WWF, macht sich trotzdem Sorgen um die Isel: „Die Isel wird jetzt als Natura 2000-Gebiet geschützt, aber ihre Zubringer werden zunehmend amputiert.“

Der WWF bemühe sich seit vielen Jahren, Parteienstellung und Akteneinsicht zum Verfahren für das Kraftwerk am Lesachbach zu erhalten. Dies sei vom Land Tirol aber abgewiesen worden. Der Lesachbach sei im Oberlauf bisher unberührt, ein Gewässer mit sehr guter Qualität und hohem Weißwasseranteil. Von diesem Gewässertyp gebe es nur mehr ganz wenige, weshalb es „für uns unerklärlich ist, wie so eine Entscheidung zustande kommt“. Nach der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie gilt für Gewässer ein „Verschlechterungsverbot“.

In Österreich sind die Flüsse laut Analysen des WWF bereits zu 70 Prozent für die Stromerzeugung ausgebaut, nur noch 14 Prozent der Fließgewässer seien ökologisch intakt. Nun würden auch noch die kleinen Bäche verbaut – viel Zerstörung für eine geringe Stromausbeute. Gerhard Egger gibt außerdem zu Bedenken, dass das für den Tourismus gedachte Projekt auf der Lesachalm diesem vielleicht sogar schaden könnte: „Wenn ich dem Bach Wasser raube, ist er für Touristen und Wanderer weniger reizvoll“.

Gebirgsbach, Steine, sprudelndes Wasser.
Ein Drittel des Wassers des Lesachbachs soll auf einer Strecke von 1,6 km in ein Druckrohr abgeleitet werden.
Sonja Bettel

Laut Anton Huter wird für das Kraftwerk unterhalb der Alm und nach dem Zufluss des Ralftalbaches etwa ein Drittel der durchschnittlichen Wassermenge in ein Rohr ausgeleitet. Die Druckrohrleitung wird auf einer Strecke von ca. 1650 Metern am Bach bzw. am Hang entlang geführt bis zum Krafthaus, das oberhalb der Wasserfassung des bestehenden Kraftwerks Kals gebaut wird.

Am 12. August, am Tag, an dem der positive naturschutzrechtliche Bescheid rechtskräftig wurde, war bei der Mündung des Ralftalbaches bereits eine frisch angelegte Baustraße zu sehen. „Die Phasen, wo wir bauen können, sind relativ kurz“, sagt der Agrargemeinschaftsobmann, deshalb seien jetzt, Anfang September, die Arbeiten für das Kraftwerk bereits voll im Gange. Aus diesem Grund ist seit mehreren Wochen auch der schmale Bachwanderweg gesperrt, der durch eine naturbelassene Landschaft nahe am Bach entlang auf die Alpe führt und an heißen Tagen besonders attraktiv ist.

Die Umweltanwaltschaft von Tirol hat sich bei der mündlichen Verhandlung zum Kraftwerk Lesachbach am 5. Juli 2018 eindeutig gegen eine Bewilligung des Vorhabens ausgesprochen, insbesondere deshalb, weil es eine erhebliche Beeinträchtigung bedeute und „nach wie vor katastrophale Abflusswerte (...) zukünftig bei mittleren niederen Abflüssen das ganze Jahr über und bei mittleren Abflüssen über 7 Monate hinweg herrschen werden. Eine derart hohe Belastung des Naturhaushaltes und des Lebensraums eines völlig naturnahen, sensiblen, hochwertigen und ökomorphologisch schützenswerten Baches ist aus Sicht des Landesumweltanwaltes im Vorfeld des Nationalparks bzw. im Bereich eines einzigartigen und erholungswerttechnisch besonders naturnahen Zuganges zum NPHT schlichtweg nicht tragbar.“

Anton Huter meint, der Lesachbach habe den Vorteil, dass er kein Fischgewässer sei. Üblicherweise finden sich in Gebirgsbächen sehr wohl Fische, zumeist Bachforelle und Koppe. Entscheidend für die ökologische Bedeutung eines Baches oder Flusses sind aber nicht nur diese, auch für Laien sichtbaren, Bewohner. Im Gewässerboden leben etliche Tiere, die für die Gewässerökologie bedeutend sind – vor allem Larven von Insekten, aber auch Krebse, Muscheln, Schnecken, Strudelwürmer oder Hohltiere. Sie sind wiederum Nahrung für Fische und Vögel. Laut der Tiroler Umweltanwaltschaft werde sich auch der Lebensraum stark gefährdeter Arten von Kieselalgen verschlechtern, die im vom Kraftwerk betroffenen Abschnitt des Lesachbaches zu finden sind.

Sträucher und Bäume, dazwischen sprudelnder Gebirgsbach
Der Lesachbach ist im Oberlauf ein natürlicher Gebirgsbach und Lebensraum für seltene Arten.
Sonja Bettel

Die Energierversorgung der Almhütten sei wichtig und notwendig, so die Umweltanwaltschaft, doch gäbe es vielleicht andere Lösungen, die nicht geprüft worden seien. Dieser Meinung ist auch der WWF. Die geplante Stromerzeugung und Einspeisung ins öffentliche Netz stellt aus Sicht des Landesumweltanwaltes auch kein „langfristig überwiegendes öffentliches Interesse“ dar, weil die Stromerzeugung großteils im Sommer erfolgt, wo ohnehin Stromüberproduktion herrscht und die Preise niedrig sind. Von 2012 bis 2016 sei die Stromproduktion aus erneuerbaren Energieträgern in Tirol um mehr als 1000 Gigawattstunden zurückgegangen, was am „derzeit nur bedingt attraktiven Strommarkt“ liege. Das Wasserkraftwerk am Lesachbach soll im Vergleich dazu nur minimale 6,757 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugen „unter massiver Beeinträchtigung aller Schutzgüter“. Im Winter, wenn der Bach wenig Wasser führt, sei die Wasserkraftanlage wahrscheinlich nur eingeschränkt wirtschaftlich betriebsfähig.

Selbst im naturschutzrechtlichen Bescheid des Landes Tirol heißt es, „das Kraftwerk Lesachbach (liegt) knapp unterhalb der unteren Grenze des energiewirtschaftlich und wasserwirtschaftlich attraktiven ‚grünen‘ Bereichs.“ Trotzdem wurden die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft sowie die Belebung der Region und die Sicherung eines funktionsfähigen ländlichen Lebens- und Wirtschaftsraumes als wichtiger bewertet als die Erhaltung eines sehr selten gewordenen natürlichen Gebirgsbaches.

Das Kraftwerk am Lesachbach wird bereits gebaut, doch der WWF hat noch eine Hoffnung: Im Dezember 2017 hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Umweltorganisationen bei Anlagenverfahren umfassendere Parteienstellung und gerichtliche Überprüfungsrechte haben müssen. Der WWF könnte damit zumindest das Recht haben, die Unterlagen zur wasserrechtlichen Bewilligung des Kraftwerks, die vor etwa vier Jahren erfolgt ist, einzusehen.

Steiles Gebirgstal vom Hang weit oben fotografiert.
Lesachbachtal talauswärts.
Sonja Bettel

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