Kommt jetzt ein Nationalpark für die Vjosa in Albanien?

Nach der Eröffnung des Vjosa Research Centers sprachen sich Präsident und Premier für den Schutz des einzigartigen Wildflusses aus. Wie ist dies angesichts der laufenden Kraftwerksplanungen einzuschätzen?

Ulrich Eichelmann / RiverWatch Breites Tal mit viel Schotter, dazwischen schlängelt sich ein Fluss, rechts ein grün bewachsener Berg, im Hintergrund ein großer Berg.

Am 25. September wurde in der Kleinstadt Tepelena in Albanien das „Vjosa Research Center Fritz Schiemer“ eröffnet, an dem Wissenschaftler*innen und Student*innen aus Albanien und anderen Ländern diesen europaweit einzigartigen Wildfluss und seine Nebenflüsse erforschen können sollen. Der albanische Staatspräsident Ilir Meta hat sich aus diesem Anlass gegen die geplanten Kraftwerke und für die Errrichtung eines Nationalparks ausgesprochen. Ist die Vjosa also gerettet? Ulrich Eichelmann von der Naturschutzorganisation Riverwatch, der seit fast zehn Jahren für die Rettung dieses Flusses kämpft, ist skeptisch, aber nicht ohne Hoffnung.

Der letzte wilde Fluss Europas ist in Gefahr

Die Vjosa ist einer der letzten wilden Flüsse Europas. Sie entspringt als Aoos im Epirus im Nordwesten Griechenlands, fließt frei durch wunderschöne Schluchten und Täler, hat reich mäandrierende Abschnitte und breite Schotterbänke und mündet nach 270 Kilometern in Albanien in die Adria. Auch fast alle ihre Nebenflüsse sind frei fließend und intakt und bilden ein einzigartiges Netzwerk von Flüssen und Bächen mit reichhaltigem Leben. Dieses Naturerbe ist jedoch durch den geplanten Bau von etwa 40 Wasserkraftprojekten bedroht, die das gesamte Ökosystem gefährden. Aktuell in Planung ist der 45 Meter hohe Staudamm bei Kalivaç in Albanien. Die Wasserkraftprojekte würden ein gesamtes Wassereinzugsgebiete in eine Kette von Stauseen verwandeln und damit das Fluss-Kontinuum und die Funktionen der biologischen Vielfalt unterbrechen.

Interview mit dem Landschaftsökologen Ulrich Eichelmann, dem CEO der Naturschutzorganisation Riverwatch

Der 1961 in Deutschland geborene und seit 30 Jahren in Wien lebende Landschaftsökologe Ulrich Eichelmann setzt sich seit seiner Jugend für den Schutz von Flüssen ein. Von 1991 bis 2007 arbeitete er für die Naturschutzorganisation WWF Österreich als Experte für Fließgewässer und war damit auch für die Gründung des Nationalpark Donau-Auen östlich von Wien mitverantwortlich. Dann machte er sich selbstständig und koordinierte die Kampagne gegen den Bau des Ilisu-Staudamms am Tigris in der Türkei, an dem sich Deutschland, Österreich und die Schweiz beteiligen wollten. Die drei Staaten, die europäischen Banken und die meisten der europäischen Baufirmen zogen sich später aus dem Projekt zurück. Der Staudamm wurde trotzdem gebaut und das Kraftwerk im Mai dieses Jahres in Betrieb genommen. 2012 gründete Ulrich Eichelmann die Naturschutzorganisation Riverwatch, die gemeinsam mit der deutschen Stiftung EuroNatur und weiteren Organisationen die Kampagne „Save the Blue Heart of Europe“ zum Schutz der Flüsse am Balkan durchführt. Seit fast zehn Jahren setzt er sich speziell für den Erhalt der Vjosa in Albanien ein.

Ein Mann mit etwas längeren grauen Haaren und in dunkelgrauem Hemd lacht und fotografiert mit seinem Mobiltelefon.
Ulrich Eichelmann, CEO von Riverwatch, bei der Eröffnung des Vjosa Research Center.
TAULANT HAXHIASI PHOTOGRAPHY

Sonja Bettel: Der albanische Staatspräsident Ilir Meta hat heute in der albanischen Kleinstadt Tepelena gemeinsam mit Vertretern der Universitäten Tirana und Wien und dem Bürgermeister das Vjosa-Forschungszentrum eröffnet. Was ist das Ziel dieses Zentrums?

Ulrich Eichelmann: Es sollen in Zukunft Studenten aus Albanien, Österreich, Deutschland und anderen Ländern hierher kommen und an der Vjosa forschen. Das kann der Beginn einer größeren Forschungsstation sein, denn meines Wissens ist es das bisher einzige Fluss-Forschungszentrum in Europa. Zu Ehren des österreichischen Limnologen Fritz Schiemer von der Universität Wien, der seit Jahren die internationalen Forschungsaktivitäten an der Vjosa koordiniert, wurde es „Vjosa Research Center Fritz Schiemer“ benannt. Das geschah auf Vorschlag seiner albanischen Wissenschaftskollegen, die ihn für seine Leistungen und sein Engagement in Sachen Vjosa ehren wollten.

Zwei Männer ziehen mit einer Schnur ein Stück roten Stoff von der Aufschrift eines Gebäudes und freuen sich. Ein dritter Mann schaut zu, ein vierter Mann fotografiert.
Fritz Schiemer (2.v.l.) war bei der Eröffnungsfeier überrascht, dass das Vjosa Research Center seinen Namen trägt. Staatspräsident Ilir Meta (3.v.l.) freut sich.
TAULANT HAXHIASI PHOTOGRAPHY
Ich bin zutiefst gerührt. Die Auszeichnung im Verbund mit diesem großartigen Zentrum ist ein weiterer Ansporn für mich und meine Kollegen, diesen einmaligen Fluss zu retten und die drohenden Staudammprojekte zu verhindern. Die Vjosa ist ein natürliches Freilandlabor, einmalig in Europa.

– Prof. Fritz Schiemers Reaktion auf die Namensgebung des Forschungszentrums (zitiert nach Riverwatch).

Mann mit grauen Haaren in einem T-Shirt und Hemd steht auf einem Hügel, im Hintergrund sieht man den breiten Fluss und Berge.
Der österreichische Limnologe Fritz Schiemer von der Universität Wien koordiniert seit Jahren die Forschungsaktivitäten an der Vjosa.
Ulrich Eichelmann / Riverwatch

Gestern gab es bereits ein Treffen mit dem albanischen Staatspräsidenten Ilir Meta in Tirana?

Präsident Meta wollte uns mit seiner Anwesenheit unterstützen. Er hatte die Wissenschaftler sowie verschiedene Stakeholder, darunter auch Botschafter und Botschafterinnen, zu einem Round Table eingeladen, an dem zirka 30 Personen teilnahmen. Dabei wurde von den Wissenschaftlern die Kritik an der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) zum Kalivaç Staudammprojekt vorgestellt. Die UVP ist seit März bekannt. Das sind 512 Seiten heiße Luft, eine unglaubliche Aneinanderreihung von verdrehten Fakten. 50 österreichische, deutsche und albanische Wissenschaftler haben das zusammen mit uns analysiert. Praktisch niemand der UVP-Experten hatte an der Vjosa selber Untersuchungen angestellt, sondern sie haben zu 80 bis 90 Prozent die Ergebnisse der Forscherinnen und Forscher aus Österreich, Albanien, Deutschland, Italien und Frankreich verwendet, die seit 2017 immer wieder stichprobenartig das Vjosa Ökosystem erhoben haben. Die Ergebnisse wurden 2018 in einem Vjosa-Spezialband von ActaZooBot publiziert.

Eine Gruppe von Menschen steht mit einem Transparent am Flussufer. Darauf steht: „Scientists for Vjosa“.
Wissenschaftler aus Albanien, Österreich und anderen Ländern erforschen die Vjosa und setzen sich für ihren Schutz ein.
TAULANT HAXHIASI PHOTOGRAPHY

Wie ist es möglich, dass die UVP-Ersteller mit diesen Daten eine positive Stellungnahme für das Kraftwerk Kalivaç abgeben haben?

Weil es von vornherein nicht um eine tatsächliche Überprüfung der Umweltauswirkungen ging, sondern lediglich um eine Absegnung der Planung. Und da sind alle Mittel recht, auch die Verbiegung der Realtität bis zum Gehtnichtmehr. Die schreiben zum Beispiel: Für die Fische ist es schon schlecht, wenn da eine Staumauer ist, weil dann können sie nicht wandern. Deshalb müsse man eine Fischleiter bauen, aber sie geben nicht an, wo und wie und für wen. Außerdem gebe es ja auch Fische im Stausee, also ist das Ergebnis der Prüfung positiv in Bezug auf die Fischfauna. Oder wenn die UVP-Ersteller nicht mehr wussten, wie sie die negativen Folgen von Kalivaç wegreden sollen, verweisen sie auf einen Biodiversity Action Plan (BAP), der die Ausgleichsmaßnahmen definieren soll. Aber diesen BAP gibt es gar nicht. Man sieht, dass von vornherein nicht die Absicht bestand, die Auswirkungen auf die Umwelt wirklich zu prüfen. Der vernichtende dreißigseitige Kommentar der Wissenschaftler zur UVP ist gestern in Tirana vorgestellt und an den Präsidenten übergeben worden. Wir werden ihn auch an die anderen Politiker des Landes schicken.

Der Staatspräsident hat sich nach der Eröffnung des Forschungszentrums für einen Nationalpark und gegen Staudämme an der Vjosa ausgesprochen. War das überraschend?

Überraschend war das nicht. Der Präsident hatte schon zuvor diesen Standpunkt vertreten.

Ich spreche mich für einen Vjosa-Nationalpark aus. Energie kann auf andere Weise erzeugt werden, vor allem durch Sonne und Winde. Es ist nicht notwendig, die Vjosa zu zerstören. Wir brauchen jedoch mehr Dialog zwischen den verschiedenen Interessengruppen, einschließlich der Regierungsinstitutionen, um die Zukunft dieses bemerkenswerten Flusses zu diskutieren.

– Der albanische Staatspräsident Illir Meta am 25.9.2020 anlässlich der massiven Kritik an der Umweltverträglichkeitsprüfung und der Eröffnung des Vjosa Research Center (zitiert nach Riverwatch).

Menschen in Schwimmwesten und Helmen am Flussufer, in der Mitte der Präsident im Hemd.
Der albanische Staatspräsident Ilir Meta (Mitte mit mintfarbenem Hemd) sprach sich am 25. September an der Vjosa für deren Schutz und gegen Staudämme aus.
Official photos from Albanian Presidency

Überraschend war aber wahrscheinlich, wie der albanische Premierminister Edi Rama darauf reagierte, oder?

Wir sind nach der Eröffnung mit dem Schlauchboot die Vjosa flussabwärts gefahren und haben die Kalivaç-Schlucht durchfahren, die auch ornithologisch sehr wichtig ist. Da haben bislang zum Beispiel Schmutzgeier und Wanderfalken gebrütet und das wäre alles tief unter Wasser. Als wir wieder an Land gegangen sind, kam die Nachricht, dass der Premierminister sich zu der Angelegenheit zu Wort gemeldet hat. In einem Tweet hat er im Grunde gesagt, er versteht die ganze Aufregung nicht, der Staudamm wird eh nicht kommen.

(Nachricht in der Gazeta Tema dazu)

Tweet von Premier Edi Rama auf Albanisch.
Tweet von Premier Edi Rama zur Vjosa.
Sonja Bettel
Ich stimme Ilir Meta zu, dass die Zukunft nicht die Zerstörung ist, aber wie gut wäre es gewesen, wenn er Valbona vor der Zerstörung geschützt hätte, als er stellvertretender Regierungschef von Sali Berisha war, so wie er heute die Vjosa vor der imaginären Gefahr von Wasserkraftwerken, die nicht gebaut werden, schützt. Unsere Regierung hat die Obere Vjosa zum Nationalpark erklärt. Unser Umweltministerium hat offiziell die Erteilung einer Genehmigung für Wasserkraftprojekte im Unterlauf der Vjosa verweigert.

– Der albanische Premierminister Edi Rama am 25.9.2020 auf seinem offiziellen Twitter-Account. Übersetzung zitiert nach Riverwatch.

(Anmerkung: Der Oberlauf der Vjosa ist kein Nationalpark, schon gar nicht nach IUCN-Kriterien.)

Wie habt ihr darauf reagiert?

Die Nachricht hat uns natürlich positiv überrascht und wir haben gesagt: Dies ist der richtige Zeitpunkt, um mit Wissenschaftlern, Behörden und der Zivilgesellschaft einen Dialog über die Zukunft der Vjosa und die Einrichtung eines Vjosa-Nationalparks aufzunehmen. Aber ich bin skeptisch. Wir haben das immer wieder erlebt, dass zwischen dem Gesagten und dem Getanen Welten liegen – nicht nur in Albanien, auch in anderen Balkanstaaten. Die Aussagen des Premiers muss man vermutlich auch im Lichte der Wahlen sehen, die nächstes Jahr im April stattfinden, denn der Präsident ist ein politischer Rivale des Premierministers und es könnte eng werden für Edi Rama. Deshalb geht es um jede Stimme und ich traue ihm zu, dass er taktisch so agiert. Aber heute war es ein wichtiger Teilerfolg.

Eine größere Gruppe Menschen mit Kajaks und Schlauchbooten stehen rund um die aus weißen Tüchern gelegte Schrift Vjosa no dams“.
Die Vjosa soll frei bleiben, fordern Naturschutzorganisationen, Wissenschaftler und der Großteil der lokalen Bevölkerung.
Oblak Aljaz

Wie ist es dazu gekommen, dass du dich so stark für die Vjosa einsetzt?

Schon in meiner Zeit beim WWF habe ich gewusst, dass Flüsse am Balkan toll sind, aber eher theoretisch. Ich kannte einige Flüsse in Kroatien und Slowenien, war auch einmal an der Drina in Bosnien, aber so richtig und aus eigener Anschauung kenne ich die Flüsse erst, seitdem ich mich intensiv damit beschäftige. Die Flüsse am Balkan haben die Dekaden der Naturzerstörung, die es im Rest Europas nach dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat, weitgehend unbeschadet überstanden, aus verschiedensten Gründen. 2011 oder 2012 war ich dann zum ersten Mal hier an der Vjosa und ich habe sofort gewusst, das ist etwas unglaublich Besonderes. So einen Fluss mit riesigen Schotterbänken und Inseln, das Flussbett teilweise zwei Kilometer breit, kannte ich davor nicht. Mir war sofort klar, dass wir alles tun müssen, um diesen Fluss zu erhalten. Als Naturschützer oder als Naturschutzorganisation bekommt man nicht oft die Chance, sich für so etwas Gewaltiges einzusetzen. Wir können hier etwas für ganz Europa, für das Europäische Naturerbe tun. Es gibt noch den Tagliamento in Italien im Kanaltal, aber selbst dieser tolle Fluss kommt in der Gesamtheit und Intaktheit nicht mit der Vjosa mit. Die Vjosa entspringt als Aoos in Griechenland und nach den ersten zehn Kilometern gibt es einen großen Stausee, aber danach fließt der Fluss 260 Kilometer lang ohne technische Verbauungen. Und das Tolle ist, dass auch alle Zuflüsse, bis auf zwei, ungestaut sind und frei fließen können.

Du bist die Vjosa vor ein paar Jahren zur Gänze mit dem Boot abgefahren. Wie war das?

Ich bin an der griechisch-albanischen Grenze ins Boot gestiegen und dann sechs Tage lang bis in die Adria gefahren. Das ist ein unglaublich tolles Gefühl. Und dann merkst du erst, wenn du Tage auf und am Fluss verbringst, das Besondere an diesem Fluss. Wenn du nur kurz an die Vjosa kommst, ein paar Fotos machst, ist das schön, aber man versteht, man fühlt die Dimension nicht wirklich. Aber wenn du am Oberlauf anfängst wo es wirklich wild ist, da gibt es eine enge Schlucht, und dann kommst du an Permet vorbei, da wird es ein bisschen ruhiger in der Konglomeratschlucht, wo seitlich immer wieder Wasserfälle dazukommen. Und dann kurz vor Tepelena kommt der Drinos dazu und dann wird es immer breiter und der Fluss verästelt sich. Man erlebt das gesamte Leben dieses Flusses. Oben ist er schnell und jung und dynamisch und rauscht über die Steine, im Mittellauf ist er am interessantesten, und weiter unten Richtung Meer wird er immer älter und langsamer. Oben gibt es viele Platanen und Tamarisken im Flussbett, Richtung Adria statt dessen mehr Weißpappeln und Silberweiden. Und dann paddelst du nach fünf oder sechs Tagen in die Adria. So ein Erlebnis gibt es nicht mehr in Europa. Du würdest immer an irgendwelche Wehre oder an Staudämme kommen. Gut, es gibt den Prypjat und derartige Flüsse in Osteuropa. Aber so etwas wie diesen Wildfluss, das ist einzigartig.

War das die Motivation für dich, dich so intensiv für den Erhalt dieses Wildflusses zu engagieren?

Ja, da wurde mir noch einmal klarer, wir müssen alles versuchen, die Vjosa unter Schutz zu stellen. Schon vorher kam bei uns im Kampagnenteam die Idee von Europas erstem Wildfluss-Nationalpark auf. Das ist keine eigene Kategorie bei der IUCN, der International Union for the Conservation of Nature, aber es gibt schon Wildfluss-Nationalparks, etwa in Australien. Die sind rechtlich gesehen Nationalparks, ein Schutzgebiet der Kategorie 2 der IUCN. Aber das Prädikat „Wildfluss Nationalpark“ drückt den Charakter des Nationalparks besser aus und ist außerdem gut fürs internationale Marketing. Dadurch würde auch die Zukunft der Bewohner deutlich besser gesichert als durch irgendein anders Projekt, etwa Staudämme. Wenn es eine Infrastruktur gäbe, Übernachtungsmöglichkeiten in der Region, Nationalpark-Zentren, Führungen durch den Park, Wanderwege, Bootstouren etc., dann würde es sicher viele Menschen aus ganz Europa anziehen und so für die Zukunft der einheimischen Bevölkerung sorgen.

Fluss mit terrassierten Hängen links und rechts.
Für das erste, abgebrochene Staudamm-Projekt bei Kalivaç wurden Terrassen in die Hänge links und rechts des Flusses geschlagen, die heute noch sichtbar sind.
Ulrich Eichelmann / Riverwatch

War das Staudammprojekt bei Kalivaç schon 2011 bekannt, als du das erste Mal an der Vjosa warst?

Ja, das Projekt hat eine lange Geschichte. Insgesamt gibt es acht Wasserkraftprojekte an der Vjosa und über 40 zusätzliche an den Nebenflüssen. Mit dem Bau des Kalivaç Wasserkraftwerks wurde bereits Anfang der 2000er Jahre begonnen. Damals war der Investor ein römisches Konsortium, die Becchetti-Group mit Francesco Becchetti an der Spitze des Unternehmens. Etwa 2008 wurden die Bauarbeiten wieder beendet und bis heute wurde nicht mehr weitergebaut. Dem Vernehmen nach hatte die Deutsche Bank etwa 120 Millionen Euro in das Staudammprojekt investiert. Es wurde aber nur ein bis zwei Jahre lang gebaut. Man sieht heute noch die Terrassen, die in die Hänge der Berge geschlagen wurden. Das sind zwar Narben in der Landschaft, aber der Vjosa selber ist nichts passiert.

Warum wollte Becchetti ein Kraftwerk in Albanien bauen und warum hat er nach nur zwei Jahren wieder damit aufgehört?

Becchetti wollte den Strom nach Italien verkaufen. Italien ist nur etwa 120 Kilometer entfernt und der Strom leicht mit einem Unterseekabel dorthin zu transportieren. Italien wiederum wollte sich diesen Strom als Grüne Energie anrechnen lassen, um die EU-Vorgaben bei den erneuerbaren Energien zu erreichen. Als Becchetti angefangen hat, lag der Preis, den du als Produzent bekommst, etwa bei acht Cent pro Kilowattstunde. Mit der Wirtschaftskrise 2008 und infolge der Stromschwemme die dann folgte, auch weil Deutschland massiv in die Windenergie eingestiegen ist, kollabierte der Strompreis, teilweise auf unter 3 Cent. Da kann ich mir gut vorstellen, dass ihm die Lust am Bau vergangen ist. Ob es genau diese Gründe waren oder ob es noch andere gab, weiß ich nicht. Fakt ist, dass er zwischendurch in England festgenommen und später wieder freigelassen wurde und in Albanien heute eine Persona non grata ist. Meines Wissens nach laufen zwischen Albanien und Becchetti noch verschiedene Klagen.

Und jetzt gibt es ein neues Staudamm-Projekt bei Kalivaç?

Es gab einen langen rechtlichen Streit um Kalivaç zwischen der Becchetti Group und der albanischen Regierung und in der Folge wurde dann das Wasserkraftprojekt Kalivac leider letztes Jahr neu ausgeschrieben. Interessanterweise hat das dieselbe türkische Firma gewonnen, die drei Jahre vorher schon ein anderes Projekt an der Vjosa gewonnen hatte, Poçem. Von den acht Kraftwerken, die da insgesamt geplant sind, sollten zwei sofort umgesetzt werden. Das war Poçem und etwas flussauf davon Kalivaç. Poçem ist 2017 ausgeschrieben worden und das hat die türkische Firma Ayan Energy gewonnen. Sie waren die einzigen Bewerber bei der Ausschreibung. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Deal abgekartet war, vielleicht sogar auf höchster Ebene mit dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdoğan. Die türkische Firma hat dann – wie es das Gesetz erfordert – eine UVP für Poçem durchgeführt, samt Bürgerinformation. Wir haben aber damals gewusst, dass nie jemand vor Ort war, es hat nie jemand Tiere und Pflanzen erhoben und nie hat jemand mit den Einheimischen geredet. 60 Prozent des UVP-Textes waren aus einer anderen UVP kopiert, da standen Ortschaften drin, die es im Vjosa-Tal gar nicht gibt. Dennoch hatte das Umweltministerium die Genehmigung erteilt.

Ihr habt dann dagegen geklagt.

Ja, geklagt haben EcoAlbania, unsere Partnerorganisation in Albanien, sowie EuroNatur aus Deutschland und Riverwatch. Außerdem haben sich Bewohner der Region der Klage angeschlossen. Im Mai 2017 verkündete der Verwaltungsgerichtshof in Tirana das Urteil: die Genehmigung wurde aufgehoben, wir hatten gewonnen. Das war das erste Mal in Albanien, dass eine so große Klage für die Umwelt ausgegangen ist. Doch anstatt die Zukunft der Vjosa neu zu überdenken, hat die albanische Regierung aufs Gaspedal gedrückt und gleich das Kalivaç Projekt forciert. Kalivaç ist viel größer als Poçem. Poçem hätte eine 22 Meter hohe Staumauer, Kalivaç 45 Meter. Und Kalivaç ist das Projekt, an dem sich die Zukunft der Vjosa entscheiden wird.

Wie ist angesichts dessen die heutige Aussage von Premier Edi Rama einzuschätzen?

Was ich mir vorstellen kann ist, dass die Regierung in Albanien inzwischen wenig Lust hat, salopp formuliert, völlig vertrottelte UVPs zu genehmigen. Ich glaube, dass die albanische Regierung mitlerweile vorsichtiger geworden ist, vor allem, weil die Vjosa doch verstärkt im internationalen Fokus steht und Albanien Beitrittskandidat der Europäischen Union ist. So ganz große Schnitzer wollen sie sich wohl nicht mehr erlauben. Ich glaube nicht daran, dass die Politiker plötzlich ihr Herz für die Vjosa entdeckt haben. Wir müssen skeptisch bleiben und jetzt nicht auf das Gute hoffen, sondern das Realistische befürchten. Und dann alles daran setzen, unsere Vision zu erreichen.

Es wird ja immer gesagt, wir brauchen Wasserkraft, das ist erneuerbare Energie und ein Kraftwerksbau schafft Arbeitsplätze. Was würde dieser Staudamm für die Menschen vor Ort bedeuten?

Die Leute hier sind, glaube ich, fast geschlossen gegen den Staudamm. Die IUCN hat gestern Zahlen präsentiert, dass 85 Prozent der Bewohner des Vjosa-Tales für einen Nationalpark und gegen Kraftwerke sind. Wenn das Kraftwerk gebaut würde, würde es in der Bauphase Arbeitsplätze geben. Die Investoren schreiben von 400 kurzfristigen Arbeitsplätzen. Letztendlich würden für das ganze Großkraftwerk 70 bis 80 Arbeitsplätze benötigt werden mit allem Drum und Dran, Putzkräften usw. inklusive. Viele davon würden aber gar nicht aus dieser Region kommen. Dagegen steht, dass dann die Chance auf einen Nationalpark weg wäre. Denn diese Einzigartigkeit der Vjosa basiert nur auf ihrer Intaktheit von den Pindusbergen in Griechenland bis zur Mündung in die Adria. Der Nationalpark muss auch die Zuflüsse beinhalten, weil wenn die aufgestaut oder abgeleitet würden, dann würde die Vjosa trotzdem sterben, denn die Zuflüsse bringen Geschiebe, Nährstoffe, Dynamik, Lebewesen.

Und was hieße es für die Bevölkerung, wenn der Staudamm nicht gebaut wird?

Ein Nationalpark würde viel mehr Arbeitsplätze bringen. Es wird nicht auf einmal passieren, sondern nach und nach. Auch da hat die IUCN gestern Vergleichszahlen aus Slowenien und anderen Nationalparks präsentiert, wo einzelne kleine Ortschaften mit 150 Einwohnern ein jährliches zusätzliches Einkommen von fünf Millionen Euro hatten. Das wird hier so schnell nicht gehen, aber durch die Einzigartigkeit kann das was werden. Das erhoffen sich auch die Leute hier. Zurzeit wandern viele Menschen hier ab, weil es keine Perspektive gibt. Europas erster Wildfluss-Nationalpark wäre eine super Perspektive. Wenn man einen richtigen Nationalpark nach den IUCN-Kriterien erstellen würde – das wäre eine Sensation. Da würden viele Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus hinkommen. Das sehen auch die Leute entlang des Flusses so. Zum Beispiel haben alle Bürgermeister des Tals mit uns zusammen eine Petition an Edi Rama geschickt, dass sie den Nationalpark wollen und kein Kraftwerk.

Spitze eines Schlauchboots auf dem Fluss, dahinter Wasser und Berge.
Wenn die Vjosa und ihre Zuflüsse zum Nationalpark erklärt würden, könnte das viele Besucher anziehen und Einkommen für die lokale Bevölkerung schaffen.
Ulrich Eichelmann / Riverwatch

Was können Menschen oder Institutionen in ganz Europa dafür tun, dass die Vjosa erhalten bleibt und zum Nationalpark wird?

Wir alle können nicht so weitermachen wie bisher. Falls wir das tun, werden wir in Kürze die allerletzten Reste unserer Natur verlieren. Wissenschaftler müssen in Zukunft mehr als bisher dafür sorgen, dass ihre Erkenntnisse auch gehört und umgesetzt werden. Zu glauben, dafür werden schon die NGOs sorgen, ist meiner Meinung nach falsch. Das hat in der Vergangenheit nicht viel gebracht. Im Bereich der Politik können die EU und einzelne Staaten über ihre Botschaften in Tirana Einfluss auf die politischen Entscheidungen Albaniens nehmen. Ein Beispiel zeigt, wie vernetzt die Folgen von Kalivaç sind: der Staudamm würde flussauf zirka 880 Kilometer Flüsse und Bäche abtrennen. Dieses Adernetz wäre für Fische und andere Tiergruppen nicht mehr erreichbar. Ein Teil dieses abgetrennten Gewässernetzes liegt in Griechenland. Das heißt, dass zum Beispiel der Aal dann nicht mehr in diese Gewässer aufsteigen kann. Mal schauen, ob die griechische Botschaft hier aktiv wird. Ich sehe es als unseren Job, die Menschen und Institutionen auf solche Folgen hinzuweisen und sie zu motivieren, aktiv zu werden. Aus unserer Sicht sollte die EU-Kommission auch im Rahmen der Beitrittsverhandlungen eine klare Position gegenüber Albanien einnehmen und auf die Einhaltung europäischer Gesetze und Umweltstandards pochen.

Welche Rolle spielen Künstler oder Celebrities?

Wenn die Wissenschaftler sozusagen zuständig sind für den Kopf, das Hirn, stehen die Künstler für die Emotionen. Immer mehr KünstlerInnen engagieren sich für den Schutz der Balkanflüsse, wir nennen dieses Projekt „Artists for the Blue Heart“. Das ist eine super Sache. Sie veranstalten Konzerte, fahren an die Flüsse und singen, nehmen dort Videos auf, die wir und sie dann verbreiten. So bekommen immer mehr Menschen mit, was da los ist. Die österreichische Journalistin Franziska Tschinderle hat kürzlich ein Buch über Albanien veröffentlicht, in dem auch ein Kapitel über die Vjosa drin ist. Die Outdoor Firma Patagonia engagiert sich seit Jahren für unsere Kampagne und hat den Film „Blue Heart“ produziert. Und der Schauspieler Leonardo di Caprio hat hat mehrfach die Vjosa erwähnt und gestern auch die Flüsse in Bosnien. Sowas wird wahrgenommen. Aber jeder und jede kann und soll etwas auf seine Art und an seinem Ort etwas für die Flüsse und für die Natur in Europa und der Welt tun. „Do what you can, with what you have, where you are“ – dieser Spruch von Roosevelt gilt heute mehr denn je in Bezug auf den Natur- und Umweltschutz.

Gibt es am Balkan viel Widerstand der Bevölkerung gegen geplante Wasserkraftwerke?

In Bosnien-Herzegowina haben Frauen die Baustelle eines Kleinwasserkraftwerks 500 Tage und Nächte besetzt. Am 1. Juni dieses Jahres blockierten 300 Menschen an der Neretvica in Bosnien den Baumaschinen die Zufahrt und verhinderten so, dass sie mit dem Bau von Wasserkraftwerken beginnen konnten. In Belgrad gingen Anfang des Jahres 5.000 Menschen auf die Straße, um gegen die Verbauung ihrer Flüsse zu demonstrieren. Am 15. August zerstörten 400 Personen mit Spitzhacken, Spaten usw. ein gerade fertiggestelltes Kleinwasserkraftwerk, das ohne alle notwendigen Genehmigung gebaut worden war.

So etwas wirkt. Es scheint, dass am Balkan die Phase der Zerstörung durch Wasserkraftwerke langsam aber sicher zu Ende geht. Mit unserer Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ versuchen wir jedenfalls alles dafür zu tun. Ein weiteres wichtiges Mittel neben dem physischen Protest ist die rechtliche Auseinandersetzung. Wir finanzieren derzeit zehn Rechtsexperten und Rechtsexpertinnen für die Balkanflüsse, die Klagen und Beschwerden gegen Wasserkraftwerke einbringen und so helfen, den Staudammwahn am Balkan zu stoppen. Man braucht Ausdauer. Klar können wir immer noch die Vjosa und andere Flüssen am Balkan verlieren. Aber es ist wert, darum zu kämpfen – und wir können viel mehr gewinnen als verlieren.

Wenn die Vision eines Vjosa-Nationalparks Realität würde, würde Albanien dafür z.B. eine finanzielle Unterstützung brauchen?

Wenn die Vjosa Europas erster Wildfluss-Nationalpark werden soll, dann muss Europa die Nationalpark-Planung auch finanzieren und den Betrieb unterstützen. Albanien allein ist dazu nicht in der Lage, weder finanziell noch vom Know-how her. Das kann man auch nicht verlangen, so etwas hat es in Europa in der Dimension noch nicht gegeben. Auch Banken und internationale Finanzinstitute sollten mitmachen. Warum sollen die immer nur Projekte fördern, die die Natur zerstören? Warum nicht endlich mal ein Großprojekt für die Natur? Warum nicht den ersten Wildfluss-Nationalpark Europas finanzieren, ein Nationalpark auf 200 Kilometer Länge, der sogar ein bilateraler Nationalpark mit Griechenland sein könnte? Unser Motto „Rivers unite – Dams divide“ passt hier ganz gut. Wenn Edi Rama nun tatsächlich den Nationalpark unterstützt – und wie gesagt, der kann nur kommen, wenn kein einziges Kraftwerk an der Vjosa gebaut wird – dann ist jetzt die Zeit auch für die anderen Länder gekommen, Farbe zu bekennen. Wir und eine wachsende Zahl von Unterstützern würden dabei gerne helfen. Falls aber die Aussagen der vergangenen Tage über den Nationalpark nur ein Ablenkungsmanöver gewesen sein sollten, werden wir weiterhin den Widerstand forcieren. Wir sind auf jeden Fall auch darauf eingestellt.

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