Gewässer im Klimastress

Dürre und Hitze sind weitere Belastungen für degradierte Flüsse

Sonja Bettel Bäume spiegeln sich im Wasser

Ein Beitrag von Flussreporter – dem Online-Magazin zu Flüssen und Flusslandschaften

Der Klimawandel stresst die Gewässer und die aquatischen Organismen durch höhere Temperaturen, stärkere Verdunstung, Dürren und Starkregen. Die europäischen Staaten müssen deshalb zum Schutz der Gewässer agieren, statt immer nur auf Katastrophen zu reagieren, fordern Naturschutzorganisationen aus Anlass der World Water Week in Stockholm.

Am 26. Juli 2019 sah sich der geschäftsführende Vorsitzende des Landesfischereiverbandes Oberösterreich, Siegfried Pilgerstorfer, vor laufender Kamera des ORF zu einem ungewöhnlichen Aufruf gezwungen: "Im Rahmen der Waidgerechtigkeit" appelliere er an die Fischer, derzeit möglichst nicht zu fischen, um die Fische nicht unnötig in Stress zu versetzen. Der Grund dafür: Nach einem Juni mit 4,7 Grad Celsius über dem Durchschnitt und einem Juli, in dem es doppelt so viele Hitzetage wie in einem durchschnittlichen Juli gab, waren die Gewässer stark aufgeheizt. Zusätzlich war es in beiden Monaten sehr trocken, es floss also auch weniger kühles Wasser nach.

In der Krems, einem rund 60 Kilometer langen Nebenfluss der Traun in Oberösterreich, wurden bereits 27 Grad Wassertemperatur gemessen. Die Bachforelle, die sich üblicherweise im Oberlauf der Krems sehr wohl fühlt, bevorzugt 12 bis 14 Grad. Wenn die Wassertemperatur steigt, sinkt der Sauerstoffgehalt des Wassers, die Fische drohen zu ersticken.

Die hohen Temperaturen sind jedoch keine Ausnahme, sie werden im Zuge der Erderwärmung wohl die Regel werden. Höhere Temperaturen führen dazu, dass Fische kleiner bleiben, dadurch proportional mehr Sauerstoff verbrauchen, der gleichzeitig in geringerer Menge vorhanden ist. Kälte liebende Fische werden sich bei steigenden Temperaturen auch schlechter oder gar nicht mehr reproduzieren.

Auch für andere aquatische Organismen, wie zum Beispiel Zuckmückenlarven, ist der Trend zur Erhöhung der durchschnittlichen Wassertemperatur bedrohlich. Sie sind an den extremen Lebensraum Gletscherbach angepasst und werden in Zukunft von Arten verdrängt werden, die besser mit höheren Temperaturen zurechtkommen.

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Politik muss handeln

"Die Folgen der Erderwärmung äußern sich besonders stark über Veränderungen des Wasserhaushaltes. Zusätzlich verringert die fortschreitende Naturzerstörung die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen", warnt die Naturschutzorganisation WWF Österreich aus Anlass der internationalen World Water Week des Stockholm International Water Institute (SIWI), die heute, am 25. August 2019, in Stockholm beginnt.

"Wir erleben auch im wasserreichen Österreich hautnah, welche ökologischen Schäden an unseren Flüssen und Seen verursacht werden, wenn ein Hitzerekord den nächsten jagt und die Politik seit Jahren untätig ist", sagt die WWF-Gewässerexpertin Bettina Urbanek.

Zur menschengemachten Klimaerwärmung kommen in Österreich – wie auch in anderen europäischen Ländern – die zunehmende Verbauung von Flüssen, die Übernutzung von Wasserressourcen und unzureichendes Wassermanagement.

Rund 60 Prozent der Flüsse in der Europäischen Union sind in keinem guten Zustand und müssen daher laut der EU Wasserrahmenrichtlinie bis spätestens 2027 saniert werden. (Siehe auch unsere Artikel "Rette unser Wasser" und "Rechnungshof kritisiert: Zu spät, zu wenig Geld") Doch die Mehrzahl der Mitgliedsstaaten ist bei der Umsetzung der Richtlinie säumig.

In Österreich beispielsweise hat der Bund für Gewässersanierungen seit 2015 keine Fördermittel mehr bereitgestellt. Von 23 Millionen Euro pro Jahr wurde der Betrag auf null Euro heruntergesetzt. Hunderte Projekte zur Gewässersanierung liegen seither auf Eis.

Es werde höchste Zeit, dass die Politik ernsthafte Maßnahmen gegen Klimakrise und Artensterben ergreife, fordert Bettina Urbanek. Dazu gehöre "ein ambitioniertes Wassermanagement mit einer ausreichenden Finanzierung für Gewässersanierung sowie effektive Schutzmaßnahmen“. Ein wichtiger Schritt seien auch Regionalprogramme wie aktuell in Oberösterreich, wo 534 Kilometer der letzten intakten Flussstrecken vor weiterer Verbauung bewahrt werden sollen.

Ökologisch intakte Gewässer können Belastungen wie heiße Sommer, längere Phasen ohne Niederschläge oder Starkniederschläge besser puffern als Gewässer, die durch Verbauungen, Begradigungen, Schadstoff- und Düngereinträge, Schifffahrt, Staustufen, fehlende Ufervegetation und vieles mehr belastet sind. Derart geschädigten Flüssen und Bächen kann die Erderwärmung den Rest geben.

Der WWF und zahlreiche andere Umwelt- und Naturschutzorganisationen fordern von der Politik ein intensives Bemühen für eine Verbesserung des chemischen und ökologischen Zustandes des Gewässer, wie die Wasserrahmenrichtlinie es fordert. Statt dessen würden jedoch Industrie- und Wirtschaftsverbände aus ganz Europa dafür lobbyieren, die EU-Wasserrahmenrichtlinie aufzuweichen.

Fluss mit hineinhängendem Ast
Flüsse leiden unter dem Klimawandel.
Sonja Bettel

Flüsse sind auch wichtig für die Trinkwasserversorgung und die Landwirtschaft, sie kühlen die Umgebung und schaffen wertvollen Erholungsraum. Und nicht zuletzt wird Flusswasser als Kühlmittel für kalorische Kraftwerke und Atomkraftwerke genützt. Während des extrem heißen und trockenen Sommers 2018 in Deutschland (siehe unser Artikel "Wie sich die Trockenheit 2018 auf den Rhein ausgewirkt hat") drosselten die Kernkraftwerke Philippsburg, Grohnde und Brokdorf ihre Stromproduktion. EnBW stellte einen Block seines Steinkohle-Dampfkraftwerks im Karlsruher Rheinhafen ab, damit das in den Rhein eingeleitete Kühlwasser dessen Temperatur nicht noch mehr erhöhte.

Die Erderwärmung hat also umfassende Auswirkungen auf die Flüsse. In vielen Ländern sind die Menschen auch auf den Fischfang als wichtige Proteinquelle angewiesen, der durch die Erwärmung mit all ihren Folgen in Gefahr ist.

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des WWF Deutschland mit dem Titel "Risiko Dürre. Der weltweite Durst nach Wasser in Zeiten der Klimakrise" (PDF Download), der auf der Auswertung zahlreicher internationaler Quellen und Daten basiert, beschreibt auf 52 Seiten diese Zusammenhänge und stellt Forderungen an die Politik und Unternehmen.

Auszüge aus den Forderungen:

  • Die Staatengemeinschaft muss ihre Klimabeiträge deutlich erhöhen, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen.
  • Die EU muss mit einem starken Bündnis vorangehen und ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 möglichst um 65 Prozent gegenüber 1990 verringern und die Ziele des Pariser Abkommens mit wirkungsvollen Maßnahmen unterlegen.
  • Süßwasserschutz muss als zusätzlicher Schwerpunkt für die Anpassung an die Erderhitzung, insbesondere bei der Internationalen Klimaschutzinitiative des BMUB (gemeint ist wohl das deutsche Bundesumweltministerium, Anm. der Autorin) und innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit, des BMZ (deutsches Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Anm. der Autorin) oder der EU, verstanden werden.
  • Die europäische Wasserrahmenrichtlinie ist die geeignete Gesetzgebung zur Erreichung und Sicherung notwendiger Ziele des Gewässerschutzes in Deutschland und Europa und muss in ihrer bestehenden Form besser und ambitionierter umgesetzt werden.
  • Unternehmen sind aufgefordert, eine vollständige Transparenz über ihre Lieferketten zu gewährleisten und mit Hilfe des Water-Stewardship-Ansatz in den Flussgebieten wichtiger Produktionsstandorte weltweit aktiv zu werden. (Anmerkung: Water Stewardship ist ein Konzept des WWF und bezeichnet eine sozial gerechte, ökologisch nachhaltige und wirtschaftlich vorteilhafte Art der Wassernutzung, die durch einen Prozess erreicht wird, der alle interessierten Beteiligten einbindet und Maßnahmen vor Ort und im Wassereinzugsgebiet beinhaltet.)
  • Der Süßwasserschutz muss bei der Festlegung von Rahmenbedingungen für nachhaltige Finanzierung, u.a. dem EU Sustainable Finance Action Plan und der Task Force on Climate-related Financial Disclosure (TCFD), priorisiert werden.
  • Wir alle können mit unserem Einkauf einen Unterschied machen: saisonal, regional und fleischarm ernähren, Lebensmittelverschwendung vermeiden, Produkte möglichst lange gebrauchen und wenn möglich reparieren und recyceln.

Quelle: WWF Deutschland "Risiko Dürre. Der weltweite Durst nach Wasser in Zeiten der Klimakrise"

Gebirgsbach mit Schotter
Vor allem die aquatischen Organismen der Gebirgsbäche leiden unter der Erwärmung.
Sonja Bettel

Das WWF European Policy Office weist im Briefing "Good Water Management: The Heart of Europe's Drought Response" darauf hin, dass die EU Mitgliedsstaaten bisher nur auf Katastrophen und Krisen, die durch klimawandelbedingte Dürren hervorgerufen wurden, reagiert haben, statt vorzubeugen.

Ein weiterer Bericht von WWF und Anheuser-Busch InBev mit dem Titel "Climate Change and Water: Why valuing rivers is critical to adaptation" hebt die zentrale Rolle gesunder Flüsse bei der Anpassung an den Klimawandel und beim Aufbau widerstandsfähiger Gesellschaften, Wirtschaften und Ökosysteme hervor.

Bei der World Water Week in Stockholm stehen von 25. bis 30. August 2019 einige dieser Themen auf dem Programm. Das Generalthema lautet: "Water for society: Including all", wobei es nicht nur um Flüsse geht, sondern um Wasser in allen seinen Facetten – von der Quelle bis zur Toilette. Unter den Vorträgen, Workshops und Diskussionen finden sich zahlreiche rund um den Klimawandel und zu Dürren, aber auch Themen, die auf Lösungsansätze hoffen lassen: "Managing rivers across boundaries for the benefit of all" steht Dienstag Nachmittag auf dem Programm. Vertreter Mexikos und der USA werden berichten, wie sie eine Vereinbarung zur besseren Bewirtschaftung der Wasserversorgung im Kampf gegen den Klimawandel getroffen haben. Das Abkommen regelt, wie der Lebensraum der Flüsse wieder hergestellt werden soll, legt fest, wie sich die Länder an Defiziten und Überschüssen ihrer Bewirtschaftung beteiligen werden, und sich Infrastruktur und Finanzierung teilen. Und das alles in Zeiten der Spannungen über Migration und Handel zwischen den beiden Ländern.

Grafik Temperaturanstieg
Jahresmittelwerte der Lufttemperatur für Österreich zeigen deutlich den anhaltenden Anstieg der Temperaturen. Quelle: Klimastatusbericht Österreich 2018
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Flussreporter