"Der Erhalt der letzten frei fließenden Flüsse muss absolute Priorität haben"

Der Gewässerökologe Klement Tockner spricht im Interview mit Sonja Bettel über den Notfallplan gegen das massive Artensterben in den Gewässern.

Sonja Bettel Ein türkisfarbener Gebirgsfluss mit Schotterbänken, rechts vorne ein Haufen Totholz.

Ein Beitrag von Flussreporter – dem Online-Magazin zu Flüssen und Flusslandschaften

Der Verlust an Biodiversität, der durch menschliche Aktivitäten verursacht wird, hat ein dramatisches Ausmaß erreicht. Wissenschaftler sprechen sogar schon vom sechsten Massenaussterben der Erde. Am schlimmsten ist die Situation in den Süßwasser-Ökosystemen, also in den Flüssen, Feuchtgebieten und Seen. Eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter der österreichische Gewässerökologe Klement Tockner, hat deshalb einen Notfallplan zur Rettung der Gewässer erstellt und im Fachmagazin BioScience veröffentlicht. Der Notfallplan sieht sechs Punkte vor, um das Artensterben in den Gewässern zu stoppen. Sonja Bettel hat Klement Tockner dazu interviewt.

Sonja Bettel: Herr Tockner, Sie haben gemeinsam mit 25 anderen Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern kürzlich in der Fachzeitschrift BioScience einen Artikel publiziert, einen "Emergency Recovery Plan", also einen Notfallplan, für Gewässer. Ist die Situation der Lebewesen der Gewässer so dringend, dass es zu diesem Aufruf kommen musste?

Klement Tockner: Der Zustand der biologischen Vielfalt in den Gewässern ist dramatisch. Die biologische Vielfalt geht in unseren Gewässern um das Mehrfache schneller und dramatischer als am Land oder im Meer zurück. Ich gebe Ihnen zwei Beispiele: Es gibt 26 Störarten weltweit, 24 davon sind gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden. Gerade erst vor wenigen Wochen wurde der Schwertstör, eine der großen Störarten, welcher vier Meter lang wird, offiziell als ausgestorben gemeldet. Das heißt, diese Art ist für immer verschwunden. Dieses Schicksal erwartet bis zu 50 Prozent aller Schneckenarten in unseren Gewässern, ein Drittel aller Amphibienarten und so weiter. Ein hoher Anteil aller Arten in den Gewässern ist somit vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden – und zwar für immer.

Noch einmal zum Schwertstör: Diese Art hat alle Heißzeiten, alle Kaltzeiten in den letzten 200 Millionen Jahren überlebt, und jetzt hat es wenige Jahrzehnte gedauert, um diese Art für immer zu verlieren. Wenn wir über die biologische Vielfalt reden, dann reden wir über die Information und das Wissen, das sich über die letzten paar Milliarden Jahre natürlicher Evolution entwickelt hat.

Die Bibliothek der Natur geht verloren

Die biologische Vielfalt sind die Bibliotheken unserer Natur. Dort ist dieses Wissen gespeichert. Und wir verlieren im Moment diese Bibliotheken der Natur in einem ungeahnten Maße. Der Verlust der biologischen Vielfalt ist wahrscheinlich die größte Herausforderung, die wir als Menschheit haben. Erstens: Einmal verloren ist immer verloren. Zweitens: Wir wissen nicht, was ein Rückgang von 20, 30 oder 50 Prozent der Arten mittelfristig oder langfristig sowohl für die Natur als auch für uns Menschen bedeutet.

Klement Tockner ist Gewässerökologe und Professor für aquatische Ökologie der Freien Universität Berlin. Er war von 2007 bis 2016 Direktor des Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin und ist derzeit Präsident des Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF. Klement Tockner hat Zoologie und Botanik an der Universität Wien studiert und 1993 mit einer Dissertation über die Ökologie der Uferbereiche der österreichischen Donau promoviert. Er war als Berater für Gewässermanagement in Ruanda und Uganda, an der ETH Zürich und an der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG) in der Schweiz tätig. Klement Tockner hat unter anderem den Tagliamento als Modell-Ökosystem von europäischer Bedeutung erforscht.

Zwei Forscher stehen auf Schotter an einem Fluss und schauen in die Kamera. Der rechte Mann hat einen Fotoapparat und ein Fernglas vor der Brust hängen.
Der Gewässerökologe Klement Tockner (links) bei einem Besuch an der Vjosa in Albanien mit Futoshi Nakamura von der Sapporo University in Japan.
Klement Tockner privat

Bettel: Sie haben dieses unglaubliche Verhältnis der Zeiträume genannt. Also die Zeit, in der sich diese Arten entwickelt haben, und die Zeit, in der sie ausgestorben sind oder stark bedroht sind. Was hat dazu geführt?

Tockner: Auf den Gewässern lastet ein großer Nutzungsdruck. Wasser ist einerseits eine lebensnotwendige Ressource für den Menschen, andererseits bilden Gewässer besonders wertvolle Ökosysteme. Gewässer liegen ja zumeist an der tiefsten Stelle in der Landschaft, das heißt, sie spiegeln alle Prozesse, die in der Umgebung stattfinden, wider. In den Gewässern manifestiert sich daher der gesamte Einfluss durch den Menschen. Und dann kommt noch der Klimawandel hinzu, und diese Kombination von unterschiedlichen Stressoren führt eben zu dieser dramatischen Situation in unseren Gewässern.

(Lesen Sie dazu unseren Artikel über die Auswirkungen des trockenen Sommers 2018 auf den Rhein)

Und wenn ich nochmals auf die Störarten zurückkomme: Der europäische Stör war eine der häufigsten Fischarten in Europa. Innerhalb von 100, 150 Jahren ist diese Art fast völlig verschwunden. Es gibt nur mehr eine natürliche Restpopulation von wenigen Individuen in der Garonne in Frankreich.

Für den Rückgang sind natürlich mehrere Faktoren verantwortlich: Überfischung im Meer, Wanderbarrieren in den Flüssen, das Verschwinden von Laichplätzen und so weiter. Diese unterschiedlichen Ursachen machen es auch so schwierig, diese Arten langfristig wieder anzusiedeln, sodass sich die Populationen wieder regenerieren können.

Bettel: Sind diese Probleme über die Welt gleichmäßig verteilt, gibt es diese Probleme überall? Oder gibt es Regionen, Länder oder Typen von Gewässern, die besonders bedroht sind?

Tockner: Es gibt nur mehr wenige Gebiete, die noch relativ unbeeinflusst sind. Diese Regionen finden wir in der Arktis, im Amazonasgebiet, teilweise noch im Kongobecken, aber das ist es dann fast. In den meisten Gegenden stehen die Gewässerökosysteme vor dem Kollaps. In Südostasien zum Beispiel gibt es fast keine frei fließenden großen Flüsse mehr. Alle Gebiete, auch die, die entlegen sind, wie etwa in der Arktis, sind natürlich in der Zukunft durch die Erwärmung besonders betroffen. Wir Menschen üben unseren Einfluss global aus, bis in den letzten Winkel dieser Erde.

Die Megafauna stirbt aus

Wir haben in den letzten Jahren zur sogenannten Süßwasser-Megafauna gearbeitet. Das sind große Arten, die mehr als 30 Kilo wiegen. Das sind Fische, Reptilien, Amphibien und Säugetiere. Insgesamt sind das etwa 200 Arten. Diese Megafauna hat von 1970 bis 2012 weltweit um 88 Prozent abgenommen. Wenn ich nach Südostasien gehe, der Rückgang beträgt dort 99 Prozent. Fast alle diese charismatischen Arten sind fast verschwunden, weltweit. Und es benötigt unglaubliche Anstrengungen, um die wirklich noch langfristig für die nächsten Generationen erhalten zu können.

Tockner: Ich habe das Beispiel mit dem Schwertstör bereits genannt, man kann auch das Verschwinden des Baiji hernehmen, eine Delfinart im Jangtse-Fluss. Im Jangtse allein sind somit zwei dieser Megafauna-Arten innerhalb weniger Jahre global ausgestorben. Das wiederholt sich jetzt am Indus, am Ganges. Das Gleiche sehen wir bereits am Amazonas, wenn wir die großen Fische hernehmen, wie den Arapaima, eine der am meisten gefährdeten Fischarten weltweit.

Ein großer Fisch von der Seite, rechts sein spitzes, nach oben gedrehtes Maul. Seine Schuppen schillern grün, grau und rot.
Ein Arapaima im Aquarium des Kölner Zoo im Jahr 2003. Der Arapaima im Amazonas ist eine der am meisten gefährdeten Fischarten weltweit.

Bettel: Gibt es dafür kein Bewusstsein, gibt es zu wenig Gesetze, die das verhindern? Also in Wien zum Beispiel wurde der Bau einer Wohnhausanlage gestoppt wegen Zieseln, die auf dem Grundstück lebten. Aber von den Flüssen spricht kaum jemand.

Tockner: Die Lebewesen der Binnengewässer sind zu wenig im öffentlichen Bewusstsein verankert. Das wollen wir ändern und deswegen erforschen wir die Megafauna, weil man damit Bewusstsein schaffen kann, weil es sich eben um charismatische Arten handelt, die aber unter Wasser leben und daher noch zu wenig bekannt sind.

Es gibt gesetzliche Grundlagen, die eigentlich für den langfristigen Schutz unserer Gewässer entwickelt wurden. In Europa bildet die vor 20 Jahren etablierte Wasserrahmenrichtlinie einen wichtigen Meilenstein. Die Richtlinie zielt darauf ab, bis 2027 alle Gewässer in Europa in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Dennoch sind wir weit davon entfernt. Es gibt keine Chance mehr, dass wir dieses für viele Arten überlebenswichtige Ziel erreichen können.

(Lesen Sie dazu unseren Artikel über die EU Wasserrahmenrichtlinie)

In Deutschland sind acht Prozent der Gewässer in einem guten oder in einem sehr guten ökologischen Zustand, mit einer gleichbleibenden Tendenz, d.h. keiner Verbesserung. In Österreich schaut es etwas besser aus, da sind knapp 40 Prozent in einem guten oder sehr guten ökologischen Zustand, zumeist aber kleine Abschnitte im Oberlauf, Bachfragmente. Es gibt keinen zusammenhängenden größeren Fluss in Österreich oder in Mitteleuropa, der nicht verbaut ist. Und im Moment, trotz Wasserrahmenrichtlinie, sehen wir, dass auch die letzten frei fließenden Bachabschnitte verschwinden, durch einen ungebremsten Ausbau an Kleinkraftwerken. Diese Kleinkraftwerke tragen ganz wenig zur Energieversorgung bei, verbrauchen aber überproportional viel an natürlichen Ressourcen in Form frei fließender Gewässerabschnitte. Ein Kleinkraftwerk alleine hat eine kleine Auswirkung, aber wenn Sie dann drei, fünf, zehn Kleinkraftwerke in einem Flusseinzugsgebiet bauen, dann hat das kumulative Effekte. Der gute ökologische Zustand von diesen noch verbleibenden frei fließenden Bächen wird so scheibchenweise beschädigt.

Auch in Klement Tockners Heimat sind Bäche bedroht

Das eine ist der Rantenbach, ein schöner Bach im guten ökologischen Zustand, dort wird ein Kleinkraftwerk nach dem nächsten gerade gebaut, oder ist gebaut worden. Der zweite, ein größerer, fast ein Fluss, ist die Schwarze Sulm, einer der wenigen Bäche oder Flüsse in Österreich, die einen guten oder sehr guten ökologischen Zustand aufweisen, und permanent in Gefahr oder es gibt große Pläne, dort Kraftwerke zu bauen. Das trotz Wasserrahmenrichtlinie mit dem obersten Prinzip des Verschlechterungsverbotes, dass eben der ökologische Zustand nicht verschlechtert werden darf. Aber diese Maßnahmen finden sozusagen unterm Radar statt.

Bettel: Sie haben die großen Fische genannt, die man "herzeigen" kann, aber es gibt ja noch sehr viele andere Lebewesen in einem Fluss, die wichtig sind, die wahrscheinlich auch gefährdet sind, bis zu den ganz kleinen, fürs freie Auge unsichtbaren.

Tockner: Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wie artenreich unsere Gewässer sind. Ein Prozent der Erdoberfläche werden von Bächen, Flüssen und Seen bedeckt, aber diese beherbergen zehn Prozent aller Tierarten, ein Drittel aller Wirbeltierarten und fast 40 Prozent aller Fischarten. Die Gewässer sind hinsichtlich ihrer Vielfalt ohne weiteres mit den tropischen Regenwäldern oder den Korallenriffen vergleichbar. Das heißt, die Vielzahl an kleinen Insektenarten, an Muschelarten, die wir in unseren Bächen finden, ist immens. Man muss sich vorstellen: wenn Sie an einen unverbauten Bachabschnitt gehen, finden Sie dort 1000 bis 1500 verschiedene Arten. Und weil eben die Gewässer lineare oder mosaikartig verteilte Landschaftselemente sind, unterscheidet sich die Vielfalt von Bach zu Bach und von Tümpel zu Tümpel stark. Das heißt, jedes dieser Gewässer ist einzigartig mit einer ganz eigenständigen Lebensgemeinschaft. Und mit jedem Verlust eines Baches und eines Tümpels verliert die Erde ein Stück dieser einzigartigen Vielfalt.

Bettel: In Ihrem Artikel in "BioScience" werden sechs Punkte aufgelistet, was ganz dringend zu tun wäre. Können wir auf diese sechs Punkte jeweils in Beispielen eingehen, was da die wichtigsten Maßnahmen sind?

Tockner: Die ersten Punkte beinhalten die Forderung, genügend Wasser in hoher Qualität in unseren Gewässern zu sichern oder zu schaffen. Die Frage ist, wieviel Wasser in welcher Qualität benötigt ein Fluss? Wieviel Wasser muss in einem Fluss bleiben, wenn sich dort ein Kraftwerk befindet, speziell in der Restwasserstrecke? Der dritte Punkt adressiert die Verschmutzung der Gewässer, ein großes Problem, nicht nur in Entwicklungsländern, wo es zumeist keine Kläranlagen gibt. Das ist auch bei uns eine große Herausforderung, wenn man sich vorstellt, dass wir 100.000 synthetische Chemikalien in die Umwelt entlassen, ohne die Konsequenzen zu kennen. Ob man die Pestizide hernimmt, Hormon-aktive Stoffe oder Mikroplastik – wir entlassen eine Unmenge an synthetischen Stoffen in die Gewässer, ohne zu wissen, was die Auswirkungen der einzelnen Stoffe sind, und schon gar, was diese ganze „Suppe“ von Stoffen bewirkt. Der nächste Punkt umfasst den Schutz und Erhalt der letzten noch unverbauten Bäche und Flüsse, der letzten sauberen Seen. Wir haben nur mehr wenige frei fließende Flüsse in Europa, und deren Erhalt muss höchste Priorität eingeräumt werden. Ob das der Tagliamento im Friaul ist oder die Vjosa in Albanien.

Wir benötigen diese Flüsse auch, um erforschen zu können, wie ein natürlicher Fluss funktioniert. Um dann verbaute Flüsse wieder erfolgreich renaturieren zu können. Sonst haben wir keine Möglichkeit, zu lernen, was einen Fluss eigentlich auszeichnet. Weiters müssen wir Renaturierungsmaßnahmen möglichst großflächig umsetzen. Jetzt ist das Flickwerk, da eine kleine Maßnahme, dort eine kleines Projekt, aber es gibt keinen europaweiten oder auch landesweiten Plan, um Flüsse im großen Stil effizient zu renaturieren.

Wir verbauen mehr, als wir wiederherstellen können

Im Moment verlieren wir noch viel mehr oder verbauen wir viel mehr naturnahe Flüsse als wir renaturieren. s ist in keinem Verhältnis zu dem, was wir uns als Ziel gesetzt haben, nämlich einen guten ökologischen Zustand für alle Gewässer in Europa bis 2027 zu erreichen. Da müsste man mit ganz anderen Maßnahmen herangehen. Aber es beginnt auch bei einfachen Maßnahmen: Eine natürliche Ufervegetation herzustellen, eine Beschattung. Das hat auch Effekte natürlich auf die Temperatur in den Gewässern. Oder in Flussabschnitten, wo keine Unterhaltungsmaßnahmen notwendig sind, auch keine Unterhaltungsmaßnahmen durchzuführen, wäre eine der effektivsten Möglichkeiten der Renaturierung, eben nichts zu tun. Die Abschnitte einfach der natürlichen Dynamik zu überlassen, weil ein Fluss weiß, unter Anführungszeichen, am besten, was ein Fluss benötigt auch.
Ein türkisblauer Gebirgsbach fließt zwischen Bäumen, links erstreckt sich eine weiße Schotterbank, im Hintergrund sieht man einen Berg.
Naturbelassene Flüsse zu erhalten, hat höchste Priorität, sagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Im Bild ein sehr schöner Abschnitt des Tiroler Lech.
Sonja Bettel

Tockner: Es gibt natürlich positive Signale in dieser Richtung auf europäischer Ebene, dazu zählt das Blaue Band in Deutschland, der Green Deal oder der Fokus auf "nature-based solutions", also natur-basierte Lösungen, um eine Verwilderung von Teilen von Europa wieder zuzulassen. Es gibt erfolgsversprechende Ansätze, aber man müsste sie auch mutig und großflächig umsetzen.

Bettel: Ein Punkt in diesem Notfallplan betrifft die Konnektivität. Vielleicht können Sie erklären: was ist das und warum ist das so wichtig?

Tockner: Gewässer sind offene und vielfach vernetzte Systeme. Sie sind vom Oberlauf bis zur Küste, mit dem Auen- und Uferbereich und durch den Austausch von Oberflächen- und Grundwasser vernetzt. Durch Verbauungen, ob das Kanalisierungen sind, ob das Staudämme sind, unterbrechen wir diesen natürlichen Austausch. Wir sprechen von einer Fragmentierung unserer Gewässersysteme. Und für viele Arten, wie zum Beispiel Wanderfische, ist diese Fragmentierung der Grund für deren Verschwinden.

Bettel: Also das eine sind Baumaßnahmen. Das ist aktuell eine große Gefahr, denn es wird jetzt vermehrt auf erneuerbare Energie gesetzt, und da gilt immer die Wasserkraft als die Lösung. Es heißt immer, das sei erneuerbare Energie, aber ich nehme an, sie ist nicht in jeder Hinsicht erneuerbar.

Tockner: Die Wasserkraft ist eine erneuerbare Energiequelle, die aber großen Einfluss auf die Umwelt ausübt und massiv in natürliche Ökosysteme eingreift. Die Klimabilanz der Wasserkraft fällt ebenfalls nicht so gut aus wie man meinen möchte. Wenn man die drei erneuerbaren Energiequellen miteinander vergleicht – Wind, Solarenergie und Wasserkraft – dann hat die Wasserkraft die schlechteste Umweltbilanz von allen drei Energiequellen. Immer noch besser als alle fossilen Energieträger, aber dennoch sind Wasserkraftanlagen oder Stauseen keinesfalls klimaneutral.

(Lesen Sie dazu unsere Webdoku über Treibhausgas am Wasserstau)

Gerade in den Tropen und Subtropen sind Stauseen große Emittenten von CO2 und Methan. Womöglich sind die Gewässer die größten Verlierer des Paris-Abkommens, weil man versucht, ein Problem zu lösen und gleichzeitig zwei zusätzliche Probleme schafft: den Verlust der biologischen Vielfalt und die Erosion der vielfältigen Leistungen unserer Gewässer für den Menschen. Es fehlt ein ganzheitlicher Ansatz.

Wenn ich den Gewässerbereich hernehme: Wir haben genug Süßwasser auf unserem Planeten, aber dieses Wasser ist ungleich verteilt. Und durch die Übernutzung der Gewässer und durch die zunehmende Erderwärmung nimmt auch diese ungleiche Verteilung mehr und mehr zu. Und was machen wir? Wir suchen in erster Linie nach großtechnischen Lösungen, um mit der ungleichen Verteilung der Ressource Wasser umzugehen. Wir bauen Dämme, wir leiten Wasser über große Distanzen um, wir entsalzen Wasser, um Trinkwasser zu gewinnen. Das heißt, wir setzen auf großtechnische Lösungen, aber großtechnische Lösungen schränken wiederum die Optionen für andere Ansätze ein. Das heißt, sie blockieren im Prinzip alternative Lösungen für Jahrzehnte, weil sie teuer sind, weil sie hohe ökologische und soziale Folgekosten haben, aber natürlich auch, weil sie ökonomisch eine große Belastung für die nächsten Generationen darstellen.

Die zweite Herausforderung, die wir sehen, ist: Wie können wir unsere Gewässer als hybride Systeme managen, d.h. einerseits als notwendige Ressource für uns Menschen und andererseits als besonders wertvolle und vielfältige Ökosysteme?

Ich glaube, hier müssen wir innovative Lösungen suchen, etwa wie wir natürliche und technische Systeme miteinander koppeln können, oder wie wir durch das Schaffen künstlicher Lebensräume Kompensationen schaffen können. Sekundärlebensräume, wie ehemalige Bergbaugebiete, können ökologisch eine große Rolle spielen. Das kompensiert keineswegs den Verlust von naturnahen Ökosystemen, aber teilweise können solche Ersatzlebensräume Funktionen übernehmen, die wir sonst nicht mehr hätten. Gewässer als hybride Systeme in Zukunft zu managen, wird eine der großen Herausforderungen sein, eben Wasser als Ressource für uns Menschen und Gewässer als besonders wertvolle Ökosysteme.

Bettel: In Ihrem Artikel steht, dass das Jahr 2020 ein entscheidendes Jahr ist, in dem europaweit und international die Weichen anders gestellt werden könnten. In welchen Bereichen wäre es möglich, neue Wege zu gehen oder vorhandene Übereinkommen anzupassen, um die Gewässer besser zu berücksichtigen oder zu renaturieren?

Tockner: Es geht jetzt darum, die Wasserrahmenrichtlinie mit der nötigen politischen Unterstützung konsequent umzusetzen. Und wir müssen Synergien zwischen dem Gewässerschutz, der Nahrungsmittel- sowie der Energieproduktion finden.

Nicht Wasserkraft ja oder nein, sondern wie

Wenn ich die Wasserkraft hernehme, ist es nicht die Frage, Wasserkraft ja oder nein. Das ist gerade für die Länder des globalen Südens eine fast unethische Frage. Aber es geht darum, zu identifizieren, wo baut man Wasserkraftanlagen, wie man baut diese Anlagen, und wie betreibt man sie dann. Und dafür müssen wir Antworten finden, und wir müssen sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen und die sozialen Konsequenzen gemeinsam berücksichtigen.

Bettel: Im Artikel erwähnt werden zum Beispiel die Sustainable Development Goals. Können Sie sagen, wo wären da die Punkte, wo man etwas ergänzen müsste oder die Gewässer mitbedenken müsste?

Tockner: Wasser und die Gewässer sind in vielen dieser Sustainable Development Goals, in diesen Entwicklungszielen der UN, bereits inkludiert. Großteils wissen wir ja, was zu tun ist. Die Dramatik der Lage muss aber viel stärker in das öffentliche Bewusstsein rücken, ebenso die am Tisch liegenden Lösungen. Und es geht auch darum, neben dem ökonomischen Nutzen auch den ökologischen und den sozialen Mehrwert in den Vordergrund zu rücken. Hier geht es auch um unsere Lebensqualität, um Rückzugs- und Erholungsorte für Mensch und Natur. Und wenn ich heute höre – das hat jetzt nichts mit den Gewässern zu tun – dass eine geplante Schnellstraße durch Niederösterreich im Moment gestoppt ist, weil es seltene, gefährdete Arten dort gibt, dann sieht man, es gibt auch Rechte für unsere Natur, die wir genauso berücksichtigen müssen, wie rein ökonomische Aspekte. Das sind Abwägungsfragen, und diese Diskussion müssen wir führen, indem wir das beste Wissen einbringen, indem wir Betroffene einbinden, indem wir alternative Optionen gemeinsam entwickeln. Und wenn man gemeinsam alternative Optionen entwickelt, dann ist im Endeffekt die Lösung zumeist eine bessere. Wenn man nur eine Option vorschlägt, ist es meistens nicht die beste, nachhaltige Lösung. Und wir müssen auf Basis des besten vorhandenen Wissens und Gewissens Entscheidungen treffen, zum Wohle der Natur und zum Wohle nachfolgender Generationen.

Ein Appell an die Wissenschaft

Das ist auch ein Appell an uns Wissenschaftler. Wir müssen uns genauso diesem Dialog einfach aussetzen, und Dialog heißt eben, die Wissenschaft informiert, aber die Wissenschaft hört auch zu. Das benötigt natürlich auch im Wissenschaftsbetrieb andere Incentives, dass dieser Dialog, dieses Engagement genauso wertgeschätzt wird, als wie die Anzahl an Publikationen, die man produziert. Aber ich glaube, es ist beides machbar. Man kann ein guter Wissenschaftler sein, oder ein exzellenter Wissenschaftler sein, und man kann trotzdem dieses Wissen immer wieder hineinbringen. Aber als Wissenschaftler ist man ein „Honest Broker“ und kein Advokat.

Sechs dringende Schritte gegen den dramatischen Verlust der Biodiversität in den Gewässern, wie die AutorInnen sie vorschlagen:

  1. Beschleunigung der Umsetzung von Umweltströmen.
  2. Verbesserung der Wasserqualität zur Erhaltung des Wasserlebens.
  3. Schutz und Wiederherstellung kritischer Lebensräume.
  4. Verwaltung der Nutzung von Süßwasserarten und Flussaggregaten.
  5. Verhinderung und Kontrolle der Invasion nicht einheimischer Arten in Süßwasserlebensräume.
  6. Schutz und Wiederherstellung der Süßwasserverbindung.


Literatur:

Bending the Curve of Global Freshwater Biodiversity Loss: An Emergency Recovery Plan. BioScience biaa002, 19.2.2020

Ceballos G, Ehrlich PR, Dirzo R. 2017. Biological annihilation via the ongoing sixth mass extinction signaled by vertebrate population losses and declines. Proceedings of the National Academy of Sciences 114: E6089–E6096

Are We Really in a 6th Mass Extinction? Here's The Science

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