In Flüssen und Bächen reisen auch Bodentiere

Fließgewässer verbreiten winzige Landbewohner

Ein Beitrag von Flussreporter, dem Online-Magazin über das Leben in, auf, an und mit Flüssen

Flüsse und Bäche verbinden Lebensräume. Davon profitieren auch winzige Bodentiere, die an Land zuhause sind. ZoologInnen aus Görlitz fanden heraus: Hornmilben und Springschwänze können in Fließgewässern neue und für ihre Verhältnisse sehr weit entfernte Lebensräume erreichen. 

Sie überleben es, wenn sie ins Wasser fallen und können später neues Land besiedeln. 

Hornmilben und Springschwänze leben vor allem auf und im Boden in den ersten fünf Zentimetern Tiefe. Sie füllen wichtige ökologische Planstellen aus. Viele von ihnen fressen Bakterien, Algen, Pilz- sowie abgestorbenes Pflanzenmaterial und bringen mit ihren Ausscheidungen Nährstoffe zurück in den ökologischen Kreislauf.

Weite Reisen an Land sind im Leben dieser Tiere nicht üblich.

Es zieht sie dahin, wo das Futter ist – meistens nicht weit weg. Hornmilben legen in ihrer Bodenwelt am Tag bis zu fünf Zentimeter zurück. Manche Springschwänze bringen es vielleicht auf einen halben Meter; sehr überschaubare Distanzen - selbst, wenn man in Betracht zieht, dass die meisten dieser Tiere kleiner als ein Millimeter sind. Trotzdem finden Zoologinnen und Zoologen es interessant, herauszufinden, wie diese Tierchen weite Entfernungen zurücklegen können.

Eine Sache passt nicht ins Bild von den Wandermuffeln:

„Diese winzigen Tiere haben seine sehr große räumliche, sogar weltweite Verbreitung,“ sagt Meike Schuppenhauer von Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz. Mit der sehr begrenzten Mobilität der Bodentiere aus eigener Kraft lässt sich nicht erklären, dass man sie an so vielen Orten findet. Bekannt ist, dass sie der Wind manchmal hoch empor und davon trägt in neue Lebensräume. Oder sie geraten zufällig ins Fell oder Gefieder größerer Tiere, die sie dann über weite Strecken verschleppen. 

Die Rolle von Bächen und Flüssen sei bislang noch nicht untersucht worden, schreiben Meike Schuppenhauer und Ihre Co-AutorInnen Ricarda Lehmitz und Willi Xylander vom Görlitzer Senckenberg-Museum in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Movement Ecology.

Dabei leben zum Beispiel auf und unter einem Quadratmeter Auenboden bis zu 300 000 Hornmilben und knapp 13 000 Springschwänze. Auen liegen per Definition an Bächen und Flüssen. Wenn man als Bodentier an deren Ufer lebt, kann man schon mal ins Wasser fallen oder eine Überschwemmung trägt einen davon. In Auen passiert das regelmäßig. Viele Hornmilben krabbeln auch im Moos auf Bäumen über den Gewässern herum, Absturzgefahr in den Bach oder den Fluss inklusive. 

Lesen Sie weiter, wie die Zoologin herausfand, wie lange die Bodentiere sich nach einem Sturz auf und unter der Wasseroberfläche halten können und wie das der Verbreitung der kleinen Organismen nützt. Dieser Artikel steht gratis zur Verfügung. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Förderung oder einer Riffreporter-​Flatrate (Buttons unten), damit wir weiter über das Leben in, an, auf und mit Flüssen und Flusslandschaften berichten können.
In einem Bach schwimmen fünf weiße Gefässe. Jedes ist über Fäden mit drei Stäben in der Strömung befestigt.
Zum Forschungsprojekt der Görlitzer ZoologInnen gehörten künstliche Inseln in einem Bach in der Lausitz.
Meike Schuppenhauer

Landgang nach der Wasserreise

Welche der Tiere in den Bach fielen und an der Wasseroberfläche überlebten erforschte sie mit selbst gebauten schwimmenden Inseln. Das waren Töpfe, die die Biologin mit Styropor und Erde gefüllt und dann im Bach schwimmen gelassen hatte. Sie waren vertäut, damit die Strömung sie nicht davontrug. Zwei Jahre lang hat Meike Schuppenhauer die Töpfe eingesammelt und nachgesehen, welche Hornmilben und Springschwänze dort gelandet waren und begonnen hatten, die künstlichen Inseln zu besiedeln. Sie fand acht Arten von Hornmilben und Springschwänzen, denen das gelungen war. 

Für Tiere, die nach ihrem Fall ins Wasser untergetaucht waren, hatte die Zoologin feine Netze in den Bach gespannt.  

Auf dem Wasser treibend kommen Bodentiere viel weiter als an Land

Wie lange Tiere auf der Wasseroberfläche treiben können, untersuchte die Biologin in einer Wasserbahn, an deren Oberfläche Wasser mit einer konstanten Geschwindigkeit im Kreis strömte. 80 Prozent der Milben, die sich als „Schwimmer“ - beziehungsweise strenggenommen Oberflächendrifter - erwiesen hatten, hielten es auf der Wasseroberfläche 14 Stunden aus - mindestens 14 Stunden, um genau zu sein. Denn nach dieser Zeit brach Meike Schuppenhauer das Experiment ab und die verbleibenden Schwimmer schwammen noch.

Mikroskopbild eines grauen Tieres , das aussieht wir ein Ei mit Falten, aus denen Beine und Fühler ragen vor schwarzem Hintergrund, 130-fach vergrößert.
Die Art Parachipteria fanzagoi gehört unter den Hornmilben zu den guten Schwimmern. Insgesamt 14 Stunden hielten sich Tiere dieser Art im Strömungsbecken des Senckenberg-Labors auf der Wasseroberfläche.
Meike Schuppenhauer/Senckenberg

Dieses Ergebnis reicht für die Erkenntnis, dass strömendes Wasser die Reichweite für die Tiere sehr viel größer macht. Rechnet man mit der durchschnittlichen Strömungsgeschwindigkeit der Wasserbahn im Labor, dann kommen die Hornmilben in 14 Stunden zweieinhalb Kilometer weit. Das ist 50 000 mal so viel wie an Land an einem Tag.

Mikroskopaufnahme eines grauen Tieres mit rundem Hinterteil, dreieckigem Kopf und vielen regelmäßigen Vertiefungen im Panzer vor schwarzem Hintergrund, 190-fache Vergrößerung
Überlebenskünstler: Die Hornmilbe Carabodes subarcticus überlebte mindestens 365 Tage unter Wasser.
Meike Schuppenhauer/Senckenberg

„Taucher“ kommen noch viel  weiter 

Hornmilben, die sofort untergingen, wenn sie ins Wasser gelangten, untersuchte die Zoologin in kleinen wassergefüllten Glasgefäßen, die sie unter dem Mikroskop betrachten konnte. Regelmäßig sah sie nach, ob die Tiere noch lebten. Die meisten Tiere überlebten mindestens einige Monate. Zwei Hornmilben legten nach zwei Monaten unter Wasser sogar Eier. Fünf Tiere aus drei Arten lebten immer noch, als Meike Schuppenhauer ihre Beobachtungen nach 365 Tagen beendete.

In der Natur hätte die Strömung die Hornmilben in dieser Zeit ein paar tausend Kilometer weit befördern können. „Flüsse und Bäche durchziehen das ganze Bundesgebiet mit einer Gesamtlänge von 400.000 Kilometern – sie sind damit die idealen Transportwege für diese weniger mobilen Organismen!“, unterstreicht der Zoologie-Professor und Co-Autor Willi Xylander die Studienergebnisse.


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