Haringvliet: Direkte Wanderfischroute nach Mitteleuropa offen

Lachse, Aale und Co. haben jetzt öfter freie Bahn in Flüsse und Bäche Mitteleuropas. Dafür wird der größte Mündungsarm von Maas und Rhein geöffnet.

Ein Beitrag von "Flussreporter - das Online-Magazin zu Flüssen und Flusslandschaften"

Seit 1971 ist das Haringvliet südwestlich von Rotterdam, einstmals einer der größten Mündungsarme von Rhein und Maas in die Nordsee, ein Binnensee. Der Haringvlietdamm und sein Sturmflutwehr gehören zu einem System von Sperrwerken, die die Menschen in den Niederlanden vor den Sturmfluten der Nordsee schützen. Das Wehr hat allerdings unerwünschte Nebenwirkungen auf die Tierwelt: Fische, die üblicherweise aus dem Atlantik in den Rhein und die Maas wandern, kamen seit einem halben Jahrhundert am Haringvliet nicht mehr durch. Seit Anfang 2019 haben sie oft wieder freie Bahn.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitzentrale des Sperrwerks öffnen bei Flut Wehrtore, wann immer es geht. Am 15. Januar erfolgte die erste Öffnung. Die niederländische Wasserbaubehörde Rijkswaterstaat hat davon Luftaufnahmen ins Netz gestellt, auf denen man erkennen kann, wie sich Meerwasser aus der Nordsee wie ein Schleier im Haringvliet ausbreitet.

Wenn Meerwasser aus der Nordsee ins Haringvliet strömt, ist für Fische der direkte Weg in das gesamte Einzugsgebiet von Rhein und Maas bis weit in die Niederlande, nach Belgien, Deutschland, Luxemburg und Frankreich offen. Theoretisch auch bis in die Schweiz, doch dazu später mehr.

Der Biologe André Breukalaar von der niederländischen Wasserbaubehörde Rijkswaterstaat erforscht seit 20 Jahren, auf welchen Wegen Wanderfische in die Flüsse gelangen. Er weiß, welche Arten ins Haringvliet hineinschwimmen.

Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) führt in ihrem Wanderfischprogramm außerdem Finte, Nordseeschnäpel und Flussneunange auf. Auch sie sollen im Einzugsgebiet des Rheins wieder stabile Populationen entwickeln.

Wanderfische verbinden Flüsse und Bäche mit der Welt.

Lachse zum Beispiel kommen aus einem Seegebiet westlich von Grönland, wo sie sich jahrelang so satt fressen konnten, dass einige von ihnen jeden Monat ein Kilo an Gewicht zugelegt haben. Sie zieht es durch Rhein und Maas zurück in die Nebenflüsse und Bäche an die Orte, wo sie das erste Jahr ihres Lebens verbracht haben. Dort laichen sie und sterben kurz darauf.

Glasaale haben eine 6000 Kilometer lange Reise aus der Sargassosee, einem riesigen Meeresgebiet im Atlantik östlich von Florida hinter sich, wenn sie vor den Flussmündungen eintreffen. Sie sind auf dem Weg in Flüsse, Nebenflüsse, Bäche und Seen, wo sie sich über viele Jahre zu erwachsenen Aalen entwickeln, die es dann wieder zum Laichen in die Sargassosee zurückzieht.

Lesen und schauen Sie weiter: Wie Wanderfische durch das Haringvlietwehr gelangen, was die Öffnung des Wehrs für die Schweiz bedeutet, wie Süßwasserbrunnen bei offenen Wehrtoren vor Salzwasser geschützt werden und welche Hindernisse Wanderfischen in Rhein jetzt noch im Weg stehen. Dieser Artikel steht gratis zur Verfügung. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Förderung (Button unten), damit wir weiter über Flüsse und Flusslandschaften berichten können.

Die Tore des Sturmflutwehrs im Haringvlietdamm waren für Wanderfische auf dem Weg in Rhein und Maas über Jahrzehnte nahezu unüberwindbare Hindernisse. Dabei waren sie bei Ebbe regelmäßig geöffnet, um Flusswasser in die Nordsee abzulassen.

Im Video erfahren Sie, warum die Öffnung bei Ebbe den Fischen kaum genützt hat und worauf es bei einer fischfreundlichen Öffnung ankommt.

Dass Fische es dann leichter haben, ins Haringvliet und in den Rhein zu gelangen, liegt auf der Hand.

Das wirkt sich womöglich bis in die Schweiz aus, hofft Ruedi Boesiger vom WWF Schweiz:

„Wir erwarten, dass mit dieser Öffnung sehr viel mehr Lachse zurückkommen können und dereinst dann auch vielleicht bis in die Schweiz.“(Ruedi Bösiger, WWF Schweiz)

Lachse aus dem Atlantik, die durch den Rhein wandern, laichen in gut durchströmten Kiesfeldern mit sauberem, sauerstoffreichem Wasser in Nebenflüssen und Bächen. Nach dem Schlüpfen finden die Jungfische dort auch genügend Nahrung. Sie sind auf Kleintiere wie Krebschen, Insektenlarven oder Schnecken aus. Nach einem Jahr wandern sie durch die Nebenflüsse in den Rhein und die Nordsee in den Atlantik. Ein bis vier Jahre bringen sie dort zu und fressen so viel, dass einige von ihnen pro Monat ein Kilogramm an Gewicht zulegen - bis sie ihre letzte Reise zurück an den Ort ihrer Jugend antreten.

„Neben dem Lachs ist für die Schweiz sicher auch der Aal ein Langdistanz-Wanderfisch, der interessant ist“, erläutert Ruedi Bösiger. „Er macht ja die umgekehrte Reise. Er geht zum Laichen in die Sargassosee – als Erwachsene runter und dann als junge Aale wieder rauf.“ Ein weiterer Langstreckenwanderer, der bis in die Schweiz kommen könne, sei der Maifisch. „Das sind eigentlich die drei Arten an Langdistanz-Wanderfischen, die jetzt wieder vermehrt ins Haringvliet reinschwimmen können.“

Der Lachs sei vor allem eine so genannte Zeiger-Art. „Das heißt, mit ihm wollen wir die gesamte Thematik der Vernetzung an den Flüssen thematisieren. (Ruedi Bösiger, WWF Schweiz)“


Der Rhein war bis ins vorige Jahrhundert der Fluss mit den meisten Lachsen in Europa. Fischerei war in vielen Orten am Rhein ein wichtiger Wirtschaftszweig. Dann machten Wasserverschmutzung und unüberwindbare Wehre, vor allem in Nebenflüssen, vielen Fischen den Garaus. Jetzt ist das Wasser wieder viel sauberer. In Nebenflüssen, in die Wanderfische ziehen, gibt es vielerorts so genannte Fischtreppen. Das sind künstliche Bäche oder überströmte Rampen, auf denen Fische um Wehre und Wasserkraftwerke herumschwimmen können. Naturschützer, Sportfischer und Behörden betreiben großen Aufwand, damit Wanderfische in ihre einstigen Lebensräume zurückehren können. Das verbessert den ökologischen Zustand von Flüssen und Bächen, zumindest abschnittsweise, und hilft vielen weiteren Arten.

In der Schweiz gibt es nach den Worten von Ruedi Bösiger viele lohnende Wanderziele für Lachse. Dort seien 200 Hektar potenzielle Laichhabitate im Rheinsystem kartiert. „Es gibt also sehr viele Lebensräume, die schon bereit sind und die zum Teil auch noch renaturiert werden in der Schweiz. Wir arbeiten schon lange an der Durchgängigkeit unserer Kraftwerke.“ An allen seien Fischtreppen installiert, also Anlagen, die Fischen helfen sollen, die Staumauern der Kraftwerke zu umschwimmen. Auch an Abstiegsanlagen, die Fische flussabwärts und an den Turbinenschaufeln vorbeileiten, werde in der Schweiz intensiv gearbeitet. Das sind gute Plätze für den Lachs. „Es ist eigentlich ein Paradies, das er da antrifft. Er kann da 200 Hektar wiederbesiedeln.“ Oder sollte man sagen, „könnte besiedeln?“ Noch kommen Lachse nämlich, bis auf sehr wenige Ausnahmen, gar nicht bis in die Schweiz durch.

Es gibt auf dem Weg in die Schweiz noch ein unüberwindbares Hindernis für wandernde Lachse im Oberrhein.

Ruedi Bösiger: „Das sind die Kraftwerke am Grand Canal d‘Alsace, die gehören der EDF, Électricité de France, Kraftwerk Rhinau, Marckolsheim und Vogelgruen. Da gibt es noch immer keine Fischaufstiegsanlagen, obwohl wir seit fast 15 Jahren Druck machen, dass da endlich was geschieht. Im Moment ist da Ende der Fahnenstange für den Lachs.“

Es gibt Berichte von Fängen einzelner Lachse in Basel. Doch die seien vermutlich eher zufällig dort gelandet, „indem sie den Schiffen durch die Schleusen gefolgt sind.“

Ursprünglich hatten die Rheinanliegerstaaten vereinbart, dass die letzten Hindernisse für Wanderfische am Oberrhein auf dem Weg bis Basel bis 2020 beseitigt sein sollten. Doch daraus wird bis zu diesem Termin wohl nichts. Das ist laut IKSR seit dem jüngsten Treffen der zuständigen Minister in Liechtenstein Anfang Juli 2019 absehbar.

Naturschützer und Sportfischer machen sich Sorgen wegen Fischerei vor dem Haringvlietdamm.

Ganz am Anfang des Fischwanderwegs in Rhein und Maas sind in Sichtweite des Damms auf der Nordsee Fischkutter mit Schleppnetzen unterwegs. Kommerzielle Fischer legen außerdem Reusen aus und spannen Stellnetze. Auch Angler dürfen ihre Ruten auslegen. Für den niederländischen WWF und den niederländischen Sportfischerband Sportvisserij Nederland ist jegliche Fischerei vor dem Haringvlietdamm ein Unding. Für Lachse etwa könnten insbesondere die Stellnetze und Reusen zum Problem werden, erläutert der Biologe Niels Brevé von Sportvisserij Nederland: „Meiner Meinung nach sollte die Fischerei so nah am Damm verboten werden.“

Derzeit ist die Fischerei erlaubt, wenn mindestens 500 Meter Abstand eingehalten werden. Sollten dabei geschützte Fische wie der Lachs gefangen werden, müssen sie wieder freigesetzt werden.

Die Rückkehr der Lachse

In Deutschland laufen seit den 1990er Jahren Wiederansiedlungsprogramme für Lachse. An der Sieg, die bei Bonn in den Rhein mündet, und an anderen Nebenflüssen werden jedes Jahr jeweils Junglachse aus Wildlachsaufzuchtprogrammen in verschiedenen Entwicklungsstadien freigelassen. 2018 waren es allein an der Sieg und einigen Ihrer Zuflüsse mehr als 460 000 Tiere. Insgesamt wurden im Schweizer, dem französischen und dem deutschen Einzugsgebiet mehr als 1,7 Millionen Tiere auf den Weg geschickt. Seit einigen Jahren kehren regelmäßig erwachsene Tiere zum Laichen zurück. Die höchste Zahl, 805, verzeichnete die IKSR im Jahr 2007. Für 2018 weist die Statistik 229 Rückkehrer aus. Damals war der direkte Weg durch das Haringvliet für sie noch versperrt. Sie werden mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch den Weg durch den Rotterdamer Hafen genommen haben. Er gilt als gefährlicher als die Direktroute durch das Haringvliet. Bei den vielen Schiffen, die dort unterwegs sind, können deren Schrauben zur Gefahr für die Fische werden. Wenn sie den Weg durch den Hafen genommen haben, können Wanderfische zudem auf Abwege geraten, die ihre Reise verzögern. Die Strömung im Fluss ist für sie eine wichtige Orientierung. Wenn sie gegen diese anschwimmen, sollten sie ihr Ziel erreichen. Doch im Binnenland stromaufwärts vom Hafen gibt es Wasserwege, bei denen die Strömung gelegentlich die Richtung wechselt. Und die Fische mit ihr. Das kann die Tiere viel Zeit kosten.

Wie lässt sich feststellen, ob Fische jetzt direkt durch das Haringvliet kommen?

André Breukelaar und sein Team markieren jedes Jahr 150 Fische verschiedener Arten, um dann deren Weg zu verfolgen. Wie das genau funktioniert, erklärt er im Video:

Im ersten halben Jahr nach Beginn der Öffnungen im Januar 2019 waren Wehrtore bei Flut fast jeden Tag mindestens einmal geöffnet, rund 300 mal haben sie Nordseewasser ins Haringvliet strömen lassen. Wie viele Fische mit Sendern diese Gelegenheiten genutzt haben, direkt über das Haringvliet ins Maas- und Rheingebiet zu wandern, lässt sich noch nicht sagen. Die Messungen müssen erst ausgewertet werden.

Das Sperrwerk im Haringvlietdamm darf nur unter bestimmten Bedingungen geöffnet werden.

Bei Sturmflut bleibt das Wehr komplett geschlossen. Ansonsten muss für die wanderfreundliche Öffnung bei Flut genug Wasser im Rhein fließen, in einem Hafen vor dem Haringvliet müssen die Schiffe noch genug Wasser zum Fahren haben. Und die Trinkwasserversorgung der Region darf nicht in Gefahr geraten.

Wie das gewährleistet wird, erläutert Koen Workel von Rijkswaterstaat im Video:

Mehr als 620 Millionen Euro haben die Rheinanliegerstaaten bis 2027 für die Verbesserung der Fischwanderungen eingeplant. 75 Millionen Euro hat die Öffnung des Haringvlietdamms gekostet; das meiste Geld floss in die Sicherung der Süßwasserversorgung. Am Haringvliet soll in Zukunft an mehr als 250 Tagen im Jahr der Weg aus der Nordsee in den Fluss für Wanderfische einen Spalt weit offen stehen. Aber nicht sofort. Rijkswaterstaat lässt Vorsicht walten.

Schritt für Schritt sollen alle erdenklichen Konstellationen für die Öffnung des Haringvlietdamms bei Flut getestet werden.

Da geht es dann nicht nur um den Schutz des Süßwassers und den Wasserstand im Delta, sondern zum Beispiel auch um die Frage, welche Art von Öffnung für die Fische die günstigste ist: Viele Tore ein bisschen oder wenige ganz öffnen? Bis sie alle erdenklichen Bedingungen für die Öffnung der Wehre getestet hätten, könne es noch sieben bis zehn Jahre dauern, sagt Koen Workel.

Vielleicht macht das Haringvliet in Zukunft seinem Namen wieder Ehre, sagt Niels Brevè von niederländischen Sportfischerverband: „ Haringvliet bedeutet: Strom von Heringen. Ich hoffe, dass es dort Heringsschwärme geben wird aber auch Sprotten und Sandaale, die für viele Vögel in der Gegend die Hauptfutterquelle sind.


Dieser multimediale Beitrag wurde durch eine Förderung der Alfred-​Toepfer-Stiftung F. V. S. unterstützt. Wenn auch Sie die Flussreporter unterstützten möchten, freuen wir uns, wenn Sie uns weiterempfehlen und unsere Beiträge teilen. Es ist zudem sehr einfach, unser Projekt finanziell zu fördern: Über den Button können Sie direkt einmalig oder regelmäßig Flussreporter-FörderIn werden.


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