Binnenschiffe gegen Flussfische

In Flüssen, auf denen viele Schiffe und Motorboote fahren, leben wenige Flussfische. Es gibt da einen direkten Zusammenhang.

Rainer B. Langen Auf einem Fluss im Vordergrund fährt links ein Containerschiff in Rückansicht, in der Mitte und rechts fahren zwei Frachtschiffe in Vorderansicht. Links im Mittelgrund stehen Industrieanlagen am Ufer, in rechten Mittelgrund, Bahnanlagen und dichte Bäume; Hintergrund: grau-blauer Himmel.

Die Binnenschifffahrt gilt als klimafreundlichste Art, Güter über große Entfernungen zu transportieren. Aber sie hat ökologische Nebenwirkungen: Der Ausbau der Flüsse zu Wasserstraßen geht zu Lasten der biologischen Vielfalt. Und die Schiffe selbst machen den Flussfischen das Leben schwer. Das fanden zwei Berliner Wissenschaftler bei einer detaillierten Untersuchung an Rhein, Maas, Lek, Elbe, Havel und Oder heraus.

Wer gelegentlich an einem Fluss mit Schiffsverkehr spazieren geht, kennt das vielleicht: Kurze Zeit, nachdem ein Schiff vorbeigefahren ist, kommen seine Wellen am Ufer an. Bei Frachtschiffen ist es, genaugenommen, erst einmal ein Sog. Der zieht Wasser vom Ufer weg in den Fluss. Das hängt mit der Bugwelle zusammen, die sich vor dem fahrenden Schiff aufbaut, erläutert Christian Wolter vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei am Berliner Müggelsee: „Es entsteht Energie, die sich dann an den Seiten des Schiffes entlädt. Dadurch werden Rückströmungen erzeugt, die gleichzeitig zu einem Unterdruck führen und zu einem Wasserspiegelabsunk am Ufer.“

Der Absunk: Das ist der Sog. Er zieht erst einmal Wasser vom Ufer in den Strom. Bei flachen Uferstellen ist das für viele Fischarten besonders problematisch. Denn die flachen Wasserflächen in einem Fluss sind Lebensräume für Jungfische. Der Sog der Frachtschiffe zieht die Fische vom flachen Ufer weg.

Wenn das Schiff vorbeigefahren ist, dann gleicht sich das wieder aus. Dann kommt nochmal eine Welle und schmeißt sie möglicherweise noch aufs Land,“ erklärt Christian Wolter.

Die meisten Fischarten sind auf die flachen Uferzonen angewiesen. Sie brauchen diese als Laichgebiete. Flussbarsche etwa legen dort bis zu ein Meter lange Gallertbänder mit bis zu dreihunderttausend Eiern an Pflanzen, Wurzeln oder Steinen. Der Flussbarsch gehört zusammen mit Plötze und Ukelei zu den mit Abstand häufigsten Fischarten in den untersuchten Wasserstraßen. Hasel, Döbel und Rapfen sind Beispiele für Arten, die zum Laichen Kies in flachem Wasser brauchen. Die Eier des Rapfens etwa kleben in stark überströmten Kiesbänken an den Steinen fest. Nach dem Schlüpfen halten sich die Larven einige Tage lang in winzigen Hohlräumen zwischen den Kieseln auf. Dann lassen sie sich mit der Strömung in andere Flachwasserzonen abtreiben, wo sie später als Jungfische auf die Jagd nach Kleintieren und anderen Fischen gehen. Hecht, Güster und Rotfeder zum Beispiel brauchen Pflanzen in flachen Uferzonen, wo sie ihre Eier, den Laich, ablegen können. „So ziemlich alle Arten benötigen diese flachen Uferstrukturen, flache Habitate, strömungsberuhigte Habitate für die Larven zum Aufwuchs“, sagt Christian Wolter.

Person in dunkler Gummischürze und mit schwarzen Handschuhen hält  auf der rechten Bildhälfte silbrig glänzenden Fisch mit rosigen Flossen vor seinem Rumpf.
BU: Der Döbel gehört zu den Arten, die auf Kiesbänken im flachen Wasser ihre Eier ablegen (Anmerkung des Fotografen: Dieses Exemplar war bei einer Fangaktion zum Schutz von Aalen in die Reuse gelangt. Der Fischer hat es sofort nach der Aufnahme des Fotos zurück ins Wasser gesetzt.).
Rainer B. Langen

Wenn die Larven aus den Eiern schlüpfen, haben viele von ihnen kaum jemals die Chance auf Ruhe. Denn in vielbefahrenen Flüssen ist für die Winzlinge das Risiko, fortgerissen zu werden, immer hoch. Auf dem Rhein sind täglich knapp 250 Frachtschiffe unterwegs. Wenn man sich da eine gerade geschlüpfte Fischlarve an einer flachen Uferstelle vorstellt, bedeutet das: Der nächste Sog und die nächsten Wellen, die diesen kleinen Lebensraum durcheinander wirbeln, lassen nicht lange auf sich warten. Larven und Jungfische werden von den Wellen der Schiffe aus dem Lebensraum gerissen, den sie für ihre Entwicklung brauchen. 

Lesen Sie weiter: Außer Frachtschiffen beeinträchtigen Personenschifffahrt und Sport-Motorboote die Entwicklungen von Fisch-Populationen in den Wasserstraßen. Dieser Artikel steht gratis zur Verfügung. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Förderung (Button unten), damit wir weiter über das Leben in, an, auf und mit Flüssen und Flusslandschaften berichten können.

Unter solchen Umständen können sich kaum große Fischpopulationen entwickeln.

Da fällt es kaum ins Gewicht, ob es sich um ein großes oder kleines Frachtschiff handelt, ein leeres, ein voll beladenes oder eines mit wenig Fracht. Oder um ein Passagierschiff. Für all diese Schiffstypen haben Petr Zajicek und Christian Wolter Daten der deutschen Wasser- und Schifffahrtsverwaltung und der niederländischen Behörde Rijkswaterstaat über den Verkehr auf den untersuchten Gewässern ausgewertet. Für Sportboote haben sie Daten von Elbe und Oder genutzt.

Für 88 Flussabschnitte haben die IGB-Forscher berechnet, wie viele Fische sich unter einer Wasserfläche von 100 Quadratmetern aufhielten. Bei knapp 400 Beprobungen fingen sie mehr als 220000 Fische. Sie teilten die Tiere nach verschiedenen ökologischen Merkmalen ein: in strömungsliebende Arten sowie Arten, die Laichplätze mit Sand, Kies oder Pflanzen brauchen. Außerdem erfassten sie die Dichte der Fische, die keine besonderen Ansprüche an den Lebensraum haben. Langstreckenwanderfische wie Lachs oder Stör wurden nicht untersucht. Zusammengengefasst lautet das Ergebnis:

Je mehr Frachtschiffe auf einem Flussabschnitt unterwegs sind und je mehr sie geladen haben, desto geringer ist die Dichte an Fischen.

Im Rhein, dem verkehrsreichsten Fluss Europas, ist sie besonders schwach. Das gilt für alle Arten und unter diesen noch einmal besonders für diejenigen, die im Kies laichen. Selbst Fischarten, die keine besonderen Ansprüche an den Lebensraum haben, wie zum Beispiel Ukelei, Kaulbarsch oder Rotauge, kommen im Rhein nur in geringen Dichten vor. Sie kommen noch am ehesten mit Schiffen klar, die Leerfahrten machen.

Auf der Oder fahren im Vergleich mit den anderen Flüssen der Studie die wenigsten Schiffe. Der Fluss verläuft zu großen Teilen an der Grenze zwischen Deutschland und Polen. Er weist unter den Gewässern der Studie die höchsten Fischdichten auf. Doch es sind immer noch weniger Fische als in einem Fluss ohne Verkehr. Im Durchschnitt sind auf der Oder pro Tag 15 Schiffe unterwegs. Ab sechs bis acht vorbeifahrenden Schiffen täglich hat der Verkehr Auswirkungen auf die Fische. Das ist aus einer älteren Untersuchung bekannt.

Nicht nur die Anzahl der Fische pro Fläche wird vom Schiffsverkehr beeinträchtigt, sondern auch die Vielfalt der Arten. Bei starkem Verkehr gibt es von vielen Arten nur noch wenige Fische, fanden die Forscher des IGB heraus.

„Aber die Arten sind im Prinzip noch da und sind ein bisschen häufiger in den weniger befahrenen Ecken oder Abschnitten (Christian Wolter).“

Das ist eine gute Nachricht. Denn sie bedeutet: Fischpopulationen können sich entfalten, wenn ein Fluss stärker sich selbst überlassen wird und es Lebensräume zurück zu erobern gilt. Für kleinere Wasserstraßen in Deutschland ist abzusehen, dass die Frachtschifffahrt deutlich zurückgehen wird oder sich gar nicht mehr lohnt. Unter anderem für solche Gewässer hat die deutsche Bundesregierung ein Förderprogramm „Blaues Band“ ins Leben gerufen, mit dem die Revitalisierung von Flussabschnitten und Landschaften finanziert werden soll. Bis zum Jahr 2050 sollen 15 Prozent der Auen wieder an Flüsse angebunden werden und in Flüssen ohne Frachtverkehr Infrastrukturen wie Schleusen und Uferbefestigungen rückgebaut oder ökologisch sinnvoll umgebaut werden. Damit sollen die Flüsse für Wanderfische durchgängig werden. Entlang der Flüsse soll ein Verbund naturnaher Lebensräume entstehen.

Mehr Naturnähe macht Gewässer auch für den Wassertourismus interessant.

Das klingt auch bei den Zielen der Förderung des Blauen Bandes an: „Bis zum Jahr 2035 sind renaturierte Bundeswasserstraßen, abgestuft nach Nutzungsintensität, zentrale Elemente für das aktive Naturerleben der Menschen.“

Nach Informationen vom Deutschen Tourismusverband (DTV) bescherte der Wassertourismus der Branche im Jahr 2016 vier Milliarden Euro Umsatz. 65000 Menschen arbeiteten im Wassertourismus an den Bundeswasserstraßen und trügen zum Wohlstand in ihren Regionen bei, betonte der stellvertretende DTV-Hauptgeschäftsführer Dirk Dunkelberg bei einer Konferenz zum „Blauen Band“ Anfang Juni in Berlin. Nach seinen Worten ist Tourismus nicht ohne intakte Natur denkbar; beide profitierten voneinander. Für die Tourismusbranche sei es auch wichtig, dass die Flüsse befahrbar blieben.

Doch einfach werden sich Ökologie und Freizeitschifffahrt nicht verbinden lassen, betont Christian Wolter: „Unsere Ergebnisse haben ganz klar gezeigt, dass das nicht ohne weiteres Hand in Hand geht.“

Denn da kommt wieder die Sache mit dem Wellenschlag ins Spiel.

„Es ist so, dass gerade Freizeitschiffe noch größere Wellen und noch viel größeren Wellenschlag am Ufer verursachen als kommerzielle Schiffe. (Christian Wolter)“

Sportboote erzeugten zwar keinen Sog am Ufer, aber sie „gelangen sehr schnell in Fahrt, weil sie doch stark motorisiert sind für die Schiffsgröße. Dadurch entsteht ein sehr starkes Sekundärwellenfeld, also was wir landläufig als Heckwelle bezeichnen.“ Eine Heckwelle könne sich über größere Entfernungen im Wasser ausbreiten und am Ufer sehr starken Wellenschlag verursachen. Für Fahrgastschiffe gelte wegen ihrer Bauart das gleiche. 

Auf einem Fluss im Vordergrund fahren links ein ein Sportboot mit Wellenschlag, in rechten zwei Drittel des Bildes ein mit dem Vorderteil mit Containern beladenes Schjiff und in Vordergrund vor diesem ein Jetski-Boot. Den Hintergrund füllen im unteren Teil ein Wald am Ufer und oben  grau-blauer Himmel aus.
Freizeit- und Berufsschifffahrt vor einem Naturschutzgebiet südlich von Köln.
Rainer B. Langen

Sportboote und Personenschiffe beeinträchtigen die Fischdichte in einem Fluss noch stärker als Frachtschiffe,

fanden Christian Wolter und sein Kollege Petr Zajicek bei der Analyse der Daten heraus. Das heißt nicht unbedingt, dass Sportboote und Passagierschiffe draußen bleiben müssen, damit die Natur in revitalisierten Flüssen aufblühen kann. Man könnte zum Beispiel Fahrrinnen so verlegen, dass die Schiffswellen am Ufer keinen Schaden mehr anrichten, Bäume im Wasser liegen lassen oder Inseln aufschütten, die die Ufer schützen, sagt Christian Wolter. Die Ökologie sollte eindeutig Vorrang haben. Die Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union verlangt, dass bis Ende 2027 alle Gewässer in Europa – je nach Typ – einen guten ökologischen Zustand oder gute ökologische Entwicklungsmöglichkeiten erreichen. „Dann muss man sehen,“ sagt Christian Wolter, „wie viele andere Nutzungen oder Verkehre man unter welchen Umständen zulassen kann. “

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Flussreporter