Was soll aus Deutschlands Flussauen werden?

Interview mit Experten des Bundesamtes für Naturschutz

Ein Beitrag von Flussreporter, dem Online-Magazin über das Leben in, auf, an und mit Flüssen

Auen bieten in Mitteleuropa Lebensräume für 12000 Arten von Tieren und Pflanzen Plätze zum Leben; Auen können Dürren mildern, Wasser reinigen und Hochwässer abschwächen. Nach der Definition der Gewässerkunde ist die Aue „das Hochwasserbett des Flusses.“ Es gibt viele Orte und Landschaftsabschnitte, die „-au“ oder „-aue“ im Namen tragen. Aber Aue heißen und Aue sein ist nicht das Gleiche.

Zwei Drittel der einstigen Auenflächen in Deutschland sind keine Auen mehr.  

Diese Flächen können nicht mehr regelmäßig überflutet werden. Das kam vor zehn Jahren bei einer Studie an 79 Flüssen heraus, dem ersten Auenzustandsbericht des deutschen Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz. In den Ex-Auen der erfassten Flüsse liegen Agrarflächen, stehen Siedlungen, Gewerbe- und Industriebetriebe, verlaufen Straßen und Schienenwege. Dort kommt das Hochwasser – außer bei einer Katastrophe – nicht mehr hin.

Mehr Flächen für überflutbare Auen

Und das übrige Drittel? Wie steht es um die so genannten rezenten Auen, in die sich Hochwasser noch ausbreiten können? Nur die Hälfte davon hat noch den Charakter von Auen. Als ökologisch intakt gelten noch 10 Prozent dieser Flächen. Dabei soll es nicht bleiben. Die rezente Aue soll um zehn Prozent erweitert werden. Flächen, die keine ökologischen Spitzenwerte erreichen können, sollen wenigstens aufgebessert werden. Bis zu 450 Millionen Euro sind dafür bis 2050 allein für die Auen entlang der Bundeswasserstraßen erforderlich. Das ist ein Bruchteil der Mittel, die in den alten deutschen Bundesländern zwischen 1954 und 1989 für Entwässerung, Gewässerausbau und Gewässerunterhaltung ausgegeben wurden – wobei viele Auen zerstört wurden. Umgerechnet auf Preise von 2010 haben diese Aktivitäten mehr als 37 Milliarden Euro gekostet.

Heute werden Auen nicht mehr nur als Flächenreserven für Landwirtschaft, Bauvorhaben und Verkehrsprojekte angesehen. Sie sind ökologisch wertvoll und erbringen Leistungen, die sich in Geld berechnen lassen. Was Auen bedeuten und wie sie sich in Deutschland aus Sicht des Naturschutzes entwickeln sollen, das haben Dr. Alfred Herberg und Bernd Neukirchen vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn im Gespräch mit Flussreporter Rainer B. Langen erläutert. 

Portraitaufnahme eines Mannes
Dr. Alfred Herberg leitet im Bundesamt für Naturschutz in Bonn den Fachbereich II "Schutz, Entwicklung und nachhaltige Nutzung von Natur und Landschaft"

Flussreporter: Wie wollen Sie Auenflächen wieder aufwerten?

Dr. Alfred Herberg, BfN: Wir wollen die Querverbindungen zwischen den Fließgewässern und den angrenzenden Auen wiederherstellen, damit das Wasser der Flüsse sie wieder regelmäßig überfluten kann. Dazu sollen z. B. Altarme wieder angeschlossen werden, Deckwerke entfernt und Ufer abgeflacht werden. Unser Ziel ist es, wieder eine stärkere Dynamik in die Auen zu bringen, und damit wertvolle Auenhabitate als Hotspots der biologischen Vielfalt wiederherzustellen und die Funktion der Aue als Wasserspeicher für die Regulation des Wasserhaushalts und den Hochwasserschutz zu verbessern.

Flussreporter: Welche Rolle spielt denn die Entwicklung der Auen für die Biodiversität?

Dr. Alfred Herberg: 80 Prozent der Tier- und Pflanzenarten, die in Auen vorkommen, stehen auf den Roten Listen, sie sind mehr oder weniger stark gefährdet. In der nationalen Biodiversitätsstrategie steht, dass der Artenrückgang in Deutschland gestoppt werden muss und die Zahl der Arten, die in Deutschland leben, wieder zunehmen soll. Gerade in den artenreichen Auen können wir deshalb für den Naturschutz viel erreichen und dies gleichzeitig sehr gut mit wirksamen Maßnahmen für den Hochwasserschutz verbinden, ein Thema, das viele Menschen unmittelbar betrifft.

Flussreporter: Wie kann Auenentwicklung den Hochwasserschutz verbessern?

Dr. Alfred Herberg: Das hängt immer von der Situation ab. Wenn eine Siedlung geschützt werden muss, dann hat der Hochwasserschutz natürlich höchste Priorität. Aber auch hier kann man durch Renaturierung der Auen und Deichrückverlegungen sowohl oberhalb als auch unterhalb viel erreichen. Flussaufwärts können Auen große Mengen Wasser speichern, Hochwasserwellen verändern und den Ablauf verzögern. Deichrückverlegungen unterhalb können den Wasserspiegel oberhalb senken. Das führt dann zu einer Verminderung der Überschwemmungsgefahr für die bewohnten Siedlungen. 

Lesen Sie weiter, welche Bedeutung Auen für den Hochwasserschutz haben, welche Rolle sie im Klimawandel spielen, wie Schifffahrt und Auenentwicklung zusammenhängen, wie sich Auen für die Wasserqualität rechnen und was die größte Herausforderung bei der Ausweitung von Auenflächen ist. Dieser Artikel steht gratis zur Verfügung. Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Förderung oder einer Riffreporter-Flatrate (Buttons unten), damit wir weiter über das Leben in, an, auf und mit Flüssen und Flusslandschaften berichten können.
Portraitbild eines Mannes.
Bernd Neukirchen ist beim Bundesamt für Naturschutz für Binnengewässer, Auenökosysteme und Wasserhaushalt zuständig.

Flussreporter: Lässt sich der Nutzen von Auen für den Hochwasserschutz in Zahlen fassen?

Bernd Neukirchen, BfN: Als Beispiel möchte ich das Naturschutzgroßprojekt an der Lenzener Elbtalaue nennen. Dort wurde der Hochwasserschutzdeich, der die Elbe eingeengt und von ihrer Aue abgeschnitten hatte, zurückverlegt. Es ist eine der größten Deichrückverlegungen in Deutschland. 420 Hektar Land sind so wieder an das Überschwemmungsregime der Elbe angebunden worden und nun funktionsfähige Aue. Nach dieser Deichrückverlegung war der Wasserspiegel beim Hochwasser 2013 am oberen Ende der Maßnahme 49 Zentimeter niedriger als bei einem vergleichbaren vorangegangen Hochwasser. Wenn man sich klar macht, dass es beim Hochwasserschutz oft auf wenige Zentimeter ankommt, wird deutlich, dass hier eine ganz erhebliche Verbesserung erreicht wurde. Flussaufwärts war diese absenkende Wirkung noch in 30 Kilometer Entfernung nachweisbar. Das zeigt, dass naturverträgliche Deichrückverlegungen in Kombination mit weiteren, technischen Maßnahmen sehr viel bringen können. Diesen Weg verfolgt auch das seit 2014 etablierte Nationale Hochwasserschutzprogramm des Bundes und der Länder. 

Flussreporter: Risiken des Klimawandels sind zum großen Teil Wasserrisiken: Entweder es gibt zu viel oder zu wenig Wasser. Welchen Nutzen haben Auen bei einer Trockenheit?

Bernd Neukirchen: Da wir in Zukunft mit extremeren Klimasituationen zu kämpfen haben werden, ist es wichtig, dass mehr Wasser in der Fläche zurückgehalten wird. Das Rückhaltevermögen der Böden und Ökosysteme muss verbessert werden. Dazu müssen auch die überflutbaren Auenflächen vergrößert und funktional wiederhergestellt werden. Damit können Extremsituationen sowohl im Falle lang andauernder Stark-Niederschläge als auch in Zeiten der Trockenheit besser abgepuffert werden. Damit werden auch die Verhältnisse für die Schifffahrt verbessert.

Flussreporter: Für die Schifffahrt und Industriebetriebe, die sie beliefert, ist es wichtig, dass sie genug Wasser in den Flüssen haben, die sie als Wasserstraßen benutzen. Bei der langen Trockenheit im Jahr 2018 wurden aus der Wirtschaft Stimmen laut über zusätzliche Stauwerke am Rhein. An der Elbe, die auch ohne Trockenheit seit langem schon viele Monate im Jahr nicht für Frachtschiffe befahrbar ist, gibt es Forderungen, mit neuen Staustufen für genügend Fahrwasser zu sorgen. Wie sehen Sie das?

Dr. Alfred Herberg: Je stärker wir in solche sehr dynamischen Systeme eingreifen, umso schwerer sind die Folgen abzuschätzen. Durch weitere Eingriffe in nur eine Richtung wird das Problem möglicherweise nur ein Stück weit verlagert, aber nicht gelöst.  Grundsätzlich können sich die Zeiträume in denen die Schifffahrt im Rhein oder in anderen Flüssen aufgrund von Niedrigwasser eingestellt werden muss, tatsächlich häufen und verlängern, dennoch würde ein Staustufenbau für die Aufrechterhaltung der Transportkapazitäten auf den Flüssen aus Sicht des Naturschutzes in die falsche Richtung weisen.

Zudem ist es zwingend notwendig auch die europaweit geltende Wasserrahmenrichtlinie im Blick zu behalten. So würde ein weiterer Bau von Staustufen beispielweise dem Erfordernis entgegenstehen, die Durchgängigkeit der Fließgewässer wiederherzustellen. Durch Staustufenbau werden frei fließende Gewässer einschließlich der Verhältnisse in den Auen vollständig verändert. Das Ziel, den nach Wasserrahmenrichtlinie geforderten guten Zustand – bzw. das gute ökologische Potenzial - der Flüsse und Auen zu erreichen, würde vermutlich in weite Ferne rücken.

Flussreporter: Die deutsche Bundesregierung hat das Förderprogramm „Blaues Band“ ins Leben gerufen, mit dem die Revitalisierung von Flussabschnitten und Auen an Bundeswasserstraßen finanziert werden soll. Lassen sich die Interessen von Schifffahrt und dem Schutz und dem Ausbau von Auen denn überhaupt vereinbaren?

Bernd Neukirchen: Im Bundesprogramm „Blaues Band“ soll vor allem ein Biotopverbund von bundesweiter Bedeutung aufgebaut werden. Das ist mit der Maßgabe verknüpft, dies im Einklang mit der Schifffahrt zu erreichen. Das stellt insbesondere für das Kernnetz der Bundeswasserstraßen besondere Anforderungen. Das sind Flüsse wie Rhein, Main, Mosel, Neckar, Weser oder und Elbe, auf denen im Jahr mindestens 600 000 Tonnen Fracht transportiert werden. Grundsätzlich müssen alle Maßnahmen des Blauen Bandes von allen Beteiligten gemeinsam getragen werden. Dazu gehören auch die Länder. Durch intelligente Lösungen kann sowohl die Schifffahrt aufrechterhalten als auch die Gewässerstruktur und der Auenzustand verbessert werden. Gemeinsam mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung müssen solche Lösungen entwickelt werden. 

Ökosystemdienstleistung von Auen sind hunderte Millionen Euro wert.

Flussreporter: Was bedeuten funktionierende Auen für die Qualität des Wassers?

Dr. Alfred Herberg: Auen sind wichtige Nährstoffspeicher. Ökologisch funktionsfähige Auen halten beispielsweise Phosphor und Stickstoff zurück, die vor allem aus der landwirtschaftlichen Nutzung stammen und über die Flüsse ins Meer gelangen. Auen tragen also zur Verminderung der Überdüngung der Meere bei.

Für die 79 Flüsse des Auenzustandsberichts konnte diese Ökosystemleistung im Auftrag des BfN genauer beziffert werden. Die rezenten Auen halten pro Jahr etwa 42 000 Tonnen Stickstoff und noch einmal 1200 Tonnen Phosphor zurück. Wenn man diese Leistung durch Änderungen der landwirtschaftlichen Nutzung erreichen wollte, würde das circa 500 Millionen Euro jährlich kosten. 

Flussreporter: Zwei Drittel der ehemaligen Auenflächen sind für die Auenentwicklung definitiv verloren. Das zeigt Ihre Erhebung. Da können Sie kein Wasser mehr reinlassen. Also müssen Sie für die Auenentwicklung mit dem restlichen Drittel der ehemaligen Auenflächen klarkommen?

Dr. Alfred Herberg: Nein, ganz so ist es nicht. Sowohl die Strategie zur biologischen Vielfalt als auch das nationale Hochwasserschutzprogramm und die verschiedenen Programme der Länder sehen vor, Deiche zurückzuverlegen und so die rezente Aue wieder zu vergrößern. Insofern kommt es nun darauf an, die vorhandenen Potenziale konsequent zu nutzen und auf der anderen Seite den ökologischen Zustand der Auen weiter zu verbessern. Dazu brauchen wir auch eine angepasste landwirtschaftliche Grünlandnutzung, die auch dazu beiträgt, die Sedimenteinträge in die Gewässer zu verringern.

Flussreporter: Für die Bundeswasserstraßen umreißen zwei wichtige Zahlen die Ziele für die Auenentwicklung bis zum Jahr 2035 in Deutschland: 20 Prozent der im Auenzustandsbericht bewerteten Auenabschnitte sollen in einen besseren Zustand versetzt werden. Das kann heißen, dass Hindernisse für eine Überflutung beseitigt oder zum Beispiel Ackerland in Grünland umgewandelt wird oder eine Fläche sich selbst überlassen wird. Dieses Ziel steht im Bundesprogramm Blaues Band, das die Flächen an 5300 Kilometer Bundeswasserstraßen umfasst. 15 Prozent der Auenflächen dort sollen wieder ihren typischen Zustand erlangen, also auch ökologisch wieder vollwertige Auen werden. Wie weit ist denn die Auenentwicklung schon vorangekommen?

Dr. Alfred Herberg: Unabhängig von der Kulisse des Blauen Bandes gibt es derzeit bundesweit etwa 170 überregional bedeutsame Auenrenaturierungsprojekte. Dennoch wurde in den letzten 20 Jahren bisher nur etwa ein Prozent an überflutbarer Fläche - also rezenter Aue -  hinzugewonnen. Wir brauchen also noch mehr großflächige Projekte wie z. B. an der Elbe in Lenzen, im Lödderitzer Forst bei Dessau oder wie an der Unteren Havel oder an der Lippe.    

Flussreporter: Woran hapert es?

Dr. Alfred Herberg: Die Flächenverfügbarkeit ist eines der zentralen Probleme. Es gibt eine starke Konkurrenz um verfügbare Flächen, und wir werden lernen müssen, unsere Prioritäten, was die Nutzung von Flächen betrifft, zu verändern. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und einem sich verändernden  Wasserregime müssen wir den Flüssen und ihren Auen wieder mehr Raum geben. Dazu brauchen wir neben ausreichenden Finanzmitteln und Fachpersonal vor allem die Bereitschaft der Flächeneigentümer und den einen starken politischen Willen auf allen Ebenen. Mit dem Bundesprogramm Blaues Band sind wir gemeinsam mit vielen Ländern, die ebenfalls auf die Gewässer- und Auenrenaturierung setzen, auf einem guten Weg. Und auf den kommenden Auenzustandsbericht, der Endes dieses Jahres erscheinen soll, sind wir sehr gespannt.  


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