"Es geht um den Kick, etwas vom Himmel zu holen"

Wegweisendes Urteil gegen einen Waldrapp-Wilderer in Italien. Von Christiane Habermalz

Waldrappteam

Der Oberste Gerichtshof Italiens hat das Urteil gegen den Jäger, der 2012 die beiden Waldrappe Goja und Jedi erschossen hat, bestätigt. Es ist bislang der einzige Fall, in dem es gelungen ist, einen Waldrapp-Wilderer zu identifizieren, anzuklagen und zu bestrafen. Über das Urteil sprach Christiane Habermalz mit Johannes Fritz, dem Leiter des "Waldrappteams", eines EU-geförderten Naturschutzprojekts, das sie bei "Flugbegleiter" Anfang März vorgestellt hat

Herr Fritz, sind in diesem Jahr schon Waldrappe abgeschossen worden?

2017 noch nicht. Aber die illegalen Abschüsse finden so gut wie ausschließlich während der Herbstmigration statt, also ab Anfang September, wenn in Italien auch offiziell die Jagdsaison beginnt. Das ist für uns auch ein klares Indiz dafür, dass es sich bei den Wilderern vorwiegend um Jäger mit Jagdlizenz handelt, die auch Mitglieder in den Jagdverbänden sind. Das ist von den Jagdverbänden lange geleugnet worden. Man hat immer so getan, als würden irgendwelche Irre durch die Wälder laufen und Vögel abschießen.

Einer der beiden Vögel, die 2012 abgeschossen wurden, war das Weibchen Goja, das als erster Waldrapp nach über 400 Jahren alleine die Alpen überquerte und aus dem Wintergebiet nach Europa zurückgekehrt war. Ist das aktuelle Urteil auch deswegen so bedeutsam für Sie und Ihr Projekt?

Das ist sicher einer der Gründe, warum das Urteil so immens wichtig ist. Noch wichtiger als die 2000 Euro Strafe wiegt es, dass dem Täter auch die Jagdlizenz entzogen wird. Das wird ihn wahrscheinlich viel stärker treffen. Zudem hat es ein Urteil gegen einen illegalen Vogel-Wilderer in dieser Form in Italien noch nicht gegeben . Und es war ein Sieg in höchster Instanz, in einem Land, in dem die illegale Vogeljagd immer noch oft als Bagatelldelikt eingestuft wird. Das alles hat eine starke Signalwirkung auch für spätere Prozesse – wir haben also hoffentlich einen Präzedenzfall.

2000 Euro Geldstrafe erscheint dennoch wenig für zwei tote Waldrappe, die mit viel Aufwand und öffentlichen Fördermitteln aufgezogen und per Flugzeug nach Italien geleitet wurden. 

Das ist erst mal nicht viel, in der Tat. Aber das Urteil eröffnet uns jetzt natürlich die Möglichkeit für einen Zivilprozess auf Schadenersatz. Da werden wir für Goja und Jedi eine Schadenssumme von 13.000 Euro bis 15.000 Euro ansetzen. Auch das ist noch niedrig berechnet, aber 2012 waren wir noch kein LIFE-Projekt der Europäischen Union, da hat das Projekt noch mit ziemlich geringem Budget gearbeitet. Man kann ja nur den materiellen Schaden beziffern, nicht den emotionalen. 2016, als fünf Vögel abgeschossen wurden, waren wir schon LIFE-Projekt, da sind europäische Fördergelder in beträchtlicher Höhe geflossen. Deswegen haben wir den Schaden pro Vogel mit 40.000 Euro bis 70.000 Euro angesetzt.

Müßten künftige Täter also mit weitaus höheren Kosten rechnen?

Durch das jetzige Urteil sind die Staatsanwälte in Italien aufgewacht. Erst jetzt wird angefangen, tatsächlich nach den Tätern von 2016 zu suchen. Wir haben also Hoffnung, dass in zwei der fünf Fälle Ermittlungen, die eigentlich schon eingestellt waren, wieder aufgenommen werden. Das geht bis zum Auslesen von Handydaten, wie bei jedem anderen bedeutenden Kriminaldelikt auch. Es gibt also durchaus die Chance, dass wir den ein oder anderen Täter noch identifizieren.

Wie haben sich die Jagdverbände verhalten?

Sie haben den Täter im Prozess aktiv unterstützt und ihm auch einen Anwalt gestellt. Lange haben sie alles getan, um den Prozess zu verzögern, im Herbst 2017 wäre eine Verjährungsfrist eingetreten. Das ist ihnen nicht gelungen, auch weil wir große Unterstützung der Polizeibehörden hatten. Mittlerweile, und auch das ist eine Folge des Prozesses und seines Widerhalls in der Öffentlichkeit, haben die Verbände ihre Haltung aber geändert. Ihnen ist klar geworden, dass die illegale Vogeljagd aus den eigenen Reihen ihrem Image extrem schadet. Nach den fünf Abschüssen 2016 haben die Jagdverbände die Staatsanwälte aufgefordert, Ermittlungen zu führen und die Täter zu identifizieren – und haben sogar angekündigt, dass sie sich im Falle eines Prozesses der klagenden Partei anschließen würden. Dass ist wirklich eine 180-Grad-Wende – die zeigt, dass sich langsam etwas verändert im Land.

Um was geht es den Tätern eigentlich? Um Trophäen? Um einen exotischen Braten in der Röhre?

Wir gehen davon aus, dass den meisten Tätern gar nicht bewusst ist, dass sie auf einen seltenen Vogel schießen, beziehungsweise, es ist ihnen egal. Sie haben es nicht gezielt auf Waldrappe abgesehen. Es geht um den Spaß am Schießen selber, um den Kick, etwas vom Himmel zu holen. Denn in den meisten Fällen bleibt der Vogel einfach liegen. Die Jäger sitzen auf Hochständen und schießen auf die Vögel, die drüber ziehen, so war es auch bei Goja und Jedi. Das Jagen hat in Italien eine ganz andere Tradition als in Deutschland oder Österreich, wo man auch Hege betreibt. In Italien hat schon das römische Recht dem gemeinen Bürger zugesprochen, in der freien Natur zu ernten. Und das ist in den Leuten heute noch drin: Vögel sind Wild und das gehört ihnen. Und da lassen sie sich weder durch italienische noch durch europäische Vogelschutzrichtlinien reinreden.

Was ist für Sie im Hinblick auf künftige Prozesse jetzt das Wichtigste?

Dass wir so schnell wie möglich am Tatort sind, damit wir die Spuren und Indizien sichern können. Im Moment sind wir dabei, technische Geräte zu entwickeln, die kontinuierlich die Biodaten des Vogels messen und uns sofort ein Signal und die Position des Vogels durchgeben, wenn es zu einem Abschuss kommt. Das würde die Chance, einen Täter zu überführen, extrem erhöhen. Da sind wir dran.

Zum Schluss noch eine Frage in eigener Sache: Wie geht es unserem Patenvogel Alpi? Eigentlich sollte er längst aus der Toskana losgeflogen und im Brutgebiet in Salzburg angekommen sein, doch laut Animal Tracker treibt er sich in Rom herum.

Ja, das gibt es manchmal, dass manche Vögel nicht richtig geprägt sind und dann in die falsche Richtung fliegen. So scheint es auch bei Alpi zu sein. Woran das genau liegt, wissen wir nicht. In der nächsten Woche wird eine Projektmitarbeiterin nach Italien fliegen. Möglicherweise wird sie Alpi aufsammeln und nach Salzburg holen. Im Herbst hat Alpi dann noch mal die Chance, mit den anderen mitzufliegen und den Weg zu lernen. Vielleicht klappt es dann ja im nächsten Jahr.

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