Ich habe einen Specht erschossen: So wurde ich zum Vogelschützer

Von Carl-Albrecht von Treuenfels

von Treuenfels

21. Dezember 2016

Meine erste Begegnung mit einem Vogel, an die ich mich erinnern kann, verdanke ich meiner Großmutter. Sie zeigte mir auf einem unserer vielen gemeinsamen Spaziergänge , als ich etwa vier Jahre alt war, einen jungen Kuckuck im Nest eines Singvogels, das dieser in einer der Reihen von Himbeerpflanzen in unserem großen Garten gebaut hatte. Welcher Wirtsvogel es war, der das schon ziemlich große „untergeschobene“ Vogelkind großzog, weiß ich nicht. Doch ich kann mir den damaligen Anblick und mein Erstaunen an der Hand von „Mam“ auch nach 70 Jahren noch jederzeit ins Gedächtnis zurückrufen. Ebenso die vielen Pferde, Kühe und Schafe auf dem Gutshof, der seit Generationen im Eigentum meiner Familie war.

1945 mussten wir zum Kriegsende unsere mecklenburgische Heimat verlassen, doch - Glück im Unglück – wir kamen bei Verwandten in Schleswig-Holstein, nur rund 20 Kilometer weiter westlich, unter. Wir waren in demselben Landschaftsraum, in dessen Mitte der politisch 45 Jahre lang zweigeteilte Schaalsee liegt, geblieben. Und dort, im heutigen Naturpark Lauenburgische Seen, bin ich auch aufgewachsen. In einem landwirtschaftlich geprägten Dorf. Während meiner Schulzeit packte ich auf dem Siedlungshof meines Vaters bei den Arbeiten auf dem Feld und im Stall regelmäßig mit an. Anfangs hatten wir noch Pferde, Milchkühe, Schafe und Schweine. Meine Mutter zog Hühner, Gänse und Puten auf. Ich kümmerte mich früh um „Stallhasen“ und Zwerghühner. Hunde und Katzen gehörten zum selbstverständlichen tierischen Inventar. Unsere Nachbarn waren Flüchtlinge aus dem Osten, die sich auf dem Nebengut meines Onkels ebenfalls neu einrichten mussten. In den vielen Gärten wuchsen Gemüse und Obst zur Selbstversorgung, und es gab überall reichlich Vögel aller Arten.

Die Häuser waren bis Mitte der 1950er Jahre auch mit vielen Kindern bewohnt. Für mich und meine drei Geschwister bedeutete das, eine Menge Spielkameraden zu haben. Mit einigen meiner Freunde bin ich oft über die Felder, Viehweiden und Heuwiesen und durch die Wälder unserer Umgebung gestreift. Vor allem im Frühjahr und Sommer, wenn es in der Natur so viel zu beobachten gab. Und wenn es Vogelnester zu suchen und zu finden galt. 

Kiebitze und Bekassinen brüteten zu Dutzenden, aus dem Schilfgürtel eines nahen Sees mischte sich in jedem Frühling der dumpfe Balzruf der Großen Rohrdommel unter das wochenlange abendliche Froschkonzert. Die knarrenden Rufe der Rebhühner und der „Schlag“ der Wachtel waren häufig zu hören, Braunkehlchen, Feldlerchen, Goldammern, Bach- und Wiesenstelzen, Grasmücken und Neuntöter nahmen wir als selbstverständlich wahr, Feldhamster und viele Hasen waren zu beobachten, Schleiereulen, Weißstörche, Garten- und Hausrotschwänze, Feld- und Haussperlinge sowie mehrere Fledermausarten belebten unseren Hof. 

Ich muss gestehen, dass ich Eier gesammelt habe – zwar nur jeweils eins von einer Art, aber immerhin. Und da ist noch etwas: Mit dem Luftgewehr, das mir mein gemäßigt jagdbegeisterter Vater zu meinem zwölften Geburtstag geschenkt hatte, habe ich Spatzen (Haussperlinge) geschossen, die es damals in großer Zahl rund um unser Haus gab. Eine Großtante hat sie dann für uns Kinder gerupft und gebraten. Zu meinem Sündenregister als Kind gehört sogar, dass ich bei einer Zielübung versehentlich (wie ich mir einredete) einen Buntspecht erlegt habe. Doch als ich den bunten Vogel tot in der Hand hielt, löste dieses Erlebnis in mir einen regelrechten Schock aus. Fortan hatte ich ein anderes Verhältnis zu Vögeln und zu Wildtieren im allgemeinen.

Der Autor Carl-Albrecht von Treuenfels
Seit seiner Schulzeit schreibt Carl-Albrecht von Treuenfels über Natur- und Vogelthemen und engagiert sich für konkrete Schutzprojekte.
privat

Das Luftgewehr wurde, als ich vierzehn Jahre alt war, durch eine zunächst einfache Kamera ersetzt. Ein Jahr später begann ich, den Vater eines Klassenkameraden auf der Ratzeburger Gelehrtenschule bei seiner nebenberuflichen Arbeit für die Regionalzeitung mit Nachrichten aus unserem Amtsbezirk zu versorgen. Bald darauf schrieben mein Schulfreund und ich die Nachrichten selber. Und ich lieferte die ersten Fotos. Darunter waren hin und wieder auch bescheidene Tierfotos, nun schon mit der ersten Spiegelreflexkamera der Marke Pentacon und einem 135 Millimeter Objektiv aufgenommen. 

 Diese Sparte machte mir zusehends Spaß, und ich verdiente auch ein paar Mark damit. Erste Veröffentlichungen in der Jugendzeitschrift „Rasselbande“ und der Jagdzeitschrift „Wild und Hund“ motivierten mich zu immer mehr Naturmotiven in Text und Bild. Ganzseitige Berichte in der Sonntagsausgabe der „Lübecker Nachrichten“ und regelmäßige Tierporträts im norddeutschen Teil der „WELT“ nahmen mich derart in Beschlag, dass sich meine Schulzeit ungewollt verlängerte. Während meiner Wehrdienstzeit schrieb ich abends auf der Schreibstube in unserer Kaserne fast wöchentlich Beiträge für die „Schleswiger Nachrichten“. Später kamen eine Artikelserie in „Die Zeit“ sowie Reportagen in „Geo“, „Merian“ und „natur“ hinzu. 1973 begann meine bis heute andauernde Mitarbeit bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). Mit den Jahren wurde die fotografische Ausrüstung, die ich auf meinen vielen Reisen in alle Erdteile mitschleppte, immer umfangreicher.

Schon früh haben mich die Kraniche fasziniert. Im Frühjahr und im Herbst zogen die laut rufenden Vögel in großen Flugkeilen über unser Haus. Zwei bis drei Paare brüteten als letzte Vertreter von „Grus grus“ Schleswig-Holsteins während meiner Schulzeit in der Nähe meines Heimatortes. Heute nisten wieder einige hundert Paare im nördlichsten Bundesland, mindestens fünf von ihnen in unserer Gemeinde. Nicht zuletzt sind es die Kraniche, die mich – neben meiner Ausbildung zum Juristen und späterer zeitweiliger Tätigkeit in einer internationalen Werbeagentur sowie als Rechtsanwalt und Notar – beflügelt haben, mich nun schon länger als 60 Jahre auch journalistisch der Natur zu widmen.

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