Trotz Schwarz-Gelb-Grün kein Bruchpilot

Schön häufig: Zehn spannende Erkenntnisse über die Kohlmeise. Von Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Kohlmeisen gehören zu den vertrauten gefiederten Begleitern selbst von Großstadtbewohnern. Doch auch Wissenschaftler haben eine Vorliebe für sie, brüten diese doch gern in einfach zugänglichen Nistkästen, lassen sich gut beobachten und sind überall häufig. Die Kohlmeise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer der am besten erforschten Vogelarten gemausert. In ungezählten Felduntersuchungen, Beobachtungen an Futterstellen und Experimenten haben Forscher Erstaunliches über die schwarz-gelb-grün (und weiß) gefiederten Singvögel herausgefunden. Wir stellen zehn Forschungsergebnisse zu einer der häufigsten Vogelarten Deutschlands und ganz Europas vor. Lassen Sie sich überraschen.

Nr. 1: Die Evolution geht am Futterspender weiter

Kohlmeisen entwickeln längere Schnäbel, um einfacher an Futter zu kommen, das Menschen ihnen in Spendern anbieten. Diesen Schluss legt eine Forschungsarbeit britischer und niederländischer Wissenschaftler nahe. Sie fanden heraus, dass die Schnäbel von britischen Kohlmeisen in den vergangenen Jahrzehnten länger geworden sind, die Schnäbel ihrer kontinentaleuropäischen Artgenossen jedoch nicht. Die Forscher untersuchten Gensequenzen von mehr als 3000 Kohlmeisen aus Großbritannien und den Niederlanden, um Hinweise auf genetische Selektions-Prozesse zu erhalten – also um Merkmale zu finden, die über Vererbung weitergegeben werden und sich mit der Zeit innerhalb einer ganzen Population durchsetzen, weil sie sich als vorteilhaft erweisen. Dabei stießen sie auf die unterschiedlichen Schnabellängen. Sie fanden auch heraus, dass die Unterschiede zwischen den britischen und den niederländischen Vögeln sich erst in der im evolutionärem Maßstab lächerlich kurzen Zeitspanne seit den 1970er Jahren herausgebildet haben. Dies ist eine sehr weitreichende physiologische Anpassung innerhalb sehr kurzer Zeit.

Vögel, bei denen genetische Varianten für längere Schnäbel nachgewiesen wurden, besuchten auch häufiger Futterhäuser als Artgenossen, die diese genetische Variation nicht aufwiesen. "Wir können noch nicht sicher sagen, dass Vogelfütterung verantwortlich für längere Schnäbel ist. Es ist aber plausibel anzunehmen, dass sich die längeren Schnäbel bei britischen Kohlmeisen in Folge der Fütterungen durch Selektion herausgebildet haben", sagt der Mitautor der im US-Magazin Science veröffentlichten Studie, Lewis Spurgin. "Vögel, die sich angepasst haben, um besser an Nahrung heranzukommen, sind in einer besseren körperlichen Verfassung und somit gegenüber nicht derart angepassten Tieren im Vorteil mit Blick auf eine erfolgreiche Reproduktion." In Großbritannien ist das Füttern von Vögeln an Futterspendern ein Volkssport und viel stärker verbreitet als in Kontinentaleuropa. Nach Schätzungen werden in jedem zweiten britischen Garten Vögel gefüttert.

Thomas Krumenacker

Nr. 2: Meisen sind hervorragende Energiesparer

In kalten Wintern zählt für Vögel jede Kalorie, um die kommende Nacht zu überleben. Norwegische Wissenschaftler haben erforscht, welche Strategien Meisen anwenden, um möglichst erfolgreich durch den Winter zu kommen. Sie fanden heraus, dass die Vögel neben dem quasi pausenlosen Energieerwerb durch die Aufnahme von Nahrung auch strikt auf das „Energiesparen“ durch möglichst geringe Energieverluste setzen. So halten sich Kohlmeisen in sehr kalten Phasen des Winters zur Nahrungssuche besonders gerne auf der von der Sonne beschienenen Seite eines Baums auf. Wenn immer möglich, wird zudem auf der dem Wind abgewandten Baumseite nach Nahrung gesucht.

Um die bis zu 19 Stunden anhaltende Dunkelheit in Nordeuropa zu überstehen, müssen sich die Vögel über den Tag unbedingt eine Fettreserve anfressen. Schwanz- oder Weidenmeisen mit einem Gewicht nur um die zehn Gramm etwa, müssen sich an jedem Tag eine Fettreserve von etwa zehn Prozent ihres Körpergewichts anfuttern, die in den langen Nächten in Energie umgewandelt wird, um die Körpertemperatur zu erhalten und nicht zu sterben, wie Forscher der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) herausfanden. Erst bei Temperaturen ab -30 Grad versagen viele Meisen-Organismen. Dann werden auch an Futterhäusern tote Meisen gefunden.  

Thomas Krumenacker

Nr. 3: Kohlmeisen fressen Fische – und Fledermäuse

Dass Vögel in Zeiten von Nahrungsknappheit, also besonders im Winter, sehr flexibel sind, um die nötige Energie zum Überleben aufzunehmen, ist bekannt. In solchen Zeiten kann man Meisen auch am Aas antreffen, wie auf dem Foto oben, das zeigt, wie sich eine Kohlmeise an einem zugefrorenen See in Mecklenburg-Vorpommern durch Anpicken eins toten Fisches mit Eiweiß versorgt. Ein weitaus rabiateres Verhalten von Kohlmeisen überraschte aber selbst erfahrene Forscher: In einer Höhle in Ungarn wiesen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie vor einigen Jahren nach, dass Kohlmeisen sich dort von Zwergfledermäusen ernährten. Die winzigen Fledermäuse (mit einer Körpergröße von nur 4,5 Zentimetern und einem Gewicht von nur rund fünf Gramm) wurden von den Meisen während des Winterschlafs verzehrt. “Die Meisen suchten und töteten die Fledermäuse gezielt und systematisch, um sie zu fressen”, vermerkten die Wissenschaftler um Peter Estok in einer 2010 in den Biology Letters veröffentlichten Studie.

Die ungewöhnliche Nahrung wählten die Vögel, weil es an traditionellem Futter mangelte, wie ein Experiment zeigte. Stellten die Wissenschaftler nämlich klassischesVogelfutter wie Sonnenblumenkerne bereit, wichen die Meisen wieder darauf aus.  Experimentell konnten die Wissenschaftler auch nachweisen, dass Kohlmeisen die Rufe erkennen, die Fledermäuse beim Aufwachen von sich geben. Auf das Vorspielen dieser Laute reagierten die Kohlmeisen mit gesteigertem Interesse und Annäherung an die Lautsprecher. Weil die Meisenjagd auf Fledermäuse über einen Zeitraum von mindestens zehn Jahren beobachtet wurde, wird vermutet, dass die Kunde über diese ungewöhnliche Nahrungsquelle innerhalb der lokalen Kohlmeisen-Population über Generationen weitergegeben wird.

Nr. 4: Stadtleben schlägt sich bei Kohlmeisen im Erbgut nieder

Die Verstädterung schreitet weltweit voran. Das stellt auch viele Vogelarten vor die Herausforderung, sich anzupassen. Dabei gibt es positive wie negative Eigenschaften der Städte gegenüber natürlichen Lebensräumen für Vögel und andere Tiere. Negative Effekte wie weniger natürliche Nahrung, beständiger Stress durch Luft- und Lichtverschmutzung oder Lärmbelästigung stehen positiven Faktoren wie der Erschließung neuer von Menschen geschaffener Nahrungsquellen, bequemer Brutmöglichkeiten in Nistkästen oder höheren Temperaturen gegenüber. Zwar ist bekannt, dass die Umweltbedingungen in einer frühen Lebensphase lebenslange Auswirkungen auf Tiere wie Menschen haben, aber es gibt nur wenige vergleichende Studien zur Entwicklung von Jungvögeln in natürlicher Umgebung und in urbanen Gebieten. Eine davon ist die Untersuchung britischer Wissenschaftler an Kohlmeisen. Sie interessierte der Unterschied von Stadt- und Landmeisen mit Blick auf deren Entwicklung. Sie setzten dazu in Städten geborene junge Kohlmeisen in Bruten in natürlicher Umgebung ein und entnahmen dort Jungvögel, um sie städtischen Kohlmeisennestern zuzusetzen.

An den Probanden untersuchten sie, wie sich die jeweilige Telomere – das sind DNA-Elemente am Ende der Chromosomen, die als Biomarker für Langlebigkeit angesehen werden – bei den unterschiedlichen Vögeln entwickelten. Das Ergebnis, über das die Autoren in den Biology Letters berichteten: Das Aufwachsen in einer urbanen Umgebung verkürzt die Länge der Telomere signifikant, unabhängig von der Herkunft aus Stadt oder Land. Städtisch aufgewachsene Jungvögel wiesen um elf Prozent kürzere Telomere auf als ihre ländlich groß gewordenen Artgenossen. Dies lässt darauf schließen, dass eine urbane Umgebung eine große Herausforderung für Vögel in der Entwicklung darstellt – etwa durch Stress und Umweltverschmutzung – und möglicherweise nicht reversible Auswirkungen auf die Lebensdauer hat. Eine Botschaft, die auch menschliche Bewohner von Städten zum Nachdenken bringen kann.  

Nr. 5: Mehr als jede zweite Meisenbrut scheitert

Meisen brüten in der freien Natur vor allem in Höhlen oder Baumnischen. Das ist zwar sicherer als der Bau eines offenen Nests, bietet aber auch keine einhundertprozentige Gewähr für ein Überleben der Jungvögel. Polnische Forscher untersuchten im Bialowieca-Urwald, wie viele der begonnenen Kohlmeisen-Bruten es bis zum Ausfliegen der Jungvögel schafften. Das Ergebnis: Deutlich mehr als jede zweite Brut (60 Prozent) war erfolglos. 69 Prozent der Fehlschläge gingen auf das Konto von Nesträubern. Zwischen 2008 und 2011 wurde auch erforscht, welche Brutplätze am erfolgversprechendsten waren. Als äußerst unsicher und hoch gefährdet erwiesen sich Nester, die in hochgelegenen Höhlen oder Baumöffnungen angelegt waren und solche Standorte, an denen die Nester nahe am Eingang einer Baumöffnung lagen. 

Als vergleichsweise sicher erwiesen sich Nester, die tief in einer Öffnung oder gar in einer engen Höhle versteckt waren, umgeben von starken Außenwänden des Baumes und nur mit schmalen Eingangsschlitzen versehen. Hier konnten Nesträubner wie Spechte oder Marder nur schwer eindringen oder ihre Beute herausziehen. Für die sehr kleinen Baumschläfer waren aber auch solche Erschwernisse kein Problem. Sie drangen in alle Nesttypen ein und erbeuteten dort Jungvögel oder Eier. Als Ergebnis ihrer Analyse folgern die polnischen Wissenschaftler, dass Kohlmeisen ihren Neststandort als Kompromiss zwischen möglichst gutem Schutz gegen Feinde und den Minimalanforderungen an eine erfolgreiche Jungenaufzucht wie ausreichende Beleuchtung, geeignetes Mikroklima und Schutz gegen Aufweichung oder Überflutung des Nests durch Regen wählen.  

Thomas Krumenacker

Nr. 6: Meisen verschrecken Fraßfeinde mit Schlangensound

Meisen leben trotz des gut geschützten Nests in Bruthöhlen gefährlich. Das bedeutet aber keineswegs, dass die kleinen Vögel sich wehrlos ihrem Schicksal ergeben. Vielmehr haben sie eine Abwehrstrategie entwickelt, die wahrscheinlich dabei hilft, eine noch höhere Opferrate zu verhindern. Auch dies haben polnische Wissenschaftler in dem riesigen Waldgebiet an der polnisch-ukrainischen Grenze erforscht. Was die Meisen unternehmen, um Nesträuber abzuschrecken? Sie zischen und fauchen. Weil die Lautäußerungen aus dem eigenen typischen Meisen-Repertoire und ein mutig aufgeplustertes Gefieder auf Nesträuber wie die Gelbhalsmaus wohl nicht abschreckend genug wirken, haben Kohlmeisen ihr Repertoire erweitert. Sie imitieren die typischen fauchenden und zischenden Laute von Wieseln oder Schlangen, wenn Gelbhalsmäuse in der Nähe einer Bruthöhle auftauchen.

Die Forscher spielten den Mäusen diese Kohlmeisen-Laute vor und stellten fest, dass sich die Mäuse zwar nicht ganz von einer „Inspektion“ der Nestumgebung abhalten ließen, die Dauer der Aufenthalte bei Beschallung mit Meisen-Fauchen aber deutlich kürzer war also ohne. Unter Beschallung hielten sich die Mäuse im Durchschnitt nur 3,9 Sekunden lang an den Nestnischen auf, ohne waren es 26, 3 Sekunden. Auch bei einer Rückkehr zur selben Stelle ohne Fauch- und Zischbeschallung verbrachten die Mäuse deutlich weniger Zeit dort als an anderen Bruthöhlen, die sie inspizierten. Bei den kleinen Mäusen scheint schon die einmalige Konfrontation mit den Feindeslauten eine stärkere Vorsicht auszulösen, was wenig verwunderlich ist, werden sie doch sehr oft Opfer etwa von Baummardern oder Wieseln. Die Forscher schließen daraus, dass die Meisen in der Lage sind, das Ausspähverhalten der Mäuse deutlich zu ihren Gunsten zu beeinflussen, sprich zu verkürzen. Dadurch könnte sich die Bruterfolgsquote erhöhen, vermuten die polnischen Wissenschaftler, die die Zahl erfolgreicher Meisenbruten mit der von Grau- und Trauerschnäppern verglichen. Diese Arten haben ganz ähnliche Brutgewohnheiten, sind aber nicht in der Lage zu einer „Fauch-Abwehr“. Wieso aber einige Arten diese Art des Schutzes entwickelt haben und andere nicht, ist weiter unklar. 

Thomas Krumenacker

Nr. 7: Flugzeuglärm hält Meisen vom Fressen ab

Während sie fressen, müssen Vögel gleichzeitg auf der Hut sein, nicht gefressen zu werden. Dafür hören sie auch auf Warnrufe von Artgenossen. Während der Nahrungssuche befinden sich Vögel in einem beständigen Wechselprozess von Wachsamkeits- und Fressphasen. Doch was, wenn Lärm die Warnrufe übertönt? Spanische Forscher untersuchten, wie sich durch Menschen verursachter Lärm auf das Nahrungssuchverhalten von Kohlmeisen auswirkte. Dazu stellten sie am Madrider Großflughafen Barajas Futterhäuschen auf und zeichneten das Verhalten der Meisen während des Flugbetriebs auf. Ihr Ergebnis: Der Lärm startender und landender Flugzeuge stört die akustische Kommunikation zwischen den Meisen erheblich. Und das hatte weit reichende Folgen: Das Verhältnis zwischen den Wachsamkeits- und Fressphasen verschob sich deutlich zu Ungunsten der Nahrungsaufnahme. Die Vögel investierten während der lauten Phasen von Start und Landung wegen der unterbrochenen akustischen Feinderkennung entsprechend wesentlich mehr Zeit in das wachsame Beobachten ihrer Umgebung. Je lauter es warm, desto weniger fraßen die Vögel. Gerade in den Wintermonaten mit beschränktem Zeitfenster zur Nahrungssuche könnte sich also Lärm als ernsthafte Bedrohung für das Überleben herausstellen.

Thomas Krumenacker

Nr. 8: Lärm kann Kohlmeisen sogar das Leben kosten

Wenn der Lärm zu groß ist, reicht auch die größte Wachsamkeit oft nicht aus, weil die Warnrufe der Artgenossen vollständig übertönt werden. Vögel in lärmbelasteten Habitaten unterliegen somit einem höheren Risiko, Opfer von Fressfeinden wie Sperbern zu werden als ihre Artgenossen in einer ruhigeren Umgebung. US-Wissenschaftler haben die Auswirkungen von Lärm auf die Kommunikation zwischen Kohlmeisen in Gefahrensituationen genauer untersucht. Sie wählten dafür Kohlmeisen aus, weil diese sehr häufig in lärmbelasteten urbanen Umgebungen leben.

Getestet wurde sowohl unter Laborbedingungen als auch im Freiland. Im Labor riefen Kohlmeisen umso lauter, je höher der Lärmpegel wurde. Doch im Freiland ist der Lärm etwa vom Verkehr oft so groß, dass die Tiere Warnrufe schlichtweg überhören. Die Meisen versuchten zwar, durch lauteres Rufen die Störung zu kompensieren, es war ihnen aber oft nicht möglich, den Lärm zu übertönen – mit der Konsequenz, dass Artgenossen leichter Fraßfeinden zum Opfer fallen. Dies gelte bereits bei einem moderaten Lärmpegel, schreiben die Wissenschaftler in ihrem in Current Biology erschienenen Beitrag.

Thomas Krumenacker

Nr. 9: Farbenfrohe Männchen sind besonders aufgeweckte Väter

Manche Kohlmeisen sind intensiver gefärnt als andere. Die besonders kräftige Färbung rührt von der Aufnahme von Karotinoiden her, die nicht nur zu einer kräftigen Tönung führen, sondern auch eine überlebenswichtige Eigenschaft als Antioxidantien haben, also zellschädigende freie Radikale abwehren. Forscher von spanischen und chinesischen Universitäten untersuchten, ob männliche Kohlmeisen, die vom Weibchen aufgrund ihrer besonders intensiven Grünfärbung als Partner ausgewählt wurden, hielten, was sie versprachen, sprich: ob sie sich bei der Jungenaufzucht besonders ins Zeug legten. Die Forscher untersuchten die Fütterungsaktivitäten einer Mittelmeer-Population von Kohlmeisen. Als Indikator für eine besonders gute Brutpflege wurde der frühmorgendliche Fütterungsbeginn ausgewählt, denn nach einer Nacht ohne Nahrung sind die Jungvögel darauf besonders angewiesen.

Tatsächlich begannen Kohlmeisen-Männchen mit einer besonders intensiven Grünfärbung auch besonders früh mit der Fütterung. Sie vergrößerten damit auch das tägliche Zeitfenster, das ihnen zur Fütterung zur Verfügung stand. Bei den beobachteten Weibchen konnte kein Zusammenhang zwischen Färbung und Fütterungsintensität nachgewiesen werden. Allerdings war der körperliche Zustand der Jungen von intensiv gefärbten Weibchen besser als der von blässlicheren. Die Forscher beobachteten aber auch, dass ungeachtet ihrer Färbungsintensität diejenigen Kohlmeisen am frühesten mit der Fütterung anfingen, die die größte Zahl an Jungen aufzuziehen hatten. Sie zogen ein gemischtes Fazit aus ihren Beobachtungen. Zwar fütterten prächtig gefärbte Männchen früher, sie ließen tagsüber aber etwas nach und hatten damit eine vergleichsweise geringe Fütterungsfrequenz. Für den Bruterfolg kommt es demnach nicht allein auf das Äußere an – hier spielen zahlreiche Umweltfaktoren eine Rolle, wie Nahrungsverfügbarkeit und Wetter.

Thomas Krumenacker

Nr. 10: Unter Kohlmeisen gibt es Freundschaften

Kohlmeisen sind wählerisch, was ihre Nachbarn angeht und legen Wert auf Freundschaften, wenn es darum geht, mit wem sie sich die nähere Umgebung um das eigene Nest teilen. Diesen überraschenden Einblick in das Sozialleben von Vögeln verdanken wir Ornithologen der Universität Oxford, die in ihrem berühmten Forschungswald Wytham Woods hunderte Kohlmeisen über mehrere Jahre hinweg individuell überwacht haben. Sie fanden heraus, dass Kohlmeisen ihre Brutreviere im Frühling danach aussuchen, wie nahe diese an denen von Artgenossen liegen, die sie bereits in der winterlichen Gruppe kennengelernt haben. 

Kohlmeisen schließen sich nämlich außerhalb der Brutzeit zu größeren Trupps zusammen. Je enger der Sozialkontakt zu einem Artgenossen in der winterlichen Gesellschaft war, desto näher durfte dessen Nest dem eigenen liegen und desto bevorzugter teilte man sich eine Reviergrenze, berichteten die Wissenschaftler in den Ecology Letters. Studienautor Josh Firth erklärt sich das Verhalten damit, dass es für die Vögel Vorteile mit sich bringen könnte, den Standort eines Reviers nach sozialen Gesichtspunkten auszusuchen. „Zum Beispiel wissen wir, dass Vögel, die einander vertraut sind, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit bereit sind, gemeinsam einen Feind abzuwehren“, sagt Firth. Eine weitere Erklärung könnte sein, dass Kohlmeisen, die sich bereits kennen, weniger aggressiv aufeinander reagieren als sich vollkommen fremde Artgenossen. Dies würde den Vorteil haben, dass sie weniger Energie in Reviermarkierung und Abschreckung des Nachbarn investieren müssten und sich dafür intensiver um die Jungenaufzucht kümmern könnten. 

In unserer Reihe "Schön häufig" stellt Thomas Krumenacker Vogelarten, die jeder zu kennen glaubt, in neuer Perspektive vor. Für die Fotografien hat er auf seinem Berliner Balkon und in seinem Garten ein eigenes Vogelfotostudio aufgebaut. Bereits erschienen sind Artikel über die Amsel, die Ringeltaube und den Star. Noch mehr aktuelle Ergebnisse vogelkundlicher Forschung präsentiert Thomas in seiner Rubrik "Ornithologie Aktuell" im Fachjournal Der Falke.

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