Kommt der Mauerläufer, kommt er nicht?

Das Gute am Vogelbeobachten: Warten zu lernen. Von Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Vor eineinhalb Jahren besuchte ich Freunde in Heiligenblut im Mölltal. Der kleine Ort im Kärtner Teil des Nationalparks Hohe Tauern ist nach einer alten Legende benannt. Der Großglockner, Österreichs höchster Berg, scheint an Tagen mit klarem Wetter von hier aus zum Greifen nahe zu sein. Die Vogelwelt des Nationalparks ist legendär. Hier können einem majestätische Arten wie Bartgeier, Steinadler und Auerhuhn begegnen.

An diesem Tag sollte mein Glück als Vogelbeobachter nur 17 Zentimeter groß sein. Für einen Sonntagnachmittagsspaziergang hatten wir uns den Gößnitzwasserfall als Ziel gewählt. Nachdem die Gößnitz neun Kilometer durch ein kaum genutztes Hochtal geflossen ist, bricht der kleine Fluss hier durch eine senkrecht aufragende Steilwand und fällt mehr als siebzig Meter in die Tiefe. Wenn Schmelzwasser die Berge herabkommt oder es stark geregnet hat, schwillt dieser Wasserfall zu einem gewaltigen Tosen an.

Ich war noch ganz überwältigt vom Rauschen des Wassers, das in einen tiefgrünen Kessel fällt, aus dem Gischt herauftreibt, als ich an der Felswand direkt neben der Spitze des Wasserfalls einen kleinen, quirligen Punkt wahrnahm. Als ich den Punkt mit dem Fernglas gefunden hatte, leuchtete mir eine Farbe entgegen, die es im Gebirge und auch sonst in der Natur nicht allzu oft gibt: ein leuchtendes Rubinrot.

Eigentlich gehöre ich nicht zu den Vogelbeobachtern, die ihre Erstbeobachtungen zelebrieren. Doch die Seite mit dem Mauerläufer war in meinem vom Blättern arg mitgenommenen Bestimmungsbuch immer etwas Besonderes gewesen, eine papierne, aber doch irgendwie reale Verheißung von Bergwelt, klarer Luft und steilen Felsen. Nun hatte ich den Vogel direkt vor mir. Er flatterte die Felswand beständig hinab und hinauf, ganz offensichtlich auf der Suche nach Nahrung, die er auch fand. Das Grau seines Gefieders verschmolz mit dem Gestein, so dass ich den Vogel aus den Augen verlor, nur um Sekunden später die Sensation des leuchtenden Rots umso intensiver wahrzunehmen. Jedesmal, wenn der Mauerläufer seine Flügel ausbreitete, setzte mein Gehirn Freudenmoleküle frei. Die Bergwelt scheint zu karg zu sein für dieses Rot, das dem von Palästen, Edelsteinen und feinen Gewändern ähnelt. Und doch hat sie den Mauerläufer hervorgebracht.

Der Mauerläufer (Tichodroma muraria) kommt in eurasischen Gebirgen vor und ist nirgendwo wirklich häufig.
Der Mauerläufer (Tichodroma muraria) kommt in eurasischen Gebirgen vor und ist nirgendwo wirklich häufig.
Daniel Dunca/Shutterstock

Viele Wochen wirkte das Erlebnis nach. Begegnete mir im Alltag ein ähnliches Rot wie das auf den Mauerläuferflügeln, fühlte ich mich wie hinaufgebeamt in das Mölltal, zum Gößnitzwasserfall. Und deshalb schoss es mir am vergangenen Samstag, als ich mich auf der Großglockner Hochalpenstraße von Salzburg her dem Mölltal näherte und ich nachdachte, welche Wanderung ich an einem freien Sonntag wohl unternehmen könnte, durch den Kopf: Als erstes zum Mauerläufer.

Ich lief den Weg am Fluss entlang über Wurzeln und Steine hinweg mit großer Vorfreude hinauf in Richtung Gößnitzwasserfall, ließ mich vom Rauschen des Flusses einfangen und war mir sicher, gleich mit einem wunderbaren Anblick belohnt zu werden.

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Warten gilt in unserer durchgetakteten Zeit als Verschwendung. Wer beim Arzt warten muss, hat nicht genug Geld, sich privat zu versichern. Wer als Firma seine Kunden in der Warteschleife hängen lässt, wird in sozialen Medien mit negativen Bewertungen bombardiert. Während in vielen Religionen das Warten – etwa auf die Erlösung – eine Art Grundhaltung darstellte, ist es, seit Frederick Winslow Taylor die Arbeitsschritte von Fabrikarbeitern mit der Stoppuhr vermessen und Prozesse so optimiert hat, dass keine Wartezeiten entstehen, so etwas wie eine Sünde. Längst ist das Synchronisieren und das Ausmerzen von Wartezeiten zu einem der wichtigsten Ziele geworden, die Industrialisierung der Zeit ist in vollem Gang. Zu warten und dabei nichts zu tun, also auch nicht das Handy zu zücken und die Leere der Zeit mit den geballten Gedanken und Bildern aus aller Welt zu füllen, das ist auch im Alltag schwer erträglich geworden. Wir sind darauf eingestellt, dass eins auf das andere folgt, dass es Belohnungen möglichst sofort geben muss. Wir packen die Lehrpläne und Nachmittagsstunden der Kinder und unsere eigenen Kalender so voll, dass möglichst keine ungenutzten Zwischenräume bleiben.

Genau deshalb zählt es zu den vielen guten Seiten des Vogelbeobachtens, dass es fast immer mit Warten verbunden ist. Natürlich gibt es auch überraschende Sofort-Belohnungen, wenn man in der Natur unterwegs ist. Es kann einem passieren, dass man schon nach den ersten Schritten im Wald oder am Tümpel von einem Anblick, einer Begegnung, einem Ruf komplett überrascht wird. In der Regel aber setzt das Beobachten voraus, dass man wartet. Und wer dabei auf sein Handy schaut, um die Zeit zu vertreiben, wird nie etwas Interessantes zu Gesicht bekommen. Es geht darum zu warten, während nichts passiert. Oder genauer: während nicht das passiert, worauf man hofft, womit man rechnet, was man am liebsten erzwingen würde. Vogelbeobachtend unterwegs zu sein bietet eine Chance: Bedingungsloses Warten zu üben.

Der Gößnitzwasserfall im Nationalpark Hohe Tauern: Ein Ort, an dem man in tosendem Lärm Ruhe findet.
Der Gößnitzwasserfall im Nationalpark Hohe Tauern: Ein Ort, an dem man in tosendem Lärm Ruhe findet.
Christian Schwägerl

Und so stand ich am Sonntag am Gößnitzwasserfall und wartete. Ich lehnte mich gegen eine Lärche, von deren Stamm exakt die Hälfte von der Gischt fast schwarz eingefärbt war, während die andere Hälfte trocken-braun blieb, zückte mein Fernglas und begann, die Felswand abzusuchen. In regelmäßigen Bahnen führte ich meinen Blick über die grauen, hellbraunen und grünlichen Felsen, hielt hier und dort inne, immer und immer wieder. Ich merkte wie mein Atem zuerst ruhiger wurde, weil mein Kreislauf sich vom Aufstieg erholte, dann wieder kürzer, weil Ungeduld in mir aufstieg. Und je länger ich da stand, desto mehr musste ich über mich selbst schmunzeln: über meine fast kindliche Erwartung, dass der Mauerläufer von vor eineinhalb Jahren ganz bestimmt exakt an diesem Tag zu dieser Stunde an diesem Ort auftauchen würde, um mich mit dem Rot seiner Flügel zu erfreuen.

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Je mehr ich mich amüsierte, desto schöner fand ich das Warten. Wie die Gischt – das Wasser, das gerade noch im Fluss nach unten gerauscht war und nun in Tröpfchen wieder nach oben strebte – sich nicht nur auf Bäume und Steine, sondern auch auf mein Gesicht legte. Wie mir Insekten auffielen, die dem Luftstrom widerstanden und talaufwärts flogen. Wie die Formen der Steilwand, die sich vor mir auftürmte, immer vertrauter wurden. Wie ich der Versuchung widerstand, mein Handy aus der Tasche zu ziehen und ein Bild der Szene in einen Tweet zu packen. Eine Ruhe machte sich in mir breit, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe: Die ausgedehnte und sich immer weiter ausdehnende Zeit. Die herrliche Absurdität, einen ganzen Nachmittag eines kleinen grau-roten Punkts zu harren. All das kam mir nun vor wie der größte Luxus überhaupt. Schießlich die wachsende Einsicht, dass sich der Mauerläufer wohl nicht einfinden würde. Ich genoss den Luxus kompletter Ineffizienz.

Grelle Farben, zeitlose Formen: Wer innehält entdeckt das, was er gar nicht gesucht hat.
Grelle Farben, zeitlose Formen: Wer innehält entdeckt das, was er gar nicht gesucht hat.
Christian Schwägerl

Eigentlich wollte ich nach dem Besuch beim Mauerläufer meine Wanderung fortsetzen, hinauf zu einer der vielen Almen des Gebiets. Ich bin an diesem Nachmittag einfach geblieben, habe den grellgelben Bewuchs der benachbarten Lärche bestaunt, meinem Herzklopfen zugehört, dem Spiel von Sonne und Wolken auf den Felsen zugeschaut. Und sogar einen Vogel gesehen: eine Haubenmeise, den Punker unter den Singvögeln, dessen schwarz-weiß gesprenkelter Kopf mir gänzlich neu erschien, so als hätte ich ihn noch nie gesehen. Die Meise kam mir bis auf einen Meter nahe – vielleicht, weil ich so still stand, dass der Vogel mich nicht bemerkte. Vielleicht, weil er bemerkte, wie wenig Gefahr von mir ausging.

Ich habe den Mauerläufer an diesem Nachmittag kein zweites Mal zu Gesicht bekommen. Das Warten hat sich gelohnt.

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Anmerkung: In einer früheren Version stand an einer Stelle im Artikel Mauersegler statt Mauerläufer. Wir bitten dies zu entschuldigen.