Twittern oder Zwitschern?

Warum es jetzt so wichtig ist, die Sinne für die Vögel zu öffnen. Von Christian Schwägerl

Jeffrey Haak/Shutterstock

Berlin, 22. Februar 2017

Ein Mann hält die Welt in Atem. Greift Donald Trump zu seinem Telefon und tippt eine Twitternachricht ein, gehen wenige Minuten später Eilnachrichten um die Welt. Trump fordert dies, Trump fordert das. Vom amerikanischen Präsidenten heißt es, er könne seine Aufmerksamkeit nicht länger als ein paar Minuten bei einem Thema halten. Aber wir Medienkonsumenten sind in Gefahr, an einer anderen Form von Aufmerksamkeitsstörung zu leiden. Dem Trump-Tunnelblick. Während der US-Präsident sein Handy wahrscheinlich nach dem Tweet wieder weglegt und zum nächsten Thema springt, kleben viele Menschen an ihren Bildschirmen und verfolgen gebannt die Weiterungen. Könnte es sein, dass wir vor lauter Trump dabei sind, den Blick für Wesentliches zu verlieren?

Es wird jetzt morgens wieder früher hell, der Frühling kündigt sich an. Wer das viel besser weiß und spürt als wir Menschen sind die Vögel. Gestern früh ist ein Kranich knapp über meine Wohnung mitten in Berlin geflogen, laut rufend; vielleicht ein Rückkehrer aus dem Süden, vielleicht einer, der hier geblieben ist. Jedenfalls verkündete er laut, dass er in Richtung Frühling fliegt. Vergangene Woche schon war nachts ein großer Schwarm Graugänse über das Haus hinweggezogen, auf dem Weg nach Norden. Und morgens meldet sich jetzt eine feine, flötende Stimme zu Wort. Vor dem Fenster meines Schlafzimmers singt ab fünf Uhr morgens ein Rotkehlchen. Der Gesang hat Ähnlichkeit mit dem einer Amsel, nur ist er melancholischer, weniger triumphal. Da singt das Rotkehlchen also, um sein Revier zu markieren, um einen Partner für die neue Saison zu finden, vielleicht auch aus einer vogelspezifischen Form von Freude am Singen, die Wissenschaftler noch nicht vermessen können.

Die heilende Kraft des Vogelgesangs

Für das menschliche Ohr klingt das Flöten des Rotkehlchens wunderbar. Es könnte akustischer Seelenbalsam sein, kostenlos, und das am Beginn des Tags, hätte man nur die Muße, sich darauf einzulassen. Es könnte eine Meditation sein, um zu sich zu kommen, seinen Ort auf der Welt wahrzunehmen und den Tag zu beginnen.

Hätte, könnte, würde... Denn jeden Morgen konkurriert das Rotkehlchen mit dem Drang, mein Smartphone zu aktivieren und den gar nicht feinen Strom der Weltnachrichten in mein Leben zu lassen. Trump hat mich als Journalist zum Feind des Volkes erklärt! Trump hat einen Terroranschlag in Schweden imaginiert! Trump könnte den Dritten Weltkrieg auslösen! Einen Aufweckkaffee braucht es dann eigentlich nicht mehr. In meinem Kopf brodelt es, meine Aufmerksamkeit ist in Washington und sonstwo auf der Welt. Und draußen singt das Rotkehlchen.

Ein Rotkehlchen auf einem Stein.
Noch ein Rotkehlchen, denn es muss nicht immer etwas Neues sein. Genau hinsehen, genau hinhören – Vogelbeobachten ist ein guter Weg, Ruhe und Fokus zu finden.
Tomatito / Shutterstock

Natürlich will ich nicht dazu aufrufen, Trump einfach zu ignorieren oder sich biedermeierlich in den privaten Genuss zurückzuziehen. Aber sich in seinen Sog ziehen zu lassen, als wäre er ein lebendes Schwarzes Loch, sich sein Innenleben von ihm diktieren zu lassen, das kann auch nicht gut sein. Irgendwoher muss man doch die Kraft schöpfen, sich der ganzen Negativität zu stellen und gegen sie anzuarbeiten. Die Vögel können uns dabei helfen. Wenn es Trump gelänge, Menschen wie mich vom Vogelkonzert abzulenken und in Angststarre verfallen zu lassen, wäre viel verloren. Zumal im Trump-Gedröhne nicht nur die Aufmerksamkeit für das Rotkehlchen unterzugehen droht, sondern vor allem auch die Aufmerksamkeit für viele andere Feinheiten des Lebens, inklusive der leiseren Signale der Schwachen und Bedürftigen, die der neue Präsident mit seinem Potenzgehabe übertrumpft und schon jetzt aus den Nachrichtenströmen verdrängt.

Trump darf uns weder die schönen Momente stehlen, noch unsere Aufmerksamkeit für andere wichtige Fragen. So wie Terroristen gewonnen hätten, wenn wir uns nicht mehr in die Öffentlichkeit trauen würden, so hätte er gewonnen, würden wir ihm die Rolle des Aufmerksamkeitsdiktators zugestehen. Am besten wäre es, Nachrichtensendungen und Blogs würden sich auf einen trump-freien Tag pro Woche einigen. Jedenfalls ist es besser, am Morgen unterstützt vom Rotkehlchen die eigenen Lebenskräfte zu stärken und vielleicht über konkretes, positives Tun nachzudenken als schon in den ersten wachen Momenten am Tropf toxischer Nachrichten zu hängen. Vogelgesang hat etwas Heilendes, Beruhigendes, Inspirierendes. Es gibt Studien, die den positiven Effekt von Natur auf das Wohlbefinden quantifizieren. Wir bekommen in den nächsten Wochen jeden Morgen von der Vogelwelt ein Symphoniekonzert geschenkt. Es sollte eigentlich ein Leichtes sein, es anzunehmen.

Twitter oder Zwitschern - das ist jetzt die Frage.

Eine ähnliche Entscheidung stellt sich mit dem Gegenteil der kurzen, schönen, hochvergänglichen Vogelgesänge: Geht in diesen dunklen Monaten auch unsere Aufmerksamkeit für die großen, die langfristigen Probleme verloren?

In den vergangenen Jahren haben viele Vordenker und Wissenschaftler begonnen, die Welt in neuen Zeitbezügen zu beschreiben. Sie haben über die Welt des Jahres 12017 oder 102017 nachgedacht, über die Frage, ob die Summe aller menschlicher Handlungen die Erde so tiefgreifend, global und langfristig verändert, dass dies einen Einschnitt in der Weltgeschichte darstellt: den Beginn des Anthropozäns, der vom Menschen gestalteten Erdepoche. Doch haben wir nicht gerade ganz andere Probleme als die Frage, ob man in ferner Zukunft noch geologische Spuren unseres heutigen Lebens finden wird, ob Plastikmüll oder Elektroschrott bis dahin zu neuen Sedimenten und Fossilien geworden sein werden?

Rationalität als schützende Ozonschicht

Es sind seit dem 20. Januar 2017 nicht langfristige, sondern sehr kurzfristige Fragen und Probleme, von denen nicht nur unser Leben, sondern auch unser Überleben abhängt – etwa, ob die USA die Ankündigung ihres neuen Außenministers wahr machen und sich der chinesischen Marine in den Weg stellen werden. Ob sich mit Putin und Trump zwei Egomanen gegen die europäische Demokratie verbünden. Es geht um die akute Sorge, dass mit Trumps Politik der “alternativen Fakten” jede Rationalität aus dem politischen Diskurs vertrieben wird.

Sollte man den Anthropozän-Diskurs also vielleicht besser bis zum Jahr 2020 hintan stellen, bis klar ist, dass Trump nicht mit einem nächtlichen Tweet den Dritten Weltkrieg ausgelöst hat? Bis ein Nachfolger gewählt ist, vor dessen Stimmungsschwankungen die Welt nicht täglich Angst haben muss?

Es wäre ein ebenso großer Fehler, wie das Rotkehlchen zu überhören. Gerade wegen Trump und seiner Ideologie ist das Anthropozän noch relevanter als zuvor. Denn jetzt geht es ums Ganze, Wissenschaftlichkeit an sich steht zur Disposition. Die gesamte rechtspopulistische Bewegung tritt als gegenaufklärerische Kraft auf, die das Vertrauen in die Ordnungsprinzipien und Denkkategorien empirischer Forschung zersetzen will – um letztlich jeder gemeinsamen Basis freien Diskurses den Boden zu entziehen und autoritäre Herrschaft zu begründen. Die Leugnung des Klimawandels und die geplanten Einschnitte bei der Förderung der Geisteswissenschaften in den USA sind nur Schlaglichter einer tiefsitzenden Feindseligkeit gegenüber rationalen Ordnungsversuchen, wie die geologische Zeitrechnung sie darstellt. Es läuft ein Generalangriff auf das wissenschaftliche Prinzip: Trump und andere Rechtspopulisten zielen darauf ab, das Vertrauen nicht nur in die Medien, sondern auch in die Wissenschaft zu untergraben.

In diesem Kontext erscheint die Anthropozän-Idee plötzlich wie eine Ozonschicht der Rationalität, die unsere Zivilisation vor der gefährlichen Strahlung der Demagogie abschirmt. Sie ist das Gegenteil der Zeitrechnung, mit der Donald Trump die Welt sieht: Während der mächtigste Politiker der Welt als offenkundiger Narzisst psychologisch im Jahr Eins seiner Amtszeit lebt, gibt uns die Anthropozänidee einen viel größeren zeitlichen Zusammenhang, in den das kollektive Wirken der gesamten Menschheit eingeht: die Skala der Erdgeschichte. Beim morgendlichen Vogelgesang wahrzunehmen, dass die Erde nicht im Jahr 1 nach der Trumpwahl existiert, sondern 4,6 Milliarden Jahre alt ist und jetzt ins Anthropozän eintritt, kann uns auch vom Tunnelblicksyndrom heilen.

Der “Globalismus”, den Trump attackiert, ist exakt das Denken, das der Anthropozän-Idee innewohnt; das Denken von Aufklärern und Menschenrechtlern seit dem 18. Jahrhundert. Aus gutem Grund hat Andrea Wulf, Autorin des aktuellen Bestsellers über Alexander von Humboldt, im Interview mit RiffReporter Humboldt als Vordenker der Anthropozän-Idee und zugleich als den “Anti-Trump” charakterisiert. Man könnte auch sagen: Der zugleich wissenschaftliche und empathische Globalismus Humboldts, der in seinem Buch “Kosmos” vom “Weltorganismus” schrieb, ist das Gegenmittel zu Trump. Humboldt hat auch in unruhigen Zeiten den Tieren zugehört, sein ganzes Leben war von Aufmerksamkeit für die Feinheiten der Natur geprägt. Nur so konnte er das Netz des Lebens so intensiv wahrnehmen wie er es getan hat. Das hat ihn zum großen Wissenschaftler, aber auch zum mitfühlenden Humanisten gemacht.

Wir haben in den kommenden Wochen dieselbe Chance: der morgendliche Vogelgesang, der jetzt bis zum Mai hin jeden Tag stärker wird, ist auch eine Erinnerung daran, wie reich an Schönheit unsere Welt ist, wie viel es gegen den stumpfen Hass der Trump-Bewegung auf alles Wilde und Freie zu verteidigen gibt. Es ist ein Angebot, Verbundenheit nicht nur in Tweets zu beschwören, sondern zu leben. Wenn Trump uns unsere Sensibilität für das Feine, das Große und das Langsame nähme, würde er sich mit seinem Verrohungsprogramm durchsetzen.

Heute morgen habe ich das Handy liegen lassen und bin mit einer Tasse Kaffee auf den Balkon gegangen. Zuerst habe ich einen Zaunkönig gehört, dann gesehen, wie eine Ringeltaube einen trällernden Grünfink von seiner Baumspitze vertrieb. Aus einem Unterholz erklang ein Zaunkönig, aus der Ferne hörte ich einen Grünspecht rufen. Dann setzte das Rotkehlchen mit seinem Gesang ein.

Christian Schwägerl arbeitet für Medien wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung, GEO und Yale E360 und hat Bücher zum Anthropozän, zu globalen Konfliktrisiken und zur Internetzukunft verfasst. @chrschwaegerl

Text und Faktenprüfung Christian Schwägerl, Redaktion Johanna Romberg

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