Früher war er ein Allerweltsvogel, heute steht er auf der Vorwarnliste

Meine Vogelbeobachtungen: Der Star, Vogel des Jahres 2018. Von Carl-Albrecht von Treuenfels.

Frank de Jung/Shutterstock

Seit mehreren Jahren bereits kümmern sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Naturschutzstation Dümmer nahe der niedersächsischen Gemeinde Hude und der pensionierte Lehrer Bernd Averbeck intensiv um die dunklen Singvögel mit dem metallisch schillernden und zeitweise hell gefleckten Gefieder. Am Rande des rund 1000 Hektar großen Naturschutzgebiets Ochsenmoor, 50 Kilometer nördlich von Osnabrück im Landkreis Diepholz im Naturpark Dümmer gelegen, haben sie die Voraussetzungen für eine Brutkolonie des Stars geschaffen. Gut 60 Nistkästen hängen an den Außenwänden der Stationsgebäude und den sie umgebenden Bäumen. Bernd Averbeck zimmerte 50 Starenkäste und brachte sie auf seinem benachbarten Grundstück an Bäumen und Wänden an. Teilweise hängen sie in drei Etagen übereinander, manche haben zwei Ein- und Ausfluglöcher.

Über die Wahl des Stars (Sturnus vulgaris) zum "Vogel des Jahres 2018" durch den Naturschutzbund Deutschland (NABU) und den Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) freuen sich die Naturschützer daher ganz besonders.

"Mindestens 40 Kästen waren in diesem Jahr belegt. In 10 bis 15 Nisthilfen brüteten die Stare zweimal erfolgreich hintereinander", sagt Bernd Averbeck mit Stolz auf seine Kolonie, an der er sich auch Mitte Oktober noch erfreuen kann. Denn im Gegensatz zu den Abertausenden von Staren, die jetzt in großen dichten Schwärmen über das Land ziehen und abends in dunklen Wolken an gemeinsamen Schlafplätzen im Schilf oder auf Bäumen einfallen, halten viele der heimischen Stare im Bereich des Dümmer ihren Brutplätzen auch nachts die Treue. Abends oder auch zwischendurch in den Mittagsstunden landen sie auf den Ästen ihrer Brutbäume oder auf den Dächern der Häuser. Manche übernachten auch in den Kästen. Dabei zwitschern und schwatzen sie zeitweilig fast so intensiv wie zur Balzzeit im Frühling. Da sie über ein reichhaltiges Repertoire von vielfältigen Lautfolgen und nachgeahmten Tönen verfügen, wird es nie langweilig, ihnen zuzuhören.

Gerupft und gebraten

Die Vögel, die sich einfinden und recht zutraulich sind, erscheinen in unterschiedlichem Gefieder: Die Jungen sind graubraun, die erwachsenen Vögel tragen als "Perlstare" noch ihre weißen Federspitzen, die sich weiter abnutzen und mehr oder weniger glänzenden Schillereffekt aufweisen. Zur Balzzeit erstrahlt das Gefieder in seinem vollen Glanz. Die meisten Stare werden nicht älter als zwei bis drei Jahre, aber es gibt auch Berichte über beringte Vögel, die es im Freiland auf 20 Jahre brachten. Früher gab es viele Jungstare, die das Ausfliegen aus den Brutkästen gar nicht erlebten. Denn etliche Nistkästen wurden nicht von Vogelfreunden aufgehängt, sondern von Vogeljägern. Kurz vor dem Ausfliegen der Jungen öffneten sie die Nistkästen, nahmen die dann zwischen 60 und 100 Gramm wiegenden Vögel heraus und töteten sie, um sie anschließend gerupft und gebraten zu essen oder zu verkaufen. Heute sind die Stare nach deutschem und EU-Recht geschützt, aber in Südeuropa verfangen auch sie sich in großer Zahl noch in illegal aufgehängten Singvogelnetzen und auf Leimruten.

Am nahe gelegenen Dümmer, einem 13 Quadratkilometer großen Flachsee, sieht es anders aus als im Bereich der Starenkästen. Dort landen ab dem Spätsommer bis in den Herbst in zunehmender Zahl Stare, die sich zu Zugverbänden zusammengeschlossen haben. Sie kommen großenteils aus Skandinavien, dem Baltikum und Westrussland. Die Schwärme, deren Zahl mehrere zehntausend bis zu über hunderttausend Vögel ausmachen können, legen – wie auch an anderen Orten in Deutschland – mitunter längere Zwischenstopps in nahrungsreichen Gebieten mit geeigneten Übernachtungsmöglichkeiten ein.

Rätsel des Schwarmflugs

Einige dieser traditionellen Plätze sind jeden Herbst zu wahren Pilgerstätten von Vogelbeobachtern geworden. So etwa stehen an der deutsch-dänischen Grenze in und bei Aventoft an Wochenenden im Herbst Dutzende von Bussen und hunderte Autos, in denen viele Menschen zum Einflug der Starenschwärme anreisen. Die Schilfflächen in den Kögen nahe der Nordseeküste bieten wie an den Seeufern des Dümmers ausreichend Sitzplätze und Schutz vor Greifvögeln, Füchsen und anderen Beutegreifern für ganze Stareninvasionen. Solche Schlafstätten sehen nach längerem Gebrauch wie von einem Tornado heimgesucht aus. Die Wasserflächen werden durch den nachts ausgeschiedenen Kot reichlich gedüngt, wenn nicht belastet.

Unter solchen Invasionen leiden auch verschiedene Städte, in denen sich Starenschwärme zur Nacht einrichten. So etwa in München am Stachus, in Frankfurt am Main im Westend im von Efeu bewachsenen Wänden, ganz besonders in Rom. Entlang des Tibers fallen jeden Abend im Herbst und Winter mehrere Millionen Stare ein, um in den Bäumen des Ufers zu übernachten. Vorher sorgen sie am Himmel für eindrucksvolle Formationsflüge in Gestalt schnell auf- und absteigender Wolken. Seit langem beschäftigen sich Wissenschaftler mit der Frage, wie präzise die Stare (und auch andere Zugvögel) bei den rasend schnellen Flugbewegungen ihre Abstände untereinander einhalten, um Kollisionen zu vermeiden und eine perfekte Schwarmkoordination zur Verwirrung von Greifvögeln zu erreichen.

Seit 1971 gibt es den Vogel des Jahres. Nach dem Waldkauz in diesem Jahr bekommt 2018 der Star diesen Titel.
Seit 1971 gibt es den Vogel des Jahres. Nach dem Waldkauz in diesem Jahr bekommt 2018 der Star diesen Titel.
Carl-Albrecht von Treuenfels

Dass das "Ochsenmoor" und die weiteren fünf Naturschutzgebiete im Naturpark Dümmer mit insgesamt 3403 Hektar so anziehend auf die Stare und viele andere Vogelarten ist, liegt an der weiträumigen Wiesenlandschaft. Wären die Flächen nicht seit 1972 bis zur heutigen Ausdehnung nach und nach unter Schutz gestellt und für wären nicht für die Stare ökologisch verträgliche Bewirtschaftungsformen sowie ein ausgewogenes Wassermanagement entwickelt worden, sähen die Flächen heute wie große Bereiche rundherum aus: im Herbst und Winter umgepflügte, mit Gülle belastete Flächen von schwarzer Moorerde , vom Frühjahr bis Herbst überwiegend mit Mais bestellt und damit für freilebende Tiere, insbesondere Vögel, ungeeignet.

Das unmittelbar an die Naturschutzstation Dümmer angrenzende Ochsenmoor ist für die ab März und April brütenden Stare wie ein Schlaraffenland. Sie brauchen nur wenige hundert Meter zu fliegen, um in dem weichen, meist feuchten oder nassen, mit Gras bewachsenen Boden nach Nahrung zu suchen. Dabei gehen sie mit ihrem leicht schwankenden Gang nach einer besonderen Methode vor, dem "Zirkeln". Mit ihrem spitzen Schnabel, der je nach Geschlecht, Alter und Jahreszeit unterschiedlich von grau, gelb und rosa gefärbt ist, stochern sie kreisförmig Löcher in den Boden und suchen so nach Regenwürmern und Insektenlarven, die sie dann aus dem Erdreich ziehen.

Für manchen Landwirt ist der Star der "Teufelsvogel"

Auf dem Weideland und in den Wiesen sorgen Rinder, Schafe, Ziegen und ausgesetzte Wildpferde für kurzes Gras und natürliche Düngung, die viele Insekten gedeihen lassen. Nicht selten landen auf den Rücken der Weidetiere mehrere Stare gleichzeitig und starten von ihnen aus ihre Nahrungsflüge unter Hinterlassung weißer Streifen und Kleckse auf Fell und Wolle. Da sie ihre vierbeinigen Träger auch von Zecken, Fliegen und anderen Plagegeistern befreien, lassen diese die Landungen auf ihren Körpern zu. Mit der Abnahme der Weidehaltung zugunsten der Stallhaltung mit Silofütterung von Rindern gibt es auch immer weniger die vom Dung lebenden Insekten. Die findet der Star auch nicht in dicht geschlossenen Nadelbaumwäldern, die er demzufolge meidet.

Im Naturpark Dümmer dagegen müssen Männchen und Weibchen eines Starenpaares nur kurze Nahrungsflüge zurücklegen und können ihre durchschnittlich vier- bis fünfköpfige Jungenschar mehr als fünfzig Mal am Tag füttern. 12 bis 14 Tage dauert die Bebrütung, auf sie folgt eine Nestlingszeit von 16 bis 24 Tagen. Jungstare leben fast ausschließlich von tierischer Nahrung. Gelegentlich betätigen sich Stare auch als Nesträuber. Mit ihrer Vorliebe für Kirschen, Weintrauben, Oliven, Maulbeeren und anderen Früchte gelten erwachsene Stare manchem Gartenbesitzer und Landwirt als "Teufelsvögel", die in manchen Gegenden mit Netzen, Böllerschüssen, wiederholt über Lautsprecher abgespielten Angstrufen, Gift und Abschüssen vertrieben werden.

Gewichtige Gründe für den Rückgang

Es liegt weniger an solchen Vergrämungsaktionen, dass es nach Angaben des NABU heute in Deutschland eine Million Brutpaare weniger als vor zwei Jahrzehnten gibt. Diese Zahl ist vage, ebenso wie die nach Hochrechnungen geschätzten drei bis viereinhalb Millionen deutschen der 23 bis 56 Millionen Paare in Europa. Noch gilt der 19 bis 22 Zentimeter große Star als "Allerweltsvogel". Das "Handbuch der Vögel Mitteleuropas" widmet ihm nicht weniger als neunzig Seiten. Als eine von sechzehn weltweit verbreiteten Arten und weiteren Unterarten der Familie der Starenvögel (drei davon in Europa, darunter der im Südosten verbreitete Rosenstar) kommt er in allen Erdteilen bis auf Südamerika, das tropische Afrika und die Antarktis vor. In vielen Gegenden der Erde wurde er von Menschen erfolgreich angesiedelt, was für seine Robustheit spricht, aber auch für Konkurrenz zu anderen Vogelarten sorgte.

Doch in Niedersachsen steht er seit kurzem auf der Vorwarnliste der gefährdeten Vogelarten. Die Veränderungen in der Landwirtschaft mit ihrem hohen Pestizideinsatz und den Monokulturen, der abnehmende Anteil des Grünlandes und dessen veränderte Bewirtschaftungsform, die Vernichtung von natürlichen Nistplätzen durch Fällung von Bäumen mit Höhlen und Verschließung von Dächern und Nischen an Gebäuden sind die gewichtigsten Faktoren für den Rückgang.

Manches lässt sich mit dem Aufhängen von Nistkästen, ausgestattet mit einem genügend großen Einflugloch, ausgleichen, sofern in der Nähe geeignete Nahrungsflächen vorhanden sind. Friedhöfe und Parkanlagen werden auch gerne von ihm genutzt. Manche Stare nehmen zur Futtersuche sogar Flüge von einigen Kilometern in Kauf. Zur Zugzeit legen sie Strecken von bis zu 2000 Kilometern, in Einzelfällen auch 4000 Kilometer bis nach Nordafrika zurück.

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