Wie Thüringer Vögel das Internet inspirierten...

...und was das mit Weihnachten zu tun hat. Von C. Schwägerl

Scanrail/Shutterstock

Die Ortschaft Lauscha liegt auf halber Strecke zwischen Erfurt und Bamberg im Thüringer Wald. Sie hat knapp 3400 Einwohner und eine lange Geschichte. Schon seit 1597 ließen sich aus Böhmen und Schwaben vertriebene Protestanten in dem engen Bachtal nieder, das zu dieser Zeit noch ein mächtiger Mischwald mit einem großen Reichtum an Tieren und Pflanzen war. Die Ortschaft wuchs rasch, und ihre mit schwarzen Schieferkacheln verkleideten Häuser, die sich an steile, bewaldete Hänge schmiegen, geben ihr bis heute einen besonderen, irgendwie koreanisch wirkenden Charakter.

Über die Jahrhunderte wurden immer mehr Glashütten gegründet. Den Quarzsand samt seinem Silizium bezogen die Lauschaer aus dem Steinheider Sandberg, Soda und Kalk aus gebranntem Weißenbrunner Tuffstein, Pottasche aus verbrannten Buchen. Es bestand kein Mangel an Holz, um die Schmelzöfen zu betreiben.

Wenn vom Internet die Rede ist, denken die meisten Menschen an Computer und an das Silicon Valley in Kalifornien. Doch man kann die Entstehung des weltumspannenden Netzes auch anders erzählen. Denn Computer wären nichts ohne die Netze zwischen ihnen, Netze aus Glasfsern. Und deren industrielle Geschichte begann hier, in Lauscha. Das begab sich so:

Aufgrund der überreichen Natur konnten die Lauschaer immer größere Mengen Glas produzieren. Die Hüttenbesitzer wurden so mächtig, dass in der Bevölkerung Unmut entstand. Viele Bürger gründeten sogenannte "hausindustrielle Manufakturen", die man heute wohl Startups nennen würden.

Glasmachen hat in Lauscha eine lange Tradition. Im 2014 renovierten Museum für Glaskunst kann man die Erzeugnisse dieses besonderen Kunsthandwerks besichtigen.
Glasmachen hat in Lauscha eine lange Tradition. Im 2014 renovierten Museum für Glaskunst kann man die Erzeugnisse dieses besonderen Kunsthandwerks besichtigen.
Christian Schwägerl

Diese Manufakturen machten von den Hüttenbesitzern unabhängig und schufen Freiraum für Neuerungen. Im frühen 19. Jahrhundert gelang es einem Glasmacher namens Friedrich Guido Greiner, der auf den Namen Adams Guido hörte, in einer solchen Manufaktur einen Stoff herzustellen, der so fein und erstaunlich war, dass er viele Menschen in seinen Bann zog: einen langen dünnen Glasfaden.

Anfangs übte das neue Material hauptsächlich Faszination aus, es war gar nicht für einen bestimmten Zweck hergestellt worden, sondern ein Zufallsergebnis der Glasmacherarbeit. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts stiegen die Glasmacher im Thüringer Wald dann mit der aufkommenden Weihnachtsmode auf neue Produkt um: sie begannen, Christbaumschmuck herzustellen und in die gesamte christliche Welt zu exportieren. In den Monaten vor Weihnachten herrschte, wie aus örtlichen Chroniken hervorgeht, am Bahnhof des nahen Coburg geschäftiges Treiben, weil Tausende von Lauschaer Schachteln mit verspiegelten Christbaumkugeln und anderem Schmuck auf den Weg nach Amerika gebracht wurden.

Glasfaser gab es schon, aber die Lauschaer haben sie industrialisiert

Und es war Weihnachtsschmuck, über den die Glasfaser ihren ersten massenhaften Absatz fand. Wenn sie nicht rund um ihre Schmelzöfen arbeiteten, waren die Lauschaer vom Wald umgeben, von Blumen, Vögeln, Schmetterlingen. Deshalb begannen sie, nachzubilden, was für sie als Waldbewohner selbstverständlich war. Sie fanden heraus, dass der neue, dünne Werkstoff dafür bestens geeignet war: aus der "Glasseide" und "Glaswolle", wie die Glasfasern anfangs hießen, machten die Kunsthandwerker bald die Schwänze von gläsernen Spechten, Kleibern, Birkenzeisigen und von Vogelgeschöpfen, die allein ihrer Fantasie entsprangen.

Ein vielseitiges Material: Als Glasfasern schon industriell herstellbar waren, wurde bei einem Festumzug in der Region dieses leuchtende Kleid zur Schau gestellt.
Ein vielseitiges Material: Als Glasfasern schon industriell herstellbar waren, wurde bei einem Festumzug in der Region dieses leuchtende Kleid zur Schau gestellt.
Archiv Museum für Glaskunst Lauscha

Sie verklebten das feine Material auch zu den Flügeln von Schwalbenschwänzen und anderen Schmetterlingen, zu Kometen und Sternen. Weil die Glasfasern so zart glänzten, als kämen sie aus einer anderen Welt, schmückten sie bald die Köpfe von Engelpuppen. Sie wurden auch als "Feenhaar" angeboten, das den Zweigen des Christbaums einen besonderen Zauber verleihen sollte. So trat die Glasfaser von Lauscha aus als Vogelschwanz ihren Siegeszug rund um die Welt an. Heute gibt es Vögel mit Glasfaserschwänzen weltweit – begonnen hat ihre Geschichte in Lauscha.

Hergestellt hatten das Material schon die alten Ägypter und die Venezianer der Renaissance. Auch anderswo in Europa experimentierten Künstler und Industrielle im 19. Jahrhundert mit dem Material. In Manchester entstanden erste Glasgewebe, und in Wien gründete der Chemiker Jules de Brunfaut 1866 eine Glasspinnerei, deren Produkte die damals renommierte Laibacher Zeitung bejubelte: "Das Leichte, Geschmeidige, Weiche, Wärmende, das die Natur in dem Pelz von Thieren vereinigt hat, einst wird es aus dem sprödesten aller Stoffe nachgeschaffen, vielleicht übertroffen." Der Autor stellte jedoch auch fest, dass Brunfauts Kreationen "zu keiner industriellen Bedeutung gelangt" und "sehenswürdige Seltsamkeiten" geblieben waren.

Inspiration Vogelwelt: Heute gilt es als topmodern, Maschinen und Werkstoffe nach dem Vorbild der Natur zu schaffen. Die Lauschaer Glasmacher haben sich darin schon lange geübt.
Inspiration Vogelwelt: Heute gilt es als topmodern, Maschinen und Werkstoffe nach dem Vorbild der Natur zu schaffen. Die Lauschaer Glasmacher haben sich darin schon lange geübt.
Christian Schwägerl

Genau das änderten die Glasmacher im Thüringer Wald. Sie begannen, den Prozess zu industrialisieren und den Stoff zu globalisieren. Die Fähigkeit, die Fäden auf große Räder zu wickeln, von denen sie wieder abgespult werden konnten, hatten sie in erstaunlich kurzer Zeit perfektioniert. Für ein Gramm Faser mussten sie zunächst noch fünf Stunden arbeiten. Die maschinelle Fertigung folgte rasch, zumal die Nachfrage schnell stieg.

Anfang des 20. Jahrhundert wurde die Glasfaser schon in der Industrie für Bürsten und Pinsel verwendet und zum Filtrieren verwendet, im 1. Weltkrieg kam sie zu Platten verklebt als Dämmmaterial in U-Booten und Torpedobooten zum Einsatz. Wenige Kilometer von Lauscha entfernt, in Haselbach entwickelte ein Mann namens Hermann Schuller das "Stabtrommelabziehverfahren" – so entstand die "Endlosfaser", ohne die das Internet von heute mit seinen Millionen Kilometern Glasfaserkabel nicht denkbar wäre.

Und so lässt sich die Frühgeschichte des Internets auch ganz anders erzählen. Statt kalifornischen Titanen spielen im ersten Kapitel die Vögel des Thüringer Walds und experimentierfreudige Glasmacher in Lauscha die zentrale Rolle.

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