War es die Mastpute und nicht die Reiherente?

Die Vogelgrippe treibt Virenforscher und Umweltschützer um: Wo genau kommt H5N8 her?

Christian Schwägerl

Die Schloßstraße ist eine der beliebtesten Einkaufsstraßen Berlins. Kleidungsläden, Cafés, Computer- und Handyshops reihen sich aneinander – Großstadtflair. Zehntausende Menschen sind hier jeden Tag unterwegs. Doch die Shopping-Gegend ist zugleich Seuchengebiet. An einer Straßenkreuzung prangt ein Schild: "Geflügelpest – Sperrbezirk".

Was von den meisten Passanten übersehen oder ignoriert wird, kündigt vom größten Ausbruch der Vogelgrippe, den es je in Deutschland gegeben hat. Bei mehr als tausend Wildvögeln, die verendet aufgefunden wurden, haben Veterinärmediziner das gefürchtete Virus H5N8 als Todesursache bestätigen können: den Erreger der Aviären Influenza, auch Geflügelpest oder Vogelgrippe genannt. Viel extremer ist die Lage bei den deutschen Geflügelhaltern und in Zoos. In den offiziellen Statistiken ist von inzwischen 81 Ausbrüchen die Rede. Das klingt nach wenig, ist es aber nicht. Denn hinter der Hälfte dieser Ausbrüche stehen je Tausende oder Zehntausende Puten, Enten, Hühner oder Gänse in Mastanlagen und Bauernhöfen. Die Zahl der Vögel, die aus Tier- und Seuchenschutzgründen gekeult wurden, geht inzwischen in die Hunderttausende.

Dass die Öffentlichkeit sich nicht alarmiert zeigt angesichts von Schildern wie in der Schloßstraße, hat einen einfachen Grund: Im Gegensatz zur letzten Welle der Vogelgrippe im Winter 2006/07, damals ging es um das Virus mit dem Namen H5N1, hat es diesmal bisher keinen bekannten Fall gegeben, bei dem sich ein Mensch angesteckt hätte und erkrankt wäre. Das heißt aber nicht, dass H5N8 für den Menschen auf immer ungefährlich bleiben muss. Influenzaviren verändern sich ständig. Das H im Namen steht für Hämagglutinin und das N für Neuraminidase. Wenn sich eine der Komponente verändert, entsteht etwas gänzlich Neues. Eine Mutation kann aus einem Vogelvirus einen Menschenvirus machen.

RiffReporter fördern

Dieser Artikel ist kostenpflichtig. Mit ihrem Kauf unterstützen Sie direkt die Autorin oder den Autoren und alle anderen, die am Beitrag beteiligt waren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Artikel lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Einzelartikel-Kauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Artikel entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Eine Reiherente auf dem Wasser
Die ersten Opfer der aktuellen Seuchenwelle waren Reiherenten auf dem Bodensee.
Zadiraka/Shutterstock

Erstmals bemerkt haben Tiermediziner die aktuelle Infektionswelle am 7. November 2016. Am Bodensee starben Enten in größerer Zahl. Es traf hauptsächlich Reiherenten, eine Tauchentenart, die man gut am Schopf ihrer lila und weiß gefärbten Männchen erkennt. Schon am 8. November stand die Ursache fest: H5N8, das in Asien schon länger grassiert. Seither hat das Virus in ganz Deutschland und in mehreren EU-Ländern zugeschlagen, vor allem in Frankreich, Ungarn, Bulgarien und Polen. Bei den Wildvögeln hat es inzwischen Tiere aus 47 Arten erwischt – darunter allein 20 Seeadler. Besonders betroffen sind Wasservögel und Vögel, die sich auch von deren Kadavern ernähren, was manche Raubvögel, Krähen und Möwen tun.

"Die größte jemals beobachtete Ausbruchserie in Deutschland."

Die Behörden reagierten umgehend auf den Ausbruch: Überall, wo ein Fall bekannt wird, treten in breitem Umkreis besondere Regeln in Kraft. Geflügelhalter, ob nun Hobbyhalter mit wenigen Tieren oder Agrarbetriebe mit riesigen Beständen, müssen ihre Tiere "aufstallen", was nichts anderes bedeutet als sie in einem geschlossenen Stall unterzubringen. Wenn H5N8 in einem Geflügelbetrieb zuschlägt, wird der gesamte Bestand getötet, oder "gekeult", wie es im Fachjargon heißt. Eine Überlebenschance besteht ohnehin nicht, den Tieren soll der elende Tod an der Krankheit erspart werden. Zugleich geht es darum, eine weitere Ausbreitung unwahrscheinlicher zu machen.

Neue Regeln gelten nicht nur für Nutztierhalter, sondern für jeden Bundesbürger, der in einem Sperrgebiet wie an der Berliner Schloßstraße lebt. Der Berliner Senat teilte mit:

In den Sperrbezirken rund um die aufgefundenen H5N8-positiven Wildvögel gilt die Leinenpflicht für Hunde und das Verbot des Freilaufenlassens von Katzen. Wir bitten eindringlich darum, auch in den anderen Bereichen der Stadt Hunde und Katzen von Wildvögeln fern zu halten. Dies soll verhindern, dass infizierte Wildvögel durch die Haustiere aufgetrieben oder berührt werden können und das Virus insbesondere bei der Flucht weitergetragen wird.

Mit dem nahenden Frühjahr sollte das Seuchengeschehen eigentlich abklingen. Doch Fachleute sind beunruhigt. Denn danach sieht es im Moment noch nicht aus. Zwar traten die meisten Einzelfälle im November auf, aber die Geflügelpest breitet sich zum einen geographisch aus und sie hat sich zum anderen in einem Gebiet besonders festgesetzt: in und um Cloppenburg, der niedersächsischen Geflügelmast-Hochburg. Dort, so fürchten die Experten vom Friedrich-Loeffler-Institut, der für Tiergesundheit und Tierkrankheiten zuständigen Bundesforschungseinrichtung, verbreitet sich der Erreger derzeit von Betrieb zu Betrieb. Es herrscht Alarm, denn die Geflügelindustrie ist für die Region wirtschaftlich enorm wichtig.

Bei früheren Epidemien fiel dem dem Loeffler-Institut die Aufgabe zu, die Bevölkerung nicht nur zu informieren, sondern sie auch zu beruhigen. Als etwa 2006/2007 die Medien voll waren von Vogelgrippe-Artikeln, versuchte das staatliche Forschungsinstitut, überschießende Ängste zu zerstreuen. Heute ist die Konstellation ganz anders: In der Öffentlichkeit spielt H5N8 kaum eine Rolle. Aber das von dem Biologen und Virologen Thomas Mettenleiter geführte FLI warnt mit Superlativen: Es handle sich um die "größte jemals beobachtete Ausbruchserie in Deutschland". An diesem Montag lädt das Institut Medienvertreter nach Riems, um ihre Aufmerksamkeit für das Thema zu schärfen und die aktuelle Lage zu präsentieren.

Landkarte mit Ausbreitungsmuster
Ausbreitung und derzeitige Verbreitung der Geflügelpest in Europa.
FLI

Dass die Seuche nun nicht einfach abklingt, wirft viele Fragen auf. Hinter einer Frage schwelt ein gewichtiger Konflikt: Wie genau hat sich das Virus ausgebreitet? Wer ist also schuld daran, dass ein Erreger, der das Potenzial hat, auch für Menschen gefährlich zu werden, in vielen Teilen Europas und sogar mitten in der deutschen Hauptstadt grassiert? Zwei Lager stehen sich gegenüber: hier das Loeffler-Institut mit seiner geballten wissenschaftlichen Kompetenz, das den Mainstream der Forschung vertritt: es waren Wildvögel. Dort Umweltverbände und ihnen verbundene Wissenschaftler, die keine eigene Forschung betreiben, aber die Arbeit des Loeffler-Instituts kritisieren. Sie sagen: Der Ursprung des Virus liege in der Massentierhaltung und ihre Stoff- und Materialströmen. Wildvögel sind demnach nicht hauptschuldig an der Ausbreitung des Virus, vielmehr steckten sie sich in Asien wie in Europa an infizierten Tieren aus der Massenhaltung an.

Der Naturschutzbund Nabu, Deutschlands mitgliederstärkste Umweltorganisation, widerspricht dem Loeffler-Institut: Es gebe keine schlüssigen Beweise – die Zugvögel könnten unschuldig und die Massentierhaltung könnte schuldig sein. Der Widerspruch ist in Umweltkreisen mit einem Vorwurf verbunden: Die Regierungsforscher am FLI, die organisatorisch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) unterstellt, aber inhaltlich nicht weisungsgebunden sind, beschuldigten die Wildvögel, um die Massentierhalter zu schonen.

“Wir schieben die Schuld nicht auf die Wildvögel, sondern benennen die Rolle, die sie spielen."

Die Insel Riems, wo das Loeffler-Institut seinen Hauptsitz hat, liegt inmitten einer artenreichen Küstenlandschaft. Wer gerne Vögel beobachtet, kommt hier auf seine Kosten. Am Griestower Wiek und an der Kooser See gibt es Bekassinen, Schellenten, Grünschenkel, Seeadler, Odinshühnchen, Raubseeschwalben und viele andere Vogelarten zu sehen. Kiebitze, Gänse, Enten ziehen hier im Frühjahr und Herbst zu Tausenden durch. In Vogelbüchern, die besonders interessante Beobachtungsgebiete darstellen, kommt die Gegend prominent vor.

Der Kontrast zwischen dieser Naturidylle und dem, was auf der Insel Riems passiert, könnte kaum größer sein. 1910 hat der Infektionsforscher Friedrich Loeffler, ein enger Mitarbeiter des weitaus bekannteren Robert Koch, hier das weltweit erste virologische Institut gegründet. Es sollte möglichst weit weg von den Bauernhöfen der Region sein, damit die Maul- und Klauenseuche, die Loeffler erforschte, nicht wie bei früheren Versuchen auf Bauernhöfe überspringt. Das war nämlich bei Versuchen auf dem Festland geschehen, weshalb Loeffler 1907 mit einem Forschungsverbot belegt worden war. Auf der Insel Riems wird seitdem an fast allem geforscht, was Angst, Schrecken und Leiden verbreitet, vom Ebolavirus bis zum Tollwuterreger. 

Das FLI wurde in den vergangenen Jahren für 300 Millionen Euro saniert. Im Sommer geht hier das erste Labor mit der höchsten Sicherheitsstufe weltweit in Betrieb, in dem Rinder, Schweine und andere große Tiere nicht nur in totem Zustand untersucht werden können, sondern in einem Hightech-Stall lebend gehalten werden. Zugleich ist das FLI oberste Forschungsbehörde für die Vogelgrippe. Hier wird diagnostiziert und beobachtet, hier werden die Prozedere entworfen, die im Seuchenfall gelten.

Anja Globig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Loeffler-Institut, und sie hat eine Leidenschaft: Sie liebt Vögel und die Vogelbeobachtung. Globig hat schon als Kind im Rheinland mit dem Vogelbeobachten angefangen, lieferte sich mit ihrer Schwester einen Wettbewerb, wer das Bestimmungsbuch schneller in- und auswendig kannte. Über das Vogelbeobachten hat sie ihren Mann kennengelernt, der eine Beringungsstation leitet, und über die Liebe zu den Vögeln ist sie schon 2002, also vor dem ersten Ausbruch in Deutschland, bei ihrem wissenschaftlichen Spezialthema gelandet, der Aviären Influenza. Sie hat seither im Senegal, in Ghana, in Laos, Nepal und anderen Ländern Veterinärmediziner dabei angeleitet, die Krankheit zu erkennen und richtig auf sie zu reagieren.

Portrait einer Frau
Vogelliebhaberin seit Kindheit, Expertin für Vogelgrippe von Beruf – die Influenzaforscherin Anja Globig.
Christian Schwägerl

Die Ereignisse der vergangenen Monate findet die Forscherin beunruhigend: "Die Epidemie müsste eigentlich schon zurückgegangen sein, aber wir bekommen bundesweit jede Woche bis zu 100 Meldungen über verendete, infizierte Wildvögel", berichtet sie, "es ist ein sehr dynamisches Geschehen." Regelmäßig rückt sie selbst mit aus, um Seuchenorte zu untersuchen: "In manchen betroffenen Ställen bietet sich ein Bild des Grauens", sagt sie, "es ist schwer auszuhalten, wenn einem kranke Küken vor die Füße torkeln und dann verenden."

Nach allem, was Globig erforscht und recherchiert hat, begann H5N8 seinen Weg nach Europa in Asien. Das Virus ist demnach Ende 2013 in China in der Massentierhaltung entstanden, dann haben sich dort im Frühjahr 2014 Zugvögel in ihren Winterrastgebieten angesteckt. Mit ihnen gelangte das Virus zuerst in die sibirischen Brutgebiete vieler Arten, und von dort im Herbst 2014 mit Zugvögeln nach Europa. "Die Ursache liegt in wechselseitigen Kontaktmöglichkeiten von Wildvögeln und Geflügel und einer Zunahme der Geflügelhaltung in Asien", sagt sie. 

Wildvögel bildeten das Reservoir von niedrig pathogenen Influenzaviren und infizierten bei Kontakt Geflügel in der Massentierhaltung. In Geflügelhaltungen, wo viele Tiere auf engem Raum leben, habe das ursprünglich von Wildvögeln eingetragene niedrig pathogene H5-Influenzavirus in ein hochpathogenes mutieren können und zu zirkulieren begonnen. Noch in Asien hätten sich vor allem bei Enten, die in Reisfeldern gehalten werden, wiederum Wildvögel angesteckt, die das Virus aller Erkenntnis nach in Etappen durch Asien und Europa getragen hätten. 

Jeder Kontakt zwischen Wildvögeln und Geflügel birgt die Möglichkeit für das Virus, auf empfängliche Wirte zu treffen, sich umfangreich zu vermehren und sich dabei zu verändern, um ein immer erfolgreicheres Virus zu werden.
Anja Globig

Der eigentlich Schuldige, sagt Globig, ist die Massentierhaltung in Asien. Sie schaffe die Bedingungen, unter denen hochansteckende, hochgefährliche Virentypen erst entstehen könnten. Aber die Überträger, mit denen das Virus tatsächlich nach Europa gelangt sei, seien Wildvögel. "Sie sind an der Verbreitung zentral beteiligt, zum Beispiel durch das Ausscheiden von infiziertem Kot."

Das Loeffler-Institut schiebt Wildvögeln also nicht einseitig die Schuld zu, sondern weist auf die asiatische Massentierhaltung. Wildvögel sind demnach aber der entscheidende Vektor bei der Ausbreitung.

Unterstützt wird die Hypothese von der Ausbreitung durch Wildvögel durch Forschungsprojekte wie dem von David Swayne und Kollegen der Einheit für "Exotische und neu entstehende virale Vogelerkrankungen" am des U.S. National Poultry Research Center in Athens, Georgia. Swayne hat nachverfolgt, wie das Virus unterwegs mutiert und wo es aufgetreten ist. Er hat daraus Verwandtschaftsverhältnisse und einen verzweigten Stammbaum abgeleitet.

Seine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es naheliegend sei, von einer Verbreitung mit Zugvögeln von China aus nach Europa, Nordamerika und Japan auszugehen. Auf den drei Zugrouten seien zunächst getrennt unterschiedliche Subtypen entstanden. In Überwinterungsgebieten, in denen Vögel aus allen drei Regionen zusammen kämen, seien dann später alle drei Subtypen gemeinsam aufgetaucht. Laut Swayne und dem Loeffler-Institut kommt das einem Beweis nahe.

Anja Globig hat neben ihrem Forscherwissen eine zusätzliche Glaubwürdigkeit, weil sie lebenslange "Birderin" ist. Gegen den Vorwurf, die Rolle der Massentierhaltung zu vernachlässigen, verwahrt sie sich: "Wir schieben die Schuld nicht auf die Wildvögel, sondern benennen die Rolle, die sie spielen." Sie sehe auch nicht, wie die Linie des Loeffler-Instituts Wildvögeln schaden könne: "Wir empfehlen Jagdruhe für betroffene Gebiete, um eine Verschleppung zu vermeiden." Es gehe also in keinem Fall darum, Wildvögel in großer Zahl zu töten, sondern effektive Schutzmaßnahmen zu entwickeln, um zu verhindern, dass sie das Virus in Bauernhöfe und Massentierhaltungen eintrügen.

 Blick ins Hochsicherheitslabor mit gespiegelter See
Insel Riems – vom Hochsicherheitslabor zum Vogelparadies ist es hier nicht weit.
Christian Schwägerl

Hinter dem Sicherheitszaun der Insel, unweit des Hochsicherheitslabors, ist einiges los an Vogelleben. Stockenten tummeln sich am Ufer, weiter draußen schwimmt eine Schellente vorbei, erkennbar an dem weißen Wangenfleck. Unweit, an der Insel Koos, hält Globis selbst Enten. Sie leben im Wasser, aber in einem Gehege. Es sind Sentineltiere, die im Kontakt mit Wildvögeln stehen und regelmäßig darauf untersucht werden, ob sie sich mit Geflügelpest infiziert haben. Bis jetzt sind die Tiere gesund geblieben. Aber Globig klingt so, als wäre sie auf alle Überraschungen gefasst. Und wenn nicht in diesem, dann im nächsten oder übernächsten Jahr. Vogelgrippe-Viren sind hartnäckig.

Kritik vom Nabu: "Wir bräuchten Ermittler, die in der Massentierhaltung alles genauestens untersuchen."

Am 25. Januar 2017 bekam das Loeffler-Institut kritischen Besuch. Aus Berlin kam Lars Lachmann angereist, Beauftragter für Vogelschutz und Ornithologie beim Bundesverband des Nabu. Lachmann brachte den Ornithologen Peter Petermann mit, der in einer Vereinigung mit dem Namen "Wissenschaftsforum Aviäre Influenza" engagiert ist, kurz WAI. Die Gruppe lässt seit längerem kein gutes Haar an der Aussage des FLIs, Wildvögel seien die Hauptschuldigen an der Ausbreitung der Geflügelpest. Auch der Nabu stimmt in diese Kritik ein. Entsprechend kontrovers ging es in der Runde zu, an der neben dem stellvertretenden Institutchef Franz Conraths auch Ulrich Köppen teilnahm, Leiter der Beringungszentrale Hiddensee und Globigs Partner.

Für Lachmann fängt das Problem schon damit an, dass in den offiziellen Verlautbarungen des FLI immer eine große Zahl bei den Wildvögeln auftaucht und eine kleine Zahl für die Geflügelhaltungen. 1.000 hier, 81 da – das erwecke "suggestiv" den Anschein, als seien Wildvögel viel mehr betroffen. Er fände es besser, die Gesamtzahl an betroffenen Tieren zu vergleichen. Eine entsprechende Zahl hat das Loeffler-Institut nicht parat.

Lachmann pocht darauf, dass eine alternative Hypothese viel stärker verfolgt werden müsse: Dass die Geflügelpest nicht nur in Asien, sondern auch in Deutschland und Europa von der Massentierhaltung ausgehe und von dort auf Wildvögel übertragen worden sei. Er wolle dem FLI "weder Verschwörungen noch unlautere Motive oder Geheimniskrämerei" unterstellen, betont der Nabu-Vertreter. Er glaube auch nicht, dass der Förderverein des Instituts, in dem auch 25 Unternehmen und Verbände Mitglied sind, inhaltliche Vorgaben mache. Aber er verstehe nicht, warum sich das Institut "frühzeitig und einseitig" auf die Wildvögel-Hypothese versteift habe.

Die Kritiker des Instituts können keine handfesten Beweise vorlegen, aber sie haben konkrete Vermutungen: Zwar gibt es offiziell keinen Import von lebendem Geflügel aus China in die EU, aber Lachmann hegt den Verdacht, dass Viren mit Käfigen oder auch Mitarbeitern, die am Export in umgekehrter Richtung, also aus der EU nach China, beteiligt sein könnten. "Käfige und Personal kommen irgendwie zurück, es gibt also Stoff- und Handelsströme." Die Behauptung der Umweltschützer, es gebe Import von potenziell infiziertem Geflügel aus Asien nach Europa, hat das Loeffler-Institut inzwischen aufgeklärt. Es handelte sich demnach um eine Fehldeklarierung beim Statistischen Bundesamt. Lachmann fordert aber, dass am Flughafen Frankfurt und anderen Flughäfen noch viel intensiver nach Importartikeln gesucht werden müsse und dass vor allem alle Utensilien und Menschen, die aus dem Geflügelexport von Europa nach Asien wieder zu uns zurück kämen, genauestens untersucht werden müssten.

Der Nabu-Vertreter distanziert sich von Behauptungen anderer FLI-Kritiker, das Virus existiere gar nicht oder könne mit getrocknetem Futtermittel aus Asien zu uns gelangen. "Futtermittel erscheint mir relativ unverdächtig, denn ohne Wasser kein Virus." Aber das Loeffler-Institut gehe nicht akribisch und nicht detektivisch genug allen Möglichkeiten nach. "Das sind Mediziner, keine Ermittler", sagt er, "und wir bräuchten Ermittler, die in der Massentierhaltung alles genauestens untersuchen." Lachmann sagt explizit nicht, dass das FLI via Bundeslandwirtschaftsministerium von der Lobby der Massentierhalter dominiert würde. Er beklagt aber einen Mangel an Ursachenforschung in Regionen wie dem niedersächsischen Cloppenburg, der Hochburg der Geflügelmäster und Billighähnchen. "Mit einer falschen Theorie wird man nie die richtige Ursache finden."

In zwei weiteren Punkten ist der Nabu mit dem FLI uneins. Der Natur- und Vogelschutzverband fürchtet durchaus direkte Gefahren für Wildvögel, wenn ihre Verantwortung für die Seuche "unbewiesen als Faktum dargestellt wird." Wildvögel bekämen ein Image als Seuchengefahr, schnell könnten Rufe laut werden, sie massenhaft zu töten. Zudem würden die Geflügelhalter gegen Wildvögel aufgebracht, die seit Wochen ihre Tiere nicht mehr ins Freie lassen dürfen und dadurch auch ökonomische Schäden erleiden. "Mit Hühnern aus Freilaufhaltung verdient man derzeit nichts mehr extra", sagt Lachmann. Er fordert, die Stallpflicht zu lockern und regional stärker zu unterscheiden.

Der FLI-Vizechef warnt vor illegal importierten Ziervögeln

Franz Conraths, Vizechef des Loeffler-Instituts, weist den Vorwurf, man recherchiere nicht akribisch, zurück: "Wir werden in bis zu 50 Prozent der Fälle involviert und gehen dann akribisch jedem Hinweis nach. Wir rollen das ganze Geschehen rückwärts auf: Woher kam das Futter, woher das Wasser, die Geräte und Materialien. Da geht es zu wie beim Tatort." Die Ausbreitung über Wildvögel habe Hypothesencharakter, aber aus Sicht des FLI sei sie der plausibelste und am besten belegbare Ausbreitungsweg. Die molekularen Daten zeigten "eindeutig", dass der ursprüngliche Eintrag über Wildvögel erfolgt sei. Conraths betont aber, dass es durch andere mögliche Ausbreitungswege gebe. Er nennt den illegalen Import von Ziervögeln aus Seuchengebieten in Asien: "H5N1 ist auf diesem Weg schon nach Österreich gekommen."

Nachdem das Treffen von Nabu- und FLI-Vertreterin im Januar so kontrovers verlaufen war, schlugen die beiden Präsidenten, Olaf Tschimpke vom Nabu und Thomas Mettenleiter vom Loeffler-Institut, nach einem Treffen auf der Grünen Woche versöhnlichere Töne an. Seither ist ein gemeinsames Papier in Arbeit.

Noch ist unklar, ob es zu so einer solchen Stellungnahme kommt. Klar ist aber, dass H5N8 die Seuchenbekämpfer vor weitaus größere Fragen stellt als man am Anfang der Epidemie angenommen hatte: Auf der praktischen Ebene geht es darum, wie vermieden werden kann, dass H5N8 sich nun von Betrieb zu Betrieb verbreitet. Auch eine Ausbreitung aus der Massentierhaltung auf Wildvögel, wie sie in Asien das Seuchengeschehen überhaupt erst verursacht hat, zählt nun zu den Risiken, die es zu bekämpfen gilt.

Angesichts der immensen Zahlen gekeulter Tiere wirft H5N8 zudem dennoch die vom Nabu thematisierte Grundsatzfrage auf: Wenn die industrielle Geflügelhaltung wie im Raum Cloppenburg sich als so anfällig für Epidemien erweist, müsste man sie dann nicht nur Tierschutzgründen, sondern aus Seuchenschutzgründen grundsätzlich hinterfragen? "Am Bodensee gab es unter 30.000 Reiherenten 250 Todesfälle”, sagt Lars Lachmann, "wenn das Masttiere gewesen wären, wären die alle dahingerafft worden." Es gehe natürlich nicht darum, nur noch Wildvögel zu essen – aber eine industrielle Landwirtschaft, die Bedingungen schaffe, unter denen Epidemien leicht entstehen könnten, müsse einer zugleich robusteren und nachhaltigeren Praxis Platz machen. 

Christian Schwägerl hat über den Ausbruch der Vogelgrippe 2006/2007 als damaliger Wissenschaftskorrespondent der FAZ intensiv berichtet. In seinem mit Andreas Rinke verfassten Buch "11 drohende Kriege" geht es in einem Szenario um eine Pandemie, die durch industrielle Massentierhaltung entsteht.