Hilfe für die kleinen Frechen

Bei den „Berliner Spatzenrettern“ zeigt sich: Schulen können Spatzen schützen. Und Spatzen können Rabauken ganz zahm machen

Interview zum Weltspatzentag von Christiane Habermalz

Thomas Krumenacker

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Um die Stadtspatzen muss man sich nicht sorgen – die frechen Allerweltsvögel kommen überall klar. Tatsächlich? Weit gefehlt. Aus vielen deutschen Großstädten sind Spatzen bereits verschwunden. Um aber die Menschen an jenen Orten, wo sie noch zahlreich leben, dafür zu sensibilisieren, was sie an ihren „Mitvögeln“ haben, hat Claudia Wegworth, Vogelschutzexpertin beim BUND, gemeinsam mit der Filmemacherin Antonia Coenen das Projekt „Berliner Spatzenretter“ gegründet. Die beiden Frauen gehen an Schulen, um Lehrer und Schüler für die Spatzen zu begeistern, die in den alten Schulgebäuden brüten. Und um die Lebensräume der Spatzen zu erhalten – etwa wenn die Schulen saniert werden. Christiane Habermalz sprach mit Claudia Wegworth darüber, wie selbst harte Schulrowdies butterweich werden, wenn es um kleine Vögel geht. Und über den speziellen Charme einer Spatzenkolonie.

Christiane Habermalz: Frau Wegworth, heute ist Weltspatzentag. Werden Sie den Tag irgendwie besonders begehen?

Claudia Wegworth: Nein. Ich werde einfach – wie jeden Morgen – vor meiner Haustür die vielen Spatzen begrüßen und mich darüber freuen, dass ich das Glück habe, in einer Straße zu leben, in der jeder Tag ein Spatzentag ist.

Warum gibt es den Weltspatzentag überhaupt und wozu soll er gut sein?

Der Weltspatzentag wurde in Indien erfunden, denn auch dort sorgen sich die Menschen um ihre Spatzen. Ähnlich wie bei uns sind sie aus vielen Städten Indiens inzwischen fast ganz verschwunden. Und diese Entwicklung sollte uns Sorgen machen. Denn schließlich leben wir Menschen schon seit 10.000 Jahren mit den Spatzen zusammen. Er ist uns überallhin auf der Welt gefolgt, oder wir haben ihn mitgenommen. Und weil er so robust und anpassungsfähig ist, galt er immer als Allerweltsvogel. Wenn wir nun aber sehen, dass es Orte gibt, an denen sich die Populationen in den letzten 50 Jahren halbiert haben, wird es allerhöchste Zeit zu handeln. Daran soll uns der Weltspatzentag erinnern.

Sie haben das Projekt „Berliner Spatzenretter“ mit aufgebaut – worum geht es da genau?

Meine Kollegin Antonia Coenen und ich kommen beide aus Köln. Dort gibt es kaum noch Spatzen. Das war nicht urplötzlich so, sondern sie sind einfach nach und nach immer weniger geworden, und keiner hat es so richtig bemerkt. Uns ist das auch erst so richtig bewusst geworden, als wir beide nach Berlin gezogen sind und als dieses laute Tschilpen auf einmal wieder da war. Da haben wir beschlossen, dass wir den Berlinern zeigen müssen, was für einen großartigen Schatz sie da haben und dass sie darauf aufpassen müssen.

Berliner Schülerinnen und Schüler bauen Nistkästen für Spatzen – damit ihre Schule diesen und anderen Gebäudebrütern einen Lebensraum bietet.

Sie sind mit dem Projekt an Schulen aktiv. Warum? Sind die Schulgebäude die Hotspots der Spatzenkolonien in Berlin?

Das ist tatsächlich der Fall. Viele alte Schulgebäude in Berlin sind Heimat und Lebensraum für Spatzen geworden, aber auch für Mauersegler, Fledermäuse und viele andere Gebäudebrüter. Mit unserem Projekt „Berliner Spatzenretter“ wollen wir die aktuelle Berliner Schulsanierungsoffensive nutzen, um auf die biologische Vielfalt vor unserer Haustür aufmerksam zu machen. Wir möchten engagierten Lehrern zeigen, welchen großen Wert diese Tierarten für eine praxisnahe Naturbildung haben und wie man die heimlichen Mitbewohner am Schulgebäude in ein spannendes Unterrichtsprogramm einbinden kann. 

Das heißt, die Kinder werden selbst zu Spatzenschützern? 

Ja, sie leisten richtige Naturschutzarbeit. Die Kinder lernen nicht nur die Lebensweise der Vögel in der Großstadt kennen, sie können vor allem auch selbst aktiv werden, indem sie ihr Schulgelände spatzenfreundlich gestalten und ihr Wissen auch an andere weitergeben. So lernen sie auch, Verantwortung für ihre Schulspatzen zu übernehmen und mit darauf zu achten, dass denen während der Sanierung nichts passiert. 

Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf das Projekt, gibt es da auch viel Desinteresse?

Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil! Erst neulich, als wir im Winter mit ein paar Kindern Nistkästen auf dem Schulgelände reinigen wollten, waren da ein paar wirkliche Haudegen dabei, die eigentlich nur Mist im Kopf hatten und kaum zu bändigen waren. Aber diese Kids waren plötzlich wie ausgewechselt, als wir den ersten Nistkasten aufmachten und dann darin sogar noch zwei unbebrütete Meiseneier lagen. Auf einmal wurde diesen Kindern klar, dass das alles nicht bloß Theorie ist, dass da wirklich Vögel ihre Küken großziehen in den Kästen, die sie gebaut haben. Es war sehr berührend zu sehen, mit welcher Ehrfurcht und Vorsicht die beiden größten Rowdies der Klasse dann diese winzigen Eier in ihr Klassenzimmer getragen haben. Es ist einfach unglaublich wichtig, den Kindern zu zeigen, dass das, was sie tun, auch etwas bewirkt. Dass sie den Tieren wirklich helfen können. Wenn sie das sehen, sind sie alle begeistert.

Zu schnell abgeräumt. Nur von wem?
Thomas Krumenacker

Wie gefährdet sind Spatzen in Deutschland und was sind die Hauptursachen?

Es gibt Gegenden in Deutschland, da steht der Spatz inzwischen auf der Vorwarnliste der Roten Liste. In vielen Großstädten wie Hamburg, München oder Köln sind seine Bestände drastisch zurückgegangen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zum einen findet er immer weniger Nistplätze. Moderne Neubauten bieten kaum noch Nischen und Hohlräume. Gleichzeitig gehen trotz bestehender Schutzbestimmungen auch immer mehr Nistplätze durch Sanierungen verloren. Zudem wird die Nahrung immer knapper. Pestizideinsatz, exotische Pflanzen in Parks und Gärten und artenarmes Einheitsgrün haben auch einen Mangel an Insekten zu Folge. Diese brauchen die Spatzen aber unbedingt, um ihren Nachwuchs großzuziehen. Und ein großes Problem gibt es durch zum Teil radikale Praktiken in der Grünflächenpflege: Meist aus Geld- und Personalmangel wird öffentliches Grün oft großflächig „auf Stock“ gesetzt, das heißt, bis auf wenige  kurze Stammreste zurückgeschnitten. Ganze Spatzenkolonien verlieren dann mit einem Schlag ihren geschützten Lebensraum. Das kann das Aus für eine ganze Kolonie bedeuten.  

Was sind konkrete Maßnahmen, die Sie mit dem Spatzenretter-Projekt über Schulen hinaus verbreiten wollen?

Wir möchten in Berlin ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig es ist, Spatzen und andere Gebäudebrüter zu schützen. Denn es ist großartig, dass wir hier in einer der artenreichsten Städte Europas leben dürfen. Und das ist nicht selbstverständlich. Da kann und sollte eigentlich jeder etwas tun, damit das auch so bleibt. 

Und wie sieht bisher die Bilanz des Projekts aus?

Wir haben unser Projekt ja erst vor neun Monaten und zunächst mit 15 Pilotschulen angefangen – und wir sind selbst unglaublich beeindruckt davon, was die Lehrer dort mit ihren Schülern in dieser kurzen Zeit schon alles auf die Beine gestellt haben. Und wie begeistert die Kinder sind. Selbst von Eltern bekommen wir viele Rückmeldungen darüber, dass sie den Spatz nun auf einmal mit anderen Augen sehen und was sie schon alles verändert haben in ihrem Garten oder auf dem Balkon. Das Projekt scheint ansteckend zu sein und darüber freuen wir uns wahnsinnig. Deshalb möchten wir auch alle Berliner Grundschulen einladen, mitzumachen und Berliner Spatzenretter-Schule zu werden!

Was kann jeder selbst zum Schutz der Spatzen beitragen?

Nistkästen anbringen, Hecken pflanzen, auf Balkon und im Garten heimische Pflanzen verwenden, Pestizide verbannen und die Augen offenhalten, wenn in der Nachbarschaft Baugerüste aufgebaut werden. Wenn Häuser saniert werden, ist es wichtig, Bauherren und vor allem Behörden auf Nistplätze von Spatzen, Mauerseglern oder Fledermäusen aufmerksam zu machen, damit diese ordnungsgemäß geschützt werden. Wir möchten, dass es in jeder Stadt Spatzenretter-Schulen gibt und dass alle Kinder lernen, wie großartig und wichtig Vögel für uns sind und wie man ihnen helfen kann.

Frühlingsanfang und Weltspatzentag fallen zusammen. Auch Spatzendamen machen durchaus was her
Thomas Krumenacker

Gebäudesanierung ist für die Spatzen eine große Bedrohung – was können eigentlich Immobilienbesitzer, die sanieren wollen, tun, um Spatzen zu erhalten? Und wäre es möglich, spatzenfreundliche Häuser zu bauen?

Sanierung und Artenschutz sind überhaupt kein Gegensatz, auch wenn oft so getan wird, als wäre das so. Es ist ganz einfach, den Lebensraum von Gebäudebrütern zu erhalten, wenn man dies rechtzeitig einplant. Vor der Sanierung wird ein ornithologisches Gutachten erstellt, um die Arten, Anzahl und Lage der Niststätten zu ermitteln. Dann ist es wichtig, dass die Bauarbeiten außerhalb der Brutzeit stattfinden oder die Nester frühzeitig verschlossen werden, damit die Tiere nicht gefährdet werden. Und entweder baut man bei der Sanierung dann neue Nistplätze in Form von Einbaukästen gleich in die Fassade mit ein oder hängt Nistkästen außen am Gebäude auf. Das kostet nicht viel und funktioniert auch wunderbar bei Neubauten, insbesondere bei neuen Schulgebäuden. Es ist nämlich ganz einfach, spatzen- und vogelfreundliche Häuser zu bauen. Und ich verstehe wirklich nicht, warum es fast niemand tut.

Spatzen gelten selbst bei manchen Vogelbeobachtern als unattraktive Allerweltsvögel – ist da was dran? Oder anders gefragt: Was finden Sie schön an Spatzen?

Spatzen sind ganz und gar nicht unattraktiv. Die Spatzendamen bestechen einfach durch ihre schlichte Eleganz, und ich finde ihren hellen Augenstreif unglaublich hübsch. Und die stolzen Spatzenkerle, mit ihren verwegenen schwarzen Augenbinden und ihrem schneidigen Brustlatz, erinnern mich auch in ihrem Verhalten irgendwie immer an wagemutige Westernhelden. Es gibt nichts Schöneres, als einen Spatzentrupp zu beobachten. Das ist wie eine Soap im Fernsehen zu schauen. Da gibt es Dramen, Streit und Liebesszenen. Da wird gelogen und betrogen, aber man verbündet sich auch, hilft und rettet sich sogar gegenseitig. Ich glaube, es ist vor allem dieses Sozialverhalten, das sie bei vielen Menschen so beliebt macht. Denn sie sind uns ja in Vielem gar nicht so unähnlich.

Wenn Sie ein Spatz wären, dann eher ein Haus- oder ein Feldsperling?

Ich lebe zwar nicht gern allein, aber zu eng darf es auch nicht sein, und ich muss auch nicht mit allen Nachbarn per Du sein. Ich liebe Berlin, aber manchmal wird es mir hier auch zu laut und zu viel. Und ich hätte manchmal eigentlich nichts dagegen, in einer Baumhöhle auf einem Dorf zu wohnen. Ich glaube, ich bin ein Haussperling, der gern ein Feldsperling wäre. Außerdem gefallen mir die schicken schwarzen Ohrschützer.

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