Wie Kiebitze am Nest gemeinsam Raubvögel attackieren, das begeistert mich immer wieder

Der Vogelfragebogen: Heute mit Verena Rupprecht, Gebietsbetreuerin für Wiesenbrüter in Bayern

Von Christiane Habermalz

Verena Rupprecht Eine junge Ornithologin steht auf einer Wiese, auf der Schulter trägt sie ein Stativ mit einem Fernrohr. Sie lächelt in die Kamera.

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Hinter jedem Vogelbeobachter-Fernglas steckt ein interessanter Charakter. Wir bitten deshalb Menschen, die eng mit der Natur und der Vogelwelt verbunden sind, Fragen der besonderen Art zu beantworten. Es geht um Leidenschaft und Sorgen, Motivationen und Wünsche. Heute beantwortet die Fragen Verena Rupprecht.

Die 27-jährige studierte Biologin hat immer ein Auge auf Kiebitz, Uferschnepfe, Braunkehlchen und Feldlerche. Als "Gebietsbetreuerin für Wiesenbrüter" ist sie im Auftrag des bayerischen Landesbundes für Vogelschutz zuständig für 43.000 Hektar Äcker, Wiesen und Felder. Wiesenbrüter sind besonders in ihrem Bestand bedroht, in der intensiven Landwirtschaft finden sie kaum noch eine Lücke, um ihre Brut groß zu ziehen.

Verena Rupprecht ist deshalb viel unterwegs - und im ständigen Austausch mit Landwirten und Behörden, um die Gelege der Vögel davor zu schützen, im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder zu kommen. Ein Job, in dem Frustration vorprogrammiert ist: Ohne aktiven Schutz würde wohl kaum eine Brut mehr hochkommen. In diesem Jahr, erzählt sie, haben in ihrem Gebiet trotz aller Bemühungen fast alle Kiebitz ihre ersten Nester verloren - und die Nachgelege wegen der Trockenheit aufgeben müssen.

Was sie dennoch motiviert: Wenn es ihr gelingt, bei Landwirten das Interesse und die Begeisterung für "ihre" Feld- und Wiesenvögel zu entfachen.

Die junge Ornithologin Verena Rupprecht sitzt vor einer Hütte und hält einen bunten Vogel in der Hand, einen Bienenfresser
Auch im Urlaub geht es nicht ohne Vögel: Beim Beringen von Bienenfressern auf einer Vogelstation auf der griechischen Insel Antikythira
Verena Rupprecht

1. Wann, wie und wo haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Naturbegeistert war ich schon immer. Die Vögel im speziellen haben mich erst während des Studiums gepackt. Da lernte ich ein paar Ornis kennen und ließ mich sofort von deren Begeisterung anstecken.

2. Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten in Ihrem Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?

Zur Zeit ist die Vogelbeobachtung meist ein Teil meines Jobs – der beste Teil! Ansonsten bringen die Vögel mich an Orte und zu Menschen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte. Vom Beobachten hält mich Hektik ab – sei es die Hektik in Beruf und Alltag, oder die meiner Begleitung auf Wanderausflügen.

3. Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns?

Etwas, das die meisten Vogelbeobachter bestimmt schon miterlebt haben, mich aber immer wieder begeistert: Eine Krähe oder ein Greifvogel nähert sich brütenden Kiebitzen. Sofort geht der Alarm los, die Kiebitze steigen gemeinsam auf und bedrängen den Feind solange, bis dieser aufgibt. Da halten nicht nur direkte Brutplatznachbarn zusammen, sondern auch aus weiterer Entfernung kommt Hilfe und ist im Notfall zur Stelle.

4. Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

Definitiv Möwen. Die schauen für mich alle gleich aus, vor allem in ihren verschiedenen Jugendkleidern sind sie sehr schwer auseinander zu halten! Und hier in Niederbayern komme ich auch selten zum Üben, da begegnet man eh nur Lachmöwen. 

5. Welchen Gesang hören Sie am liebsten?

Den Zaunkönig, weil es mich immer wieder beeindruckt, wie laut so ein kleiner Vogel sein kann.

6. Gibt es eine Vogelart, die Sie nicht ausstehen können?

Nein!

7. Wenn Sie sich CO2-frei an einen beliebigen Ort der Erde zum Vogelbeobachten beamen könnten, wohin?

Zu den Paradiesvögeln nach Papua-​Neuguinea. Die ersten Naturdokumentationen im Fernsehen, an die ich mich als Kind erinnern kann, handelten von Paradiesvögeln.

8. Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Private Beobachtungen notiere ich in einem kleinen Notizbuch. Wenn es Wiesenbrüterbeobachtungen im Rahmen meines Jobs sind, trete ich damit an die Behörden und Landwirte heran. Wenn ich etwa Gelege von Kiebitzen, Feldlerchen oder Großen Brachvögeln auf einem Acker entdecke, spreche ich die Bauern direkt an und bitte sie, beim Mähen oder Eggen um die Nester herumzufahren. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich – manche sind voller Enthusiasmus dabei, andere kennen Wiesenvögel zum Teil gar nicht mehr. Neulich hatte ich ein merkwürdig verlaufendes Telefonat mit einem jüngeren Landwirt, der dachte, ich rede von einem Schädling, als ich ihm sagte, er hätte auf seinem Maisacker Kiebitze. Er war sehr besorgt, und es dauerte eine Weile, bis sich das Missverständnis aufgeklärt hatte! 

9. Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

Ich wäre gerne ein Steinadler. Ich liebe die Alpen, die Aussicht und das Freiheitsgefühl oben auf den hohen Gipfeln. Während ich mich zu Fuß nach oben quäle, schraubt sich der Steinadler ganz einfach in der Thermik nach oben.

10. Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Dass es mir leidtut, wie wir Menschen mit ihrem Lebensraum umgehen, ihn uns aneignen und ihnen den Platz rauben.

Ein Steinadler landet mit ausgebreiteten Flügeln und vorgestreckten Krallen auf einer Schneefläche im Gebirge
Mühelos im Aufwind die Berggipfel stürmen: Im nächsten Leben wäre Verena Rupprecht gerne ein Steinadler
Thomas Krumenacker

11. Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Die gleichen wie immer: Eine Handvoll Freunde, die meine Leidenschaft teilen.

12. Wer sind Ihre Helden im Naturschutz?

Da fällt mir zuerst gar kein "prominenter" Name ein, sondern eine Gruppe von Ehrenamtlichen hier vor Ort, mit denen ich zusammenarbeiten darf. Ohne deren Einsatz wären viele Projekte zum Scheitern verurteilt gewesen. Diese Leute arbeiten unglaublich professionell, engagiert und mit einer Begeisterung, die ansteckt. Und das alles schaffen sie in ihrer Freizeit, nach Feierabend oder in ihrer wohlverdienten Rente.

13. Was tun Sie zum Schutz der Vogelwelt? Würden Sie gerne mehr tun?

Ich würde mich gerne neben meinem Job noch mehr auch in andere Projekte einbringen. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten! Und ich hoffe auch einmal einen eigenen großen Garten gestalten zu können, der dann zum Vogelparadies wird.

14. Wie macht Umwelt- und Naturschutz Ihnen am meisten Freude?

Draußen in der Praxis, gemeinsam mit LandwirtInnen und JägerInnen, die etwas bewegen wollen.

15. Was ist Ihre größte Umweltsünde? Unter welchen Umständen würden Sie darauf verzichten?

Ich fahre leider in meinem Job viel zu viel Auto. Für das Fahrrad sind die Distanzen zu groß und meine Ziele mit dem ÖPNV nicht erreichbar.

16. Wenn Sie für einen Tag Regierungschefin wären und eine Maßnahme zum Schutz der Vogelwelt umsetzen könnten, was wäre das?

Eine umfassende Agrarwende, die Natur und Landwirtschaft retten könnte. Mehr Fördermittel für effektiven Naturschutz auf der Fläche - und mehr Personal, besonders in den zuständigen Behörden.

17. Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten und warum?

Die drastischen Abnahmen, die wir bei fast jeder Artengruppe beobachten können – und was dies auch für uns bedeutet.

18. Woher nehmen Sie Hoffnung?

Aus dem Engagement so vieler begeisterter Menschen im Naturschutz. Und daraus, dass das Thema nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

19. Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heißen?

Goldkehlchen

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