Der Vogelfragebogen: „Ich habe es nicht so mit den Enten“

Heute mit Daniela Pauli, Leiterin „Forum Biodiversität Schweiz“

Markus Hofmann Fünf Enten schwimmen auf dem Zürichsee.

Wenn Forscherinnen und Forscher der Biodiversität ihre Erkenntnisse untereinander austauschen und vertiefen, so bringt dies zwar die Wissenschaft weiter. Für die Gesellschaft und den Erhalt der Biodiversität ist damit aber noch viel gewonnen. Es braucht auch Menschen und Institutionen, die das Wissen unter die Leute bringen.

In der Schweiz kümmert sich das „Forum Biodiverstität“ in Bern um diesen Wissenstransfer. Das Kompetenzzentrum für die Erforschung der Biodiversität ist ein Teil der „Akademie der Naturwissenschaften Schweiz“. Es bringt Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an einen Tisch, um zur Erhaltung, Förderung und nachhaltigen Nutzung der Biodiversität und ihrer Ökosystemleistungen beizutragen.

Eine Lobbyistin für die Biodiversität

Leiterin dieses Forums ist seit vielen Jahren die promovierte Biologin Daniela Pauli. Regelmässig publiziert sie Beiträge zur Biodiversität, hält Vorträge und organisiert Konferenzen. Soeben hat das Forum darauf hingewiesen, wie staatliche Subventionen der Biodiversität schaden. Und im neusten Buch („Arten vor dem Aus“) ging Daniela Pauli auf Spurensuche nach aussterbenden Tieren und Pflanzen in der Schweiz (Besprechung des Buches demnächt hier bei den Flugbegleitern).

Daniela Pauli ist im besten Sinne eine Lobbyistin: eine Lobbyistin für die Biodiversität. Doch das ist nicht alles. Daneben arbeitet sie als Redakteurin von „Ornis“, der Zeitschrift von Birdlife Schweiz, die sechsmal jährlich erscheint. Dort porträtiert sie Natur- und Vogelschutzvereine aus der Schweiz. Denn Daniela Pauli weiss: Alles reden für den Erhalt der Biodiversität nützt nichts, wenn nicht auch engagierte Menschen in den Gemeinden die notwendigen Massnahmen umsetzen.

Daniela Pauli an einem Strand. Sie trägt ein Fernglas um den Hals.
Daniela Pauli achtet beim Vogelbeobachten vor allem auf den Gesang der Vögel.
Daniela Pauli

1. Wie haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Spät – eigentlich erst während meines Studiums, das sich allerdings der Botanik und nicht den Vögeln widmete. Dort begann ich mich aber auch für andere Bereiche der Natur ausserhalb der Hörsäle und Labors zu interessieren und schrieb mich spontan zu einem Feldornithologie-Kurs ein.

2. Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten im Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?

Ich bin selten unterwegs, um explizit Vögel zu beobachten. Hingegen bin ich so oft wie möglich draussen und achte dann ganz besonders auf die Vögel. Und zwar v.a. auf die Stimmen – sie begleiten mich beim Spazieren und beim Velofahren, beim Weg zur Arbeit, beim Kochen am offenem Fenster etc. Und sofort versuche ich natürlich, Rufe und Gesang einer Art zuzuordnen.

3. Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns?

Als ich vor einiger Zeit mit meiner Mutter auf einer Parkbank sass, sang wunderschön ein Wintergoldhähnchen. Sie kannte den Gesang nicht und hatte das winzige Vögelchen auch noch nie gesehen. So suchte ich meiner Vogel-App ein Bild und spielte ihr auch gleich noch den Gesang vor. Im nächsten Moment setzte sich doch tatsächlich ein richtiges Wintergoldhähnchen auf einen Ast gleich über uns und sang empört gegen seinen Rivalen" an. Da realisierte ich erst, dass ich den Vogel wohl ziemlich gestresst hatte – für meine Mutter und mich aber war es ein wunderbares Erlebnis.

4. Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

Bei alle jenen, die nicht singen.

5. Welchen Gesang hören Sie am liebsten?

Nach wie vor den Gesang der Amsel. Er hat etwas Ruhiges und Melancholisches, das mich stets einlädt, einen Moment inne zu halten.

6. Gibt es eine Vogelart, die Sie nicht ausstehen können?

Ehrlich gesagt habe ich es nicht besonders mit den Enten.

Vogelbeobachtungen - einfach geniessen

7. Wenn Sie sich CO2-frei an einen beliebigen Ort der Erde zum Vogelbeobachten beamen könnten, wohin?

In die Extremadura.

8. Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Ich geniesse sie einfach – melden tue ich sie nicht, da erachte ich mich zu wenig als Expertin.

9.  Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

In einen Eisvogel. Ich liebe es schon als Mensch, mich kopfüber ins kühle Nass zu stürzen.

10. Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Ich würde mich bei ihnen entschuldigen, dass wir Menschen uns als eine Art unter 50'000 anderen in der Schweiz das Recht herausnehmen, sämtliche Lebensräumen nach unseren Bedürfnissen zu nutzen und zu verändern.

11. Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Ein leichtes, aufblasbares Fernrohr mit brillanter Optik.

Wie fühlt sich ein unausgeschlafener Mauersegler?

12. Wer ist Ihr Held, Ihre Heldin in Biologie und Naturschutz?

Für mich sind jene Landwirte Helden, denen es gelingt, landwirtschaftliche Produktion mit der Erhaltung und Förderung der Biodiversität zusammenzubringen. Sie gehen achtsam mit Natur und Umwelt um und sorgen so dafür, dass auf ihren Böden auch die nächsten Generationen noch Nahrungsmittel produzieren können.

13. Auf welche ornithologische Frage hätten Sie gerne eine Antwort?

Wie sich ein Mauersegler fühlt, der nie, nie, nie ausschlafen kann.

14. Was tun Sie persönlich zum Schutz der Vogelwelt?

Mein ganzes Berufsleben habe ich dem Ziel unterstellt, einen Beitrag zu leisten für die Erhaltung der biologischen Vielfalt in der Schweiz. Da ich aber kein eigenes Land besitze, ja nicht mal einen Balkon, auf dem ich konkret etwas bewirken könnte, hat sich dieser Beitrag bisher weitgehend darauf beschränkt, andere zu motivieren, etwas zu tun.

15. Wie macht Umwelt- und Naturschutz Ihnen am meisten Freude?

Wenn ich andere Menschen für die Wunder der Natur begeistern kann.

16. Was ist Ihre größte Umweltsünde? Unter welchen Umständen würden Sie darauf verzichten?

Ich esse hin und wieder Fleisch, weil ich das sehr gerne mag. Darauf verzichten kann ich jederzeit – es ist einfach der Gluscht, der mich immer mal wieder dazu verführt, ein Steak zu bestellen oder ein neues Poulet-Curry-Rezept auszuprobieren.

Den Fleischkonsum auf 300 Gramm pro Person und Woche beschränken

17. Wenn Sie für einen Tag in der Schweizer Regierung sässen und eine Massnahme zum Schutz der Vogelwelt umsetzen könnten, was wäre das?

Die hohen Nutztierbestände führen dazu, dass unsere Wiesen, Weiden, Gewässer und auch Wälder durch direkten und indirekten Stickstoffeintrag übermässig gedüngt werden – eine der Hauptursachen für den Rückgang der Biodiversität in der Schweiz. Ich würde deshalb den Konsum von Fleisch und Milchprodukten staatlich beschränken – z.B. beim Fleisch auf 300 Gramm pro Person und Woche.

18. Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten?

Dass der Verlust an Biodiversität schleichend weitergeht – und wir uns ohne laut zu protestieren an blumen- und schmetterlingsarme Wiesen, Einheitsgrün, ausgeräumte Landschaften und Schottergärten gewöhnen.

19. Woher nehmen Sie Hoffnung für die Zukunft der Vogelwelt?

Von der Überzeugung, dass die Natur uns Menschen nicht braucht und sich wieder prächtig entfalten wird, wenn wir einmal nicht mehr da sind. Da werden wohl auch einige Vögel dabei sein.

20. Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heissen?

Da kommt mir echt nichts in den Sinn – ich habe das Gefühl, dass die Evolution alles, was meine Vorstellung punkto Vögel hergibt, bereits hervorgebracht hat.

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