„Wir müssen beim Birden mehr auf die Weibchen achten!“

Ein Club in New York City verbindet Feminismus und Vogelbeobachtung

Von Christiane Habermalz

Molly Adams

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Vogelbeobachten wird jünger, urbaner und diverser: Die 28jährige Molly Adams hat in New York City den ersten Feministischen Birding Club der Welt gegründet. Sein Logo: Der Drosseluferläufer. Eine Vogelart, bei der die Weibchen das Sagen haben.

Christiane Habermalz hat für die Flugbegleiter mit Molly Adams gesprochen.

Habermalz: Gibt es nicht schon genug Organisationen zum Vogelbeobachten in New York? Wozu braucht es den Feminist Bird Club? 

Adams: Die meisten Vereine oder Organisationen in der Stadt sind vor allem für Leute, die bereits wissen, dass sie gerne Vögel beobachten. Ich wollte aber eine Gruppe gründen, um Menschen überhaupt erst mal mit dem Thema Vögel vertraut zu machen. Und es sollte eine Gruppe sein, die Vogelfreunde mit diversen kulturellen Hintergründen und Geschlechtsidentitäten anspricht. 

Wann habt ihr euch zum ersten Mal getroffen?

Unser erster Vogelspaziergang fand im Oktober 2016 im Marine Park Salt Marsh mit fünf Personen statt – und wir beobachteten insgesamt 40 Arten. Ich hatte zuvor ein Bild meines ersten selbst entworfenen Bügel-Stickers mit dem Schriftzug Feminist Bird Club 2016 auf Instagram veröffentlicht und gefragt, ob jemand meinem Club beitreten wolle. Ich war kurz zuvor nach New York City zurückgezogen und verbrachte viel Zeit beim Birden allein am Rande der Stadt – und viele Freunde fragten mich besorgt, wo ich hinginge und ob ich dort auch sicher sei. Im August 2016 wurde eine Joggerin in einem öffentlichen Park in Queens ermordet. Kurz darauf wurde ich von einem Mann in einem Wäldchen im Prospect Park belästigt. Wenn man in einer Gruppe Vögel beobachtet, ist das einfach sicherer. Aber es macht auch mehr Spaß, wenn man mit gleichgesinnten Menschen unterwegs ist, die sich gegenseitig respektieren.

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Zwei Mädchen stehen mit Fernglas im Naturpark.
Molly Adams (links) mit Chelsea Lawrence nach dem Global Big Day, an dem Birder alle Vogelarten zählen, die sie binnen 24 Stunden sehen. Mit dabei: Der Feminist Bird Club.
Molly Adams

Wie kommst du als Feministin mit der Tatsache klar, dass bei den meisten Singvogelarten die Männchen die schöngefärbten Sänger sind, während die Weibchen eher unscheinbar und stumm sind? Und auch die Geschlechterrollen sind ja oft eher „konservativ“: Viele Männchen, zum Beispiel die Männchen fast aller Entenarten, beteiligen sich überhaupt nicht an der Jungenaufzucht. 

Das ist wenig bekannt, aber es gibt weltweit mehr als 600 Vogelarten, bei denen die Weibchen auch singen! Ich weiß nicht genau, welche Arten das tun, aber 2017 wurde ein Female Bird Song Projekt ins Leben gerufen, um mehr darüber zu erfahren. Daran möchte ich mich sehr gerne aktiv beteiligen. Und auf den Vogelspaziergängen des Feminist Bird Clubs zeige ich für die AnfängerInnen in der Gruppe zwar erst einmal, wie die Männchen aussehen. Aber ich versuche auch immer darauf hinzuweisen, dass man unbedingt auch auf die jungen Männchen und die Weibchen achten muss! Gerade weil sie unscheinbarer und deswegen oft schwerer zu bestimmen sind. Was das Rollenverhalten angeht: In diesem Jahr haben wir einen Drosseluferläufer gesehen, und so konnte ich der Gruppe eine Vogelart vorstellen, die ein Beispiel für Polyandrie ist. Das bedeutet, dass die Weibchen die traditionelle Rolle der männlichen Vögel übernehmen. Sie suchen die Reviere aus, lassen sich dort nieder, paaren sich dann mit mehreren Männchen – um sie dann mit der Brutpflege von gleich mehreren Gelegen alleine lassen. In diesem Jahr haben wir den Drosseluferläufer daher auch zu unserem Sticker-Motiv gemacht.

Gleichgeschlechtlichen Sex gibt es bei über 500 Tierarten

Beim Kuckuck chillen sowohl Männchen als auch Weibchen während der gesamten Brutzeit – und überlassen die Aufzucht gleich ganz den Wirtseltern. Können wir beim Vögelbeobachten etwas über die Rolle der Geschlechter lernen? 

Wenn wir anfangen, Verbindungen zwischen dem menschlichen Geschlecht und dem sexuellen Dimorphismus anderer Arten herzustellen, begeben wir uns auf dünnes Eis. Aber ich finde es sehr faszinierend, dass es Vogelarten gibt, die beim Brut- und Singverhalten andere als die traditionellen Muster zeigen. Und diese Arten stelle ich in meinem Club besonders gerne vor. Und es ist doch bemerkenswert, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten im Tierreich bei über 500 Arten dokumentiert ist! Das widerlegt diejenigen, die versuchen, Wissenschaft und „Biologismus“ als Argument gegen Geschlechter- und Sexualitätsvielfalt zu verwenden.

Eine Gruppe von Menschen im Vordergrund, im Hintergrund sieht man die Stadt Boston.
Feminist Bird Club: Erste „Ausgründung“ in Boston, 2017.
Molly Adams

Du arbeitest im Hauptberuf als Wissenschaftskommunikatorin am New Yorker Aquarium, bist leidenschaftliche Birderin. Wie bist du selbst zum Vögel beobachten gekommen? 

Ich habe mit dem Vögelbeobachten 2012 angefangen, während meiner Arbeit im South Fork Natural History Museum in Bridgehampton. Meine Kollegen waren exzellente Birder und haben mich schnell süchtig gemacht. Ich hatte die Ehre, von Jim Ash zu lernen, einem passionierten Naturforscher, der mir geduldig zur Seite stand, während wir die Küstenvögel an der Südküste von Long Island identifizierten. Ich mag es sehr, Vögel am Wasser zu beobachten, auch wenn Wasservögel eine echte Herausforderung sein können. Aber die Frühjahrssaison mit Grasmücken und Rohrsängern ist lebensverändernd! Und ich habe vor kurzem angefangen, beim Beringen zu helfen. Das ist noch einmal etwas ganz anderes: Die Vögel in der Hand zu halten, sie so aus der Nähe anschauen zu dürfen. Das hat mich sehr berührt und auch dazu beigetragen, dass ich die Vögel sicherer bestimmen kann. 

Wir brauchen mehr Jobs für schwarze Frauen im Naturschutz

Die Birding-Szene gilt als männerdominiert. Vogelbegeisterte Frauen sind immer noch stark in der Unterzahl, vor allem junge Frauen. Stimmt das auch für die USA? Und was sollte in deinen Augen passieren, um das zu ändern?

Ich denke, das stimmt in gewissem Maße auch für die USA, ändert sich aber definitiv gerade. Bei einem Weihnachtsessen nach einer Vogelzählung, an der ich vor einigen Jahren teilnahm, war ich eine der wenigen, die sich nicht als Mann identifizierte – und noch dazu war ich mit Abstand die Jüngste. Das ist zu einem gewissen Maß auch fast verständlich: Vögel beobachten braucht Zeit und Muße, und oft viele Jahre Übung. Um so mehr muss man darauf achten, junge Menschen, die das lernen wollen, nicht auszuschließen. Das Beobachten von Vögeln hat mein Leben verändert, und ich hätte nie damit begonnen, wenn es nicht Leute gegeben hätte, die mir zeigten, wie es geht. Es ist unglaublich wichtig, dass erfahrene Birder junge Menschen unter ihre Fittiche nehmen, damit die die notwendigen Fähigkeiten entwickeln können, um ihre eigenen persönlichen Verbindungen zur Natur herzustellen. Und ich glaube fest daran, dass Vorbilder aus der eigenen Peergroup helfen. Das schüchtert weniger ein und schafft Selbstvertrauen, dass man es selber auch schaffen kann. Deswegen brauchen wir auch zum Beispiel mehr bezahlte Jobs für schwarze Frauen im Bereich von Naturschutz und Vogelbeobachtung. 

Triffst du auf viel Mansplaining – auf herablassende Männer beim Vogelbeobachten? Und wie gehst du damit um? 

Ja, immer wieder! Aber meine Technik hat sich im Laufe der Jahre verändert. Als ich mit dem Birden angefangen habe, fühlte ich mich von den Männern oft noch eingeschüchtert. Ich traute mich in einer Gruppe nicht, zu sagen, wenn ich einen seltenen Vogel gesehen hatte. Denn wenn ich es tat, reagierte meistens niemand, oder ich wurde milde belächelt nach dem Motto: "Nein, Sweetie, das hast du ganz bestimmt nicht gesehen". Wenn dann einen Moment später ein Mann auf denselben Vogel hinwies, drehten sofort alle ihre Spektive in die Richtung. Jetzt versuche ich, gelassen zu bleiben und meine Beobachtungen respektvoll mit anderen zu teilen. Solange ein Mann nicht extrem beleidigend agiert, bleibe ich freundlich. 

Die meisten Reaktionen sind positiv

Wie reagiert denn die traditionelle Birder-Szene auf den Feminist Bird Club?

Ich habe eigentlich niemanden getroffen, der die Idee nicht unterstützt. Aber ich habe hinten herum natürlich von Leuten gehört, die denken, Feminismus habe keinen Platz in der Vogelbeobachtung. Aber wir zwingen ja niemanden, bei uns mitzumachen, es gibt genügend andere Birding Clubs. Und die meisten Reaktionen, die ich mitbekomme, sind sehr positiv. Dafür bin ich dankbar. 

Was ist deine Vision für die Zukunft deines Clubs, in welche Richtung soll er sich entwickeln?

Ich hatte eigentlich nie geplant, dass der Club über New York hinaus expandieren könnte. Aber jetzt haben sich aus Boston und Chicago bereits sehr begeisterte Birder gemeldet, die dort ihre eigenen Feminist Bird Clubs aufmachen wollen. Und vor Kurzem kam eine Anfrage aus Buenos Aires, ob ich beim Aufbau einer Sektion dort helfen könne. Ich bin begeistert von der Idee, auch hier in New York eine erste spanischsprachige Gruppe aufzumachen: El Grupo de Aves Feminista. Ende Juli wollen wir aber erst mal eine zweisprachige Vogelwanderung durch Brooklyn machen. Die Führung wird auf Spanisch stattfinden – und dann ins Englische übersetzt werden.

***

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